Ignatia amara Anhang 2

 

[Gabriele Treudler]

Ignatiusbohne ist ein dornenloser Kletterstrauch, der mit hakenförmigen, seitlich zusammengedrückten, holzigen Ranken bis in die höchsten Spitzen der Bäume klettert. Eine ähnliche Eigenschaft findet man bei manchen Menschen, die höchste Leistungen vollbringen können, ohne eigene Festigkeit zu besitzen.

Der Stamm wird 10 cm dick und dicker. Die unscheinbaren Blüten bilden Traubendolden. Die Frucht ist eine kugelige Beere von Orangengröße und orange-gelber Farbe mit einer harten Schale. Sie enthält knochenharte Samen, die sich beim Reifen gegenseitig drücken und stumpfkantig und stumpfeckig werden. Die frischen Samen sind mit gelblich-weißen, glänzenden Haaren bedeckt. Im getrockneten Zustand wirken die Samen wie braun bemehlt. Wenn man sie in Wasser legt, quellen sie auf das Mehrfache ihrer ursprünglichen Größe auf und riechen intensiv nach Tabak. Die Blütezeit ist ganzjährig. Die Pflanze wächst nur auf wenigen Inseln der Philippinen und in Kotschinchina (Südvietnam).

Der Name der Pflanze bei den Einheimischen ist Iga-sr oder Igasud. Die Bezeichnung 'Ignatia' stammt nach Madaus von dem Missionar Pater Camelli, der ihr den Namen zu Ehren des hl. Ignatius von Loyola, des Gründers des Jesuitenordens, gab.

Anwendung in der Volksmedizin:

Die wichtigsten Inhaltsstoffe: Strychnin und Brucin, Ignatia enthält mehr Strychnin als (Strychnos) Nux vomica. Die Ähnlichkeit der Inhaltsstoffe von Ignatia und Nux

vomica erklärt die Ähnlichkeit der Arzneimittelbilder. Strychnin wurde früher für den Tierfang verwendet, es dient in der Allopathie zur Behebung einer peripheren Kreislaufschwäche, zur Vorbeugung gegen Gefäßkollaps (Infektionskrankheiten), zur Tonisierung gelähmter Muskeln sowie zur Steigerung der Erregbarkeit derselben.

Es bewirkt eine Anregung des Appetits und der Magenperistaltik, und es fördert die Absonderung des Magensaftes und der Magensäure durch seinen bitteren Geschmack;

außerdem bewirkt es eine Stimmungsaufhellung, durch die die Sorgen des Alltags weniger tragisch erscheinen. Der Angriffspunkt ist das Rückenmark, wo es über eine erhöhte Erregbarkeit der Hinterhornzellen zu einer verstärkten Antwort auf Impulse aus der Peripherie bis hin zur Tetanie führt. Es bewirkt eine Steigerung der Erregbarkeit des Atemzentrums, des Vasomotorenzentrums und der Zentren, die den Muskeltonus beeinflussen. Die Verbesserung der Seh- und Hörschärfe sowie des Farb- und Tastsinns wird als Erregungssteigerung gedeutet.

In der chinesischen Medizin: Vergiftungen, Schwertwunden, zur Erleichterung der Entbindung und gegen Spulwürmer.

Europa, gegen Ende des 18. Jahrhunderts: Magenbeschwerden und Krämpfe aller Art, sowie gegen Krankheiten der Leber, der Milz und des Darmes.

Es geht bei Ignatia um den emotionalen Knoten, um eine verdrehte, verrückte Kompliziertheit, die den/die Patienten/in verwirrt und ihn/sie unlogische, widersinnige Dinge fühlen, denken oder tun lässt.

Ignatia wird viel häufiger für Frauen angewendet als für Männer. Im Folgenden wird daher oft von "Patientinnen" die Rede sein, ohne dass das Männer ausschließen soll.

Es handelt sich um wache, nervöse, besorgte, verkrampfte und zitternde Patientinnen mit außerordentlich raschem Reaktionsvermögen und hoher Gefühlserregbarkeit, die intensiv körperlich und seelisch leiden. Ignatia-Menschen sind gewissenhaft, dabei unbeständig und wankelmütig, fähig, intelligent, geistig beweglich, besitzen eine schnelle Auffassungsgabe, reden und handeln schnell, oft zu schnell. (RAL: "Nach Anstrengung des Kopfs, vorzüglich früh, eine Voreiligkeit des Willens; kann nicht so geschwind im Reden sich ausdrücken, schreiben, oder sonst etwas verrichten, als er will; wodurch ein ängstliches Benehmen, ein Verreden/-schreiben und ungeschicktes, immer Verbesserung bedürfendes Handeln entsteht.")

Es sind häufig künstlerische Menschen, besonders Menschen, die selber Musik machen. Sie sind empfindsam und romantisch und dadurch in Konflikt mit der Realität.

Sie versuchen, "ihren Mann zu stehen", sind aber dadurch überlastet; sie werden dann reizbar und launisch. Ein kleiner Anlass genügt, und sie brechen zusammen - mit Krämpfen, Hysterie und einer Art ohnmachtähnlichen Kollapses, in dessen Verlauf sie tief atmen, bleich sind, nicht antworten (RAL: "Heulen und Schreien und Außer sich sein um Kleinigkeiten")

Ignatia-Frauen kommen oft aus Oberschicht-Verhältnissen und sind sehr behütet aufgewachsen.

Sie haben den Anspruch, rationale Menschen zu sein und etwas zu leisten und sie haben Angst, für dumm gehalten zu werden. Sie tun, als machten sie mit in dieser Welt, leben aber eigentlich woanders. Sie haben eine Verbindung zu sehr feinen Bereichen, zu etwas Engelhaftem, Ätherischem, leben aus dem Wunderbaren. Als Kinder sind sie sensibel und fein; wenn im Laufe des Lebens ihre Engelwelt zerschlagen wird, erleben sie das als brutalen Schock.

Eine Patientin beschrieb, dass ihre Seele woanders hinflüchte, wenn ihr Mann garstig zu ihr sei.

Typisch ist eine Diskrepanz zwischen äußerer Erscheinung und innerer Bewegung: Das hysterische Ausbrechen stellt eine übertriebene äußere Emotion dar, die der wahren, inneren nicht entspricht. Umgekehrt kann eine Ignatia-Patientin völlig reaktionslos scheinen trotz heftiger innerer Bewegung. Damit ähnelt sie einer Puppe, bei der auch äußerlich keine Emotionen sichtbar sind, alles nett und adrett ist. Ignatia-Patientinnen beschäftigen sich gern mit Puppen, sammeln sie oder stellen sie her.

(Eine Patientin beschrieb, dass sie selbst von ihrer Mutter wie eine Puppe behandelt wurde. Die Mutter war bei ihrer Geburt noch sehr jung und wollte sie immer so nett und adrett angezogen wissen wie eine Puppe. Sie erinnerte sich an eine heftige Auseinandersetzung mit ihrer Mutter um ein Hütchen, das sie als Kleinkind anzuziehen sich

weigerte.) Weinen können Ignatia-Patientinnen oft nur allein, das Nicht-Weinen-Können versteht Vithoulkas als einen Krampf auf der emotionalen Ebene.

Krampf ist ein weiterer zentraler Begriff zum Verständnis von Ignatia. Ihre wissenschaftlichen Leistungen können auch als krampfhaftes gedankliches Arbeiten verstanden werden, Ignatia-Menschen sind oft ehrgeizig.(RAL: "Nachts Träume voll getäuschter und fehlgeschlagener Erwartungen und Bestrebungen"

Nachts Träume voll gelehrter Kopfanstrengungen und wissenschaftlicher Abhandlungen.

Zitat aus dem Buch "Die Glasglocke" (Silvia Plath):

„Von allen Seiten würde ich Angebote bekommen.

Ich würde bei den aufsteigenden jungen Männern gefragt sein und einen aufregenden Brief nach dem andern diktiert bekommen.

Die Schwierigkeit war nur, ich hasste die Vorstellung,

Männern irgendwie zu dienen. Ich wollte meine eigenen aufregenden Briefe diktieren."

Typisch ist, zwar viele Wünsche zu haben, aber nichts zu tun, damit diese Wünsche in Erfüllung gehen. Meist sind die Wünsche auch wenig oder gar nicht an der Realität

orientiert. Ignatia-Patientinnen können sich oft schwer entscheiden.

Zitat aus dem Buch "Die Glasglocke":

"Ich sah mein Leben so verzweigt vor mir wie den grünen Feigenbaum in der Erzählung. Am Ende jedes Zweiges winkte und blinzelte wunderbare Zukunft wie eine fette purpurfarbene Feige. Die eine Feige war ein Mann und ein glückliches Heim und Kinder, und die andere Feige war eine berühmte Dichterin, und die nächste Feige war eine brillante Professorin, und eine andere Feige war E.G., die großartige Redakteurin, und eine andere Feige war Europa und Afrika und Südamerika, und eine andere Feige war Constantin und Sokrates und Attila und eine Menge anderer Liebhaber mit komischen Namen und ausgefallenen Berufen, und eine andere Feige war eine Olympiasiegerin, und unter und über diesen Feigen hingen noch viel mehr Feigen, die ich nicht genau erkennen konnte. Ich sah mich in der Gabelung des Feigenbaumes sitzen, ich verhungerte, nur weil ich mich nicht entschließen konnte, welche Feige ich nehmen sollte. Ich wollte jede einzelne, aber eine auszuwählen hätte bedeutet, alle anderen zu verlieren, und während ich dort saß und nicht fähig war, mich zu entscheiden, begannen die Feigen schrumpelig zu werden und schwarz, und eine nach der anderen fiel auf den Boden, mir vor die Füße."

Häufig beginnen die Symptome nach einem Ereignis, das als Schock erlebt wird, z. B. dem Bruch einer Liebesbeziehung oder nach einem Todesfall.

Die Patientin zieht sich zurück, redet nicht, weint nicht, die Stimmung wechselt häufig, sie verträgt keinen Widerspruch, unterdrückt alles, was sie stört, bis zu dem Tag, an dem alles in einer hysterischen Reaktion heraus bricht.

Hahnemann beschreibt Ignatia als "ein Hauptmittel...in Aergernisfällen bei Personen, die nicht geneigt sind, in Heftigkeit auszubrechen oder sich zu rächen, sondern welche die Kränkung in sich verschließen, bei denen, mit einem Worte, die Erinnerung an den ärgerlichen Vorfall anhaltend an ihrem Gemüthe zu nagen pflegt, und so auch vorzüglich gegen Krankheitszustände, die von Gram erzeugenden Vorfällen entstehen. So könnten Anfälle von selbst langwierigen Epilepsien, die jedes Mal nur nach Kränkung oder ähnlicher Aergerniss (und sonst unter keiner andern Bedingung) ausbrechen, wohl durch schnelle Anwendung von Ignaz jedes Mal verhütet, auch können Fall-suchten, die so eben erst durch großen Schreck bei jungen Personen entstanden waren, ehe sie sich mehrmals wiederholen, durch ein Paar Gaben Ignaz geheilt werden...."

Sie kann sehr eifersüchtig sein, was sie aber für sich behält, da es unter ihrer Würde wäre, eine Szene heraufzubeschwören.

Dann können Ängste auftreten, z. B. die Angst, verrückt zu werden, oder Angst um die Gesundheit. Vithoulkas beschreibt, dass die Patientinnen oft das Gefühl haben, alles ersticke sie (auch davon träumen, z.B. von einer Welle erstickt zu werden). Die körperlichen Beschwerden tauchen auf, nachdem sie sich emotional besser fühlen. Vithoulkas beschreibt, dass die Patientinnen oft ihre Weiblichkeit verlieren und sich etwas Hartes an ihnen entwickelt.

Psychische Reize können sich auch in physische verwandeln: Es kommt zu Krämpfen durch Kränkung, Magen- oder anderen Beschwerden.

Fall:

Frau S., 34 J., Opernsängerin, klagt über Aufstoßen, Sodbrennen, Blähungen. Letzte Woche sei ein Vertrag gekündigt worden, was sie menschlich sehr enttäuscht habe.

Sie habe viele Aufführungen gesehen, die sie sehr bewegt haben. In 4 Tagen habe sie ein Konzert, in 2 Wochen fliege sie in die USA. Stimmungswechsel zwischen Ausgeglichenheit und Wut/Verzweiflung oft abrupt. Ihr Temperament beschreibt Frau S. als aufbrausend und temperamentvoll, sie könne vor Begeisterung oder Nichtbegeisterung schreien. Die Kleinigkeiten des Alltags seien ihr lästig, sie fluche oft, wenn etwas nicht klappe. Zwei Wochen vor der Kündigung habe sie geträumt, dass ihr gekündigt werde. In dieser Zeit hatte ihre krebskranke Mutter ihren 60. Geburtstag, und eine persönliche Beziehung ging in die Brüche. Sie könne leicht weinen über einen traurigen Film, das Schicksal anderer und das Ende dieser Beziehung.

Drei Tage nach Einzelgabe Ignatia C 3O Verschwinden der Magenbeschwerden.

Schreck, Enttäuschung oder Widerspruch rufen Lach- oder Weinkrämpfe her vor. Ignatia verträgt keinen Tadel (Chorea bei Kindern, Folge von Tadel) und keinen Widerspruch.

Traum eines ca. 30-jährigen Arztes, nachdem er erfahren hatte, dass seine Frau ihn verlassen wollte:

„In einem Raum steht rechts hinter einem Tresen ein Mann wie ein Arzt , links, im größeren Teil des Raumes eine Frau, die aus dem Raum heraus wollte, dabei nicht auf die Tür zuging, sondern auf die Wand und sich dabei immer mehr verkrampfte. Schließlich versuchte sie, die Wand hochzugehen, verkrampfte sich dabei immer mehr,

so dass sie nach hinten fiel wie in einem epileptischen Anfall. Daraufhin kam der Mann hinter dem Tresen vor, nahm den Kopf der Frau in die Hand und bemerkte, dass einige Blutstropfen aus den Mundwinkeln kamen. Er wusste, dass dabei nichts Schlimmes los war, die Frau sich beruhigen würde und dann aus dem Raum würde gehen können." (In dieser Zeit ist ihm manchmal aufgefallen, dass er durch übermäßiges Theater versucht hatte, seine Frau mit Schuldgefühlen an sich zu binden und zu verhindern, dass sie ihm noch zusätzlich die Kinder wegnähme. Nachträglich hat er festgestellt, dass alles dadurch viel schwieriger wurde, dass er sich von diesem Theater

nicht wieder lösen und auf den ruhigen Punkt kommen konnte.)

Im kranken Zustand will Ignatia oft krampfhaft das "Glück" für sich haben bzw. nicht verlieren.

Das Glück kann ein Gegenstand sein, an dem das ganze Herz hängt (Repertorium: Kummer nach Verlust von Dingen (Grief after losing objects)) oder ein Bild z. B. von Familienidylle, dem man entsprechen möchte. Dabei kann sich die Ignatia-Patientin den anderen übermäßig theatralisch aufdrängen und schockiert sein bei Zurückweisung. Ähnliches findet man oft bei Eltern, die alles für ihre Kinder getan haben und nun enttäuscht sind, dass die Kinder sich nicht nach ihren Vorstellungen entwickeln ("Wir wollten doch nur dein Bestes.").

Häufig hängen Ignatia-Patientinnen ihr Herz auch nur an einzelne bestimmte Dinge, die dann einen übermäßigen Wert bekommen. Aus dem Repertorium kennen wir das Symptom "Peinlich in Kleinlichkeiten", das für Ignatia genau dieses übertriebene Wertlegen auf unwichtige Details beschreibt. Ordnung ist wichtig für Ignatia-patientinnen, um den Schein zu wahren. Andererseits haben Ignatia-Patientinnen oft etwas, was wir als "verrückt" erleben. Häufig essen die Patientinnen bei Traurigkeit und um das Leeregefühl zu beseitigen, holen sich sozusagen Wärme und Liebe aus dem Kühlschrank. Die darauf folgende Gewichtszunahme macht sie jedoch nur noch unglücklicher.

In der Ignatia-Erkrankung kann es zu einer "Verdrehung des Koordinatensystems" kommen: Der Butt, der im Märchen "Vom Fischer und syner Fru" eine zentrale Rolle spielt, schwimmt waagerecht, statt wie andere Fische in der Senkrechten, er hat beide Augen auf einer Seite, ist auf der anderen Seite blind. Im Traum eines Prüfers schwimmt ein Junge mit einer Krokodilshaut auf der Seite.

Am ehesten als Betroffenheit der geistigen Ebene zu verstehen ist ein Phänomen, das im Märchen vom Fischer und seiner Frau beschrieben wird:

Das völlige Auseinanderklaffen von Gefühl (Frau) und Verstand (Fischer). Dabei steigert sich das Gefühl mehr und mehr in eine verrückte, irreale Wunschvorstellung, der Verstand hat keine Möglichkeit, diese zu korrigieren.

Eine ähnliche Erfahrung war der Anlass, warum ich Ignatia zunächst C30, später C200 und C1000 nahm. Ich war im Winter knapp drei Monate in Südamerika, wobei ich schon vorher festgestellt hatte, dass ich alle meine Träume auf Südamerika und die Südamerikaner projizieren konnte. Während ich inzwischen begriffen habe, dass

ich hier in Mitteleuropa nicht mehr auf das Vorbeireiten des Märchenprinzen hoffen kann, der mich auf sein Pferd hebt und in sein Königreich entführt, hoffte ich, dass so etwas Ähnliches dort schon noch möglich sei. Dem Ausspruch einer peruanischen Bekannten, die, selber mit einem Schweizer verheiratet, erklärte, die peruanischen Männer seien zwar Machos, aber wenn sie eine Frau liebten, täten sie alles für sie, glaubte ich hingerissen. Ein peruanischer Freund überraschte mich, als wir uns ca. 20 Min. kannten, mit dem Wunsch "5 Kinder werden wir haben" - und obwohl ich seine Heiratswünsche zurückwies, so gefiel mir die Vorstellung doch gut.

Auf der Reise nun lernte ich am ersten Tag einen schwarzen Kubaner kennen, der mich unter einem Vorwand ansprach und mir schließlich anbot, mir Havanna zu zeigen. Gleich am ersten Tag fragte er mich, ob ich an Liebe auf den ersten Blick glaube, was ich heftig ablehnte, da ich ahnte, dass er mir ansonsten gleich seine Liebe erklären würde. Als ich mit meiner Antwort fertig war, stimmte er mir zu und meinte, wie ich, dass man sich, um sich zu lieben, längere Zeit und auch die Schwächen des jeweils anderen kennen müsse. Etwas später wunderte ich mich, wieso uns die Passanten alle ansahen, während wir auf der Bank im Park saßen. Er meinte, dass sie sich vorstellen, wie unsere Kinder aussehen werden. Einerseits erschien mir das unwahrscheinlich, andererseits stellte ich mir auch die ganze Zeit über vor, wie unsere Kinder aussehen würden.

Mit ihm war ich 10 Tage zusammen, wobei er in dieser Zeit dreimal festgenommen wurde, da er (in meiner Gesellschaft und ohne feste Arbeit) des Devisenhandels verdächtigt wurde. Obwohl ich mich manchmal ausgenutzt fühlte, weil ich alle möglichen Dinge bezahlte, an denen ich selbst kein Interesse hatte (z. B. neue Schuhe

für ihn, Hasch, Bier), gefiel mir das Zusammensein doch sehr gut. Er sprach alle Missstimmungen sofort an, wobei ich mich wunderte, dass er sie überhaupt bemerkt hatte. Darüber hinaus ging er sehr einfühlsam mit meinen Bedürfnissen und Wünschen um, was ich von einem Südamerikaner nicht erwartet hatte. Komisch kam mir vor, dass ich in seiner Anwesenheit von anderen wie sein Besitz behandelt wurde. Er wurde gefragt, ob ich bestimmte Dinge täte (z.B. Devisengeschäfte machen), und er nahm mir z. T. für meine eigenen Belange die Verantwortung ab oder "beschützte" mich, wie ich es überhaupt nicht kenne, was mir aber auch ganz gut gefiel. Am Tag meiner Rückreise nach Europa erklärte er mir, dass er mich gerne heiraten würde, da er unbedingt aus Cuba herauswollte und dies die einzige Möglichkeit sei. Nachdem ich kurz vor

meinem Abflug noch eine vierte Verhaftung miterlebte - die Demütigendste von allen - beschloss ich, mich darauf einzulassen und stellte mir vor, wie das wäre mit ihm in Europa, unsere süßen, kaffeebraunen Kinder, ich halbtags arbeitend, er Deutsch lernend, später auch arbeitend - zumindest einige Zeit ein schönes Zusammenleben. Dass ich in der Zeit nicht schwanger wurde, ist auch Glück. Er war fünf Jahre jünger als ich, hatte vom 17. bis zum 19. Lebensjahr im Gefängnis gesessen (wegen Devisenvergehen) und hatte einen sechsjährigen Sohn, der in dieser Zeit auf die Welt kam. Ich rechnete mit einer völligen Umstellung seines Lebenswandels, wenn er nur erst in Deutschland wäre. Viel später merkte ich, als ich ihm schrieb, dass die Straße, in der er wohnt, "San Ignacio" hieß. Dass ich mir nicht das ewige Glück mit ihm

vorstellte, lag vielleicht nur daran, dass ich eigentlich noch immer einen anderen Mann liebte; der hatte kurz nachdem für mich eine tiefere Beziehung zu ihm begann, vor vier Jahren eine andere Frau geheiratet, die von ihm schwanger geworden war.

Ignatia glaubt an eine ideale Beziehung, glaubt, dass sie perfekt sei und eine wunderbare Beziehung verdient habe. Sie ist enttäuscht, dass sie die ideale Beziehung verloren hat, und überzeugt, dass sie sich nie davon erholen wird. Für Rajan Sankaran spiegelt sich das im Repertorium in den Rubriken "Monomanie" (Monomania) und "Wahnidee, sie sei verheiratet" (Delusion she is married) wider. Während "Monomanie" meint, dass ihre Gedanken an den Traummann einer fixen Idee entsprechen, von der sie sich nicht lösen kann, meint die "Wahnidee, sie sei verheiratet", dass sie sich so auf den Partner fixiert, als sei sie bereits mit ihm verheiratet.

Sie ist auf eine komplizierte, romantische Art verliebt. Die Kompliziertheit kommt in einem Ausschnitt aus Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zum Ausdruck.

Die Bände "Im Schatten junger Mädchenblüte" beschreiben u.a. seine unglückliche Liebe zu einem Nachbarmädchen: "Gilberte kam noch immer nicht wieder in die Champs-Elyses. Und doch hätte ich sie so dringend sehen müssen, ich erinnerte mich schon an ihr Gesicht nicht mehr. Das Suchende, Angstvolle, Fordernde, mit dem wir eine geliebte Person anschauen, unser Warten auf das Wort, das uns die Hoffnung auf ein Wiedersehen am folgenden Tage schenken oder rauben wird, und bis dies Wort gesagt ist, das wechselnde, wenn nicht gar gleichzeitige phantasievolle Ausmalen von Freude und Verzweiflung fügt unsere Aufmerksamkeit, solange wir uns in Gegenwart

des geliebten Wesens befinden, zuviel Unruhe bei, als dass wir ein deutliches Bild erhalten könnten. Vielleicht macht uns das gleichzeitige Mitschwingen aller Sinne bei unserem Bemühen, nur mit dem Blick auch das zu erfassen, was jenseits seines Aufnahmevermögens liegt, für die tausenderlei Formen, Reize und Gesten der lebenden Erscheinung so empfänglich, dass wir alle diese Eindrücke gewohnheitsmäßig - da, wo wir nicht lieben - zu einer Art ruhiger Einheit umschaffen. Das geliebte Modell ist in steter Bewegung; man erhält davon immer nur eine verwischte Photographie. Ich wusste wirklich nicht mehr, wie Gilbertes Züge eigentlich beschaffen seien, außer in

den göttlichen Augenblicken, in denen sie mir freimütig Einblick in ihr Wesen gewährte: Ich erinnerte mich an ihr Lächeln nicht mehr. Und während ich dies geliebte Antlitz, wie sehr ich mich auch bemühte, vor meinem Auge nicht wiedererstehen lassen konnte, stellte ich mit Ingrimm fest, dass ich ganz unnütze aber charakteristische Gesichter, wie das des Karussellmanns und das der Händlerin von dem Süßigkeitenstand, mit absoluter Genauigkeit in meinem Gedächtnis aufgezeichnet fand: So sind

diejenigen, die ein geliebtes Wesen verloren haben, das sie niemals im Traume wiedersehen, außer sich darüber, dass sie unaufhörlich im Schlaf höchst unerfreulichen Leuten begegnen, die sie schon im Wachzustand am liebsten nicht sehen würden. In ihrer Unfähigkeit, sich den Gegenstand ihrer Trauer vorzustellen, neigen sie fast zu der Meinung, sie trauerten eben nicht genug. Ich selber aber war nicht weit davon entfernt zu glauben, dass ich, da ich mir die Züge Gilbertes nicht mehr ins Gedächtnis rufen konnte, sie eben nicht mehr liebte." Wenn der Mann sie zurückgewiesen hat, kann sie ihn anrufen, dann aber im letzten Moment auflegen. Oder sie treibt sich um sein Haus

herum und verschwindet, sobald er kommt, um zu Hause hysterisch zu weinen. Dabei ist sie stolz, hat das Gefühl, der Partner sei dumm, dass er ihre netten Eigenschaften nicht oder nicht mehr schätze. Kent empfiehlt Ignatia auch für junge Mädchen, die unsterblich in einen verheirateten Mann verliebt sind oder in einen Mann, den sie

eigentlich verachten würden. Er beschreibt auch, dass die Patientinnen Dinge tun, die sie dann bereuen. Es kann dabei sein, dass man schon im Moment des Handelns weiß, dass man eine Dummheit begeht oder sagt.

Ein Bild dafür könnte ein Traum sein, den ich früher oft träumte: Ich fahre Auto, sitze aber hinten im Fond. Alle Leute wundern sich, wer das Auto steuert, ich amüsiere mich, da niemand auf die Idee kommt, dass man ein Auto auch von hinten lenken kann. Plötzlich kommt eine gefährliche Situation, ich kriege meinen Fuß nicht auf die

Bremse und kann auch nicht gut lenken. Ich denke kurz: "Ich bin doch verrückt gewesen zu glauben, dass man von hinten wirklich fahren kann", sehe mich auf ein Hindernis zu rasen und wache auf. (Diesen Traum kann man so verstehen, dass ich auf dem Weg meines Lebens nicht die Kontrolle über mich habe, da ich nicht am Steuer sitze. Am Steuer sitzt niemand, d. h. das Auto ist völlig sich selbst überlassen bzw. den äußeren Einflüssen. Das weiß ich - und genieße noch die Verwunderung der anderen.) Das erinnert an die Pflanze, die als Schlingpflanze in die höchsten Gipfel der Bäume ragt, aber keinen eigenen Halt hat, nicht fest steht, sondern einen Baum braucht, der ihr Halt gibt.

In der Sprechstunde sitzen Ignatia-Patientinnen häufig zurückgelehnt, rücken ihren Stuhl soweit wie möglich vom Schreibtisch weg, wirken, als unterdrückten sie etwas, besonders wenn der Schock noch nicht all zulange her ist. Es kann schwierig sein, Kontakt mit ihnen zu bekommen. Oft berichten sie ausschließlich über unwichtige

Dinge. Sie weinen leicht, wenn man emotionale Probleme anspricht, versuchen aber, sich sofort wieder zu fassen.

Bevor sie weinen, zittert häufig das Kinn. Wenn sie weinen, so ist das nicht erleichternd. Vithoulkas beschreibt, dass die Patientinnen die Vorstellung haben können, dass Weinen das Schlimmste sei, was eine Frau tun könne. Manche hören sofort auf zu weinen, wenn man ihnen sagt, dass Weinen gut für sie sei (anders als Sepia, Pulsatilla

oder Kalium carbonicum). Auch Seufzen oder Würgen ist typisch für Ignatia-Patientinnen, wenn man ihre Probleme anspricht. Das Charakteristische an ihrem Seufzen

ist die Stimmhaftigkeit. Typisch ist auch ein kompliziertes Stirnrunzeln, sozusagen ein Knoten in der Stirn, der dem emotionalen Knoten der Patientin entspricht. Man hat

bei den Patientinnen den Eindruck, dass alles komisch, eigenartig sei. Manche Patientinnen haben eine sehr exaltierte Sprache oder übertriebene Gestik. Oft erklären

sie ihre Symptome sehr kompliziert und merkwürdig. Sie sind emotional verunsichert und können dazu neigen, sich an sehr seltsamen Theorien festzuhalten. Wenn sie

sich dann einmal verstanden fühlen, vereinnahmen sie einen vollkommen und verlieben sich auch leicht in den Therapeuten.

Körperliche Symptome:

- Kopfschmerz, > Kaffee, typisch ist Clava-Kopfschmerz. („Wie durch einen Nagel“)

- Paradoxe Beschwerden

Kitzelhusten, schlimmer, je mehr man hustet - dann plötzlich vorbei;

Zahnschmerzen, > Kauen;

Magenschmerzen, > durch Essen;

Kopfschmerzen, > Bücken;

Übelkeit, > Essen;

Ohrgeräusche, > Musik;

Leeregefühl im Magen, das durch Essen nicht besser wird;

Leichtverdauliches wird nicht vertragen, Schwerverdauliches wird gut vertragen;

Durst bei Schüttelfrost, durstlos bei Fieber;

Hämorrhoiden > gehen;

Schläfrigkeit von schlechten Nachrichten;

Alles ist anders, als man denkt;

Eine Patientin bekam umso kältere Füße, je schneller sie ging;

Durchfall von Schokolade;

Wegen eines Unterschenkelulcus mit starken Schmerzen in der Tiefe des Fußgelenkes wurde ein Anästheticum in das Gewebe injiziert, worauf die Schmerzen noch

schlimmer wurden.

Auch eine Infusion eines durchblutungsfördernden Mittels hatte die gegenteilige Wirkung: statt warm zu werden, wurden ihre Füße kalt;

Ein 8 Monate alter Säugling lehnt Milch ab, verlangt Bratwurst mit Soße;

- Seufzen, unwillkürlich, wortlos;

- Globusgefühl im Hals, (manchmal besser durch Schlucken);

- Krämpfe, Muskelzuckungen (auch beim Einschlafen);

- Epilepsie,Torticollis, Chorea;

- hysterische Lähmung nur eines Körperteils (z.B. des Fingers oder des Handgelenks) oder Taubheit eines umgrenzten Gebietes;

- Amenorrhoe nach Schock oder verfrühte Menses nach einem Schock;

- Zuckungen und Krämpfe in den Gliedern, krampfhaftes Gähnen, Schluckauf, auch mit hysterisches Erbrechen;

- hysterischer Asthma;

- Magenbeschwerden;

- Beschwerden durch mondänen Lebenswandel;

- empfindlich gegen Zigarettenrauch oder Abneigung gegen die gewohnte Zigarette;

- Abneigung gegen Kaffee, < Kaffee (Kaffee antidotiert).

Vithoulkas findet bei 40% seiner Ignatia-Patientinnen eine Abneigung gegen Obst (Phos. Bar-c.) oder ein Verlangen nach Obst.

Ein Symbol für Ignatia könnten zwei Punkte sein, die sich kreisförmig umeinander bewegen.

Räumlich dargestellt, entsteht aus dieser Bewegung eine Doppelspirale, die Mitte der Spirale bzw. zwischen den Punkten ist leer. Möglicherweise sind die Ranken der Pflanze ähnlich gebildet.

Für Menschen, die sich zu sehr umeinander drehen, dabei weder eine eigene Mitte, noch eine Mitte innerhalb der Beziehung haben, kann Ignatia ein Heilmittel sein; oder für Menschen, die sich an alles anpassen, um zu gefallen, die sich niemals festlegen - dabei sehr intelligent alles erspüren, was der andere hören möchte. In schweren Erkrankungsfällen erscheint die Ignatia-Patientin wie innerlich leer – und es scheint, als wolle sie sich an etwas Äußeres klammern, um Halt zu bekommen.

Weihe-Druckpunkt: Übergang des äußeren zum mittleren Drittel der Verbindungslinie zwischen Nabel und Spina iliaca ant. sup. (= Mac Burney).

In einer medizinischen Zeitung wird darüber berichtet, dass bei jungen Frauen die Appendektomie häufig eine "mechanische Psychotherapie" sei. Die Patientinnen klagten oft über Bauchschmerzen "rechts unten", was während der normalen Arbeitszeit der Krankenhausärzte dann oft eine Operation zu r Folge habe. Bei Patientinnen

zwischen 13 und 19 Jahren läge bei 70% der Appendektomien keine akute Entzündung vor, die familiären Konflikte des Wochenendes würden, häufig auf Wunsch der Mutter, mit dem Messer des Chirurgen "gelöst".

Döbereiner beschreibt Ignatia (wie Tuberkulinum und Terebinth) im Sinne einer astrologischen "Umkehrung" der Zeichen Saturn und Uranus. Die Unvereinbarkeit

der Eltern drücke sich im Kind aus, z. B. als Hang zum Harmonisieren und Ästhetisieren. Es lerne, auf die Umwelt harmonisch-verbindlich, freundlich, perfekt zu antworten, da es Spannung, Unvollständigkeit und Disharmonie nicht ertragen könne. Besonders äußere sich dies in der Frage nach der Kindheit, die stereotyp so beantwortet werde: "Die Eltern waren wunderbar, die Kindheit herrlich." Je älter man werde, desto mehr nehme das Emotionelle ab, die Form erstarre, es komme zu

Nervenblockierungen, Facialis-Lähmungen. Um die mangelnde seelische Auseinandersetzung zu kompensieren, komme es neben einem Hang zu geistreicher Witzelei häufig zu starkem Zuspruch zur Anthroposophie, deren harmonische Weltsicht zum Alibi der eigenen unerlebten Wirklichkeit werde.

 

Umgang mit Ignatia-Patientinnen

Wegen der großen Sensibilität ist vorsichtiger Umgang mit Ignatia-Patientinnen sinnvoll.

Vithoulkas schreibt, dass manche Patientinnen den Behandler am Ende der Anamnese fragen, was ihr Problem sei oder welchen Eindruck man von ihnen gewonnen habe. Dann sei es wichtig, die Verantwortung zurückzugeben und ihnen zu erklären, dass sie ihr Problem selbst kannten.

Häufig ließen die Patientinnen auch nicht zu, dass man ihnen hilfreiche Fragen stelle. Nette, ruhige Worte machten alles schlimmer. Es scheint sinnvoll, den Patientinnen nicht übermäßiges Zusammenreißen zu empfehlen, sondern ihnen zu sagen, dass sie ruhig etwas verrückt sein dürfen.

Von Viktor Frankl und seinen Schülern wurde ein Therapieverfahren für angst- oder zwangsneurotischen Patienten entwickelt, die "paradoxe Intention". In Gesprächen werden Verhaltensweisen oder Situationen, die die Angst auslösen, als anstrebenswert dargestellt ("Ich nehme mir vor, zweimal täglich vom Schlag getroffen niederzusinken" bei einer Patientin, die bei jedem Verlassen des Hauses genau davor Angst hat oder "Ich wünsche mir, möglichst viele Fehler begangen zu haben und nehme mir vor, noch mehr zu begehen und meinen Sekretärinnen zu beweisen, dass ich der größte Fehlermacher der Welt bin"). Dieses Vorgehen fördere Selbsttranszendenz und Selbstdistanzierung (Humor) und damit typisch menschliche Möglichkeiten und führe meist innerhalb kürzester Zeit zur Heilung. (V. Frankl: Ärztliche Seelsorge, München 1980).

Auch wenn Angst- oder Zwangsneurosen nicht zu den typischen Krankheitsbildern gehören, deretwegen Ignatia-Patientinnen den Arzt besuchen, so könnte diese Form des Umgangs mit sich selbst doch einen Versuch wert sein. Man kann Ignatia-Patientinnen auch dazu auffordern, Theater zu spielen - in der Annahme, dass sie im Spiel irgendwann ihre tatsächlichen Gefühle (zufällig) ausdrücken und spüren.

In anderen Fällen allerdings scheint es wichtig zu sein, selber die Ruhe zu bewahren, deutlich zu vermitteln, dass alles nicht so schlimm sei – besonders natürlich in akuten Situationen wie z. B. einem Asthma-Anfall.

Im heftigen, akuten Zustand kann auch eine häufige Wiederholung des Mittels angezeigt sein. Bei der Begleitung ist es wichtig, dass man die Patientinnen ihre Empfindsamkeit äußern lässt, sie in Situationen bringt, in denen sie ihre unterdrückte Emotionalität entfalten können (z.B. durch künstlerische Tätigkeit). Wenn eine Ignatia-Patientin deutlich Applaus braucht, ist es sinnvoll, ihr den zu geben, ohne dass sie erst eine Krankheit dafür einsetzen muss.

In einem Traum ergab sich als Lösung des Problems: "Ich muss nicht stark sein, aber ich darf nicht fliehen (wenn ich nur bei dem Problem bleibe, bekomme ich Hilfe von anderen)".

Folgendes Gedicht scheint mir passend für Ignatia zu sein:

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,

siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,

aber wie klein auch, noch ein letztes Gehöft von Gefühl. Erkennst du's?

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund unter den Händen. Hier blüht wohl einiges auf; aus stummem Absturz

blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.

Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.

Da geht wohl, heilen Bewusstseins, manches umher, manches gesicherte Bergtier, wechselt und weilt.

Und der große geborgene Vogel kreist um der Gipfel reine Verweigerung. – Aber ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens...

R. M. Rilke

Andererseits scheint Humor und Über-Sich-selber-Lachen bei Ignatia-Patientinnen ein wichtiges Element zur Heilung zu sein.

Prüfungsprotokolle

1. Prüfer

(J.B., Ign. C 1000): "Romanhaft ausgeschmückte Träume, an die ich mich schlecht erinnern kann. Begegnung mit einer Kollegin, die als typisch für sich selbst eine Inkongruenz zwischen innerem Befinden und äußerem Anschein beschreibt. Mir fiel ihr eigenartiger Blick auf, der an etwas Scheinbares, Leichtes, Luftiges,

Unbeständiges erinnerte.

Der Schein von großer Schönheit, in dem die Unerfülltheit erst später bemerkbar wird. In einer Situation, in der sie sich nicht zwischen zwei Männern entscheiden konnte, hatte sie überraschend eine verrückte dritte Möglichkeit gewählt.

Es gab in den Tagen nach der Einnahme viele witzige Situationen, besonders mit meiner Tochter Kerstin, die einmal im Rahmen einer Klassenarbeit einen Brief schrieb, völlig überzogen und übertrieben, von einem Reitunfall, bei dem sie sich sieben Beine und fünf Arme gebrochen hatte. Anschließend seien die Reiter rückwärts auf dem Pferd gesessen."

Traum: Zwei leuchtende Punkte bewegen sich kreisförmig um ein Zentrum, wobei jeder Punkt so etwas wie einen Schweif nach sich zieht. - - - - -

2. Prüfer

(M. H.) (innerhalb von 14 Tagen 4 Gaben Ignatia LM 6)

1. Gabe am 30.4.85: in der Nacht Pollution, morgens träumend aufgewacht.

2.5.: jeden Morgen das Gefühl, geträumt zu haben (selten)

3.-5.5.: extreme Berührungs- und Kontaktangst bei Sehnsucht danach.

6.5.: 3 Tage lang normaler Appetit, keine Fresslust mehr; Stuhlgang morgens normal, tagsüber kleine dunkle Mengen jedesmal, wenn Völlegefühl im Unterbauch auftrat.

8.5.85: 1 Tag lange Erektion.

12.5.: häßliche Träume: balancieren am Abgrund; starke Speichelbildung, auch tagsüber (bereits früher, auch später noch).

ab 11.5.: Verstopfung.

14.5.: Hals- bzw. Mandelschmerzen beim Schlucken, links.

16. und 17.5.: abends fettige Haut, egal ob reichliches Abendessen oder Fasten vorher (auch später noch).

18. und 19.5.: Druck im linken Oberkiefer; Morgenmüdigkeit mit Tendenz zum Einschlafen.

23.5.: Furunkel rechte Pobacke außen (von Zeit zu Zeit), schmerzhaft;

im Film "Kramer gegen Kramer" nach 2 Jahren wieder weinen können (erstmals seit Trennung von früherer Freundin), ferner kein Frieren mehr nach Alkohol. (M. macht auf mich einen sensiblen, weichen, stillen, zurückhaltenden Eindruck. Er hat dunkle Haare, schöne, markante Gesichtszüge. Er sprach mich an, um mir zu berichten, dass er den Eindruck habe, Bergsteigen habe insofern etwas mit Ignatia zu tun, als es auch mit dem Erreichen der höchsten Gipfel zusammenhänge.).

Falldokumentation

1. Fall

Frau B.,33 Jahre, zierlich, hübsch, kurze, fransige, glatte Haare, kommt wegen Heuschnupfens, besonders z. Zt. der Mandelblüte bzw. von April bis Juni. Erstmals sei der Heuschnupfen nach dem Umzug in eine Neubauwohnung aufgetreten, einerseits sei ein Park gegenüber, andererseits atme sie wohl in der Wohnung viele Ausdünstungen von Baustoffen ein. Sie habe bisher als Lehrerin gearbeitet, wolle nun aber wegen der beiden kleinen Kinder 3 Jahre zu Hause bleiben.

Sie weine leicht, besonders wenn sie sich nicht durchsetzen könne, wenn ihr 3-jähriger Sohn trotze oder wenn ihr andere Menschen Ratschläge bzgl. des Umgangs mit den Kindern gäben. Ihr Ehemann habe sich vor einigen Monaten selbständig gemacht, sie leide jetzt darunter, dass er nie da sei. Gelegentlich langweile es sie, sich nur mit den Kindern zu beschäftigen. Sie habe jahrelang sexuelle Probleme gehabt, erst in einer Beziehung außerhalb der Ehe sei ein Gefühl von Lust wieder aufgekommen. Sie habe sich wegen dieses Freundes damals von ihrem Mann trennen wollen; als jener zu seiner Frau gefahren sei, sei sie zurück zu ihrem Ehemann gegangen.

Sie habe während der ersten Schwangerschaft nicht gewusst, von wem das Kind gewesen sei, was eine erhebliche Belastung dargestellt habe. Damals habe sie nicht gewusst, welchen der Männer sie lieber gehabt habe, habe den Zufall entscheiden lassen wollen. Ihr Ehemann wisse nicht, dass die Beziehung zu ihrem Freund

so lange angedauert habe. Ihr Mann sei Naturwissenschaftler, sitze am liebsten zu Haus e, sei sehr umständlich, durchdenke alles – könne sie z. B. morgens schon fragen, ob sie abends miteinander schlafen würden. Nach dem Verkehr mit ihrem Mann müsse sie oft heulen, mit ihrem Freund sei das nicht so gewesen. Z. Zt. beschäftige sie sich mit dem Buch "Die Frauen" von Marilyn French, in dem von Frauen berichtet würde, die in ihrer Situation als Hausfrauen unzufrieden seien. Sie habe damals heiraten

wollen, sobald sie verheiratet gewesen sei, habe sie angefangen, sich zu langweilen.

1e Mittel: Sepia C 30. Nach 4 Wochen: keine Veränderung; sie habe keine Lust, die Beziehung aufzuarbeiten. Sie habe von der lange verstorbenen Großmutter geträumt. Ihre Schwester habe eine Wochenbettpsychose gehabt, das Kind sei in der Zeit in der Kinderklinik gewesen, da ihr 2 Säuglinge zuviel gewesen seien. Ihr Vater sei seit ihrer Pubertät Alkoholiker, das sei ein Schock für sie gewesen, er sei früher ihr Ansprechpartner gewesen. Seit drei Jahren sei er trocken. Die Mutter sei gefühlsbetont, direkt, habe wenig logische Intelligenz, es sei schwierig, mit ihr zu reden. Sie selbst sei sehr wechselhaft in ihrer Stimmung, wolle immer alles perfekt machen, es sei ihr wichtig, dass in der Wohnung alles geordnet sei, auch im Bad sei bei ihr alles ästhetisch.

2 e Mittel: Ignatia C 30/C 200: Nach 2 Monaten Nachfrage, wie es ihr gegangen sei: "Ein Wunder ist geschehen", in jeder Hinsicht gut, auch dem Sohn gegenüber sei sie viel ruhiger.

2. Fall

Frau M., geb. 1951. Seit einem Jahr ständig Nacken- und Rückenschmerzen, kann nicht nach rechts sehen. Paroxysmale Tachycardien, danach kurzes Aussetzen der

Herztätigkeit, Angst. Alle 5 Minuten Extrasystolen. < Erregung/Ruhe nach einer Aktivität. > durch autoritäre Zuwendung, z. B. durch den Arzt. Hatte schon zwei bis drei Mal hyperventiliert. Haarausfall, laut Hormontest Beginn des Klimakteriums. Der Gynäkologe verschrieb die Pille, sie wollte sie nicht nehmen. Mattscheibe bei Wetterwechsel von gutem zu schlechtem Wetter.

Der Kreislauf sei immer labil gewesen, < seit dem Umzug vor zwei Jahren, der Trennung von dem liebgewordenen Heim. Hämorrhoiden, manchmal Schmerzen oder

Blutabgang, < stopfenden Speisen oder während der Periode. Sie arbeite als Steuergehilfin und Finanzbuchhalterin 2 1/2 Tage pro Woche. Seit vier Jahren mache sie eine Psychoanalyse, seit zwei Jahren sei sie in der Endphase, komme nicht los. Die Analyse habe sie begonnen, weil sie sehr sensibel sei im Umgang mit anderen, Aggressivität

nicht vertrage. Vielleicht bedeute das, dass sie selber aggressiv sei. Angst, ausgenutzt zu werden.

Sie habe sich immer wieder ausnutzen lassen, um emotionale Sicherheit zu bekommen. Früher starke Stimmungsschwankungen.

Durst? "Ich habe meinen Körper daran gewöhnt, viel zu trinken." Abneigung gegen Milch, besonders gegen warme Milch und Milchprodukte, Griesbrei.

Typisch: Widerspenstig und kämpferisch, aber passe sich manchmal auch zu schnell andern an. Angst vor Neuem, vor Entscheidungen, vor der Zukunft. Bei Gewitter furchtbare Angst, Angst um andere. Wenn sie allein in der Wohnung sei, brauche sie Licht. Lese gern: Frauenbücher (Doris Lessing, Simone de Beauvoir). Gern klassische Musik (Verdi).

Traum: Sie geht mit der zweiten Tochter als Säugling am Meer entlang, immer wieder kommen hohe Wellen, sie muss springen, um nicht überspült zu werden. - - - -

Als Kind habe sie immer kämpfen müssen. Nach der Geburt des ersten Bruders sei sie wegen Keuchhustens zu Verwandten gekommen, nach der Geburt des zweiten Bruders zu den Großeltern. Sie habe sich abgeschoben gefühlt, das sei nicht so gut gewesen. ("Das sehen Sie sicher genauso"). Die Ehe der Eltern sei schlecht gewesen, beide haben sie ins Vertrauen gezogen, sie habe nichts sagen dürfen. Der Vater sei gestorben, als sie 13 war, das sei ein Schock gewesen. Sie sei aus der Schule heimgeschickt worden, habe gedacht, sie bekäme neue Schuhe. Zu Hause seien Leute gewesen, der Vater habe dagelegen, die Mutter auf ihm, sei ausgeflippt gewesen, habe am Vater rumgerissen. Die Leute haben zu ihr gesagt: "Jetzt müsst ihr der Mutter helfen." Die Mutter sei danach depressiv gewesen, habe nachts oft Herzbeschwerden gehabt und habe sich das Leben nehmen wollen. Sie habe oft im Winter barfuß durchs Dorf laufen und eine Krankenschwester holen müssen. Manchmal habe die Mutter plötzlich nachts "ich sterbe" gesagt, und nun habe sie die gleichen Symptome. Sie habe im Bett des Vaters geschlafen, bis zu ihrer Heirat. Jetzt gehe es der Mutter gut, sie lebe bei einem Bruder. Sie wolle von ihr hören: "Du bist mir genauso wichtig wie die Brüder."

1971 habe sie geheiratet, habe bis 1980 mit ihrem Mann gelebt. Die älteste Tochter lebe bei dem Vater, sie lebt mit der zweiten Tochter und einer dritten gemeinsamen Tochter mit ihrem jetzigen Freund zusammen. Immer wieder sexuelle Probleme, fühle sich nicht genug begehrt von ihrem Freund.

Eindruck: Sensibel, schnell, hübsch, intelligent bis merkwürdig intellektualisierend, z. B. auf die Frage nach Durst oder zur Erklärung, warum sie selbst keine Aggressivität

ertrage. Sehr bemüht um einen guten Eindruck. Schneidezähne weit auseinander. Kurze, glatte Haare, schmale Nase.

Überbesorgt-unsicher, ängstliche Augen. Entschuldigt sich ständig für etwas, fragt mich um Rat, beschuldigt sich, etwas falsch gemacht zu haben, ängstlich, zu viel von meiner Zeit zu beanspruchen. "Habe ich noch Zeit?"

- Ign. C 30/200: Danach kam die Patientin ein halbes Jahr nicht wieder, brachte schließlich die kleine Tochter mit, berichtete, ihr gehe es gut . Wiedervorstellung April 89 wegen Grippe nach der Konfirmation der älteren Tochter, bei der sie ihren Ex-Mann und die Ex-Schwiegereltern wiedersah.

Behandlung mit Puls. C 6, Gels. C 6, Ign. C 200, Phos. C 6 und C 30 fortgesetzt.

16.8.89: Seit einigen Wochen Schlafstörungen. Kreislaufbeschwerden, Schwindel, Leere im Kopf, Angst umzukippen. Nachts sehr unruhig, alles zappele, erwache nach einer Stunde. Der Freund suche z. Zt. eine andere Arbeit. Das mache ihr Angst. Sie fürchte, er könne eine andere kennenlernen und sie alleinlassen. Angst, alt zu werden. Angst, sie sei nicht mehr attraktiv für den Freund.

Traum: Das Herz zieht sich kurz zusammen, macht ihr Angst. - Phos. C 200.

2.10.89: Erkältung seit 3 Wochen. Herz- und Kreislaufbeschwerden seien besser geworden nach Phosphor. Seit einigen Tagen sei ihr wieder schwindelig und sie habe eine

Mattscheibe. Mit dem Freund gehe es gut, aber weiterhin Angst, ihn zu verlieren. Angst, er habe genug von ihren Sorgen. Die ältere Tochter sei zu ihr gezogen, sie sei

ihr Sorgenkind, sie habe viele verschiedene exotische Männer innerhalb kurzer Zeit. Sie habe Schuldgefühle ihr gegenüber. Sie habe versagt bei der Scheidung.

- Abwarten.

28.12.89 (Vertretungsärztin):

Erschöpft, ausgepowert. zwei Töchter hätten Keuchhusten, sie sei mit den Kindern allein, da der Mann auf einer Fortbildung sei. Schwindel und Herzstolpern.

Depressiv, hänge durch. - Phos. C 6, C 30

2.1.90: Die mittlere Tochter sei enttäuscht von ihrem Vater, habe ihr Vorwürfe gemacht. Die beiden älteren feilschten um ihre Gunst. Im Geschäft habe sie Druck.

Zeitweise spüre sie ein Brennen in der Herzgegend und ein Gefühl wie wund. Sie habe immer die Phantasie, an einem Herzschlag zu sterben. Eine Tante sei daran gestorben. Weihnachten sei für sie immer anstrengend, als Kind sei sie da immer weggegeben worden.

- Abwarten.

22.1.90: Infektion, Brennen im Hals, belegte Zunge, kein Fieber, schwach. Stimmung seit Wochen nicht gut, setze sich mit Tod und Älterwerden auseinander.

Traum: Fliegen, leicht abgehoben, die Familie ist unter ihr. Sie verstehe das als ein Signal des Unterbewussten, dass sie sterbe. Sie habe die Trennung von der Therapeutin nicht verarbeitet. Vielleicht bestehe auch ein Zusammenhang mit dem Todestag des Vaters.

- Ferr-phos. C 6, 3 Tage, dann Ign. C 1000.

7.3.90: "Wollen Sie mich weiter als Ihre Patientin?" Total unruhig, stöhne nachts, wälze sich hin und her. Der Freund habe die Stelle wieder verloren. Die mittlere

Tochter habe eine Magersucht entwickelt, fresse und breche abwechselnd. Die jüngste Tochter spüre ihre Unsicherheit, sie verurteile sich selbst, denke, sie mache alles

verkehrt. Die jüngste lasse sie mit niemand anderem reden.

- Ign. LM 30 1x/ Woche.

23.3.90 (Vertretungsärztin): Magen-Darm-Infekt. Ars C 6.

25.4.90 (Vertretungsärztin): Psychischer Stress, zwei Nächte nicht geschlafen. Völlig neben sich, tue Dinge und verstehe nicht warum. Wut auf den geschiedenen Mann, könne sie nicht herauslassen. Herzaussetzer machten totale Angst. - Ignatia LM 30 1x/ Woche.

Kommentar: Die Unterscheidung zwischen Phosphor und Ignatia bei der Patientin erscheint sehr schwierig, zumal sie nie zu einem Follow-up nach einem bestimmten

Zeitraum erscheint. Die Tachycardie und die Ängste sprechen mehr für Phosphor, die Unsicherheit, die Schuldgefühle, die Wechselhaftigkeit und das widersprüchliche Verhalten für Ignatia.

Telefonischer Anruf im Dezember: Sie sei sehr zufrieden mit mir gewesen, habe mich oft vermisst, sei trotzdem nicht mehr gekommen, um der magersüchtigen Tochter - die seit Mai 1990 in der Klinik sei - die Möglichkeit zu lassen, bei mir behandelt zu werden. Beide könne ich ihrer Meinung nach nicht behandeln. Da aber die Tochter in der Klinik sei, könne ich diese z. Zt. ohnehin nicht behandeln.

Für mich am deutlichsten und für die Mittelwahl führend ist diese emotionale Verunsicherung, die dazu führt, dass die Patientin sich zu nichts eindeutig verhalten kann und häufig die Zustimmung einer anderen Person braucht. Während die kleine Tochter sie tyrannisiert, fragt sie mich, ob sie selbst zu streng sei.

Sie analysiert ihre Antworten in einer merkwürdig verdrehten Weise.

 

"Erlösung" von Ignatia

Die Erlösung von Ignatia könnte sein, statt darauf zu beharren, ohne eigenes Zutun Glück zu haben oder zu kriegen, selbst für das Glück von sich und anderen etwas zu tun, und dies auf "gelöste Weise", z. B. durch schöne Atmosphäre, auch durch Kleinkram, durch Lachen, durch die Fähigkeit, das "kleine Glück" auch wahrnehmen zu können und auch wahrzunehmen, was den anderen glücklich machen könnte (Kunst, Musik, Theater, Schönheit). Vielleicht ist der Schmetterling, als entpupptes Wesen, ein Abbild für das gesunde Ignatia. Emotionale Gelassenheit, nicht im Sinne von Stillstand, sondern teilnehmend, kann ein Heilungskriterium sein.

Ignatia ist ein Mittel für Verhungerte: Unser Volk hat im Krieg die Erfahrung des Verhungerns gemacht. Als Reaktion „kriegt jemand den Rachen nicht voll“. Der Kühlschrank muss übervoll sein, um ja nie wieder die Erfahrung des Verhungerns machen zu müssen. Aus dieser Sicht ist Ignatia viel besser zu verstehen, man kann mitfühlen, warum Ignatia „nie zufrieden zu stellen ist“, „hysterisch“ ist. „Ich nähre mich, ich werde genährt“, das ist die Grunderfahrung, die gemacht werden muss, um zu heilen. Es geht um das Nährende, eine tiefmütterliche Kraft!

Die medizinische Antwort auf die Hysterie war lange Zeit die Hysterektomie! Frauen, die auf Grund ihres Mangels, ihrer Angst zu Verhungern „hysterisch“ wurden, nahm man auch noch ihr müttelich nährendes Organ, die Gebärmutter!

Es geht um das mütterlich, nährende Prinzip!

Hunger kann niemals nur mit Nahrung gestillt werden. Ignatia geht es besser, wenn sie verliebt ist, hat aber Angst, am Verlust zu verhungern.

Es ist wichtig, die Patientin mit der homöopathischen Arznei zu nähren, aber auch, ihr mittels anderer Therapien zu vermitteln, genährt zu sein, sich selber zu nähren – durch den eigenen mütterlichen Aspekt!

Man weiß heute, dass Ignatia genauso für alte Wunden gegeben werden kann wie Natrium muriaticum muriaticum.

Geistesgeschichtlicher Hintergrund Einen besonderen Aspekt der Ignatia-Erkrankung gibt das Märchen vom Fischer und seiner Frau wieder (meist findet man die plattdeutsche Version, die P.O. Runge in die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm eingebracht hat). Auffällig ist das fehlende Verhältnis zwischen den beiden und das fehlende Glück. Ihm fehlt der Wille, sich einzusetzen und sich ihr gegenüber durchzusetzen. Er sitzt nur da und angelt und angelt. Sie steigert sich in immer größere Aufruhr hinein, träumt von mehr Macht, wird da bei immer unzufriedener, ihr Glück wird immer kürzer, weil sie es sich gar nicht durch eigene Leistung erwerben muss, sondern nur einfach immer mehr für sich haben will. Sie trägt nichts zu ihrem Glück bei, es wächst dabei nichts.

Beide wünschen sich nichts gemeinsam. Den vielen Wünschen seiner Frau kann sich der Mann nicht widersetzen, er selber will nur seine Ruhe und seinen Frieden.

Dem Butt gegenüber distanziert er sich von seiner Frau, ihr bestätigt er dann aber doch, dass ihr Wunsch gut war. Während die Frau ihn anfangs noch vor dem Haus

erwartet und mit ihm gemeinsam ins Gebäude geht, ist sie später darinnen bzw. auf dem Thron.

So entfernen sich die beiden im Verlauf der Geschichte noch mehr voneinander, statt sich an einander anzunähern, indem der Mann von der Bestimmtheit der Frau lernt und diese von seiner Bescheidenheit.

Auffällig ist weiterhin, wie im Detail die verschiedenen Stufen ausgeschmückt sind: Der Zierat, der viele Schnickschnack zeigen sich deutlich in der Beschreibung der Häuser bzw. Paläste und auch in den Bildern von Wind und Wetter. Das Meer kann auch den Gefühlsbereich darstellen, der zunehmend aufgewühlter wird - während die Frau selber immer mehr eingezwängt wird in die äußere Situation, die sie sich gewünscht hat. Die Dynamik des Märchens erinnert an einen Strudel, es geht immer schneller, je weiter die einzelnen Stufen voranschreiten. Das Märchen stellt den Sturm im Wasserglas dar, der plötzlich mit einem Schlag verschwinden kann. Der Butt,

als dritter, könnte die Weisheit oder das Selbst darstellen. Er lebt weit weg, auf dem Grunde des Meeres, der Mann kann mit ihm in Verbindung kommen, aber die Frau

ist im Märchen an dieser Verbindung nicht beteiligt, was vielleicht zum Scheitern des Ganzen beiträgt. Gleichzeitig stellt der Butt das Ideale dar, nach dem sich die Frau sehnt - und er kann auch das Traumglück darstellen, den verschwundenen Prinzen, nach dem sich die Ignatia-Frau sehnt. Was später mit dem Butt geschieht, wird im Märchen nicht erzählt. Er wird durch die Berührung mit dem Fischer verletzt (ähnlich wie der Fisch in der Gralslegende).

Wenn man Mann und Frau als verschiedene Anteile des Menschen versteht, so repräsentiert der Mann die schwache Vernunft, die zufrieden ist mit dem, was sie hat - im

Märchen die Exekutive.

Die Frau repräsentiert das Gefühl, die Wünsche und die Forderungen - im Märchen die Legislative. Durch das immer weiter sich steigernde Wünschen scheint es, als habe die Frau sich selbst 'verwünscht'. Am Ende des Märchens scheint das Problem noch lange nicht gelöst - eigentlich kann das Märchen gut von vorne anfangen. Ob der Mann bei einer Wiederholung der Geschichte auf den Tisch hauen würde, oder ob er wieder den Butt ruft, dieser sich aber vielleicht gar nicht zeigt, ist nicht klar. Jedenfalls muss sich das Verhältnis zwischen den beiden ändern.

Verena Kast ("Wege aus Angst und Symbiose") beschreibt, dass in anderen Fassungen des Märchens die Rollenverteilung anders geregelt sei (der Mann wünscht).

Sie benutzt das Märchen als Bild für Partnerbeziehungen.

Der Ausgangspunkt ist eine eingeengte, traurige, unlebendige Lebenssituation, die die Frau durch Habenwollen und Gier kompensieren möchte. Obwohl im Verlauf der Geschichte der äußere Rahmen großzügiger wird (das Paar wohnt nicht mehr in einem Pisspott, sondern in einer Hütte bzw. einem Palast), so bleibt doch die innerliche Enge. Der Butt als verwunschener Prinz könnte ihrer Auffassung nach der Träger einer neuen Entwicklung sein, wenn der Prinz nicht verwunschen wäre, d. h. in seinen Lebensmöglichkeiten eingeschränkt.

Der Mann hat zwar die Möglichkeit, zu dem Fisch Kontakt aufzunehmen, insofern genutzt, als er ihn nicht tötet, aber er fragt ihn auch nicht, wie er ihn erlösen kann.

Gleichzeitig ist es erst dieser Kontakt, der die Wünsche der Frau auslöst.

Die Frau spricht die Unerträglichkeit der Situation (im Pisspott) an, und sie spürt die Chance, die in der Begegnung mit dem Fisch liegt. Deutlich ist, dass Ilsebill Haben und Erleben verwechselt, was wir auch oft aus dem Leben kennen, wo es uns scheint, als müssten wir mehr haben, wenn uns etwas unbefriedigt lässt.

Die entscheidende Wendung des Märchens hätte sich ergeben, wenn der Mann gefragt hätte, wie er den Butt erlösen kann. Diese Frage könnte vielleicht das Verhältnis zwischen Mann und Frau verändern.

In "Dornröschen" wird ein anderer Aspekt von Ignatia-Erkrankung dargestellt. Das Verhängnis von Dornröschen beginnt, als der König die dreizehnte weise Frau nicht

zur Taufe einlädt. Die dreizehnte aber stellt den Beginn einer "neuen Runde" dar, die nach dem Durchgang durch die Zwölf beginnt. Der König hat für die dreizehnte keinen Teller, vielleicht gibt es auch keinen Platz für sie. Vernachlässigt, ja ausgestoßen verwandelt sie Güte in Tod.

Die dreizehnte hat Zugang zum Äußersten, Dunkelsten, was ins Schicksal der Erde eingeschrieben ist und was in den oberen Reichen unbekannt blieb.

Der König befiehlt daraufhin, alle Spindeln im ganzen Reich zu verbrennen - wobei es sicher besser gewesen wäre, er hätte der Tochter gezeigt, wie man mit Spindeln umgeht, wie man spinnt, d. h. denkt. Merkwürdigerweise sind auch gerade an dem entscheidenden 15. Geburtstag der König und die Königin außer Haus. Der Stich mit der Spindel kann den Schock darstellen, der bei Ignatia- Patientinnen oft auslösend ist (oder ein Erlebnis mit der beginnenden Sexualität).

Ohne einen Aufschrei versinkt Dornröschen und mit ihr das ganze Schloss in tiefen Schlaf, wie in einen Puppenzustand, in dem sie von einer Rosenhecke umgeben ist.

Als der Prinz kommt, öffnet sich die Hecke, die Rosen blühen, und sie erwacht, als sei nie etwas gewesen. Spinnen hat sie nicht gelernt. Während im Schloss die 100 Jahre

wie ein Tag erscheinen, geht außerhalb des Schlosses die Zeit normal weiter. Ob der Prinz für die Erlösung Dornröschens verantwortlich ist, oder ob Dornröschen auch ohne ihn zu diesem Zeitpunkt erwacht wäre, wird aus der Geschichte nicht deutlich. Der Prinz kann auf jeden Fall den Mut bedeuten, den Mut, der im richtigen Moment zur richtigen Tat führt.

Mut, für ihre scheinbar paradoxen Wünsche zu arbeiten, kann vielleicht auch dazu führen, dass Ignatia-Erlöste bewusst gegen den Strom schwimmen - nur so kann man die Quelle erreichen.

 

Ausführungen zu Ignatia von Phillip M. Bailey:

Ignatia ist kein sehr verbreiteter Typ (Natrium muriaticum muriaticum kommt bei mir ungefähr 50mal häufiger vor als Ignatia), aber wenn der Homöopath erst einmal ein Gefühl für diesen Typ entwickelt hat, kann er ihn nicht mehr verfehlen.

 

Emotionale Intensität

Das offensichtlichste Charakteristikum bei Ignatia ist die emotionale Intensität. Ignatia empfindet alle Emotionen - Ärger, Trauer, Freude, Liebe,

Angst, Lust - mit einer Intensität, die es bei keinem anderen Konstitutionstyp gibt. In den meisten Fällen drückt Ignatia ihre Gefühle auch aus (bei der überwiegenden Mehrheit handelt es sich um Frauen), und deshalb gilt sie bei ihren Freunden und in der Familie als sehr emotionaler Mensch. Es gibt je doch eine gewisse Tendenz,

unangenehme Gefühle zu unterdrücken, und diese Tendenz wächst in dem Maße, in dem Ignatia psychische Störungen entwickelt. Wie ihre stabilere Schwester Natrium muriaticum kann sie Trauer lange Zeit unterdrücken und der Welt ein tapferes Gesicht zeigen. Irgend wann brechen die unterdrückten Gefühle bei Ignatia jedoch auf und bringen eine emotionale Flut hervor, die weitaus dramatischer als bei Natrium muriaticum ist (Kent: "Sie ist unfähig, ihre Gefühle oder ihre Erregung unter Kontrolle zu halten").

Weil Emotionen, wie das lateinische Wort es ausdrückt, sich bewegen und vorübergehen, fühlt sich Ignatia oft sehr veränderlich und wirkt auch so (Kent: "Stimmung - wechselnd, veränderlich"). Bei den meisten Menschen filtert der Intellekt die Emotionen und schwächt sie so weit ab, bis sie die glatte, beständige Oberfläche des Selbstgefühles nicht länger bedrohen. Ignatia fühlt die Emotionen jedoch so intensiv, dass der Intellekt davon überwältigt wird und die Person am Ende nur noch aus ihren Gefühlen besteht. Die meisten Ignatia-Frauen sind sehr ausdrucksstark und lassen einen schnell wissen, ob sie wütend, ekstatisch, entsetzt oder tief deprimiert sind. (Diese emotionalen Extreme findet man bei Ignatia ebenso häufig wie die milderen Formen.)

Die gesunde Ignatia

In den persönlichkeitsbildenden Jahren reagieren Ignatia-Kinder sehr empfindsam auf ihre emotionale Umgebung. Einige wenige von ihnen haben das Glück, die Kindheit ohne ein wesentliches emotionales Trauma zu überstehen. Diese seltenen Fälle der emotional gesunden Ignatia zeigen alle positiven Charakteristika des Typs; sie sind frei von den Verzerrungen durch unterdrückten Schmerz und Ärger und von den Abwehrmechanismen, die man entwickelt, um weiteres Leid zu vermeiden.

Die ausgeglichene Ignatia ist sensibel, leidenschaftlich und kultiviert (Kent: "freundliche, empfindsame, zartbesaitete Frauen"). Intensiv empfindet sie die Schönheit der Erde, die Tiefe ihrer Liebe und das prickelnde Ge fühl der Leistung. Ihr Verstand ist gewöhnlich scharf, aber sie nimmt sich selbst und ihre Umgebung nicht vorwiegend über den Intellekt wahr. Statt dessen ist sie mehr emotional, intuitiv und leidenschaftlich. Das gesunde Ignatia-Mädchen ist sehr offen für das Wunder des Lebens und scharfsinniger als die meisten anderen Kinder (Kent: "überempfindsam"). Sie ist ein tiefgründiger Mensch, der Schönheit zu schätzen weiß und gründlich nachdenkt.

Meist ist sie ein wenig still oder sogar schüchtern, wenn sie jung ist (Kent: "ruhig"), weil sie alles Ordinäre ablehnt, und so schützt sie sich bis zu einem gewissen Grad vor

der Welt. Wie Silicea und China wird sie begeistert auf diejenigen reagieren, die sensibel genug sind, sie zu verstehen, aber auch auf jene, die zwar weniger sensibel

sind, jedoch ihren guten Willen bewiesen haben. Die gesunde Ignatia ist warmherzig und liebevoll gegenüber ihren Freunden und der Familie; sie geht mehr aus sich heraus und ist spontaner als die meisten anderen sensiblen, kultivierten Typen.

Die meisten gesunden Ignatias haben künstlerisches Talent und interessieren sich häufig sehr für Kunst, entweder als Künstler oder als Kunstliebhaber. Ignatia hat viel Stil und schafft es mühelos, chic auszusehen. Weniger gesunde Ignatias machen große Anstrengungen, um gut auszusehen und andere zu beeindrucken, aber für die gesunde Ignatia ist Stil und guter Geschmack ein natürlicher Teil ihrer inneren Kultiviertheit. Es ist kein Zufall, dass französische Frauen für ihren guten Stil bekannt sind.

Viele von ihnen sind Ignatia, ebenso wie viele andere Frauen aus romanischen Ländern. Ich erinnere mich an eine solche gesunde Ignatia, eine Musiklehrerin und Komponistin, die mich wegen ihrer Hypoglykämie konsultierte. Sie war extrem offen und dynamisch und strahlte vor übersprudelnder Energie, die mich belebte.

Im Gespräch mit mir war sie begeistert und fröhlich, lachte immer wieder oder weinte auch gelegentlich, wenn sie von früheren traurigen Zeiten sprach. Ihr Charisma und

ihre Offenheit erinnerten an Phosphor, aber sie hatte mehr Tiefe, und ihr Ego oder Identitätsgefühl war stärker. Ihre Hypoglykämie legte sich rasch nach einer Dosis Ignatia

1M, und bei der zweiten Konsultation wollte sie alles über Homöopathie wissen. Ignatias Mischung aus Sensibilität und Leidenschaft verleiht ihr eine Lebendigkeit, die man sonst am ehesten bei emotional gesunden Lachesis- und Medorrhinum-Frauen findet.

 

Freidenkerinnen und Feministinnen

Man kann Ignatia als den kraftvollsten aller femininen Typen bezeichnen. Gesunde Ignatias haben eine natürliche Autorität, die sich aus ihrem außer gewöhnlichen Selbstbewusstsein in Verbindung mit ihrem scharfen Verstand ergibt. Sie sind gewöhnlich Freidenkerinnen, die von den tiefgründigsten und gleichzeitig fortschrittlichsten Ideen angezogen werden, und diese Ideen verfolgen sie oft wissenschaftlich oder beruflich. In meiner eigenen Praxis habe ich drei solche Ignatia-Frauen kennengelernt, die alle für den Rundfunk arbeiteten und alle Programme machten oder machen wollten, die das "Bewusstsein der Zuhörer wecken". Eine dieser Frauen hatte Buddhismus an der Universität studiert und war auch Sanskrit-Studentin, und eine andere erforschte den kulturellen Einfluss der indischen Philosophie auf indische Frau en im 18.

Jahrhundert. Wie viele Ignatia-Frauen fühlte sie sich herausgefordert, für die Rechte ihrer schwächeren Schwestern einzutreten, und war eine Art Feministin. Viele Ignatia-Frauen drücken feministische Ideen aus, denn sie sind mindestens so mutig und stark wie Männer, und sie geraten in Wut, wenn sie sehen, wie andere Frauen von Männern unterdrückt und beherrscht werden.

 

Unsicherheit und Launenhaftigkeit

Die meisten Ignatias erleben in der frühen Kindheit die eine oder andere Art von emotionalem Trauma. Ignatia ist so sensibel, dass sogar relativ "normale" Familienverhältnisse, die harmlos erscheinen, Unsicherheit hervorrufen können. So kann es beispielsweise vorkommen, dass die Eltern des Kindes sich zwar lieben, ihre Gefühle füreinander im Laufe der Jahre aber für selbstverständlich halten und ihre Zuneigung zueinander weniger zeigen. Das passiert bei den meisten Paaren, aber das sensible Ignatia-Kind empfindet so etwas vielleicht als Bedrohung (wenn auch nur unterbewusst), weil dem uneingeschränkten Strom der Liebe, den es braucht, irgendetwas fehlt. Ignatia-Kinder sind besonders anfällig für Verlassenheitsgefühle. Dabei ist es ein merk würdiges Phänomen, dass Menschen, die mit einer Ignatia-Konstitution geboren werden, in ihrem Leben anscheinend Umstände anziehen, die zu einem dauerhaften Gefühl der Verlassenheit führen. Sie können zum Beispiel Waisenkinder sein und bei Pflegeeltern aufwachsen, die es zwar gut meinen, aber das Kind trotzdem nicht verstehen, oder ein Elternteil ist vielleicht kalt und unnahbar.

Andere Kinder wachsen unter ähnlichen Umständen mit einer Natrium muriaticum-Konstitution heran. Es scheint so, als seien die Konstitutionstypen schon vor der Geburt

festgelegt und als würden die nachfolgenden Lebensbedingungen nur dazu dienen, mehr oder weniger gesunde Varianten des jeweiligen Typs hervorzubringen.

Ein Ignatia-Kind, das einmal tief verletzt wurde, wird nie wieder jemandem voll vertrauen. Um das verletzte Herz bildet sich eine Mauer oder eine Art Hornhaut, die mit jeder weiteren Verletzung, die das Leben bringt, immer dicker und fester wird. Diese Mauer der Abwehr drückt sich zunächst in Form von Ärger und Empörung aus, die jedesmal aufkommen, wenn Ignatia das Gefühl hat, dass sie zurückgewiesen, fallengelassen oder vernachlässigt wird (Kent: "Ärger-ausgelöst durch Widerspruch").

Die normalerweise liebevolle Ignatia kann dann zur Eiskönigin werden, und ihre zusammengepressten Lippen und ihr eisernes Schweigen sagen in solchen Situationen genauso viel aus wie sonst bittere Beschimpfungen. Shakespeare hatte wahrscheinlich Ignatia im Sinn, als er den Satz prägte: "Keine Höllengewalt ist schlimmer als

eine gekränkte Frau." Wie Sepia, Nux vomica und Lachesis kann sich die wütende Ignatia dann rächen (Kent: "Wut führt zu Gewalttätigkeit"), aber häufiger streicht sie den Menschen, der sie verletzt hat, aus ihrem Herzen und spricht nie wieder mit ihm. Ignatia neigt sehr zur Schwarzweißmalerei (und sie trägt diese Farben in der Tat häufiger als jede andere Frau). Entweder sie liebt, oder sie hasst, und wenn sie hasst, zieht sie es meist vor, sich emotional völlig vom anderen zu lösen, weil ihr Hass auf eine tiefempfundene Verletzung zurück geht, die sie lieber vergessen möchte.

Das Ignatia-Kind drückt seine Unsicherheit in Form von Launen aus. Das kleine Mädchen ist vielleicht meist fröhlich, aber irgendeine Kleinigkeit, die ein weniger empfindsames Herz gar nicht bemerken würde, lässt das Gefühl des Ungeliebtseins aufkommen, das die Wurzel der Labilität von Ignatia ist. Vielleicht machen die Eltern viel Wirbel um den Geburtstag der Schwester, oder das Kind wird für eine besondere Schulleistung nicht ausreichend gelobt. Bei solchen Gelegenheiten schmollt Ignatia gerne und zieht sich auf eine ziemlich dramatische Weise zurück, womit sie die anderen gleichzeitig strafen und Aufmerksamkeit erregen will (Kent: "verdrossen", "kindisches Verhalten", "Wann immer man ihre Pläne durchkreuzt oder ihr widerspricht, will sie alleine sein und brütet über die Widrigkeiten des Lebens").

Wenn Natrium muriaticum Kinder sich verletzt fühlen, ziehen sie sich still in sich selbst zurück, tun aber nach außen so, als sei alles in Ordnung. Ignatia wendet sich dagegen von ihren Eltern ab, stürmt in ihr Zimmer und schreit vielleicht: "Geht weg! Ihr liebt mich nicht! " Die Eltern sind entsetzt, weil sie gar nicht wissen, worüber sich das Kind so aufregt.

 

Liebeskummer

Während der Pubertät neigt der Ignatia-Teenager mehr als seine Altersgenossen zu intensiven und wechselnden Launen. Das Mädchen verliebt sich vielleicht in  verschiedene Jungen, und schließlich ist sie in einen von ihnen völlig vernarrt. Die meisten Ignatia-Teenager wissen, dass sie leicht verletzlich sind, und gehen keine Beziehungen ein, bevor sie nicht sicher sind, dass ihre Gefühle erwidert werden. Wenn sie dann doch von ihrem Partner zurückgewiesen werden, grämen sie sich über alle Maßen (Kent: "Beschwerden durch enttäuschte Liebe"). Nun ist natürlich folgendes passiert: Die Verteidigungswälle, die ihr Herz fast während des ganzen Lebens geschützt haben, sind gefallen, und in diesem verletzlichen Zustand bringt das Gefühl, verlassen worden zu sein, alle unterdrückten Schmerzen der Kindheit wieder zum Vor schein. Sie fühlt sich wieder genauso wie das Kind, das glaubte, nicht geliebt zu werden. Während einer solchen Krise bricht Ignatia zusammen und schluchzt unkontrolliert. Sie verliert jeden Appetit, isst wochenlang so gut wie nichts (und erbricht, wenn sie etwas gegessen hat), während sie über ihrem Schmerz brütet und sich nach der Liebe sehnt, die sie verloren hat. (Kent: "Trotz aller Bemühungen hat der Schmerz sie einfach in Stücke gerissen.") Jeder Versuch, über ihre Gefühle zu sprechen, endet in einer Flut von Tränen, und in ihrer Verzweiflung sagt sie, dass sie sterben will. Einige Ignatias nehmen dann eine Überdosis Beruhigungsmittel oder andere

Tabletten und bringen sich damit vielleicht sogar um, weil sich der Schmerz in ihrem Herzen so unerträglich anfühlt.

Ignatia-Frauen haben oft die Angewohnheit, sich in Männer zu verlieben, die ihre Liebe nicht erwidern können. Möglicherweise ist der betreffende Mann schon verheiratet,

oder er ist einfach nicht fähig, frei zu lieben. Kent schreibt darüber in seinen Vorlesungen zur homöopathischen Arzneimittel lehre, dass Ignatia sich entweder in einen verheirateten Mann verliebt oder in jemanden, "den sie sonst verachten würde". Wir alle neigen dazu, in unserem Leben immer wieder in Situationen zu geraten, in denen

wir die Konstellation der Eltern-Kind-Beziehung wiederholen. Es scheint so, als wolle die Psyche auf diesem Weg alte Wunden heilen, indem sie "das Drehbuch neu schreibt". Ignatias Angewohnheit, sich in Männer zu verlieben, die sie nicht haben kann, lässt sich so als Spiegel der Kindheit verstehen, in der ihre Liebe zu ihren Eltern

scheinbar nicht erwidert wurde.

 

Panik

Während emotionaler Krisen gerät Ignatia oft in Panik. Sie fühlt sich verwundbar und verliert die Kontrolle über sich, was Angst vor Geisteskrankheit auslösen kann.

Es ist wunderbar zu beobachten, wie schnell die Arznei in solchen Fällen die Stabilität und Ruhe wiederherstellt. Ein einziger Tropfen im Sprechzimmer auf die Zunge gegeben, und der Gesichtsausdruck der Patientin wechselt von Angst zu Erleichterung und Erstaunen. Wenn Ignatia unter Stress steht, kann sie auch Phobien entwickeln. Möglicherweise stehen sie in direktem Bezug zu bestimmten Erinnerungen an die schmerzhaften Erfahrungen, die die Krise heraufbeschworen haben. Beispielsweise hat sie vielleicht während einer Busfahrt realisiert, dass ihre Beziehung beendet war, und danach hatte sie bei jeder Busfahrt Angst. Der Ursprung ihrer Phobie muss ihr gar nicht bewusst sein, vor allem wenn sie erst Wochen oder sogar Jahre nach dem auslösenden Ereignis aufgetreten ist, nachdem eine andere Belastung die alten, unterbewussten Erinnerungen wie der geweckt hatte. Diese Phobien können allmählich vergehen, wenn Ignatia wieder stabiler wird, aber manchmal bleiben sie auch als Zeichen, dass der zugrundeliegende Schmerz nicht geheilt wurde.

 

Gram

Ignatia und Natrium muriaticum sind die beiden Arzneimittel, an die alle Homöopathen zuerst denken, wenn es darum geht, einen tiefen oder langanhaltenden Gram zu behandeln. Die Psychodynamik dieser beiden Mittel ist insofern sehr ähnlich, als beide Typen sich als Kinder ungeliebt fühlten (wenn auch vielleicht nur unbewusst) und ihr Gram mit dem alten Trauma eines Liebesverlustes zu tun hat, sei es nun durch den Tod eines geliebten Menschen oder durch Zurückweisung. Natrium muriaticum ist kontrollierter und trauert oft schweigend, während Ignatia bei einem schmerzlichen Verlust meist jede Kontrolle verliert, zumindest am Anfang. Als eine Art aktiver

Reaktion auf den Schock schluchzt sie zunächst hysterisch, gefolgt von Wochen emotionaler Reizbarkeit, in denen Ausbrüche von Wut und Tränen mit Perioden wechseln, in denen sie still (aber sehr schmerzlich) trauert. Wie Natrium muriaticum neigt Ignatia dazu, sich zu isolieren, wenn sie verletzt ist (Kent: "Trost verschlechtert",

"Abneigung gegen Gesellschaft"). Sie ist einmal verlassen worden, und sie will das nicht ein zweites Mal riskieren, indem sie bei einem anderen Menschen Trost sucht. Zeitweise fühlt sie sich jedoch erheblich schlechter, wenn sie alleine ist, besonders in akuten Phasen des Grams.

Jeder Konstitutionstyp kann nach einem schmerzlichen Verlust oder nach der Trennung von einem geliebten Menschen in einen Ignatia-Zustand geraten. Die prinzipiellen Symptome sind unkontrolliertes Weinen, schnell wechselnde Gefühle, Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit mit einem Gefühl der Leere im Magen, die durch nichts zu füllen ist, und einem Kloßgefühl im Hals. Wenn der Gram chronisch geworden ist und sich in eine Art Hintergrundtrauer verwandelt hat, die nur noch aufflackert, wenn der Patient an den Verlust erinnert wird, hilft wahrscheinlich eher Natrium muriaticum. Mit an deren Worten: Ignatia ist nützlich im akuten Stadium des Grams, Natrium muriaticum für die chronischen Auswirkungen.

Eine der charakteristischen, aber ziemlich unüblichen Manifestationen des Ignatia-Grams ist Hysterie. "Hysterie" im medizinischen Sinne bedeutet, dass körperliche Symptome als Reaktion auf einen emotionalen Schock auftreten, und in diesem Sinne ist Ignatia wahrscheinlich das beste Arzneimittel zur Behandlung von Hysterie.

(Kent weist in seinen Vorlesungen darauf hin, dass hysterische Persönlichkeiten, die sich bewusst unmöglich aufführen, um Aufmerksamkeit zu erregen, durch Ignatia nicht beeinflusst werden. Sie brauchen Mittel, die einen stärkeren Bezug zu geistig unausgeglichenen Typen haben, wie Moschus oder Lilium tigrinum.)

Zu den hysterischen Reaktionen von Ignatia gehören üblicherweise Symptome, die mit dem Nervensystem zusammenhängen, wie Epilepsie, Muskelkrämpfe, Taubheit und so weiter. Einen solchen Fall habe ich kürzlich erlebt, ein junges Mädchen, das plötzlich eine fluktuierende Blindheit entwickelte, verbunden mit schnellen, unfreiwilligen Augenbewegungen. Sie wurde von Augenspezialisten untersucht, die zu der Überzeugung kamen, dass die Symptome hysterisch waren, also ohne organische Ursache und lediglich durch Stress ausgelöst. Im Verlauf der Konsultation wirkte das Mädchen sehr sensibel. Sie war reif für ihr Alter (zwölf Jahre), aber sie hatte keine Erklärung dafür, warum eine so dramatische Reaktion aufgetreten war. Ihre Eltern waren fürsorglich, und es hatte in letzter Zeit kein erkennbares emotionales Trauma gegeben, das

ihre offensichtlich hysterische Blindheit gerechtfertigt hätte. Gleichwohl gab sie zu, dass sie sich in den letzten Monaten sehr angespannt gefühlt hatte, und sie bestätigte, dass ihre Blindheit proportional zum Grad der Anspannung zugenommen hatte. Beim Gespräch mit ihren Eltern wurde klar, dass ihr Vater von seiner Arbeit besessen war und nur sehr wenig Zeit zu Hause verbrachte. Und selbst wenn er zu Hause war, war er gedanklich immer noch bei seinen Geschäften, und das Mädchen hatte kaum wirklichen Kontakt mit ihm. Weiterhin litt die Mutter an einer chronischen Krankheit, die sie daran hinderte, ganz sie selbst zu sein. Und schließlich hatte sich die Patientin in ihrer Schule niemals wohl gefühlt, denn während sie sensibel und kultiviert war, hatten die anderen Kinder einen einfacheren Hintergrund, bezeichneten sie als "Snob" und schlossen keine Freundschaft mit ihr. Mit anderen Worten, obwohl es kein herausragendes traumatisches Ereignis gab, das ihre Symptome hätte erklären können, hungerte sie permanent nach jener spontanen Liebe, die nur relativ entspannte und zufriedene Eltern geben können, und diese subtile, unbeabsichtigte Zurückweisung wurde durch die weniger subtile Behandlung verstärkt, deren Opfer sie in der Schule war. Eine oder zwei Dosen Ignatia 10M besserten rasch die Augenprobleme, und der Stress

wurde dadurch reduziert, dass sie in eine vornehmere Schule wechselte und der Vater sich mehr Zeit für die Familie nahm.

 

Bitterkeit und Vermännlichung

Wenn Ignatia von einem geliebten Menschen zurückgewiesen wird (oder auch nur das Gefühl hat, sie werde zurückgewiesen), dann wird sie gewöhnlich bitter oder sogar rachsüchtig (Kent: "Kränkung", "streitsüchtig", "Ärger - mit stillem Kummer"). Zu solchen Zeiten kann sie eine Salve von Beschuldigungen loslassen, wie unfair man sie behandelt hat, wie grausam der andere ist, wie selbstsüchtig und lieblos, wobei ihre Entrüstung vor allem verschleiern soll, dass sie sich tief in ihrem Inneren für nicht liebenswert hält. Einmal mehr bestätigen die äußeren Umstände sie in dieser Überzeugung. Eine unsichere Ignatia reagiert überempfindlich auf jede Art von Zurückweisung, sei sie auch noch so unbedeutend. Wenn eine Verabredung, auf die sie sich gefreut hat, kurzfristig abgesagt wird, nimmt sie das übel und drückt ihre Verstimmung auch deutlich aus. Die Zuneigung einer beleidigten Ignatia kann man zwar zurückgewinnen, aber dazu muss man sich erstens entschuldigen und ihr zweitens selber Zuneigung und Respekt entgegenbringen, die beiden Dinge, die sie am meisten braucht.

Ignatia-Frauen, die ein besonders schweres Leben haben, neigen dazu, hart und bitter zu werden.

Je härter sie werden, desto männlicher erscheinen sie. Während die harte Ignatia-Frau immer noch das Verlangen nach irgendeiner Art von Bestätigung hat, aber nicht mehr wagt, emotional verletzbar zu sein, versucht sie Eindruck zu machen, indem sie andere dominiert. Sie ist herrschsüchtig, extrem reizbar und hat ein Temperament, das starke Männer vor Angst zittern lässt. Um sich wichtig zu fühlen, wird die harte Ignatia ehrgeizig und setzt auf soziale Anerkennung. Sie wird zur engagierten Karrierefrau und versucht, die Männer in ihrer eigenen Welt des Wettbewerbs und des Intellekts zu schlagen. Je maskuliner Ignatia wird, desto stärker verlässt sie sich auf ihren Intellekt. Hier versucht sie andere zu beeindrucken, indem sie hochgradig intellektuell wird. Ignatia-Akademikerinnen sind oft sehr stolz auf ihre Zeugnisse und legen größten Wert auf die Titel vor dem Namen. Dadurch fühlen sie sich wichtig, und das ist fast genauso gut wie das Gefühl, geliebt zu werden. In unserer männlich dominierten Gesellschaft ist es im allgemeinen leichter, Anerkennung über den Intellekt zu erreichen als durch künstlerische oder praktische Tätigkeiten. Außerdem kann

Ignatia, wenn sie sich in ihren Intellekt versenkt, die schmerzhafte Welt der Gefühle vermeiden, und für viele Ignatias ist es leicht, intellektuell zu glänzen, weil sie einen scharfen Verstand haben.

Die maskulinere Ignatia-Frau kann man leicht mit Nux vomica verwechseln, das man, obwohl es einem vorwiegend männlichen Typ entspricht, gelegentlich auch bei Frauen findet. Beide sind entschlossen, effizient und aggressiv, und viele Nux-vomica-Frauen sind ebenfalls intellektuell orientiert. Beide tragen gerne männliche Kleidung wie Hosenanzüge, haben recht "strenge" Frisuren und eine angespannte, aufrechte Haltung. Der Homöopath muss genau hinsehen, um die beiden zu unterscheiden.

Ignatias Stärke ist brüchiger, weil sie lediglich ein Abwehrschild ist, um das empfindsame Herz zu schützen. So ist Ignatia defensiver als Nux vomica und neigt mehr dazu, beim geringsten Anzeichen von Widerspruch oder Missfallen aus der Haut zu fahren. Nux vomica hat viel Vertrauen in sich selbst und ihre Fähigkeiten, und deshalb kann sie andere Meinungen eher ignorieren. Die harte Ignatia-Frau wird in vielen Fällen immer noch nach Liebe suchen und immer noch zusammenbrechen, wenn sie ihr Herz öffnet und sich dann zurückgewiesen fühlt. (Äußerlich sehen die beiden Typen ziemlich unterschiedlich aus, was eine zusätzliche Hilfe bei der Identifizierung ist.)

Der andere Typ, der mit der harten Ignatia-Frau verwechselt werden kann, ist die harte Natrium muriaticum-Frau. Hier sind die Ähnlichkeiten stärker, weil die Psychologie vergleichbar ist. Der hauptsächliche Unterschied besteht darin, dass Ignatia schneller explodiert. Sie bricht rasch entweder in Ärger oder in Tränen aus, wogegen Natrium muriaticum ihre Gefühle verbirgt und kontrolliert.

Beide Typen suchen nach Selbstbestätigung durch ihre Karriere, aber Ignatia wird im Allgemeinen eher durch das Prestige mächtiger Spitzenpositionen angezogen, während Natrium muriaticum, gleichgültig wo sie arbeitet, zufrieden ist, wenn man sie für effizient und unentbehrlich hält.

 

Prestige

Oft ist die emotional unsichere Ignatia-Frau fast die ganze Zeit damit beschäftigt, ihr schwaches Selbstwertgefühl zu stärken. Sie wird ihren Freunden helfen, solange sie eine Gegenleistung erwarten kann, sowohl in Form verbaler Anerkennung als auch in dem Sinne, dass sie sich Unterstützung für eine ungewisse Zukunft sichert. Da sie das

Gefühl hat, sie sei in der Vergangenheit (emotional) missbraucht worden, passt sie sehr auf, dass sie nicht übervorteilt wird, und sie wird gewöhnlich darauf achten, dass

man sich an ihre Hilfe erinnert. Namen fallen zu lassen gehört zu den bevorzugten Wegen, auf denen Ignatia nach Prestige sucht. Ignatia hat einen natürlichen Charme, und sie sieht oft bezaubernd aus. Ihr Äußeres, ihre Kultiviertheit und ihre Gabe, sich selbst ins rechte Licht zu setzen, bringen sie oft in Kontakt mit gesellschaftlichen Berühmtheiten, und sollte sie tatsächlich nicht als vollwertiges Mitglied in die gesellschaftliche Elite aufgenommen werden, wird sie zumindest das Beste aus ihren guten

Kontakten machen. Ich habe mehrere Ignatia-Frauen kennen gelernt, die regelmäßig ihre Bekanntschaft mit der einen oder anderen Berühmtheit im Gespräch erwähnten, und eine von ihnen sammelte sogar Zeitungsausschnitte, auf denen sie mit berühmten Klienten zu sehen war.

Ignatia ist im allgemeinen ein sehr geselliger Mensch. Die gesunde Ignatia genießt es, ihre Begeisterung mit anderen zu teilen, und hat eine herzliche Art. Die mehr  verletzliche Ignatia nutzt gesellschaftliche Kontakte oft als Mittel, um sich Anerkennung und Unterstützung zu sichern. Oft füllt sie ihren Kalender mit Verabredungen, Partys und Soireen und hält Kontakt zu möglichst vielen Leuten. Bei solchen Gelegenheiten ist sie äußerst charmant und genießt die Bewunderung, die ihr zuteil wird, vor allem wenn sie vom anderen Geschlecht kommt. Ignatia ist sehr abhängig von der Wertschätzung an derer, und sie wird oft nach Komplimenten angeln, wenn sie nicht von alleine kommen. (Die Rollen oft gespielt von Schauspielerin Diane Keaton, sind typisch für Ignatia und demonstrieren diese Eigenart sehr schön.)

 

Dramatik

Ignatia gehört zu den dramatischsten Typen. Viele Ignatia-Frauen nutzen diesen guten Effekt als Schauspielerinnen. Die Schauspielerei passt in vieler Hinsicht ideal zu Ignatia, denn damit erntet sie Anerkennung für ihre natur gegebene emotionale Dramatik und Eitelkeit. Um dramatisch zu sein, braucht man Zuschauer, und Ignatia lernt von früher Kindheit an, ihre Zuschauer zu benutzen, um Liebe und Anerkennung zu bekommen oder sie für ihr Unglück zu geißeln. Selbst wenn sie glücklich ist, dramatisiert die unsichere Ignatia ihre Gefühle in dem Versuch, von ihrem jeweiligen Gegenüber eine positive Antwort zu bekommen in der Art wie: "Ja, du bist wundervoll, und ich liebe dich." Die unsichere Ignatia brüstet sich damit, wie glücklich sie ist, und übertreibt alles, um als etwas Besonderes und dadurch liebenswert zu erscheinen. (Natrium muriaticum und Phosphor-Frauen tun das auch.)

Wenn sie gelobt wird oder auch nur Zustimmung findet, ist sie hingerissen und kichert vor Vergnügen. (Kichern ist sehr charakteristisch für Ignatia.) Andererseits wird die Andeutung einer negativen Antwort (oder auch gar keine Reaktion) Bestürzung auslösen, und Ignatia ist dann entweder deprimiert oder verärgert. Ignatia sehnt sich da

nach, für irgend jemanden ein ganz besonderer Mensch zu sein, und sie verbringt den größten Teil ihrer Zeit damit, nach Anerkennung zu streben.

 

Kultiviertheit

Gesunde Ignatias sind meist sehr kultiviert, und zwar sowohl intellektuell als auch ästhetisch/künstlerisch. Ignatia ist zu einer subtilen akademischen Analyse ebenso fähig wie zu zarten, intuitiven Einsichten. Darin gleicht sie Silicea und auch einigen Sepias. Da sie so emotional ist, interessiert sich die gesunde Ignatia meist mehr für die Lebensbedingungen der Menschen (wie auch der Tiere und Pflanzen) als für die theoretischen Wissenschaften, die wenig mit ihren eigenen Lebenserfahrungen zu tun haben. Literatur, Metaphysik und Anthropologie sind Gebiete, für die sie sich oft interessiert, ebenso wie Ernährung, Gesundheit und Esoterik.

Die "nüchternen Wissenschaften" wie Mathematik, Physik, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften überlässt sie den mehr rationalen Typen und auch den stärker

maskulinen Ignatias. Sie ist zwar durchaus fähig, diese Fächer zu verstehen, aber sie erschließen sich ihr nicht intuitiv und natürlich.

Die gesunde Ignatia ist auch gesellschaftlich kultiviert. Sie wird sich in den meisten Fällen freundlich und höflich ausdrücken und nichts Vulgäres an sich haben. Weil ihre Gefühle so tief sind, ist ihr Wertesystem klar und fordert gegenseitigen Respekt und Verständnis. Wie Silicea verbindet Ignatia zarte Empfindsamkeit mit einem starken Identitätsgefühl und rückt nicht von ihren ethisch hohen persönlichen Ansprüchen ab. (Das Gefühl für die eigene Identität ist bei Ignatia insgesamt noch stärker als bei Silicea, weil sie nicht besonders unter Furchtsamkeit und Unentschiedenheit leidet.) Ignatia ist gewöhnlich bei all ihrer Zartheit doch recht zielstrebig, und sie wird leicht verwirrt und ärgert sich über sich selbst, wenn sie ihren eigenen Prinzipien untreu wird. Nur wenn sie schon unempfindlicher geworden ist, wird sie auch opportunistischer und senkt ihren ethischen Standard.

Aber selbst dann hält Ignatia gewöhnlich ihr Wort und erwartet das auch von anderen, weil sie es nicht erträgt, enttäuscht oder ausgenutzt zu werden. Ignatias Integritätsgefühl ist in manchen Fällen so stark, dass sie krank wird, wenn sie sich nicht an ihre eigenen Maßstäbe hält. Ich habe einmal eine junge Frau wegen schwerer Panikanfälle behandelt, die mit Fieberanfällen verbunden waren. Ihre Symptome begannen plötzlich, während sie in einem tropischen Land unterwegs war, und die Mischung aus psychischen und körperlichen Symptomen machte die Diagnose schwierig.

Sie erzählte mir etwas verlegen, sie habe kurz vor Beginn der Krankheit eine Urlaubsromanze mit einem Mann gehabt, den sie auf der Reise kennen gelernt hatte. Sie hatte ihn nicht für besonders großartig gehalten, und es hatte ihr auch nichts ausgemacht, ihn zu verlassen, aber sie wurde krank. Sie fühlte sich sehr verstört, versicherte aber, sie habe zu Hause eine feste Beziehung, die sie, wie ihr inzwischen klargeworden war, nicht gefährden wollte. Dabei wurde deutlich, dass ihr Seitensprung ihr Integritätsgefühl

so stark aus den Fugen gebracht hatte, dass sie krank wurde. Ihre Krankheit wurde schließlich als Virushepatitis diagnostiziert, aber ich bin sicher, dass der Zeitpunkt der Erkrankung kein Zufall war, und die Patientin verstand das auch intuitiv. Ihre Panikanfälle und das Fieber verschwanden rasch nach einigen Dosen Ignatia 10M, und als sie

entlassen wurde, fühlte sie sich nur noch müde, was sich durch die Einnahme von China besserte.

 

 

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