Keynote-System

x!y

Vergleich: Siehe: Terms in homeopathy + Homeopathy + Theorie

 

[Henry N. Guernsey, M.D.]

Vortrag vor der Philadelphia County Medical Society

Ich habe zahlreiche Anfragen erhalten, die sich mit demjenigen Grundgedanken der homöopathischen Praxis beschäftigen, der mit dem Ausdruck »Keynote-System« belegt ist und der in neuerer Zeit

mit viel Aufmerksamkeit, sowohl in Zeitschriften als auch andernorts, bedacht wurde. In Anbetracht dessen hielt ich es für besonders sinnvoll, vor den Mitgliedern unserer Gesellschaft Umfang und Nutzen der mit diesem Ausdruck bezeichneten Methode, soweit ich in der Lage bin, korrekt zu erläutern, als Teil der praktischen Homöopathie.

Der Ausdruck »Keynote« ist nicht als definitiver Begriff anzusehen, ich hatte bei seiner Einführung auch nicht die Absicht, daß er als wissenschaftlicher Begriff behandelt wird.

Er erschien mir als außerordentlich illustrativ für eine medizinische Tatsache, und nur auf diese Weise soll er verstanden werden. Der Ausdruck »Keynote« ist daher hinweisend und lediglich

provisorisch; er soll nur so lange verwendet werden, bis sein wissenschaftlicher Nachfolger korrekt ausgewählt ist und sich durch allgemeine Anerkennung als tauglich erwiesen hat.

Doch obwohl dieser Ausdruck nichts weiter als eine Illustration, eine Analogie und einen Hinweis darstellt, wird dennoch seine außerordentliche Bedeutsamkeit dadurch nicht verringert.

Er ist noch immer Ausdruck einer Tatsache, einer zentralen und fundamentalen Wahrheit, deren Kenntnis für die homöopathische Theorie und Praxis notwendig ist, um das ganze und

vollständige Verständnis des Ähnlichkeitsgesetzes sowie seine umfangreichste Anwendung zu bewerkstelligen.

In der Musik definiert man »Keynote« als »die grundlegende Note, an die das gesamte Stück angepaßt ist« [Grundton]; das »Keynote« der Musik findet aufgrund einer Analogie –

Durch die an sich weit voneinander entfernte und, oberflächlich betrachtet, unähnliche Dinge in engster Beziehung verbunden werden – überall seine Entsprechung.

Das Keynote der Religion ist die Existenz Gottes. Dadurch verbinden sich auf harmonische Weise all die unzähligen theologischen Schattierungen, wie gegensätzlich sie auch immer zu sein scheinen.

Gravitation ist das Keynote der Ordnung, welche die unzähligen Himmelskörper auf ihrem Weg durch das Weltall lenkt. Fortschritt ist das Keynote, an das die wunderbaren politischen,

sozialen und industriellen Bewegungen unserer Zeit angepaßt sind. Das Keynote der Kirche - ist Glaube; das einer echten Familie - Liebe.

Hierdurch wird -und zwar möglicherweise mit ausreichender Klarheit- die Bedeutung, Kraft und richtige Verwendung des Ausdrucks, so wie ich ihn in der Medizin gebrauche, angedeutet, und da ich das Gefühl habe, daß eine Andeutung oft erhellender ist als eine direkte Erläuterung, zögere ich, eine exaktere Definition zu geben.

Wenn uns ein Mann berichtet, daß er »schlechte Laune« habe, oder wenn ein medizinischer Autor von einem geschwächten oder verminderten »Tonus« oder von einem »Tonus«-Verlust des Systems spricht, so benötigen wir kaum eine Erklärung für die Bedeutung der verwendeten Bezeichnungen. Vielleicht wird uns auf diese Weise mehr vermittelt als durch einen mühsamen Versuch, denselben Umstand mit anderen Worten zu beschreiben. Ebenso verhält es sich mit dem Ausdruck »Keynote«. Es soll der Ausdruck einer Wahrheit sein, die in keinem kürzeren oder gedrungeneren Satz vermittelt werden kann und die uns die gesamte Wahrheit vermittelt oder, eher noch, zu verstehen gibt.

Ein zufälliger Beobachter, der das weite Feld unserer Materia Medica betrachtete, würde sagen, daß die Blumen darin alle gleich aussähen; so einander ähnlich und so gewöhnlich, dass sie völlig wertlos seien; und tatsächlich, ohne das in dem von mir gebrauchten Ausdruck liegende Prinzip, schiene dies die Wahrheit zu sein. In der Materia medica wie in der Pathologie haben wir ungeheure Mengen offensichtlich unharmonischer, verworrener, unähnlicher und ständig zunehmender Fakten vor uns. Aufgrund dessen bestände die Aussicht, daß die höheren Fakultäten – weil jedes korrekte Werk von unbehindertem und intensivem Arbeiten abhängt – möglicherweise hoffnungslos verwirrt würden, gäbe es nicht jenes führende Prinzip, daß eine charakterisierende Kraft, das »Keynote«, tatsächlich aufzufinden ist und daß jeder Akzent, jedes Merkmal und jeder Ausdruck zu ihm paßt und mit ihm übereinstimmt, ihm angepaßt und damit in Einklang gesetzt ist.

Das »Keynote-System« ist nicht allein auf die Symptomenreihen anwendbar, welche die Pathogenese unserer Materia medica darstellen, sondern ebensogut auf die Reihe der Symptome und Zustände, welche die Krankheit darstellen. In der Pathologie soll der Ausdruck »pathognomonische Symptome« in vielen Fällen das bezeichnen, was das - »Keynote« einer bestimmten Krankheit genannt werden könnte, und obgleich dies so weit zutrifft, reicht es doch nicht aus, um alles abzudecken, die ganze Palette der Krankheiten zu umfassen, oder um die eigentümlichen Merkmale zu bezeichnen, die einen Fall einer bestimmten Krankheit von einem anderen unterscheiden. Der homöopathische Arzt hat nun nicht die Aufgabe, die Krankheit an sich zu behandeln, sondern vielmehr die Kranken; daher also kann, mit Rücksicht auf die eigentliche Natur der Dinge, das gelehrte Generalisieren der allopathischen Schule von uns nicht anerkannt werden.

Obwohl die hauptsächlichen Merkmale einer Krankheit sowie auch die Symptome, die zu ihrer Namensgebung geführt haben, bei allen Personen, die an ihr erkrankt sind, zugegen und ähnlich sind,

müssen wir alle doch eingestehen, daß wir irgendein Symptom oder Zeichen, einen alles durchdringenden Zustand, einen charakterisierenden Umstand finden können, der jedem Fall seine

Individualität verleiht und ihn, so gering der Unterschied auch sein mag, von allen anderen Fällen abweichen läßt. So könnten wir also sagen, daß wir, erstens, die Erscheinungen haben, welche die Krankheit augenscheinlich werden lassen; nächst dem die speziellen Merkmale, welche die Klassen und Formen voneinander unterscheiden – jene Zustände oder Symptome, durch die jede Klasse

oder Form wieder unterteilt wird und von denen jede Unterart einen spezifischen Namen erhält; und, schließlich, die charakteristischen Merkmale, die dazu dienen, jeden Fall von allen anderen Fällen gleicher Krankheit zu unterscheiden: so, wie wir beim Menschengeschlecht zunächst die deutlichen und stets vorhandenen Merkmale der Rasse vorfinden; dann die besonderen Merkmale der Nationalität; dann die Eigentümlichkeiten der Familie; und, letztlich, die stark oder schwach ausgeprägten Nuancen, die das Individuelle charakterisieren.

Dies ist es nun, was wir als in das Studium von Krankheit übertragenes Keynote-System bezeichnen können. Es ist dies eine vergleichende Pathologie in ihrem ausgedehntesten Sinne.

Jetzt mögen Sie mir vielleicht erwidern, daß dies nichts Neues sei. Dessen bin ich mir wohl bewußt. Hahnemann hat es so klar wie möglich aufgestellt, um die Wahrheit auszusprechen.

Wenn es auch allein dadurch, daß Hahnemann es aufgestellt hat, noch nicht wahr ist, so stimmt es aber deshalb, weil die Erfahrung tausender Homöopathen es als wahres System der Diagnose bestätigt hat, als die wahrhaft praktische Methode, um einen Fall von einem anderen unterscheiden zu können, oder, in anderen Worten, als das Individualisieren. Doch leider wird dies in dem faszinierenden Strudel des Generalisierens oft aus den Augen verloren.

Nun sollten wir uns dem Sammelbecken der Vorgehensmöglichkeiten zuwenden, aus dem wir diejenigen entnehmen, die sich bei den vielfältigen Erkrankungen als heilend zu erweisen haben, und sehen, wie und mit welchem Ergebnis das »Keynote-System« dabei angewendet werden kann.

Aus den »Prüfungen« von Aconitum, aus seinen zahlreichen toxischen Wirkungen und durch die bei seiner Anwendung in Krankheitsfällen gemachten Erfahrungen bezüglich seines Wirkungsumfangs, hat sich eine solch umfangreiche Sammlung von Symptomen ergeben, dass es nicht übertrieben ist zu sagen, daß diese einen dicken Band füllen könnten; zu diesen Symptomen können wir vielleicht noch die Ergebnisse neuer Prüfungen an unterschiedlichen Individuen ad infinitum hinzufügen. Wieviele dieser Symptome sind ähnlich oder offenbar identisch mit denen, die bei den Prüfungen anderer Mittel hervorgerufen wurden? Die Blumen scheinen tatsächlich alle gleich zu sein. Und dennoch gibt es in der Pathogenese etwas, das allein Aconitum zu eigen ist; einen Ausdruck, der eine charakteristische, untrügliche, vorherrschende Wirkung des Mittels verkörpert, eine Wirkung, die es von allen anderen Arzneien unterscheidet und die seine anderen Wirkungen mit mehr oder weniger Gewicht versieht. Dieses Symptom oder dieser Zustand, diese Symptome oder diese Zustände bilden das Keynote oder die Keynotes von Aconitum als Heilmittel und sind der Schlüssel zu seiner Indikation im Krankheitsfall. Durch Vergleiche zwischen Arzneien, indem alle Symptome aufgenommen und sorgfältig miteinander verglichen werden, werden wir merken, daß ein jedes Mittel, neben der fundamentalen Ähnlichkeit zu all den anderen, eigentümliche Unterschiede zu ihnen aufweist. Diese unwandelbaren Punkte des eigentümlichen Unterschieds bei einem Vergleich solcher Arzneien sind die »Keynotes«.

Damit haben wir nun die charakteristische Eigentümlichkeit der Krankheit, die den Fall individualisiert, und sind befähigt, aus dem Schatz der Materia medica zu schöpfen und - diejenige Arznei zu bestimmen, die in ihrer Pathogenese ein passendes ähnliches Charakteristikum, eine Eigentümlichkeit oder ein »Keynote«, besitzt und die das Heilmittel für diesen Krankheitsfall darstellt.

Dem Keynote-System wird nachgesagt, daß es sich mit der Doktrin in Konflikt befinde, welche die notwendige Berücksichtigung der Gesamtheit der Symptome lehrt, oder, mit anderen Worten, mit der Lehre wahrer Homöopathie. Dies stimmt auf keinen Fall. Es wird nicht verlangt, daß das Keynote des Falles einzig mit dem Keynote des Mittels übereinzustimmen hat; auch nicht, daß der gesamte Fall allein mit dem Keynote übereinstimmt, sondern einfach, daß das hervorstechende Symptom oder der vorherrschende Zustand des Falles, das beziehungsweise der ihn individualisiert und sein Keynote darstellt, an eine Arznei denken läßt, die eine Übereinstimmung mit dem Symptom, Zustand oder Keynote aufweist. Wenn weder bei der Auswahl des Keynotes der Erkrankung, noch bei der nachfolgenden Wahl derjenigen Arznei, die das übereinstimmende Merkmal aufweist, ein Fehler begangen wurde, können dann im Symptomenkodex unter der Überschrift dieser Arznei die übrigen Merkmale, Symptome und Zustände des Patienten oder, mit anderen Worten, die »Totalität«, aufgefunden werden. Somit ist das »Keynote«, wie bereits erklärt, lediglich hinweisend. Es deutet mit der kürzesten, sichersten und praktischsten Methode ein Mittel an, trennt und isoliert es von allen anderen Arzneien, indem es, erstens, das charakteristische Symptom oder den Zustand oder das »Keynote«

in ausgeprägtem Grad aufweist, zweitens, und zwar logischerweise, die übrigen Symptome oder Zustände deckt; zusammen bildet dies die Totalität des Falles.

Ein ärztlicher Freund drückte es in einem Brief so aus: »Das Keynote gibt uns die Tonart eines Liedes an, es ist aber nicht das Lied selbst.«

Wahre Homöopathen haben immer auf diese Weise verordnet. Es ist nicht die Totalität, die sozusagen die Überlegungen beeinflußt oder die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Mittel lenkt.

Es ist stets etwas Auffallendes im Fall, ein hervorstechendes Merkmal oder ausgeprägtes Symptom, das zu einem bestimmten Mittel führt. Anschließend sichert oder verwirft die Totalität die Wahl.

Daher wiederhole ich nochmals, daß das »Keynote-System« auf keine Weise mit der Lehre der »Totalität« in Widerspruch steht. Im Gegenteil, es betont das Wesentliche dieser Lehre und es führt zu ihrer ordentlichen und praktischen Ausführung.

In meiner vergangenen Arbeit über Geburtshilfe etc. habe ich mich – in dem Rahmen, den mir meine beschränkten Kenntnisse seinerzeit erlaubten – bemüht, die praktische Anwendung des Keynote-Systems darzustellen. Dabei habe ich nicht versucht, unter der Überschrift eines jeden Arzneimittels bei jeder Erkrankung eine Auflistung derjenigen Symptome zu verzeichnen, die zugegen sein können, sondern die charakteristischen Eigentümlichkeiten oder »Keynotes« der Mittel darzustellen -nur diejenigen, die nach meiner Erfahrung und der anderer »erprobt, bewiesen und ausgewählt« waren-,

so daß man sofort in die richtige Richtung geleitet wird, wobei die Wahl durch die Gesamtheit der Symptome gesichert werden muß; so daß, wenn das wahre Keynote angetroffen wurde, alle weiteren Zeichen damit in harmonischen Einklang gebracht werden konnten. So möchte ich verstanden werden, und die Herren, die mir die Ehre erwiesen, mein Buch zu rezensieren, werden im Gedächtnis behalten, daß dies die richtige Auslegung des Plans ist, den ich mittlerweile fortgesetzt habe; und wenn sie diesem Umstand ihre Aufmerksamkeit schenken und sorgfältig und gewissenhaft bei jeder

passenden Gelegenheit damit arbeiten, so werden sie bald zu allem, was ich über dieses Thema geschrieben habe, Ja und Amen sagen können.

In diesem Zusammenhang mögen einige Beispiele zur Veranschaulichung angebracht sein.

Als ich neulich bei einem Fall von Dysmenorrhoe zu einem Krankenbesuch gerufen wurde, bei dem eine Vielzahl unterschiedlicher Symptome vorhanden war, war ich von dem frommen, flehenden, ernsthaften und unaufhörlichen Reden der Patientin stark beeindruckt, das einen ebenfalls anwesenden Arzt sofort an das Bild von Stramonium denken ließ. Als er die Symptome verglich, erklärte er,

daß nicht alle Symptome der Patientin sich unter diesem Mittel wiederfinden ließen, stimmte jedoch der Verordnung von Stram. zu, da er nichts anderes vorzuschlagen hatte. Dem fügte er hinzu,

daß er nicht mehr an den Lehrsatz der Gesamtheit der Symptome glauben würde, sollte Stram. hier heilend wirken. Ich erwiderte, daß Stram. ohne Zweifel das Heilmittel sei und, wäre es ausreichend

und bei allen unterschiedlichen Temperamenten und Zuständen geprüft, sich alle Symptome der Patientin innerhalb der Pathogenese dieses Mittels wiederfinden lassen würden. Der Patientin wurde

Stramonium C 2 verabreicht, dies beruhigte sie unmittelbar, und alle ihre weiteren Symptome verschwanden rasch, in umgekehrter Reihenfolge des Auftretens. Ihr seltsames Reden war das zuletzt aufgetretene Symptom und das erste, das verschwand, und dieses Symptom ist ein »Keynote« für Stramonium, wenn es bei einem Kranken, gleich welchen Geschlechts, zugegen ist.

Bei Haemorrhagien, wenn das Blut in langen schwarzen Fäden aus den Körperöffnungen hängt, wird Crocus das Heilmittel sein; nicht allein für die Blutung, sondern für den ganzen Rattenschwanz

von Symptomen, die der Patient aufweist. Als zuletzt aufgetretenes Symptom wird die Haemorrhagie zuerst verschwinden, und wenn die fortschreitende Heilwirkung dann nicht gestört wird, indem

 

kein weiteres Mittel gegeben und der ersten Gabe ausreichend Zeit für ihre Wirkung eingeräumt wird, so werden die verbliebenen Symptome, die wiederum denjenigen Zustand darstellen, der zu der Haemorrhagie mit ihrer charakteristischen Eigentümlichkeit geführt hat, in der umgekehrten Reihenfolge ihres Auftretens verschwinden.

 

Wenn bei Kindern, die an Koliken leiden, ein roter Satz in der Windel festgestellt wird, so wissen wir, daß Lycopodium angezeigt ist. Durch die Wirkung dieses Mittels wird der gesamte krankhafte Zustand des Kleinen beseitigt; die ganze Kette von Störungen, die mit dem Erscheinen des Harnsatzes ihren Höhepunkt fanden. Der Harn indiziert Lycopodium; er ist das »Keynote« für dieses Mittel

 

in diesem Fall; die Symptome des kleinen Kranken werden dem Mittel zugeordnet werden können und durch das Mittel beseitigt werden.

 

Ich habe die Erlaubnis, folgenden Fall zu schildern, den ich aus einem der zahlreichen Briefe referieren werde, die mir zu diesem Thema zugesandt wurden. Es handelt sich um einen Fall von Typhus,

 

den letzten und schwersten einer bösartigen Epidemie, bei dem die Erkrankung allen bislang verabreichten Arzneien getrotzt hatte und die anwesenden und behandelnden Ärzte jede Hoffnung

 

aufgegeben hatten, den Knaben – einen zuvor gesunden, kräftigen Kerl von sechzehn Jahren – zu retten. Der Patient wurde durch ein Arzneimittel wiederhergestellt, das allein aufgrund eines »Keynote«-Symptoms ausgewählt worden war. Mein Freund schreibt folgendes: »Als ich eines Abends an sein Bett trat, bemerkte ich eine eigenartige konvulsivische Bewegung seines Kopfes, so, wie ich es zuvor niemals bei dieser oder einer anderen Erkrankung beobachtet habe, und zwar warf sich der Kopf von selbst ruckartig vom Kissen hoch und fiel sofort wieder darauf zurück; dies wiederholte sich andauernd. Ich erinnerte mich sofort an Ihr „Keynote“ von Stramonium. Ich ging in meine Praxis und war bei dem Vergleich der Symptome des Falles mit denen des Mittels erstaunt über die wunderbare

Übereinstimmung. Ich verabreichte daraufhin, wie mir meine Kollegen vorschlugen, wiederholte Gaben der dritten Dilution, sah jedoch nach vierundzwanzig Stunden keine Besserung. Dann wurde die dreißigste Potenz verabreicht, doch ebenfalls ohne Erfolg.

Daraufhin gab ich nachts eine Einzeldosis Stram. C 2 und war am nächsten Morgen glücklich, ein Lächeln auf dem Gesicht der ängstlichen Mutter zu sehen. „Henry wurde sehr bald nach der Einnahme

der Medizin ruhig und hat zum ersten Mal ruhig geschlafen“, sagte sie. Seine Genesung war von diesem Augenblick an zunehmend. Zehn oder zwölf Tage lang gab ich kein anderes Mittel. Stramonium rettete ihn, und Ihr „Keynote“, das ich in Ihrem Unterricht gelernt habe, war mein einziger Hinweis.«

Diese wenigen hier mitgeteilten Beispiele sind in der Lage, den praktischen Nutzen des »Keynote-Systems« darzustellen. Allein mittels des »Keynote-Systems«, so behaupte ich, kann die Kunst der homöopathischen Verschreibung vereinfacht und dargestellt werden. Mit Hilfe des »Keynote-Systems« war Stapf in der Lage, unter Anwesenheit einer bewundernden Klasse von Schülern, ohne eine Frage zu stellen, korrekt zu verordnen, da das objektive »Keynote«, das in der Erscheinung des Patienten wahrgenommen werden konnte, ihm die Gewißheit vermittelte, daß unter Cantharis der gesamte Zustand und alle Symptome sich finden würden; und auf diese Weise wurde seitdem eine Vielzahl homöopathischer Ärzte sicher und rasch zu dem wahrhaft heilenden Mittel geführt, das hätte verfehlt werden können, wenn auf komplizierteren Wegen danach gesucht worden wäre. Die Kraft und die Wahrheit der Idee Hahnemanns, daß die Krankheitssymptome in der umgekehrten Reihenfolge ihres

Auftretens geheilt werden, wird bei der Betrachtung vom Standpunkt des »Keynote-Systems« aus auf wunderbare Weise demonstriert. Mit der Hilfe dieses Systems wird der umfangreiche und

schwierige Text der Materia medica einfach und klar dargestellt und jeder Schatten, der auf den Seiten dieser Bücher liegt, wird gehoben; durch dieses System wird der Pathologie -Dienerin der Homöopathie- ihr vollständigster und stärkster Nutzen verliehen, die Diagnose wird exakt und brauchbar. Wie in den Händen eines Agassiz oder eines Leidy ein paar Knochen oder Zähne oder auch

nur eine Fischschuppe ausreichend sind, um ein ganzes Kapitel im Buch der Naturgeschichte aufzuschlagen, so wird der Behandler in der homöopathischen Praxis durch das vom Patienten dargebotene charakteristische »Keynote« in den Stand versetzt, den Fall zu individualisieren und das sich dadurch offenbarende ähnliche Mittel auszuwählen, das die Gesamtheit der Symptome deckt, und, coeteris paribus, den Fall zu heilen.

Ich habe hier versucht, die Bedeutung, Wahrheit und Nützlichkeit des »Keynote-Systems« darzulegen. Ohne Rücksicht auf einen ausgefeilten Schreibstil oder Prunk habe ich mich in meiner freien Zeit,

die ich meiner praktischen Tätigkeit stahl, bemüht, mit Klarheit und Genauigkeit das zu zeigen, wovon ich glaube, daß es eine Tatsache der Homöopathie, wenn auch keine neue Lehre ist. Sollten wir

durch diesen Beitrag oder durch die Diskussion, die darauf folgen mag, oder durch eine Überprüfung, die aufgrund der Veröffentlichung folgen sollte, tiefer in das eindringen, was ich für einen wahren Weg zu einer korrekten Ausübung der homöopathischen Therapie halte, würde ich mich reichlich belohnt fühlen.

 

ANMERKUNGEN DES ÜBERSETZERS

Henry N. Guernsey hat mit dem Terminus »Keynote« einen Begriff geprägt, der in der Homöopathie bis heute immer wieder verwendet wird, unter dem jedoch zuweilen nicht das verstanden wird, was Guernsey eigentlich damit bezeichnen wollte. Unter einem »Keynote« ist, wie Guernsey in dem vorangestellten Vortrag ausführt, ein Symptom oder eine Kombination von Symptomen zu verstehen, die dem Homöopathen ein Mittel vorschlägt, das er anschließend beim Studium der ausführlichen Materia medica erst noch anhand der übrigen Symptomatik sichern muß. Oder, wie es Georg v. Keller

einmal ausgedrückt hat: »Man könnte [...] fast [...] von einer im Hintergrund vieler Einzelsymptome erkennbaren Grundhaltung oder Grundfärbung [sprechen], die dem Mittel zu eigen ist und deren Sinn man erst dann erfaßt, wenn man sich eingehend mit dem Mittel beschäftigt. Ich glaube, daß Guernsey mit seiner Wortprägung „Keynote“ diese Art von Symptomen eigentlich gemeint hat.« (Allgemeine

 

Homöopathische Zeitung [AHZ], Bd. 227, 1982, S. 113).

Besondere Berücksichtigung soll hier noch die Übersetzung des Terminus »Keynote« erhalten. Ursprünglich war für das vorliegende Werk der deutsche Titel »Schlüsselsymptome zur Materia medica« geplant gewesen. Wie v. Keller jedoch ganz richtig sagt, ist eine Übersetzung mit »Schlüsselsymptom« nicht korrekt: »„Keynote“ heißt ja nicht „Schlüsselsymptom“, sondern „Schlüsselnote“, oder „Schlüsselmelodie“. Wie man in der Musik an einer bestimmten Tonfolge das ganze Musikstück erkennen kann, kann man in der Homöopathie durch solche Erkennungszeichen an das Mittel erinnert werden. Kent hat einen ähnlichen Vergleich gebraucht, den mit dem roten Faden im Tauwerk der britischen Kriegsmarine.« (AHZ, Bd. 227, 1982, S. 113).

 

Stuart Close äußerte sich in ähnlicher Weise (»The genius of homoeopathy«, Reprint Neu-Delhi 1991, S. 156 ff.). Er bezeichnet den Terminus »Keynote« als synonym mit den von Hahnemann in § 153 seines »Organon der Heilkunst« beschriebenen »charakteristischen Symptomen«. Auch warnt er davor, die Keynote-Methode mit der Symptomendeckerei oder mit einer Art Leitsymptomverordnung,

die sich meist nur auf ein einzelnes Symptom stützt, gleichzusetzen. Close gibt an, der Hauptgrund für eine derartige Auslegung des Begriffes »Keynote« sei ein tiefes Unverständnis der Bedeutung

der »Totalität der Symptome«, und unterscheidet zwischen der falsch verstandenen, rein »numerischen« und der »logischen« Totalität, wie Hahnemann sie beabsichtigte. Eine Verschreibung gründe

sich niemals auf ein Keynote, wie auffallend dies auch immer sein mag. Das Keynote lenke lediglich die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Mittel.

Die Ausführungen Guernseys, hier wie in anderen Veröffentlichungen, zeigen deutlich seine Nähe zu Clemens v. Bönninghausen. Dieser erwähnt in seinen Arbeiten den Begriff »Genius«

der Arzneimittel. Diesem Genius kommt man mit Hilfe der »Keynotes« auf die Spur. Die primären Arzneimittellehren, die Symptomenreihen der Arzneimittelprüfungen, sind die unverzichtbaren Quellen unserer Materia medica-Kenntnisse. Für ein Verständnis dieser Quellen, das Erfassen des Genius der Arznei, sind Anleitungen und Hilfsmittel überaus nützlich. Mit dem Keynote-System hat Guernsey einen probaten Weg gefunden, die Materia Medica für den praktischen Gebrauch und für das Arzneimittelstudium zugänglicher zu machen. Es ist sicher nicht der einzige Zugang, aber er ist zuverlässig, lern- und lehrbar.

 

 

Vorwort/Suchen                                Zeichen/Abkürzungen                                   Impressum