Krankheiten reden

 

[Jakob Simmank]

Interview mit Urte Scholz, Gesundheitspsychologin

Psychologie: Warum reden wir so gerne über unsere Krankheiten?

Zu Hause, im Büro, im Sportverein – viele nerven sich gegenseitig mit ihren Wehwehchen. Bringt das was, ist es heilsam? Was eine Gesundheitspsychologin dazu sagt

© Alex Holyoake/unsplash.com

 

ZEIT ONLINE: Wer kränkelt oder wem es mal irgendwo wehtut, teilt das in der Regel gerne mit. Statt sofort zur Ärztin zu rennen, erzählen wir unseren Verwandten, Freundinnen und Kollegen davon. Dauernd scheint es um Gesundheit und Krankheit zu gehen – zu Hause, in der Kneipe, der Kantine, im Büro. Frau Scholz, reden wir häufiger über unsere Leiden als über andere Dinge?

Urte Scholz: Ja. Meines Wissens gibt es dazu zwar keine Studien. Aber es ist eine Alltagsbeobachtung, die ich absolut teile.

Psychologie: Urte Scholz ist Professorin für angewandte Sozial- und Gesundheitspsychologie an der Uni Zürich und forscht zu Gesundheitsverhalten und Krankheitsbewältigung.

 

ZEIT ONLINE: Woran liegt das? Was erhoffen wir uns davon, unser Leid zu klagen?

Scholz: Der wichtigste Grund scheint mir zu sein, dass wir so nach Unterstützung suchen. Einerseits nach Informationen und praktischen Hinweisen. Wir fragen: "Hattest du auch schon einmal

so ein seltsames Ziepen im Bein? Was hat dir geholfen? Zu welchem Arzt bist du gegangen? Und hast du Magnesium genommen?" Andererseits wollen wir Trost und verstanden werden.

So reduzieren sich die Sorgen. Wir suchen oft jemanden, der unsere innere Spannung für uns auflöst, indem er sagt: Du musst dir keine Sorgen machen, oder: Geh mal lieber zum Arzt.

 

ZEIT ONLINE: Unsere Empfindungen machen uns zu Experten auf diesem Gebiet. Reden wir auch deswegen so gern über unsere Leiden, weil wir uns endlich mal mit etwas auskennen?

Scholz: Ich glaube nicht, dass wir gern über unsere Erkrankungen reden. Manche Menschen reden aber sicher viel darüber. Natürlich sind wir Expertinnen und Experten für unseren Körper.

Und wenn mit dem irgendetwas nicht so ist wie sonst, fangen wir an, darüber nachzudenken. Wenn ich beispielsweise einen komischen Fleck auf der Haut sehe oder etwas spüre, das mir nicht

mehr normal vorkommt, dann bindet das meine Aufmerksamkeit. Dann habe ich ein starkes Bedürfnis, darüber zu reden, weil es so präsent ist. Informationen, die unseren Körper betreffen, gehen

uns besonders nah. Noch dazu, wenn sie mit einer gewissen Unsicherheit verbunden sind. Wenn mir nicht klar ist, ob ich mir darüber Sorgen machen muss und eigentlich ganz dringend zum Arzt sollte.

 

ZEIT ONLINE: Meist reden wir aber nicht über Krankheiten, die wirklich gefährlich sind, wie etwa Krebs oder Herzversagen. Geht es also nicht unbedingt um Bewältigung, wenn wir über Krankheiten reden?

Scholz: Nein, meist reden wir über Dinge, die objektiv gesehen weniger schwerwiegend sind. Aber wenn ich ein seltsames Kribbeln in meinem Fuß habe, kann mich das trotzdem sehr beunruhigen. Auch wenn das von außen betrachtet lächerlich wirkt, weil es sich nur um ein Wehwehchen handelt.

    Wenn wir über intime Dinge wie Körperliches reden, betreiben wir eine Art Selbstöffnung

 

ZEIT ONLINE: Manche geben mit ihren Leiden, mit ihren Unfällen und zahlreichen Operationen an. Sind wir stolz auf unsere Leiden?

Scholz: Natürlich kann da eine Suche nach Anerkennung hinter stecken. Dann ist die Erzählung über einen Unfall oder eine Krankheit ein Mittel, um Aufmerksamkeit und Beachtung zu bekommen. Wer etwas hat, wird aber auch eher von Aufgaben  wie dem verhassten Abwasch in der WG freigestellt.

 

ZEIT ONLINE: Mediziner nennen das den sekundären Krankheitsgewinn.

Scholz: Genau. Jemand profitiert letztlich auch davon, dass er krank ist.

 

ZEIT ONLINE: Was gibt es noch für Gründe, sich ständig über Krankheiten auszutauschen?

Scholz: Wenn wir über intime Dinge wie Körperliches reden, betreiben wir eine Art Selbstöffnung. Ich erzähle dann etwas, das ich auf ganz großer Bühne nicht so sagen würde. Das schafft Nähe

und Intimität, nach der die meisten Menschen suchen.

 

ZEIT ONLINE: Reden wir im Kern gern über uns selbst? Und mithin über unsere Krankheiten?

Scholz: Das kann man nicht so allgemein sagen. Jemand, der sehr extrovertiert ist, redet gern und viel mit anderen und mitunter auch von sich selbst. Und wer eine narzisstisch gefärbte Persönlichkeit hat, redet eher über sich selbst.

 

ZEIT ONLINE: Wird eigentlich in bestimmten Kulturen mehr über Leiden gesprochen als in anderen?

Scholz: Dazu gibt es meines Wissens keine Forschung. Gesundheit hat aber in unterschiedlichen Kulturen verschiedene Zwecke. In individualistischen Kulturen wie der westlichen Welt hat sie einen extrem hohen Stellenwert. Wir brauchen sie, um autonom zu sein und uns selbst zu verwirklichen. Gesund zu sein ist deshalb ein Ziel an sich. In kollektivistischeren Kulturen hingegen ist es eher Mittel zum Zweck, um soziale Aufgaben zu erfüllen.

 

ZEIT ONLINE: Westliche Gesellschaften sind über die vergangenen Jahrzehnte hinweg deutlich individualistischer geworden. Nimmt die Gesundheit deshalb einen höheren Stellenwert ein?

Scholz: Das ist durchaus möglich. Zusätzlich rückt die Verantwortung für die eigene Gesundheit in den Vordergrund. Mehr Menschen überwachen ihren Lebensstil oder benutzen Bodytracker. Einerseits ist Gesundheitsbewusstsein gut. Andererseits kann diese Entwicklung auch kippen. Dann nämlich, wenn sich Menschen für ihre Krankheiten rechtfertigen müssen, wenn also dem Opfer die Schuld gegeben wird.

 

ZEIT ONLINE: Wir leben in einer Welt, in der psychische Krankheiten stigmatisierter sind als körperliche. Thematisieren manche Menschen, wenn sie über Körperliches sprechen, vielleicht auch tieferliegende psychische Leiden?

Scholz: Wenn das so ist, dann ist es den Personen nicht direkt bewusst. Sie erkennen nicht, dass es eine psychische Ursache gibt. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass jemand denkt: "Ich bin eigentlich depressiv. Das traue ich mich aber nicht zu sagen. Deshalb erzähle ich von meinem Hautausschlag."

 

ZEIT ONLINE: Es kann ja auch normal sein, dass die eigene Krankheit in den Mittelpunkt rückt. Zum Beispiel, wenn ich eine terminale Krebsdiagnose habe und mich ständig mit dem Tod auseinandersetze.

Scholz: Aber dann ist es auch sozial akzeptiert. Wir wissen aus der Forschung, dass wir lieber Menschen unterstützen, die nichts für ihre Erkrankung können, als solche, die direkt dafür verantwortlich sind, zum Beispiel, weil sie einen Unfall beim Risikosport hatten.

 

    Über Krankheiten reden, das kann auch nach hinten losgehen

 

ZEIT ONLINE: Wenn ein Kollege mir immer wieder von etwas erzählt, was ich für ein Wehwehchen halte, dann bin ich auch weniger bereit, ihm zuzuhören. Hängt meine Unterstützung also letztlich davon ab, was ich selbst für schlimm halte?

Scholz: Auf jeden Fall. Wenn ich selbst gerade sehr belastet bin oder krank, dann denke ich schnell: Dass kann ich mir jetzt nicht auch noch anhören.

 

ZEIT ONLINE: Hat es positive Folgen, wenn Menschen viel über ihre Krankheiten reden?

Unserem Autor Jakob Simmank klagen Menschen besonders gern ihr Leid. Kein Wunder, er ist Arzt.

Scholz: Die Unterstützung, die sie bekommen, kann sehr positiv sein. Wird jemand getröstet oder beruhigt, geht es ihm hinterher besser. Gleichzeitig wissen wir aus der Forschung zur sozialen Unterstützung aber, dass es auch negative Effekte gibt. Über Krankheiten reden, das kann auch nach hinten losgehen. Ein Beispiel: Jemand erzählt einer Freundin von seiner Krankheit, verdrängt die Gedanken daran danach aber erfolgreich. Bis die Freundin eine Woche später anruft, nachfragt und die alten Wunden wieder aufreißt. Der Angerufene muss sich dann wieder mit seiner Krankheit beschäftigen, obwohl er eigentlich aufgehört hatte, darüber zu sprechen oder daran zu denken.

 

ZEIT ONLINE: Es ist also gut, über Krankheiten zu reden, aber irgendwann sollte man die Dinge wieder ruhen lassen?

Scholz: Das kann man so sagen. Es gibt ja Menschen, die die ganze Zeit über ihre Krankheit reden. Vielleicht versuchen Freunde diese Menschen anfangs zu unterstützen, merken dann aber bald: Egal, wie viel Trost ich spende, egal, wie gut ich zuhöre, egal, wie oft ich sage, dass es mir leid tut, es hört einfach nicht auf. Und irgendwann wenden sie sich dann ab. Das kann Beziehungen sehr stark belasten.

 

 

 

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