Natrium muriaticum Anhang 3

 

[Barbara Nowecki]

Nomen est omen

Natrium chloratum würde es in der heutigen modernen Nomenklatur heißen, doch Natrium muriaticum hält oldfashioned an der alten Bezeichnung fest.

Es braucht dieses MURiaticum, das alten Überlieferungen zufolge von lat. mare, dem Meer, abgeleitet wird. Mit dem Meer hat Natrium muriaticum in vielfältiger Weise zu tun. Die Weltmeeren sind die Hauptquelle für Natriumchlorid, das Meer stellt auch "das mütterliche Prinzip des großen Kollektiven Unbweussten" da (WHITMONT). Vom Aufenthalt am Meer erfährt Natrium muriaticum eine Veränderung seiner Symptome, häufiger zum Schlechten, manchmal eine Verbesserung.

Doch weitaus mehr braucht Natrium das Mäuerchen MURiaticum (von lat. murus, Mauer), um sich dahinter zu verbergen. Das gut verborgene Chlorelement ist ein Reizgas (Reizbarkeit, wenn man ihn anspricht, beim Erwachen, nach dem Essen, wenn man ihn fragt, bei geschäftlichen Angelegenheiten, bei Kopfschmerz, vor Menses, während, nach; Bei Schweiß ... Gen. 43-45), das besonders die Augen angreift (Tränenfluss, Gen. 228). Aggressive Gefühle werden lange unter Verschluss gehalten. Die Mauer von muriaticum hat bei Nat-m. eine so zentrale Stellung und vielfältige Funktion, dass ihr ein eigener Absatz gewidmet wird.

Die Elemente Begeben wir uns auf die molekulare Ebene der Ursubstanz. Zwei Elemente ergänzen sich optimal: Natrium gibt ein Elektron ab und verliert dadurch seine überflüssig gewordene äußere Elektronenhülle, die Elektronenhülle des Chlors wird ergänzt. Als Molekül nehmen beide gemeinsam weniger Platz ein, als es ihrem

Raumbedarf als Einzelelemente entspräche. Es wird eng in der Beziehung zwischen Chlor und Natrium, doch beider Verlangen geht in diese Richtung. Hier spiegelt sich die Sehnsucht von Natrium muriaticum nach einer festen und engen Beziehung wider. Häufig haben Natrium muriaticum-Schülerinnen nur eine beste Freundin, von der sie unzertrennlich sind. In der Zweierbeziehung im weiteren Sinne, das heißt, mit nur einem Gegenüber, fühlt sich Natrium muriaticum am wohlsten. Die größte, nicht geäußerte Angst im Leben eines Natrium muriaticums ist, ohne tiefgehende, bedeutungsvolle Beziehung zu bleiben. Die enge Beziehung ist das erstrebenswerte Ideal von Natrium muriaticum. Doch je höher das Ideal, desto größer die Hemmung

zur Verwirklichung. Dies gilt allgemein für Ideale, nicht nur für die von Natrium muriaticum.

Die idealisierte Form der sehnsuchtsvollen Liebe erlebte ihre Hochblüte zur Zeit der Minne. Ritterliche Männer durften die Dame auf der Burg (!) sehr wohl von Ferne bewundern, wobei stilisierte Formen zum Tragen kamen, darüber hinaus war keine Annäherung erlaubt.

Restreservate ritterlichen Verhaltens bewahrt Natrium muriaticum. In der Regel hat er/sie einen hohen Ehrenkodex und ebensolchen moralischen Anspruch, zuweilen fühlt er/sie sich dadurch edler als die anderen. Der hohe Anspruch an sich selbst und an den Partner steht einer Verwirklichung einer Bindung im Wege, am besten kann sich jedwede Beziehung auf Distanz entfalten. Zum Beispiel als emotional tiefgehende Brieffreundschaft, ebenso als verheimlichte Fernbeziehung zu Stars, wie wir sie in der Pubertät bevorzugt finden. Oder als schwärmerische Sehnsucht nach einer Person, die aufgrund ihrer sozialen Stellung unerreichbar ist und nicht Gefahr läuft, alltägliche Wirklichkeit zu werden (Beschwerden durch enttäuschte Liebe in einen verheirateten Mann oder Chauffeur Gen. 39).

Hier bereits müssen wir die beiden Enden der Natrium muriaticum-Skala in Betracht ziehen: je unerlöster, je tiefer in der Natrium-muriaticum-Pathologie verstrickt, desto

stärker tritt die Angst vor Nähe in den Vordergrund und die Bindungsunfähigkeit. In diesem Stadium kann es vorkommen, dass Natrium muriaticum plötzlich und ohne Angaben von Gründen eine Liebesbeziehung aufgibt, sobald diese gelebt werden will.

Brahms Liebe zu Clara Schumann mag als Beispiel dafür gelten. Als "schwärmerischer, aber unerfahrener und eher linkisch verschlossener junger Mann" in einer sein er Biografien (Neunzig 1973) beschrieben, lernt er in Clara Schumann den "Inbegriff der Kultiviertheit, der fremdartigen Schönheit und nicht zuletzt der wissenden Frau" kennen. "Ein Bild, ... das er erkannte als den Inhalt seiner ganzen romantischen Sehnsucht." Er beginnt mit der Frau seines Kollegen einen sehnsuchtsvollen Briefwechsel, seine schöpferische Kraft erfährt eine Steigerung. Bestimmte Kompositionen geben Zeugnis ab, wie

Opus 32 Nr. 2 (1864):

 

Das Salz

Diese Arznei ist ein Paradebeispiel dafür, wie weit so genannte Wissenschaftliche Erkenntnisse und homöopathische Erfahrungen auseinanderklaffen können. Während die Anwendung des Salzes in der "normalen" Medizin im wesentlichen auf die Bereitstellung physiologischer Salzmengen beschränkt ist (Plasmaexpander, Nasensprays ... ), geht die homöopathische Anwendung weit darüber hinaus. Hier zählt Kochsalz in potenzierter Form zunächst als großes Mittel bei der Behandlung psychischer Traumata.

Darüber hinaus kann es bei einer Reihe, z.T. schwerer Erkrankungen zum Heilmittel werden. Beispiele wären: M. Addison, Diabetes, Epilepsie, Malaria, Gonorrhoe, M. Hodgkin, Pertussis, Herzerkrankungen, Lungenödem, Lähmung des Trigeminus, Stomatitis. Dieses Spektrum verschiedener Krankheiten zeigt, welche therapeutische Reichweite in diesem Stoff steckt, wenn er gemäß der homöopathischen Gesetzmäßigkeiten verwendet wird.

 

Miasmatisch kann diese Arznei vor allem dem der Tuberkulinie und der Psora zugerechnet werden. Sie besitzt aber auch einen sykotischen Anteil.

Schwerpunkte sind: Gemüt, Herz, Blut, Drüsen, Haut Auslöser, die in einen Krankheitsprozess führen, der dieses Mittel erforderlich machen kann sind

u.a: Missbrauch von Silbersalzen (Arg-n). (noch immer gibt es Kinderärzte, die den Neugeborenen silbernitrathaltige Augentropfen geben...

- Missbrauch von Chinin. Chronische Schäden durch Cloroquin (Malariaprophylaxe)

- Bei bestimmten Formen der Malaria hat sich Nat-m. bereits vor über 100 Jahren als Heilmittel bewährt.

Nat-m., respektive Kochsalz, gibt es in der Regel PSORAblau verpackt so ab 29.- Pfennig beim Plus. Eines der billigsten Produkte, das überall erhältlich ist und täglich verwendet wird. Soviel ist es also wert. Entsprechend sieht das Selbstwertgefühl von Natrium muriaticum aus. Einerseits überall gebraucht, andererseits schlecht bezahlt, dieses Phänomen findet sich besonders stark in Helferberufen. Eine Domäne, in der viele Natrium muriaticum Charaktere zu finden sind.

Hasselmann und Schmolke schreiben zur Seelenessenz des Helfers: " -. der Helfer selbst hat die Tendenz... sich selbst herabzusetzen, sich nicht für wert zu finden von anderen beachtet, von anderen wahrgenommen zu werden in den wichtigen Aufgaben, die er erfüllt .... Denn ein Missverständnis beherrscht die Helfer häufig: sie glauben nämlich, dass sie, um ihre Rolle gut auszufallen und angemessen zu vertreten, sich selbst möglichst klein machen müssen, sich selbst in den Hintergrund stellen und entwerten sollen." Und weiter: "Ein Helfer, der sein Dienen als etwas Wertvolles empfindet und die Rolle, die dieses Dienen innerhalb der Gesellschaft und innerhalb der Gemeinschaft einnimmt als etwas begreift, das unabdingbar und unerlässlich ist - erst solch ein Helfer kann mit Freude und essenznah sein Leben gestalten. Als Reflex der mangelnden Achtung, die andere ihm entgegenbringen, verkennt also der Helfer sich selbst und neigt zur Selbstverachtung, weil er häufig nicht begreift, wie wichtig ...die Achtung für sein Dienen für seine seelische Fortentwicklung ist." (aus: Archetypen der Seele).

Für wen trifft diese Beschreibung eines Archetypus der Seele besser zu als für Natrium muriaticum (DD.: Caust. Carc).? Interessanterweise finden wir Natrium muriaticum auch zweiwertig in der Rubrik Beschwerden durch Geringschätzung. Salz hilft den Geschmack der Speisen zu verbessern, wir empfinden es als störend, wenn es dominiert, vermissen es deutlich, wenn es fehlt.

"Ihr seid das Salz der Erde". (Matthäus 5,1 3) (Whitmont).

Ganz entspricht das Rieselsalz aus der Packung nicht unserem reinen, naturgetreuen Natrium muriaticum. Ersterem wurde zur Erhaltung seiner Rieselfähigkeit ein Zusatz untergejubelt, denn Salz ist hygroskopisch, zieht Wasser an, klumpt dann zu steinharten Brocken. Wenn Natrium muriaticum Wasser, hier symbolisch für Gefühle, anzieht, dann schafft dies den unhandlichen, nicht auflösbaren Brocken. "Wird durch das verletzt, was es am meisten liebt", schreibt Coulter.

Im Wasser ist Natriumchlorid löslich. Aus dem unseligen Natrium wird dann Na+, es hat eines seiner Elektronen abgegeben und ist kleiner als zuvor. Trotz der Entfernung zum Chlor, das sich irgendwo in der Lösung herumtreibt, bleibt die Anziehung erhalten. Eine Beziehung auf Distanz, durch ein einseitiges Opfer erkauft.

An sich ist Salz trocken, zieht aber Wasser an und hält es fest. Der Zusammenhang zwischen dem Wasserelement und der Gefühlsebene wird sowohl in der Astrologie, als auch in der chinesischen Medizin beschrieben.

Auch in unserer Kultur sieht der Volksmund einen Zusammenhang zwischen Tränen und Urin:

beim Bettnässen (Urinieren unwillkürlich, nachts, Gen. 576) spricht man von ungeweinten Tränen, und Wasserlösen hat etwas mit Tränenlösen zu tun.

So wie Natrium muriaticum ungern im Beisein anderer weint, kann es auch schwer Wasserlösen, wenn es nicht alleine ist (Urinieren verzögert, allein, kann nur Wasser lassen wenn, Gen. 577).

Salz ist weiß, weiß wie viele Symptome von Natrium muriaticum, beginnend bei Vitiligo, über anämische Blässe zur Leucorrhoe und anderen weiblichen oder klaren Absonderungen. Besonderes Augenmerk in diesem Zusammenhang verdient die sogenannte "weiße Hypertonie", der Bluthochdruck renaler Genese, der mit blasser Hautfarbe und Anämie einhergeht. Im Körper regelt Natrium den Wasser- und den Elektrolythaushalt. Schauplatz des Geschehens sind die Nieren. Die Nieren stellen häufig den Locus minor resistentiae bei Natrium muriaticum dar. Die Nieren gelten als Beziehungsorgane, in ihnen ist die Hinwendung zum Du lokalisiert. Im Volksmund einhaltet der Ausdruck: "Es geht ihm an die Nieren", die Aussage, dass etwas Kummer bereitet, Kummer, der auszehrend sein kann (Phos). (Beschwerden durch

Kummer; stiller Kummer; Kummer über die Zukunft (Gen. 37).

Wasserlösen hat etwas mit loslassen zu tun, mit Gefühlen freien Lauf lassen (Kummer, kann nicht weinen, Gen. 37). Entsprechend viele Symptome finden sich im Urogenitaltrakt, insbesondere Symptome, die mit Zurückhaltung eines Flusses zu tun haben (Amenorrhoe, späteMenarche, Menses spärlich).

Natriumchlorid wird mit dem Schweiß, dem Urin und durch die Tränen aus dem Körper ausgeschieden. Auch hier findet sich auf der einen Seite die Retention (Natrium muriaticum schwitzt schwer, hält Tränen zurück: Kummer, kann nicht weinen, Gen. 37) oder das Gegenteil (Weinen, grundloses, Weinen unwillkürliches, Weinen, wenn er glaubt, bedauert zu werden, Weinen, wenn allein; Gen. 75-77; desire to cry, all the time, but eyes are dry, Murphy 1020) (Schweiß reichlich, Gen. 1098). Im Auge, speziell im Glaskörper, spielt Natriumchlorid eine große Rolle. Es verwundert nicht, wenn wir bei Natrium muriaticum außer vermehrten Tränenfluss viele weitere Augensymptome finden, besonders Sehfehler (Diplopie, Gen.234; Myopie, Gen. 239; Augenschmerz lesend, Augenschmerz nach Anstrengung der Augen, Gen.21 5).

„Nicht mehr zu dir zu gehen Beschloß ich und beschwor ich, und gehe jeden Abend, denn jede Kraft und jeden Halt verlor ich."

Solange Frau Schumann verheiratet ist, kann Brahms sein unabdingbares Ja zu ihr ausleben. Als mit dem Tod von Robert Schumann Clara frei wird und bereit für eine Ehe mit Brahms, beendet er die Liebesbeziehung mit ihr, bleibt ihr jedoch ein Leben lang kameradschaftlich verbunden. Für den Biografen ein unerklärliches Phänomen, das sich in Brahms Leben wiederholt. Typisch für eine Natrium muriaticum-Struktur.

In dieser unerlösten Form ist Natrium muriaticum dem schizoiden Charaktertypus zuzuordnen, in der erlösten Form ist es zu einer tiefen dauerhaften und monogamen Bindung fähig, in der Natrium muriaticum häufig das stabilisierende Element darstellt.

 

Der Kristall

Aus gesättigtem Salzwasser lassen sich exakt rechtwinklige, durchsichtige bis weiße Kristalle züchten. Geradeaus und integer wie der Charakter von Natrium muriaticum, eckig wie seine Bewegungen. Planbar, pünktlich, exakt, klar in seiner Struktur, verlässlich. Es gibt nichts Überflüssiges, keinen Schnick-schnack, keine Verzierungen.

Er gefällt durch seine Einfachheit  und dadurch, dass er nie seine Form (die des rechten Winkels) verlässt.

 

Verwendung

Salz wird als Auftausalz verwendet und zur Kälteerzeugung. Natrium muriaticum braucht eine Zeitlang, bis es mit anderen Menschen "warm" wird. Es hilft den Geschmack der Speisen zu verbessern und trägt zur besseren Verdaulichkeit bei. Vor allen Dingen wird es zum Konservieren verwendet. Natrium muriaticum hat mit Konservieren, mit Festhalten, mit Bewahrung von Altem, aber auch mit daraus folgender Erstarrung und mit Zurückhalten und Zurückhaltung zu tun.

Aus den Eigenschaften der Ursubstanz lassen sich die Hauptqualitäten von Natrium muriaticum ableiten:

weiß

- Leucorrhoe

- Vitiligo

- weiße Hypertonie

- Absonderungen

- Anämie

trocken

- Schleimhäute (trockener Stuhl)

- Haut (Riss in der Unterlippe)

zurückhaltend

- Mensesfluss (späte Menarche, Amenorrhoe)

- Tränen

- Sprache (Ausdruck, späte Sprachentwicklung),

Schweigsamkeit

- Psyche

 

Die Mauer

Zunächst ist die Mauer der Schutzwall, hinter den sich Natrium muriaticum nach einer Verletzung zurückzieht und verschließt. Es ist der Wall, der alte Wunden umgibt, an die niemand mehr rühren soll. Gegenüber demjenigen, der den Vertrauensbruch begangen hat, der die Verletzung verursacht hat, entsteht die innere geistige Haltung:

"Du erfährst nichts mehr von mir!" oder "ich lasse dich nicht mehr an mich heran, dann kannst du mich nicht verletzen."

Später überträgt sich diese Schweigsamkeit und Verschlossenheit aus Vorsicht auf alle Menschen.

Nicht selten äußern Patienten dieses Phänomen direkt: "ich fühle eine Mauer zwischen mir und anderen Menschen." Hinter dieser Mauer fühlt sich Natrium muriaticum in erster Linie selbst eingesperrt. Alle äußeren Einengungen, wie Aufzüge, Menschenmengen spiegeln ihm seine innere Einengung wider, so dass es diese Situationen nicht angstfrei erträgt, (Furcht in einer Menschenmenge; Gen. 25). Die Mauer von Natrium muriaticum ist eine semipermeable, es geht alles hinein, aber nichts hinaus.

Wir finden dies bei einer für Natrium muriaticum typischen Rolle: die des Mauerblümchens. Am Rand des Geschehens sitzend, beobachtend, nimmt sie/er regen Anteil am Geschehen, äußerlich ist nichts davon zu bemerken. Ihre/s eine Haltung lädt nicht zum Kontakt ein. Aber Natrium muriaticum

ist so mit dem ganzen Herzen dabei, dass ihm sein Schweigen selbst nicht auffällt.

Dem Eindruck steht kein entsprechender Ausdruck gegenüber. In der Gruppe ist der Ausdruck gehemmt, hat Natrium muriaticum nur ein Gegenüber, einen Zuhörer, dem es vertraut, kann es ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit sehr beredt erzählen. Auch als Lehrer, Dozent, wenn ihm das Wort sozusagen erteilt ist, hat es selten Hemmungen, vor Publikum zu sprechen (Freude am eigenen Sprechen, hört sich gerne reden; Gen. 52). Schwierigkeiten hat es damit, sich seine Redezeit selbst zuzugestehen und zu nehmen. Im Film "Das Piano" finden wir diese Form der äußerlichen Schweigsamkeit und inneren Beredtheit wieder. Er beginnt mit: "Die Stimme, die Sie hören, ist nicht meine eigene Stimme. Es ist die Stimme in meinem Innern. Ich habe seit meinem siebtem Lebensjahr nicht mehr gesprochen und niemand weiß, warum, nicht einmal ich selbst. Mein Vater sagt, es ist eine finstere Gabe, und der Tag, an dem ich mir in den Kopf gesetzt habe, nicht mehr zu atmen, wird mein letzter sein."

Und weiter : "Das Merkwürdige ist, ich empfinde mich selbst gar nicht als schweigsam. Das liegt an meinem Piano."

Bei Natrium muriaticum finden wir eine Blockade des Kehlkopfchakras, die mit einer Blockade des Solarplexus-Chakras einhergeht. (Diese beiden Chakren korrespondieren stark miteinander). Im Chakra des Solarplexus sitzt der Groll, der Ärger über Personen, die es verletzten, dieser Ärger kann entweder nicht oder nur unkontrolliert ausgedrückt werden (Heftiger Zorn Gen. 79).

Die Blockade des Kehlkopf-Chakras zeigt sich als Sprachblockade bereits in der verzögerten Sprachentwicklung, in der Schweigsamkeit (Lernt langsam sprechen, Gen. 52; Schweigsamkeit, Gen. 53).

Oft lernt Natrium muriaticum diese, auf den sprachlichen Ausdruck bezogene Barriere mit Hilfe anderer Medien zu überwinden.

Wir finden viele Natrium muriaticums, die ihr tiefes inneres Gefühlsleben in der Musik (Brahms), in Briefen oder im geschriebenen Wort ausdrucken.

Auf dem Natrium-muriaticum-Boden eines Hermann Hesse ist mit dem Steppenwolf eine Lac-caninum-Blume gewachsen. Der Lac-caninum-Zustand ist neben Gels., Bry., Apis, All-c. Cocc. und ganz besonders Ign. eine der bevorzugten Blüten, die eine Natrium-muriaticum-Konstitution (z.B. im Akutfall) hervorbringt. Natrium muriaticum ist sehr leicht berührbar durch Musik, die seine Stimmung verstärkt. Da bei Natrium muriaticums als Grundstimmung eine offene bis latente Traurigkeit vorherrscht, bevorzugen sie melancholische Musik. Bei den zeitgenössischen Interpreten finden wir diesen Ausdruck bei Tanita Tikkaram "Ancient heart", z.B. "Cathedral Song", oder bei Sting im Lied "Fields of Gold" und ausgeprägt in vielen Songs von Leonhard Cohen, z.B. in "Like a bird on the wire".

Natrium muriaticum braucht die Mauer zum Schutz vor erneuten Verletzungen. Empfindlich ist es gegenüber allem, was hinter diese Mauer dringen möchte. Ausdruck findet diese Abwehr gegenüber Eindringlingen in den Symptomen:

- Furcht vor Räubern (Gen 26),

- Reizbarkeit, wenn man ihn fragt; wenn man ihn anspricht (Gen. 44)

- Schmerz Vagina bei Coitus (Gen 638).

 

Körperstruktur Allgemeinsymptome Hauptorganaffektionen

Das Motto "nicht verletzen und nicht verletzt werden" hindert Natrium muriaticum an jeder spontanen Äußerung, alles geht zuvor über den Kopf. Der Verstand ist der große wachsame Filter für seine Äußerungen und Handlungen. Zudem hat der Kopf/Verstand nur sehr lose Verbindung zum Körper. Folgendermaßen bildet sich dieser Aspekt in der Körperstruktur ab: Der Kopf folgt dem restlichen Körper leicht vorgestreckt voraus.

In der seitlichen Ansicht ist gut erkennbar wie der Kopf vor der senkrechten Körperlinie steht.

Die inneren Halsmuskein, von Natur aus dafür vor gesehen, den Kopf zu tragen, können diese Instabilität nicht ausbalancieren, sondern brauchen dazu massive Unterstützung durch die äußeren Halsmuskeln. Dies führt zur starken Ausprägung des M. sternocleido-mastoideus. Der Hals ist lang und mager. Die Verbindung zwischen Kopf und Körper scheint nicht integriert.

Auf der psychischen Ebene findet dies seine Entsprechung, indem beispielsweise der Patient während der Anamnese emotionslos von seinen Verletzungen und schweren Kümmernissen erzählt, nur über den Kopf, der Rest ist unbeteiligt, wie abgeschnitten. Dadurch erweckt er den Eindruck, als sei er gar nicht so tief getroffen oder bereits darüber hinweg.

Geht allen Handlungen eine Überlegung voraus, führt dies zu Steifheit im Umgang mit anderen, zu Förmlichkeit, Höflichkeit und Distanz. Hier sind wir wieder bei: "Ich fühle eine Mauer zwischen mir und andern Menschen." An dieser Mauer werden unbewusst ständig neue Schutzanstriche angelegt. Insgesamt neigt Natrium muriaticum zu Abmagerung, nicht nur am Hals sondern auch im Bereich des Sternums oder Herz-Chakras, an der Stelle, an der das Selbstbewusstsein sitzt und an den Brüsten. Beide Bereiche haben etwas mit emotionaler Ernährung zu tun. Natrium hat die Neigung, andere emotional zu ernähren, aber selbst nicht ausreichend ernährt zu werden. Häufig geht es Beziehungen ein, die dieses Muster fördern oder findet sich in entsprechenden sozialen Berufen. Es fühlt sich wohler in der gebenden Rolle, und dies ist seine Art, Kontakt aufzunehmen bzw. eher anzubieten, aus dem Bewusstsein heraus, nicht um seiner selbst willen geliebt zu werden, sondern aufgrund seiner Nützlichkeit.

Dies kann zu Groll umschlagen, dem Gefühl, ausgenutzt zu werden. Dieser Typus entspricht dem oralen Typus nach Reich/Lowen, der andere mit größerer Angst vor Nähe und dickerer Mauer entspricht dem schizoiden Typus. Bei beiden Typen sind die Extremitäten energetisch schwach geladen, sprich dünn.

Deswegen tritt uns Natrium muriaticum meist klein und schmächtig entgegen.

Der katabole Stoffwechsel ist beschleunigt, dadurch kann es auch bei ausreichender Ernährung zur Abmagerung kommen. Doch auch die bewusste Nahrungsverweigerung ist typisch für Natrium muriaticum. Eine Patientin drückte den Zusammenhang zwischen emotionaler Ernährung und Essen so aus:

"Ich fühle mich wie ein Schäferhund, der sein Fressen verweigert, weil sein Herrchen gestorben ist." (lgn).

Die Nahrungsmittelverlangen von Natrium muriaticum lassen sich am besten zusammenfassen unter "Askese macht Spaß". Natrium muriaticum isst unregelmäßig und legt wenig Wert auf Genuss. Es schmeckt ihr/ihm besser, wenn sie/er weiß, dass das Essen gesund ist. Oder wie eine Natrium-muriaticum-Patientin, nach ihren Vorlieben befragt, selbstironisch bemerkte: "Graubrauner Vollkorn-Brei, gut durchgerührt." Der Hang zur Selbstironie ist eine beliebte Tarnmütze von Natrium muriaticum. Bekannt bei Natrium muriaticum ist der Bezug zum Salz, zwar ist das Verlangen nach salziger Nahrung häufiger (in einem Extremfall leckte ein vierjähriges Mädchen mehrmals täglich Salz direkt aus der Handfläche), doch genauso wertvoll ist das Symptom "können keine salzigen Sachen essen".

Hinweis auf Natrium muriaticum gibt auch das Verlangen nach Bitter Lemon, Tonic, Chicorée oder Radicchio (desires bitter drinks, desires bitter food; Murphy 535).

Last not least finden wir bei Natrium muriaticum eine Schwäche im Rücken oder Rückenschmerzen mit dem Bedürfnis nach einer harten Unterlage.

Aus psychosomatischer Sicht lässt sich der Rücken als Symbol für die Vergangenheit betrachten. Weiß man, welche wichtige Rolle die Vergangenheit für Natrium muriaticum spielt, wundert es nicht, dass gerade der Rücken als weiterer Symptomträger zu den Hauptorganaffektionen bei Natrium muriaticum gehört. Ein schwacher Rücken weist häufig auf einen Mangel an Unterstützung in der Kindheit hin. Und Unterstützung des Rückens bessert bei Natrium muriaticum: oft muss es sich anlehnen, um seinen Rücken zu entlasten, und das Liegen auf harter Unterlage bessert seine Rückenschmerzen.

 

Zur Übersicht über die Hauptorganaffektionen:

Nieren

Auge

Kopf

Kopf / Körper-Integration

Hals / Nacken

Rücken

Psyche

Der zentrale Kern, um den sich die Natrium-muriaticum-Pathologie kristallisiert, wird gelegt, indem das elementare Bedürfnis nach emotionaler Nahrung in irgendeiner Form versagt wird. Sei dieser gesetzt durch eine frühe Trennungserfahrung kurz nach der Geburt, eine an sich karge Mutterbeziehung, oder dadurch, dass das Kind in seiner Eigenheit nicht wahrgenommen wird.

Hier liegt die ursprüngliche Wunde, die durch spätere Ereignisse ähnlichen Inhalts, wenn die Quelle emotionaler Befriedigung wieder entzogen wird, reaktiviert wird, also durch Liebesverlust, Tod eines geliebten Menschen, Kummer.

Dies alleine macht einen verletzten Menschen, aber noch keinen Natrium muriaticum. Die Besonderheit der Natrium muriaticums liegt in dem Umgang mit der Wunde, mit seiner speziellen Art der Kompensation.

Seine Strategie ist die innere Haltung: "Ich brauche nichts und niemanden," mit dem leiseren Nachsatz: "Im Gegenteil, ich bin nützlich und gebe/helfe."

Es kultiviert Bedürfnislosigkeit und Askese. Askese ist seine Überlebenstrategie. Denn, braucht es nichts, kann ihm nichts verweigert werden und somit seine alte Wunde reaktivieren: etwas zu brauchen und nichts zu bekommen, Sehnsucht zu haben nach emotionaler Wärme, die sich nicht erfüllt.

Askese ist der Triumph über die Bedürftigkeit und über den alten Schmerz. Das Bedürfnis nach Nahrung (materieller und emotionaler) wird erbittert bekämpft. Eine besonders traurige Blüte erfährt diese Kultivierung der Askese in der Anorexia nervosa (Murphy 996).

Etwas zu brauchen kommt fast einer Schuld gleich. Und bei einem menschlichen Bedürfnis ertappt zu werden, berührt sie unangenehm bis zur Peinlichkeit. Ihr Wunsch nach Diskretion bezieht sich in erster Linie darauf, ihre Bedürftigkeit zu verbergen. Am peinlichsten aber ist ihnen, wenn sie sich gehen lassen, Menschliches allzu Menschliches zeigen und dabei ertappt werden. Zum Beispiel wird Natrium muriaticum nach Alkoholgenuss etwas ausgelassener und erinnert sich später nur unter inneren Windungen daran, obwohl er "ganz normal" war. Auch beim Urinieren muss man etwas gehen lassen, und es ist ihm peinlich, dabei beobachtet zu werden. So kann dieses Symptom Urinieren verzögert, allein, kann nur Wasser lassen wenn (Gen. 577) stellvertretend für jedes Verlangen nach Diskretion gelten, sobald es um menschliche Bedürfnisse oder menschliche Fehler geht. Die kleine Anne (8 Jahre) wollte ihren Hautausschlag, kleine wassergefüllte Bläschen an Bauch und Oberschenkel, nicht herzeigen, es war schon zuviel, beinahe Verrat, dass ihre Mutter, diese peinliche Tatsache erwähnte. (Angesehen werden, verträgt nicht Gen.1).

Am schlimmsten aber ist es, wenn dieses Bedürfnis die alte Wunde berührt. Dies ist der Fall, wenn Natrium muriaticum Trost erfährt. Es ist traurig oder verletzt und ein(e) Außenstehende(r) nimmt dies wahr, nimmt ihn wahr, wenn er/sie ihn tröstet. Das berührt den tiefsten Schmerz, sein Bedürfnis emotional ernährt zu werden wird wahrgenommen und erfüllt. Wenn er/sie dies zulässt, wird er mit seinem tiefsten Schmerz konfrontiert und dann brechen alle seine Mauern.

Deswegen muss Natrium muriaticum Trost ablehnen und auch jede dauernde, alltägliche Nähe, in der seine/ihre Bedürfnisse offenbar werden. Es kann sein Selbstbild dann nicht mehr bewahren. Alles, was seine Bedürfnislosigkeit in Frage stellt, erschüttert sein Selbstbild. Nur vielleicht eine Person darf wissen, was sich hinter dieser Mauer verbirgt, und von ihr lässt sich Natrium muriaticum trösten. Natrium muriaticum hat einen starken Bezug zur Wüste, nicht nur, dass beider Qualitäten miteinander korrespondieren, der Wert des Salzes in der Wüste, der Durst, die Trockenheit, Sonne verschlechtert, Regen bessert, es regnet selten (weinen), aber regnet es, können Menschen ertrinken. Auch ist die Wüste ein Ort, an dem Mutter Erde sehr sparsam mit ihren Gaben umgeht, eine karge Mutterbeziehung findet sich dort widergespiegelt.

Große Ansprüche darf Mann/Frau nicht stellen, Askese und Bedürfnislosigkeit werden zum Überlebensfaktor. Man/Frau ist ganz auf sich gestellt, Autarkie ist angesagt, es gilt, genauestens zu planen, scheinbar kleine Fehler können tödlich sein. Oder, wie mir ein Natrium-muriaticum-Freund anvertraute: "Ich liebe die Wüste, sie ist der einzige Ort, an dem ich Raum finde, meine Seele auszubreiten. Niemand kommt und schreckt sie auf, so dass sie wieder kleiner wird und sich versteckt."

 

Themen:

1. Emotional ernährt werden

- Mutterbeziehung

- Liebesverlust

- Tod eines geliebten Menschen

- Kummer

2. Askese (Kompensation von 1).

- Bedürfnislosigkeit

- Selbstwert

- Schuld

- Peinlichkeit

3. Mauer (um Punkt 1 zu schützen und Punkt 2 zu bewahren)

- Verschlossen

- Isolation

- Zurückhaltung (ungeschickt, eckig. förmlich)

- Klaustrophobie

- Eindringen (Furcht vor Räubern; Coitus schmerzhaft; viele äußere Eindrücke verschlechtern)

 

Märchen und Bilder

Märchen, die Natrium-muriaticum-Schwingungen transportieren, sind auf das Thema "von der Mutter/ (Eltern) verstoßen" und "sich durch Kummerzeiten unerkannt alleine durchschlagen müssen" gestimmt.

Wir finden dies in Andersens Märchen vom hässlichen Entchen und bei den Gebrüdern Grimm in der Gänsehirtin. Ein weiteres Natrium-muriaticum-Motiv drückt Andersen in seiner Erzählung "Die kleine Seejungfrau" aus.

Wie verhält es sich nun mit den Meerjungfrauen?

Meerjungfrauen leben, wie jedermann weiß, auf dem Meeresgrund. Dort ist alles viel schöner, wunderbarer, lieblicher und herrlicher als bei uns. So fühlen sie sich weit glücklicher und froher als die Menschen. Seejungfrauen können auch wunderbar singen, schöner als es je ein Menschenkind könnte.

Oft schwimmen sie vor den Schiffen in Seenot her und singen den Seeleuten vor, wie schön es auf dem Meeresgrund ist, damit diese sich nicht fürchten. Allein, es nützt den Seeleuten nichts, denn erstens können sie den Gesang nicht verstehen und zweitens kommen sie nicht anders als tot auf dem Meeresgrund an. Wenn sie fünfzehn Jahre alt sind, dürfen sie auftauchen und sich in der Menschenwelt umsehen.

Den meisten Seejungfrauen gefällt es sehr zu sehen, wie die Menschen leben. Doch bald haben sie der Eindrücke genug und finden es zu Hause doch am allerschönsten. Wie die meisten wissen, werden Seejungfrauen 300 Jahre alt, also viel älter als die Menschen. Doch sterben die Menschen, stirbt nur ihr Körper, sie besitzen eine unsterbliche Seele. Seejungfrauen haben keine Seele, wenn sie sterben, werden sie zu totem Schaum auf dem Meer. Im allgemeinen stört sie das überhaupt nicht, denn 300 Jahre zum Singen, Tanzen, Springen und Glücklichsein finden sie lange genug.

Nun zurück zur kleinen Seejungfrau. Sie war die jüngste von sechs Schwestern und natürlich wurden alle anderen vor ihr fünfzehn Jahre alt und durften aufsteigen.

" Keine war so sehnsüchtig wie die Jüngste, gerade sie, die noch am längsten zu warten hatte und die so still und gedankenvoll war. Manche Nacht stand sie am offenen Fenster und sah durch das dunkelblaue Wasser empor......"

"Wenn die Schwestern so des Abends Arm in Arm durch das Wasser hinaufstiegen, dann stand die kleinste Schwester ganz allein, aber eine Seejungfrau hat keine Tränen und darum leidet sie weit mehr."

Endlich ist auch sie 15 Jahre alt. Sie steigt auf und sieht ein herrliches Schiff. Mit Feuerwerk, Musik, Gesang wird darauf der Geburtstag eines Prinzen gefeiert. Gefangen von all der Pracht, verliebt sie sich in den Prinzen, den sie nur von weitem sieht. Schließlich zieht ein Unwetter auf, das Schiff zerbricht und unter gehen Mann und Maus. Die kleine Seejungfrau rettet den schönen Prinzen ans Ufer und versteckt sich, um zu sehen, ob er gefunden wird.

".. Und sie sah, dass der Prinz zum Leben zurückkehrte und alle ringsherum anlächelte. Aber zu ihr hinaus lächelte er nicht, er wusste ja auch nicht, dass sie ihn gerettet hatte. Sie fühlte sich sehr betrübt, und als er in das große Gebäude hineingeführt wurde, tauchte sie traurig unter Wasser und kehrte zum Schlosse ihres Vaters zurück. Immer war sie still und nachdenklich gewesen, aber nun wurde sie es noch weit mehr. Die Schwestern fragten sie, was sie das erste Mal gesehen hätte, aber sie erzählte nichts." Es beginnt eine Zeit der Trauer und stillen Kummers für die kleine Seejungfrau. Sie hofft, den Prinzen wieder zu treffen und kehrt immer wieder an die Stelle zurück, wo sie den Prinzen zurückgelassen hatte.

Zuletzt kann sie es nicht länger aushalten und vertraut sich einer ihrer Schwestern an. "Und da erfuhren es auch gleich alle anderen, aber niemand sonst als diese und ein paar andere Seejungfrauen, die es niemanden weitersagten als ihren nächsten Freundinnen."

Die kleine Seejungfrau geht einen Weg der Innerlichkeit, bis sie ihre Großmutter um Rat fragt." 'Warum wurde uns keine unsterbliche Seele geschenkt?' fragte die Meerjungfrau betrübt........ Nur wenn ein Mensch dich so lieb gewänne, dass du ihm mehr wärst als Vater und Mutter ... und den Pfarrer bäte, dass er seine rechte Hand mit dem Gelöbnis der Treue für hier und für alle Ewigkeit in deine legte, dann strömte seine Seele in deinen Leib über.... und er behielte dennoch seine eigene .... Aber das wird niemals geschehen!' "Der Gedanke, eine unsterbliche Seele zu bekommen, lässt sie nicht mehr los und hindert sie, glücklich zu sein: zum Beispiel auf einem Hofball, als sie zur Freude aller singt: "Einen Augenblick fühlte sie Freude in ihrem Herzen, denn sie wusste, dass sie die schönste Stimme von allen auf der Erde und im Wasser hatte. Aber bald gedachte sie wieder der Welt oben über sich; sie konnte den hübschen Prinzen und ihren Kummer, dass sie keine unsterbliche Seele wie er besitze, nicht vergessen."

Letztlich tut sich ein Weg auf, der nur unter Opfern und Schmerzen zu beschreiten ist. Sie muss mit ihrer Stimme dafür bezahlen, zwei Beine zu bekommen, geht hinauf aufs Land und wird die Gefährtin des Prinzen. Jeden Tag bringt sie unsichtbare Opfer, um ihn für sich zu gewinnen. Der Prinz weiß von nichts, sie kann es ihm nicht sagen, denn sie hat keine Stimme mehr. Sie weiß nur, an dem Tag, an dem er eine andere heiratet, wird sie zu totem Schaum auf dem Meer, heiratet er jedoch sie, bekommt sie eine unsterbliche Seele.

Der Prinz denkt jedoch nicht daran, "sein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen" zu heiraten, sondern verliebt sich in eine Prinzessin. Sie tanzt auf der Hochzeit der beiden in dem Wissen, dass der erste Strahl der Morgensonne ihren Tod bringt. Unversehens tut sich eine letzte Chance auf: Ihre Schwestern haben ein Messer besorgt, stößt sie dies in das Herz des Prinzen, dass sein Blut über ihre Beine läuft, wachsen sie wieder zu einem Fischschwanz zusammen und sie kann weiter auf dem Meeresgrund mit ihren Schwestern leben.

"Das Meerjungferlein zog den Purpurteppich vom Zelt... betrachtete das scharfe Messer und .. den Prinzen... da zitterte das Messer in der Meerjungfrau Hand und sie warf es in weitem Bogen in die Wogen.. Noch einmal sah sie auf den Prinzen, stürzte sich vom Schiff ins Meer hinab und spürte, wie ihr Körper sich in Schaum auflöste."

Doch statt zu sterben, wird sie verwandelt, sie kommt zu den Töchtern der Luft (Phosphor als Folgemittel?). Es liegt nun in ihrer Macht, sich eine unsterbliche Seele zu erwerben, unabhängig von der Liebe anderer. "Und die kleine Seejungfrau erhob ihre hellen Augen zur Sonne und zum ersten Mal fühlte sie Tränen in ihnen. Unsichtbar küsste sie die Stirn der Braut und stieg mit den übrigen Kindern der Luft zu der rosaroten Wolke hinauf, die den Äther durchschwamm."

Nicht die Erfüllung der Liebe, wie sonst im Märchen, bringt die Erlösung, sondern das Loslassen führt von der Schwere zur Leichtigkeit. Und wichtiger noch, zur Unabhängigkeit. Unabhängig von der Liebe anderer zu werden gehört zum Erlösungsweg von Natrium muriaticum. Isoliert es seine Bedürfnisse von sich selbst und anderen, wird es immer mehr zum Opfer und gerät gerade in die Abhängigkeiten, die es zu vermeiden sucht.

 

Essenz der Erlebensform

Loslassen von Erwartungen, Hoffnungen, Vorstellungen, Wünschen und wiederkehrenden Gedankenmustern (ME/SA, AO/SA)

Loslassen einer Fixierung auf einen bestimmten Partner hin (ME/SA, AO/SA)

Essenz der Erleidensform

Versteifung von Vorstellung, Erwartungen, gedanklichen Mustern und Partnerschaftsdispositionen (ME/SA, AO/SA)

Schmerz und Enttäuschung aufgrund mangelnder Flexibilität (Kristallisation) und der Unfähigkeit, loslassen zu können (ME/SA, AO/SA)

Empirisch-homöopathische Essenz

Angst davor, verletzt oder enttäuscht zu werden und daher sehr zurückhaltend und unnahbar [Sankaran et al.]

Geistige Symptomebene [C3]

Bindung in Partnerschaften, die ein Handicap bereits in sich tragen (ME/SA, AO/SA)

Brüten über vergangene Vorkommnisse (ME/SA, AO/SA)

Kontrolliert (ME/SA, AO/SA)

Perfektionismus (ME/SA, AO/SA)

Redensart „Die Partner, die ich haben könnte, will ich nicht, und die, die ich will, krieg ich nicht.“ (ME/SA, AO/SA)

Redensart „Get out of your own drama.“ (ME/SA, AO/SA)

Redensart „Ich hasse dich, verlass mich nicht.“ (ME/SA, AO/SA)

Redensart „Ihr seid das Salz der Erde.“ (ME/SA, AO/SA)

Redensart „Nicht verletzen und nicht verletzt werden.“ (ME/SA, AO/SA)

Skeptisch (ME/SA, AO/SA)

Stumpfheit [Trägheit, schwieriges Denken und Verstehen, Benommenheit] (ME/SA, AO/SA)

Unangenehme Dinge bleiben lange im Geist (ME/SA, AO/SA)

Verantwortungsbewusst (ME/SA, AO/SA)

Verstandesorientiert (ME/SA, AO/SA)

Wunschpartner sind unerreichbar oder örtlich weit entfernt (ME/SA, AO/SA)

Seelische Symptomebene [C2]

Angst (ME/SA, AO/SA)

Angst vor Einsamkeit (ME/SA, AO/SA)

Angst vor emotionaler Verletzung (ME/SA, AO/SA)

Auffahren, Zusammenfahren durch Geräusche (ME/SA, AO/SA)

Auffahren, Zusammenfahren durch Schreck (ME/SA, AO/SA)

Empfindlich (ME/SA, AO/SA)

Ernsthaft (ME/SA, AO/SA)

Gefühle können nicht ausgedrückt werden (ME/SA, AO/SA)

Gefühl, von der Person betrogen, enttäuscht oder verletzt zu sein, zu der man eine Beziehung hat oder sucht (ME/SA, AO/SA)

Introvertiert (ME/SA, AO/SA)

Kummer, stiller (ME/SA, AO/SA)

Leiden, stilles (ME/SA, AO/SA)

Melancholisch (ME/SA, AO/SA)

Pünktlich, übertrieben (ME/SA, AO/SA)

Rückzug zu Büchern, Musik (ME/SA, AO/SA)

Schuldgefühle (ME/SA, AO/SA)

Schwindel (ME/SA, AO/SA)

Sehnsucht, unerfüllte, nach dem Märchenprinzen oder der Traumfrau (ME/SA, AO/SA)

Sympathie, emotional-verliebte, wird nicht offen gezeigt (ME/SA, AO/SA)

Trägheit (ME/SA, AO/SA)

Träume, ängstliche (ME/SA, AO/SA)

Träume, schreckliche (ME/SA, AO/SA)

Traurigkeit (ME/SA, AO/SA)

Verbitterung (ME/SA, AO/SA)

Verletzlich, sehr (ME/SA, AO/SA)

Verschlossen (ME/SA, AO/SA)

Weinen unmöglich (ME/SA, AO/SA)

Zorn mit blassem Gesicht (ME/SA, AO/SA)

Körperliche Symptomebene [C1]

Kopfschmerz (ME/SA, AO/SA)

Kopfschmerz durch geistige Anstrengung (ME/SA, AO/SA)

Schweregefühl im Kopf (ME/SA, AO/SA)

Stirnkopfschmerz (ME/SA, AO/SA)

Lichtempfindlichkeit der Augen (ME/SA, AO/SA)

Augenschmerz (ME/SA, AO/SA)

Tränenfluss der Augen (ME/SA, AO/SA)

Nasenkatarrh (ME/SA, AO/SA)

Nasenabsonderungen (ME/SA, AO/SA)

Nasenabsonderungen dick (ME/SA, AO/SA)

Nasenabsonderungen eitrig (ME/SA, AO/SA)

Nasenabsonderungen gelb (ME/SA, AO/SA)

Verstopfung der Nase (ME/SA, AO/SA)

Schnupfen (ME/SA, AO/SA)

Infekt, grippaler, akuter (ME/SA, AO/SA)

Infektanfälligkeit, häufige (ME/SA, AO/SA)

Hautausschläge im Gesicht (ME/SA, AO/SA)

Mundgeschmack bitter (ME/SA, AO/SA)

Speichelfluß im Mund (ME/SA, AO/SA)

Trockenheit im Mund (ME/SA, AO/SA)

Lippenriß (ME/SA, AO/SA)

Halsdrüsenschwellung (ME/SA, AO/SA)

Räusperneigung (ME/SA, AO/SA)

Schleim im inneren Hals (ME/SA, AO/SA)

Trockenheit im inneren Hals (ME/SA, AO/SA)

Appetit, vermehrt (ME/SA, AO/SA)

Durst (ME/SA, AO/SA)

Magen verdorben (ME/SA, AO/SA)

Magenaufstoßen (ME/SA, AO/SA)

Magenaufstoßen, saures (ME/SA, AO/SA)

Magenschmerzen, drückende (ME/SA, AO/SA)

Magenschmerzen, krampfartige (ME/SA, AO/SA)

Übelkeit (ME/SA, AO/SA)

Bauch, aufgetrieben (ME/SA, AO/SA)

Durchfall (ME/SA, AO/SA)

Verstopfung (ME/SA, AO/SA)

Ausfluss bei Frauen (ME/SA, AO/SA)

Menses zieht sich lange hin (ME/SA, AO/SA)

Husten, trockener (ME/SA, AO/SA)

Rückenschmerz, wund schmerzend (ME/SA, AO/SA)

Hände, kalte (ME/SA, AO/SA)

Füße, kalte (ME/SA, AO/SA)

Fußknöchel, Schwäche der (ME/SA, AO/SA)

Hautausschlag mit Bläschen (ME/SA, AO/SA)

Herpes (ME/SA, AO/SA)

Leukämie (ME/SA, AO/SA)

Abmagerung (ME/SA, AO/SA)

Anämie (ME/SA, AO/SA)

Blässe (Gesicht) (ME/SA, AO/SA)

Pulsieren, äußerliches (ME/SA, AO/SA)

Schmerzen, äußerlich reißende (ME/SA, AO/SA)

Schwäche (ME/SA, AO/SA)

Steifheit der Extremitäten (ME/SA, AO/SA)

< geistige Anstrengung (ME/SA, AO/SA)

< Aufenthalt am Meer (ME/SA, AO/SA)

< Aufstehen (ME/SA, AO/SA)

< Gemütserregungen (ME/SA, AO/SA)

< Sonne(hitze) (ME/SA, AO/SA)

< Morgens (ME/SA, AO/SA)

< vormittags 11 h. (ME/SA, AO/SA)

< Trost (ME/SA, AO/SA)

< nasses Wetter (ME/SA, AO/SA)

Verbesserung durch

> Aufenthalt am Meer (ME/SA, AO/SA)

> Liegen auf Hartem (ME/SA, AO/SA)

> Wetter, trockenes (ME/SA, AO/SA)

> Wetter, warmes (ME/SA, AO/SA)

Abneigungen

Anwesenheit von Fremde beim Urinieren (ME/SA, AO/SA)

gegen Gesellschaft (ME/SA, AO/SA)

gegen den Beischlaf bei Frauen (ME/SA, AO/SA)

Speisen und Getränke: Abneigung gegen schleimige Speisen (ME/SA, AO/SA)

Vorlieben Speisen und Getränke: Verlangt Salz (ME/SA, AO/SA)

 

 

Kontrolle

Der Natrium-Erwachsene ist ein kontrollierter Mensch. Je verschlossener er ist, desto kontrollierter ist er, denn man braucht ein hohes Maß an Selbstkontrolle, wenn man seine Gefühle nicht zeigen will und auch Situationen vermeiden will, die Gefühle auslösen können.

Selbst der offenere Natrium ist etwas kontrolliert. Bestimmte Themen sind tabu, und man muss die Leute zufrieden stellen, um keine Missbilligung zu ernten. Natrium neigt dazu, sein Leben wie ein Bühnenstück zu inszenieren. Nichts wird dem Zufall überlassen, und es gibt kein offenes Ende, denn sonst könnte irgend etwas schief gehen, und das würde zu Unannehmlichkeiten führen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Erstens könnten sich andere Leute, gekränkt fühlen.

Das würde bei Natrium zu Schuldgefühlen führen, die er nicht ertragen kann. (Das ist eine Folge der Schuldgefühle, die er als Kind hatte, als er nicht bedingungslos geliebt wurde). Zweitens könnte man emotional werden, was um jeden Preis zu vermeiden ist, denn es reißt die inneren Wunden auf, und drittens könnte man bedürftig oder närrisch wirken, was ebenfalls unerträglich wäre, denn es ist eine Art von Zurückweisung, die so wohl das Gefühl der Verlassenheit als auch das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit wieder aktiviert.

Die Natrium-Konstitution ist ein direktes Ergebnis unserer Zivilisation. Ich gehe davon aus, dass es, bevor der weiße Mann auftauchte, in den "unzivilisierten" Lebensgemeinschaften der pazifischen Inseln nur relativ wenige Natrium-Typen gab. In solchen idyllischen, primitiven Paradiesen lieben die Frauen ihre Kinder noch auf eine natürliche, nicht emotionale Weise. Sie verbringen viel Zeit mit ihnen, ohne erdrückend zu sein, und sie geben ihnen viel Körperkontakt, vor allem solange die Kinder noch klein sind. Der Vater geht jagen oder fischen, aber seine Arbeit ist ihm nicht wichtiger als seine Familie, sondern sie dient der Familie, und diese Sichtweise behält er auch bei. Das unterscheidet ihn von vielen zivilisierten Männern, die mehr und mehr Energie in ihren Job investieren und sogar zu Hause noch an ihre Arbeit denken.

Wenn die Menschen zivilisiert werden, werden sie unnatürlich. Man erwartet von ihnen, dass sie ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen, ganz gleich wie sie sich fühlen, und wenn das nicht geschieht, müssen sie mit schweren Strafen rechnen.

So lernen sie, ihre Gefühle zu unterdrücken und Äußerlichkeiten immer wichtiger zu nehmen. Sie verlieren die Verbindung zu ihren Angehörigen und investieren mehr und mehr Zeit, um Prestige, Anerkennung und Sicherheit zu gewinnen. Sie lernen, erst andere und dann sich selbst zu belügen, um sich den Zwängen dieser unnatürlichen Welt anzupassen. Auf der globalen Ebene hat die Menschheit eine ähnliche Entwicklung durchgemacht wie das Natrium-Kind. Sie hat allmählich ihr Herz verloren und gelernt, mit einem armseligen Ersatz zurechtzukommen. Die Gesellschaft bringt Natrium-Charakteristika hervor, und Natrium-Menschen sind der Motor der gesellschaftlichen Entwicklung. Es gibt tausendundeinen Weg, wie Natrium sich selbst und sein Leben kontrollieren kann. Das deutlichste Beispiel einer umfassenden Natrium-Kontrolle, das mir einfällt, ist das Viktorianische England, wo die Menschen eine extrem lange Zeit damit verbrachten, "angemessen" zu erscheinen und alle Unannehmlichkeiten unter den Teppich zu kehren. Freundlichkeit war die höchste Tugend, und Etikette war ein absolutes Muss, wenn man "vorwärts" kommen wollte.

Überall auf der Welt legen die relativ wohlhabenden Mitglieder der herrschenden Klassen großen Wert auf Zeremonien, gute Manieren und eine aufrechte Haltung. Solche Leute sind konstitutionell fast immer Natrium muriaticum, obwohl das soziale System so eingerichtet ist, dass auch manche anderen Typen gut dazu passen, vor allem Kalium und Arsenicum. Natrium kontrolliert sich selbst, indem er sich nicht erlaubt, irgendwelche Gefühle auszudrücken. Dadurch kann er sehr starr und unnatürlich

wirken. Er kontrolliert aber auch andere Menschen in seinem Umfeld, und zwar gewöhnlich ohne es zu merken. Über bestimmte Themen darf nicht gesprochen werden, und dafür kann Natrium auf verschiedene Weise sorgen. Dazu gehört beispielsweise das nonchalante Abtun mit einem Lachen oder einem "Sei nicht albern! " oder ein geschickter Themenwechsel. Dann gibt es das stille, beharrliche Leugnen, das um so beharrlicher wird, je mehr man es ignoriert: "Aber wir wissen doch, dass das nicht stimmt, nicht wahr?" Das kann schließlich in einer verschleierten Drohung enden, gewöhnlich als eine Art von Erpressung, die mit zusammengebissenen Zähnen herausgezischt wird: "Liebling, ich bin sicher, Mrs. Huntsford-Smythe würde liebend gerne etwas über deine neuesten literarischen Interessen erfahren", sagt sie, wenn sie in seinem Arbeitszimmer gerade einen Stapel Playboy-Magazine gefunden hat. (Diese Art von Drohung wirkt als Parodie sehr komisch, so beispielsweise in der beliebten Lustspielserie Fawlty Towers, in der Sybil, eine außerordentlich typische Natrium-Frau, ihren Ehemann Basil terrorisiert, damit er den äußeren Schein im gemeinsamen Gästehaus aufrechterhält).

Wenn man das Haus oder die Wohnung eines sehr stark kontrollierten Natrium-Menschen betritt, empfindet man die Umgebung manchmal als steril. Alles ist so sauber und aufgeräumt, und man kann sich kaum vorstellen, dass hier jemand lebt. Kinder, die in einer solchen Umgebung aufwachsen, lernen bald, dass man sie zwar sehen, aber nicht hören darf, und sie werden streng zur Ordnung gerufen, wenn sie den zerbrechlichen Frieden stören oder Lärm und Unordnung machen. Solche Wohnungen sind wie Ausstellungsstücke, makellos, aber ohne Herz.

Die Tendenz von Natrium, seine Umgebung unter Kontrolle zu halten, macht ihn ziemlich konservativ. Veränderung wird als bedrohlich empfunden denn zumindest am Anfang fehlt dabei das Gefühl der Kontrolle. Das kann man sehr klar bei den konservativeren politischen und religiösen Organisationen sehen, deren Mitglieder und Sympathisanten überwiegend Natrium-Typen sind. Die britische Konservative Partei ist ein gutes Beispiel. Fast alle ihrer Abgeordneten und Minister haben Privatschulen besucht, wo sie gelernt haben, sehr rational zu sein und ihre Gefühle für sich zu behalten. Sie halten ihre Reden in der Regel auf sehr kontrollierte, würdige Art und berufen sich auf die traditionellen (Natrium-)Werte von Recht und Ordnung, Moral und Stabilität. Die parlamentarische Etikette selbst ist ein Spiegelbild des kontrollierten Natrium-Erbes, das die gegenwärtigen und früheren Parlamentsmitglieder mehrheitlich teilen. Die Abgeordneten werden von Gegnern, die sie hassen, "ehren werte Herren" genannt, und es ist eine Beleidigung, jemanden der Lüge zu bezichtigen. Das ist eine ganz ähnliche Konstellation, wie man sie auch in vielen Natrium-Familien findet, wo Respekt gezeigt werden muss, ganz gleich ob der andere ihn verdient oder nicht, und wo jeder die Halbwahrheiten des anderen unterstützen muss. "Du darfst dein Team nicht im Stich lassen" ist eine typische Natrium-Haltung. Und der sicherste Weg, das Team im Stich zu lassen, besteht darin, dass man seine Gefühle zeigt. (Die Art, wie konservative politische Parteien ihre Konventionen inszenieren, ist ein anderes klassisches Beispiel für das Kontrollbedürfnis von Natrium).

Die englische Hochkirche wird gerne als "die Konservative Partei im Gebet" bezeichnet. Das ist zwar etwas übertrieben, enthält aber eine Menge Wahrheit. Die Kirche hatte in der Vergangenheit die Tendenz, harte Wahrheiten zu vermeiden und statt dessen Dienstleistungen anzubieten, die der Gemeinde ein Gefühl der Sicherheit geben und die Last der Schuld erleichtern konnten. Das ist eine sehr attraktive Kombination für viele Natrium-Typen, die die Kirche als Ersatzeltern benutzen, jemand, der einem vergibt und einen doch immer an frühere Sünden erinnert. Nach dem Kirchgang fühlt sich Natrium von der inneren Dunkelheit gereinigt und hat gleichzeitig wieder das Zugehörigkeitsgefühl erfahren, nach dem er so verlangt. Die englische Hochkirche ist übrigens nicht die einzige Kirche, die aus Natriums Hoffnungen und Ängsten geformt wurde. Für alle anderen Kirchen gilt dasselbe, ganz gleich ob sie katholisch, evangelisch oder presbyterianisch sind. Nachdem ich nun so gedankenlos einen großen Teil meiner LeserInnen irritiert habe, sollte ich lieber gleich weiter machen. In einer Gesellschaft, die vorwiegend aus Natrium-Menschen besteht, fehlt es nicht an Stoff!

Es gibt viele andere Möglichkeiten, wie Natrium-Menschen die Kontrolle aufrechterhalten und Kontrollverluste fürchten können. Sie können es vermeiden, anderen Menschen zu nahe zu kommen, denn das würde Gefühle auslösen, die sie nicht unter Kontrolle haben. Unabhängigkeit ist für viele Natrium-Typen extrem wichtig, denn sie bedeutet ein gewisses Maß an Kontrolle über das eigene Leben. Vor allem werden Situationen gemieden, in denen man von anderen abhängig ist.

Ein Beispiel dafür ist die Natrium-Frau, die kein Flugzeug besteigt oder die im Auto Angst hat, wenn sie nicht selbst am Steuer sitzt. Eine andere Situation, die für Natrium nicht kontrollierbar ist und deshalb bedrohlich wirkt, ist die homöopathische Fallaufnahme. Nichts könnte schlimmer sein als eine Situation, in der man über sich selbst reden muss, während der Homöopath die Kontrolle ausübt.

 

Geben und Selbstverleugnung Vor allem viele Natrium-Frauen sind süchtig danach, geben zu können. Natrium neigt stark zu Suchtverhalten weil er ein

so bedürftiger Typ ist, und Geben gehört zu seinen grundlegendsten Süchten. Eine Sucht ist ein Mittel, um emotionale (oder körperliche) Schmerzen zu vermeiden, und aus ebendiesem Grund ist Natrium süchtig danach zu geben. Das Natrium-Kind lernt, dass es Anerkennung gewinnt, wenn es anderen Menschen eine Freude macht, und diese Angewohnheit wird verstärkt durch den Mangel an Selbstwert, den viele Natrium-Menschen empfinden.

Die Strategie verläuft etwa folgendermaßen: "Ich bin ein schlechter Mensch (das muss ich sein, weil ich nicht geliebt worden bin), aber indem ich etwas gebe, kann ich ein besserer Mensch werden und auf diese Weise Anerkennung und vielleicht sogar Liebe gewinnen." Natürlich läuft diese Überlegung in den meisten Fällen weitgehend unbewusst ab, aber in einer tiefergehenden Psychotherapie taucht dieses Muster bei fast je dem Natrium-Menschen auf

und kommt dem Betreffenden zum ersten Mal voll zum Bewusstsein. Wenn das geschieht, wird den Patient/inn/en klar, dass sie nicht gezwungen sind

zu geben, so ndern ihren eigenen Schmerz ertragen müssen, bis er von ihren Tränen fortgespült worden ist. Anschließend sind sie frei, ihrem Herzen

entsprechend zu handeln, das sie manchmal drängt zu geben und manchmal nicht. Die meisten Natrium-Typen fühlen sich schuldig, wenn sie nichts geben, weil sie von anderen Natrium-Typen, die sich im Inneren ebenfalls für schlechte Menschen halten, gelernt haben, dass man nicht selbstsüchtig sein darf. Doch es ist schwer, aus vollem Herzen zu geben, wenn das Herz nicht voll ist. Viele Natrium-Menschen geben deshalb aus Pflichtgefühl und weil sie Angst davor haben, ein schlechter, Mensch zu sein. Selbstsucht ist für Natrium-Typen die schlimmste Sünde. Sie ist das, was sie am stärksten zu meiden versuchen, und gleichzeitig die Beschuldigung, mit der Natrium-Eltern ihre Kinder am erfolgreichsten unter Kontrolle halten.

Während der Psychotherapie tauchen oft Gefühle der Feindseligkeit gegenüber den Eltern auf, was für die meisten Natrium-Menschen sehr belastend ist, weil sie gelernt haben, dass solche Gefühle selbstsüchtig und verboten sind. Es kann eine ganze Weile dauern, bis der Patient sich diese Emotionen gestattet, und sogar noch länger, bis er aufhört, sich dafür als selbstsüchtig zu beschuldigen. Viele Natrium-Menschen rechtfertigen ihr Vermeiden von Gefühlen, in dem sie sagen, sie wollten nicht in  Selbstmitleid versinken, denn das sei selbstsüchtig. Sie möchten lieber fröhlich sein und anderen Menschen helfen. Wenn die Sache doch nur so einfach wäre! Seine Gefühle hinter einer Fassade von Fröhlichkeit zu verbergen und ein Leben für andere zu führen ist ein Verleugnen der Wahrheit. Nur indem sie der Wahrheit ins Gesicht sehen, können Natrium-Menschen ihren inneren Schmerz heilen.

Man kann die schweren Fälle von "Gebesucht" leicht ausfindig machen, weil sie nicht nein sagen können. Sie versuchen immer, sich um irgend jemanden zu kümmern, und lassen sich von anderen ausnutzen. Dieses Bedürfnis, sich um andere zu kümmern = "Ko-bhängigkeit", und es ist viel über die

ko-abhängige Persönlichkeit, und wie man sie überwinden kann, geschrieben worden. Die große Mehrheit der Ko-Abhängigen sind Natrium Typen, und wenn die Arznei in hoher Potenz den Tausenden von Menschen verabreicht würde, die sich jetzt in entsprechenden Selbsthilfegruppen treffen, würde ihre Genesung erheblich beschleunigt. (Ich habe festgestellt, dass eine M 10-Potenz meine psychotherapeutische Arbeit mit Natrium-Menschen erheblich erleichtert, weil das Mittel sie emotional öffnet, so dass sie ihre Vergangenheit ansehen und damit umgehen können).

Es sind hauptsächlich Natrium-Frauen, die süchtig werden zu geben. Die gesellschaftlichen Erwartungen verstärken diese Tendenz in einem er schreckenden Ausmaß. Es ist sehr schwierig, wenn man jemanden überzeugen will, dass seine Art zu geben nicht gesund ist, während die ganze moralische Basis der Gesellschaft auf der christlichen Ethik beruht und auf der Einstellung, dass besonders Frauen für andere Menschen sorgen sollten. Emotional gesunde Frauen sorgen ziemlich spontan für andere, aber sie können auch nein sagen, ohne sich schuldig zu fühlen, und sich selbst etwas gönnen, ohne sich für selbstsüchtig zu halten. Fragt man eine Natrium-Frau, warum sie gibt, dann wird sie sagen, dass sie es aus Liebe tut. Das stimmt in den meisten Fällen nicht, aber sie selbst glaubt daran. Das zuvor erwähnte Beispiel der Frau, die versuchte, ihrem Sohn bei der Arbeitssuche zu helfen, ist typisch dafür. Erst sagte sie, sie tue es aus Liebe, und sie glaubte selbst daran. Bei näherer Betrachtung wurde ihr jedoch genauso klar wie mir, dass sie ihrem Sohn etwas gab, weil sie ihn brauchte. In diesem Fall spielte zwar auch Liebe eine Rolle, aber das war nicht der Grund für ihr zwanghaftes Geben. Nicht Liebe, sondern Bedürftigkeit lässt einen Menschen zwanghaft handeln. Genauso wie sie ständig versucht, anderen zu helfen, setzt Natrium sich selbst herab und weist Komplimente zurück. Das tut sie, weil sie tief in ihrem Inneren nicht viel von sich hält (Kent: "setzt sich selbst zurück", "Scham"), da sie als Kind nicht genug Liebe bekommen hat. Selbst ein relativ offener Natrium-Mensch, der anscheinend liebevolle Eltern hatte, neigt dazu, sich selbst herabzusetzen, und fühlt sich schuldig, wenn er "selbstsüchtig" ist. Das liegt daran, dass seine Eltern genauso bedürftig waren wie ihr Kind und des halb nicht bedingungslos lieben konnten.

Vor allem Natrium-Frauen setzen sich selbst mit tausend Kleinigkeiten herab. Oft denken sie, sie hätten anderen Menschen schreckliche Dinge angetan, was gar nicht stimmt. Weil sie das aber meinen, entschuldigen sie sich ständig. "Bin ich nicht furchtbar?", "Bin ich nicht albern?" und "Es tut mir leid, dass ich eine solche Nervensäge bin!" sind typische Aussagen, mit denen sie sich selbst abwerten. Und natürlich gibt es immer Leute, die diese Haltung bestärken. An erster Stelle sind das die Eltern, die das Kind selbst süchtig nennen, wenn es nicht gehorcht, oder schlimmer noch, die es als unnütz oder dumm abqualifizieren. (Eine sanftere Art besteht darin, das Kind als "albern" zu bezeichnen, aber wenn das oft genug geschieht, hat es den selben Effekt, als würde man das Kind "dumm" nennen). Dann sind da die Brüder, die selbstsüchtiger sein dürfen als die Schwestern und die die Mädchen ebenfalls herabsetzen. Und schließlich ist da der Ehemann, der irgend wann die Rolle der Eltern übernimmt und die Frau entweder offen und bewusst abwertet oder dasselbe auf eine subtile väterliche oder scherzhafte Weise erreicht. Selbst die Natrium-Frauen, die das Glück haben, von ihren Freunden und der Familie unterstützt zu werden und Widerspruch zu ernten, wenn sie sich selbst heruntermachen, sind nicht davon zu überzeugen, dass sie gute Menschen sind. Auch die schönsten Komplimente können den Schaden nicht wiedergutmachen, der in den frühen Jahren entstanden ist, als das Kind sich der Liebe nicht wert fühlte. Dennoch ist die Macht der Liebe sehr heilsam, wenn Natrium sich dafür erst einmal geöffnet hat. Viele Natrium-Menschen entwickeln dann doch allmählich Selbstachtung und Selbstliebe, teilweise indem sie sich erlauben, den inneren Schmerz zu fühlen, und teilweise, indem sie ihn durch Liebe neutralisieren.

Natrium-Menschen sind oft sehr stoisch. Sie denken, Selbstverleugnung sei gut für ihre Seele, und meinen, dadurch würden sie stark und selbstlos.

Die Mutter, die für alle und jeden kocht, sich aber selbst nicht zum Essen mit an den Tisch setzt, ist gewöhnlich Natrium. Der Sozialarbeiter, der sich in seiner Arbeit so engagiert, dass er dafür auf Freizeit verzichtet, ist gewöhnlich Natrium (Sozialarbeit zieht Natrium an wie Licht die Motten). Eigentlich sind Märtyrer aller Art gewöhnlich Natrium muriaticum, gleichgültig was ihre bewusste Motivation ist. (wenige Märtyrer sind Phosphor, Staphisagria oder Natrium carbonicum, das kommt  vergleichsweise selten vor). Wenn die emotionale Pathologie von Natrium schwerwiegend ist, schlägt die Selbstverleugnung in Selbstzerstörung um. Der Mann, der 18 Stunden am Tag arbeitet, sieben Tage in der Woche, ist gewöhnlich Natrium. Er hat nicht das Gefühl, viel wert zu sein, und solange er beschäftigt ist, und zwar vorzugsweise produktiv, fühlt er sich innerlich nicht so unglücklich. Natürlich bringt dieser Selbstmissbrauch ihn schließlich um. Die Alkoholiker und Drogensüchtigen, die ihren Schmerzen zu entkommen versuchen, bringen sich ebenfalls um, genauso wie Menschen mit Anorexie oder Bulimie.

Sie alle sind häufiger Natrium als irgendein anderer Konstitutionstyp. Die Prostituierte, die aus wirtschaftlichen Gründen auf die Straße geht, hat ihre Selbstachtung schon lange vorher verloren, und es ist ihr jetzt schon fast gleichgültig, ob sie weiterlebt oder an Aids stirbt. In diesem Zustand ist der Tod für die meisten Natrium-Menschen nicht sehr bedrohlich, sondern eher eine tröstliche Vorstellung, und so eilen sie ihm auf den verschiedensten Wegen entgegen.

Der geistig gesündere Natrium ist im Sprechzimmer oft schwer zu identifizieren. Viele der pathologischen Natrium-Züge fehlen ihm oder sind nur sehr gering ausgeprägt. In solchen Fällen, besonders bei Frauen, hilft oft die Frage: "Ist es leichter für Sie, zu geben oder etwas anzunehmen?" Viele Frage: relativ gesunde Natrium-Frauen werden antworten, es sei leichter zu geben, und wenn man sie fragt, wie sie sich fühlen, wenn sie etwas bekommen, dann werden sie sagen, dass sie verlegen sind oder, wenn sie weniger gesund sind, dass sie sich schuldig fühlen. Lassen Sie sich durch die Verlegenheit nicht in die Irre führen. Sie ist eine leichtere Form von Scham.

 

Perfektionismus und Arbeitswut

Unsere Gesellschaft ist voll von Perfektionisten.

Vielen gibt der Homöopath Arsenicum, weil ihm nicht klar ist, dass der Perfektionismus von Natrium am weitesten verbreitet ist. Aber Natrium steht in den Büchern nicht unter dem Begriff "pedantisch", und Studenten der Homöopathie lernen diesen Aspekt von Natrium während der Ausbildung nur selten kennen. Der Perfektionismus von Natrium hat ein anderes Motiv als der von Arsenicum. Arsenicum fühlt sich unsicher, wenn nicht alles seine Ordnung hat, und das macht ihn zum Pedanten. Natrium jedoch hatte als Kind das Gefühl, nicht gut genug zu sein, und eine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun, besteht Dabei spielt es keine Rolle, ob Darin immer sein absolut Bestes zu geben. Dabei spielt es keine Rolle, ob man sich an das Gefühl der Unzulänglichkeit erinnern kann oder ob man als Kind für seine Leistungen gelobt wurde. Natrium hat sich nicht unzulänglich gefühlt, weil seine Leistungen schlecht waren, sondern weil er nicht genug geliebt wurde und sich deshalb auf irgendeine Weise mangelhaft fühlte. (Zwar wird en auch andere Konstitutionstypen als Kinder nicht genug geliebt, aber Natrium muriaticum reagiert darauf von Anfang an besonders sensibel und wird dadurch stärker geschädigt).

Viele perfektionistische Natrium-Typen haben perfektionistische Natrium Eltern, aber nicht alle. Einige haben Eltern, die sich ganz gerne entspannen

oder sogar schlampig sind. Es ist nicht nur das Vorbild der Eltern, das jemanden zum Perfektionisten macht. Vielmehr ist Perfektionismus aufs Engste

mit einem Mangel an Selbstwertgefühl verknüpft. Der Perfektionismus von Natrium kann umfassend sein oder sich lediglich auf bestimmte Dinge beziehen. Typischerweise muss bei Natrium die eigene Leistung perfekt sein, sowohl in der Schule als auch bei der Arbeit. Wenn er hinter seinen eigenen hohen Standards zurückbleibt, ist Natrium sehr selbstkritisch und setzt   alles daran, des beim nächsten Mal besser zu machen. Extreme Reinlichkeit ist ein Aspekt des Natrium-Perfektionismus, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Das ist nicht überraschend, denn Natrium neigt nicht nur zum Perfektionismus, sondern legt auch großen Wert auf seine äußere Erscheinung. Manch eine Ehe hat unter der zwanghaften Pedanterie von Natrium gelitten oder ist sogar daran zerbrochen.

Das Bemühen um eine perfekte äußere Erscheinung auf die so viele Natrium-Frauen eine Menge Zeit verwenden, wird natürlich durch den Wahn sinn der Werbung genährt und verschlimmert, denn hier wird unterstellt, dass die Frau, die perfekt aussieht, auch einen perfekten Partner findet und dann für den Rest ihres Lebens glücklich ist. Unglücklicherweise werden die Bemühungen vieler Natrium-Frauen um ein perfektes Aussehen ständig durch Akne zunichte gemacht, vor allem in den frühen Jahren. Diese Akne selbst drückt aus, dass sich die Frau in ihrem Inneren als hässlich empfindet, und genau das bekommt sie nun ständig vor Augen geführt. Viele Natrium-Frau en benutzen eine Menge Make-up, um der Welt ein perfektes Bild zu präsentieren. Frauen, die das Gefühl haben, ungeschminkt seien sie nicht voll ständig angezogen, sind fast immer Natrium. Sie haben Angst, die Welt könnte sehen, wie hässlich sie sich fühlen. Natrium-Typen beiderlei Geschlechts kleiden sich meist makellos, es sei denn, ihr Selbstwertgefühl ist so gering, dass sie auch ihre äußere Erscheinung vernachlässigen. Das kommt besonders häufig bei sehr armen und stark übergewichtigen Natrium-Typen vor.

Natrium zwingt anderen Menschen die eigenen hohen Normen nicht so stark auf, wie Arsenicum das tut, aber innerhalb der Familie ist das meist anders. Der traurigste Ausdruck dieser Haltung sind Natrium-Eltern, die ihr Kind zu Glanzleistungen antreiben und sich nie mit weniger als dem Perfekten zufrieden geben. Das Kind wächst angespannt und unnatürlich auf und hat ständig Angst, seinen üblichen hohen Standard nicht zu erreichen. Bei der homöopathischen Fallaufnahme frage ich immer nach Perfektionismus. Natrium weiß meist, dass er perfektionistisch ist. Wenn ich die Patienten bei der Fallaufnahme frage, ob sie Perfektionisten sind, antworten viele: "Ich versuche, einer zu sein." Natrium-Perfektionisten sind oft auch arbeitswütig, aber beide Charakteristika kommen genauso getrennt vor. Der Natrium-Workaholic kann es nicht ertragen, müßig zu sein, und passive Beschäftigungen wie Lesen werden von vielen schon als Müßiggang betrachtet.

Wie zahlreiche andere Aspekte der Natrium-Persönlichkeit ist dieser Zug ein Versuch, den eigenen Gefühlen zu entgehen. Die Rastlosigkeit, die der Workaholic empfindet, wenn er nichts tut, lässt auf Dauer Schuldgefühle, Traurigkeit und Verzweiflung in ihm auf steigen, aber soweit kommt es selten.

Der arbeitswütige Natrium hasst Ferien, wenn es sich nicht gerade um einen Aktivurlaub handelt, und der Gedanke an die Pensionierung erschreckt ihn. Wenn er dann schließlich doch Rentner wird, beschäftigt er sich entweder mit einem Projekt nach dem anderen, oder er wird depressiv.

Die Natrium-Hausfrau kann genauso süchtig nach Beschäftigung sein, und je mehr ihre Spannung wächst, desto wütender arbeitet sie, um ihre Gefühle weiter zu unterdrücken. Natürlich rechtfertigen viele Natrium-Typen ihre Sucht nach Aktivitäten (vor allem nach produktiven Aktivitäten) mit allen möglichen vernünftigen und löblichen Erklärungen, aber die Wahrheit ist einfach, dass sie ihren Gefühlen entfliehen wollen. Natrium ist aus zwei Gründen arbeitssüchtig. Erstens ist das eine Möglichkeit, Gefühle zu vermeiden, und zweitens kann man sich auf diese Weise irgendwie nützlich zu fühlen d. h., man vermeidet das Gefühl der Wertlosigkeit).

Wenn Natrium nicht arbeiten kann, neigt er dazu, entweder reizbar oder depressiv zu sein. Das geschieht jedesmal, wenn er krank ist, und genauso, wenn er arbeitslos ist. Beide Situationen sind für viele Natrium-Typen unerträglich. Zahlreiche Natrium-Patienten berichten, dass sie es hassen, krank zu sein, und doch ziehen sie sehr oft unbewusst die Krankheit an, weil das eine Möglichkeit ist, sich selbst emotional zu heilen. Nur wenn er seine unterdrückten Gefühle zulässt, kann Natrium geheilt werden, und genau dieser Prozess beginnt, wenn auch zögernd, während der Krankheit. Ich habe sehr viele Patienten mit CMS (Chronisches Müdigkeitssyndrom) behandelt, die fast alle Natrium waren und auf die Arznei angesprochen haben. Diese Krankheit ist merkwürdig, weil sie dem Patienten jede Energie raubt, ohne dass es eine signifikante, messbare körperliche Pathologie gäbe. Sie führt dazu, dass der Natrium-Mensch nahezu alle Aktivitäten aufgeben muss, wobei sein Körper jedoch "gesund" bleibt und die Auswirkungen vollkommen heilbar sind. Es ist die perfekte Krankheit für einen Arbeitssüchtigen, der eine Pause braucht und seine Gefühle zulassen muss.

Es gibt ganze Gesellschaften, die arbeitssüchtig wirken. Ich denke hier insbesondere an Deutschland, Japan und auch an die Schweiz. In diesen Gesellschaften herrscht eine besondere emotionale Verdrängung, und die große Mehrheit der Menschen sind Natrium-Typen. In diesen Gesellschaften herrscht eine starke soziale Kontrolle, wie auch in vielen weiteren Ländern des Fernen Ostens. Ich bin sicher, dass die meisten dieser Orientalen Natrium muriaticum sind, und meine Erfahrungen mit der Behandlung solcher Patienten bestätigen diese Annahme. Wenn Frauen lernen, dass sie sich zu benehmen und anderen klaglos zu dienen haben, enden sie sehr oft als Natrium, wenn sie es nicht schon von Anfang an waren. Wo diese Art von Chauvinismus und Unterdrückung Tradition hat, entsteht eine ganze Gesellschaft von Menschen, die von Geburt an eine Natrium-Konstitution haben.

 

Positives Denken

Traditionell gilt Natrium als pessimistisch und auf das Unglück der Vergangenheit fixiert. Das ist sicherlich eine Seite der Natrium-Psyche, aber längst nicht die ganze Geschichte. Die Mehrheit der Natrium-Menschen nimmt Zuflucht zum positiven Denken, um ihren inneren negativen Gefühlen zu entgehen. Manch einer treibt das so auf die Spitze, dass er keinen einzigen negativen Gedanken zulassen will. Ich hatte einige Patienten, die so positiv wirkten, dass ich ihnen zunächst Phosphor gab, was aber nicht half. Bei genauerer Untersuchung entdeckte ich, dass diese positive Haltung nur der Versuch war, frühere unglückliche Erfahrungen und Gefühle der Wertlosigkeit in den Hintergrund zu drängen. Nachdem ich ihnen Natrium muriaticum gegeben hatte, ging es diesen Patienten sehr viel besser. Zu der oberflächlich positiven Haltung von Natrium gehört es, viel zu lächeln. Jemand, der immer lächelt, ist entweder geisteskrank oder Natrium muriaticum. Sie lächeln, wenn sie unglücklich sind, und wenn sie glücklich sind, übertreiben sie, indem sie noch mehr lächeln und ständig darüber reden, wie glücklich sie sind. Je künstlicher das Lächeln ist, desto größer ist das Unglück, das darunter verborgen liegt, und desto leichter ist es für den Homöopathen, die Luftblase zum Platzen zu bringen, so dass die Tränen fließen. Natrium-Frauen plaudern oft vergnügt über "sichere" Themen und lächeln dabei die ganze Zeit. Es ist sehr charakteristisch für Natrium, am Ende des Satzes zu lächeln, ganz gleich wie ernst der Inhalt dieses Satzes war.

Wenn der Homöopath die Frau aber fragt, ob ihre Ehe glücklich ist, hat sie häufig Tränen in den Augen, und ihr Lächeln wirkt weniger überzeugend. Wenn er noch weiter unter die Oberfläche schaut, fließen die Tränen, und das Lächeln verschwindet.

Noch pathologischer ist der Natrium-Typ, der immer lacht (Kent: "lacht hemmungslos"). Er hat den Ruf, ein jovialer Mensch zu sein, den man immer gerne um sich hat.

Er weiß, dass er sehr unglücklich ist, aber er zeigt es nicht. Eines Tages begeht er Selbstmord, und niemand kann es glauben. Viele Natrium-Typen lachen, wenn sie über ernsthafte Dinge reden, die sie innerlich aufregen (Kent: "lacht über ernsthafte Angelegenheiten"). Bei der ersten Konsultation lacht etwa die Hälfte meiner Patienten, wenn ich sie bitte, ihre Persönlichkeit zu beschreiben. Sie sind alle Natrium, und sie sind verlegen und fühlen sich bedroht, weil sie etwas von sich selbst preisgeben sollen. Während der Psychotherapie bitte ich sie, mit dem Lachen aufzuhören, was unweigerlich zu einer Flut von Tränen führt.

Die positiven Denker haben oft New-Age-Bücher gelesen, in denen sie ermutigt werden, "Affirmationen" zu benutzen. Einige gehen in dieser Beziehung ziemlich weit, schreiben die Affirmationen auf und hängen sie zu Hause an die Wand. Aber leider können noch so viele Botschaften wie "Ich bin liebenswert", "Ich ziehe in meinem Leben das an, was ich brauche" und "Ich bin schön" die Natrium-Psyche nicht überzeugen, denn sie empfindet genau das Gegenteil.

Der betreffende Mensch mag diese Affirmationen eine Weile glauben, aber dieser Glaube ist zerbrechlich und passt schlecht zur eigenen inneren Wahrnehmung. Affirmationen sind wie Antidepressiva. Sie decken die unangenehmen Gefühle zu, führen aber nicht immer dazu, dass man sie los wird. Irgendwann muss man sich mit diesen Gefühlen auseinandersetzen, um sie dann loslassen zu können, und wenn Natrium das begreift, verzichtet er auf Affirmationen und Antidepressiva und erlaubt sich zu weinen.

Wenn Natrium positiv denkt, wird sie (gewöhnlich Frauen) meist ziemlich missionarisch in dem Bemühen, ihre Düsternis und Verzagtheit zu vertreiben. Sie hält Predigten und versucht andere zu ihrem System des positiven Denkens zu bekehren. Es genügt ihr nicht, selbst positiv zu denken, sondern andere müssen es genauso machen.

Solche Frauen sind meist süchtig danach, zu geben und sich um andere Leute zu kümmern, und beim positiven Denken meinen sie, sie hätte die Perle gefunden, die sie mit der Welt teilen könnten. Wie bei allen Fanatikern ist ihr Eifer ein Zeichen von Unsicherheit, und sie fühlen sich ziemlich betroffen, wenn jemand ihren missionarischen Bemühungen widersteht. Bei solchen Gelegenheiten verfallen sie oft in eine Art spiritueller Arroganz und sagen Dinge wie "Du sagst das jetzt nur, weil du verletzt bist" oder "Öffne dich für das Gute, wie ich es getan habe. Liebe dich selbst, und du wirst erstaunt sein, was für ein wunderbarer Mensch du bist- Natürlich bietet sich die Religion als Vehikel für solches Missionieren an, und die große Mehrheit der gläubigen Prediger sind Natrium, vor allem die wiedergeborenen. Auch professionelle Wohltäter mit moralischer Ausrichtung sind fast immer Natrium. Beispiele dafür sind unter anderem Mrs. Mary Whitehouse, die britische Vorkämpferin für Moral und Anstand, und die Aktivisten der Kampagne "Recht auf Leben", die Abtreibung und Euthanasie abschaffen wollen. Natrium liebt es, an irgend etwas zu glauben, vor allem die Natrium-Frauen (die Männer sind meist zynischer) Gemessen am Grad der inneren Schmerzen ist Hoffnung für viele Natrium-Menschen sehr wertvoll.

Man denke dabei nur an die Spirituals der Farbigen. Diese schrecklich traurigen Lieder entstanden in Jahrhunderten des Leidens, das man nicht ohne Risiko beim Namen nennen durfte, von Widerstand ganz zu schweigen. Das Spiritual ist voller Trauer und gleichzeitig voller Hoffnung, die Hoffnung auf morgen und besonders auf die Heimkehr zum himmlischen Vater. Unterdrückung gebiert Natrium-Menschen, und anders als Aurum gibt Natrium die Hoffnung nicht auf. Eine andere Variante des positiven Denkers ist der Natrium-Typ, der von der übersinnlichen Welt fasziniert ist. Das ist in Wirklichkeit ein Ersatz dafür, die Tiefen der eigenen Psyche zu erforschen. Er hat den Vorzug, modisch zu sein und viel für die Zukunft zu versprechen, und er ist weniger bedrohlich als die direkte Auseinandersetzung mit dem eigenen inneren Schmerz.

Früher gehörten dazu Seancen, in denen die besorgte Natrium-Frau sich versichern konnte, dass sie nach diesem Leben ein besseres erwarten durfte, und in denen sie etwas Positives über diejenigen erfahren konnte, die sie verloren hatte. Dazu gehörten auch Wahrsager und Tarotleser, die nahezu immer mehr Positives als Negatives sagen (und nahezu immer selbst Natrium sind).

Das "New Age" hat den Channeller hinzugefügt, der direkt mit der Stimme eines höheren Meisters spricht und die Klientin in Kontakt mit ihren geistigen Führern bringt. (Ich hatte einmal die Ehre zu hören, wie einer meiner geistigen Führer zu mir sprach, dank der Vermittlung einer Natrium-Bekannten, die ein Channelmedium war. Der Führer sagte mir, sein Name sei Dempsey. In diesem Moment hatte ich allerdings Schwierigkeiten, ernst zu bleiben, um meine Bekannte nicht zu beleidigen, aber ich wartete darauf, dass sich nun Make peace melden würde).

New-Age-Natrium-Typen haben die Angewohnheit, ihren Kindern Namen wie "Shanti" oder "Gaia" zu geben. Als Teil eines Arbeitsurlaubs habe ich einmal ein paar Wochen in einem New-Age-Zentrum in Kalifornien verbracht. Hier habe ich wirklich das kennengelernt, was ich als die "Brigade der Süße und Leichtigkeit" bezeichne. Im Unterschied zu anderen Zentren, die ich besucht habe, die sich auf die wirklichen inneren Gefühle der Teilnehmer konzentrieren und deshalb die psychische Gesundheit fördern, war dieses Zentrum ein Ort der Verdrängung. Die Therapeuten waren alle Natrium Typen, die vor sich selbst davon liefen, indem sie versuchten, andere zu heilen. Sie benutzten verschiedene Techniken, zu denen häufig Rituale und auch Visualisierungen gehörten. Letztere sind beim New-Age-Natrium besonders beliebt. Sie ermöglichen es dem Klienten, sich eine wunderschöne Lösung seiner Probleme vorzustellen (und sie mögen vielleicht auch die Wahrscheinlichkeit einer solchen Lösung erhöhen), aber dabei geschieht wenig, um den unterdrückten Schmerz bei seinen Wurzeln zu fassen.

 

Der Rebell

Im Gegensatz zum positiven Denker sollten wir uns jetzt den Natrium-Rebellen ansehen, der voller Wut ist. Er will gar nicht hören, dass er einwunderbarer Mensch ist, sondern würde lieber irgend jemandem den Schädel einschlagen. Das würde er für wesentlich heilsamer halten.

Einige Natriums beginnen mit ihrer Rebellion während der Kindheit. Andere sind erwachsen, bevor sie ihre Angst ausreichend überwinden können,

um ihre Wut zu spüren. Ein gutes Beispiel für den frühen Natrium-Rebellen ist der schwierige Junge, der ständig irgendwelche Prügeleien anfängt, seine Lehrer herausfordert und seine Eltern beschimpft. Solche Kinder leiden gewöhnlich unter einem ganz offensichtlichen Mangel an Liebe, und sie werden häufig von ihren Eltern missbraucht. Sie sind stolz darauf, dass sie alles, ohne mit der Wimper zu zucken, wegstecken können, und ihr Lieblingswort (abgesehen Von einigen anderen, die nicht druckfähig sind) ist "Hass". Solche Kinder fühlten sich sehr unwohl, wenn es im Gespräch um die Familie, Liebe und Intimität geht. Sie geben gerne vor, dass ihnen nichts weh tut, und zu diesem Zweck machen sie bei solchen Gesprächen höhnische Bemerkungen. Einige Rebellen, die nicht so tief verwundet sind, sprechen über ihren Schmerz, wenn sie glauben, dass man sie versteht, und dabei können sie manchmal sogar weinen. Unglücklicherweise sieht die Zukunft für den abgebrühten Natrium-Delinquenten nicht sehr rosig aus. Wahrscheinlich muss er mit immer schärferen Strafen rechnen und kann schließlich sogar in Untersuchungshaft und dann im Gefängnis enden. Solche Kinder werden weicher, wenn sie die Arznei in hoher Potenz erhalten, aber sie brauchen viel fürsorgliche Unterstützung, wenn diese Veränderung mehr als ein kurzes Zwischenspiel sein soll.

Der Natrium-Rebell leidet von Kindheit an unter Paranoia. Ständig rechnet er mit Beleidigungen und niederen Motiven, und er fasst nur schwer Vertrauen. Das ist angesichts seines schwierigen Lebens nicht überraschend. Statt erst einmal abzuwarten, beginnt er zu kämpfen, wenn er denkt, man könnte ihn beleidigt haben. Dieses Verhaltensproblem ist in New York sehr verbreitet, besonders in den raueren Gegenden wie der Bronx. (Die New Yorker Taxifahrer sind wegen ihrer Rüpelhaftigkeit verrufen, und ich bin sicher, dass sie in ihrer Mehrheit Natrium sind). Dem Natrium-Rebellen tut innerlich alles weh, aber man kann ihn immer noch durch unermüdliche Liebe und Fürsorge erreichen, vorausgesetzt, man bietet ihm kein Mitleid an, weil er das nicht ertragen würde.

Erwachsene Natrium-Rebellen konzentrieren ihren Ärger oft auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen. Das gilt beispielsweise für junge Natrium-Rebellen, die Punks oder Skinheads werden (erstere rebellieren gegen die Mittelklasse, letztere gegen Ausländer und Juden). In Wirklichkeit handelt es sich nur um eine Projektion der Wut, die die Jugendlichen auf ihre Eltern empfinden, die dem Kind mehr weh getan haben, als sie sich vorstellen können. Feministinnen sind gewöhnlich Natrium-Rebellen (obwohl einige auch Sepia und Ignatia sind). Weil sie von ihren Vätern schlecht behandelt worden sind (und oft auch von anderen Männern, die sie sexuell missbraucht haben), attackieren sie nun systematisch jeden Mann, der ihnen begegnet (Kent: "Hass auf Menschen, von denen sie verletzt worden sind"). Aufgrund ihrer Vergangenheit sind sie so wütend, dass sie auch an einem netten Mann nichts Gutes finden können. Bei der Suche nach einem sicheren sexuellen und emotionalen Kontakt werden viele lesbisch. Wenn solche Feministinnen sich einer tiefergehenden Psychotherapie unterziehen, dringen sie allmählich zur Quelle ihrer Wut vor. Gewöhnlich ist das der Vater oder irgendein anderer Mann, der sie missbraucht hat. Wenn der ursprüngliche Missbrauch (der oft vor vielen Jahren verdrängt wurde) noch einmal durchlebt und durchlitten und die Wut gegenüber dem Urheber ausgedrückt worden ist (eher in der Therapie als im wirklichen Leben), kann die Wut ein für allemal aufgelöst werden, und es ist nicht mehr nötig, sie weiter hin auf Männer im allgemeinen zu projizieren.

Einige Rebellen nutzen ihren Ärger professionell. In diese Kategorie gehören viele Sportler, vor allem Boxer, die oft eine harte Kindheit hatten. Polizisten und Soldaten sind ebenfalls oft Natrium-Rebellen, unglücklicherweise, denn sie neigen dazu, ihren Ärger an unschuldigen Opfern auszulassen.

Die Brutalität, mit der Soldaten und Polizisten manchmal um sich schlagen, lässt deutlich den Hass im Inneren des Natrium-Rebellen erkennen (Kent: "Gewalttätigkeit", "bösartig"), ein Hass, dessen Grundlage der Liebesentzug in der Kindheit ist.

In irgendeiner Form lebt der Natrium-Rebell in vielen Natrium-Menschen, die ihren Kummer jahrelang pflegen und die meiste Zeit voller Wut sind (Kent: "unzufrieden mit allem"). Manchmal weiß Natrium, dass er seine Wut auf unschuldige Sündenböcke projiziert (beispielsweise seine Familie), aber er kann nichts dagegen tun. Zu anderen Zeiten kann er die Projektion jedoch überhaupt nicht erkennen. Je stärker der wütende Natrium verletzt ist, desto gefährlicher ist seine Wut, vor allem wenn sie die meiste Zeit unter drückt wird. Je länger Natrium seine Wut unterdrückt, desto gewaltsamer explodiert sie. Viele Fälle, in denen Männer ihre Frauen schlagen oder impulsiv jemanden umbringen, könnten durch ein oder zwei Dosen Natrium M 10 verhindert werden.

Eine subtile Version des Natrium-Rebellen ist der Zyniker. Viele Natrium Menschen werden zynisch, und das gilt ganz besonders für die Natrium-Männer, die etwa zur Hälfte einen gewissen Zynismus erkennen lassen. Zynismus ist eine Art von Aggression. Er sieht nur die negativen Seiten einer Situation. Bei Natrium erfüllt er eine gewisse Schutzfunktion und hilft dabei, das Herz verschlossen zu halten. Wenn man sein Herz öffnet, fühlt man entweder Liebe oder Schmerz. Der Zyniker zieht sich aus seinem Herzen zurück in den Kopf, wo er weiterhin alles zerstört, was schön ist, denn wenn er das Schöne zulassen würde, würde sich sein Herz öffnen, und er müsste seinen Schmerz fühlen. Andere stark rationale Typen können auch zynisch werden (Nux-v./Kali-c.) aber auch Sulfur, Ignatia und Tuberculinum.

Natrium ist jedoch nicht nur viel weiter verbreitet als diese anderen Typen, sondern neigt auch stärker zum Zynismus, weil er leichter verletzbar ist.

 

Moral und Sexualität

Verglichen mit Opportunisten wie Lycopodium und Nux-v. haben die meisten Natrium-Menschen ziemlich hohe moralische Normen. Wenn sie in ihrem eigenen Verhalten dahinter zurückfallen, haben sie das Gefühl sich selbst zu verraten. Folglich kann man sich auf das Wort von Natrium in der Regel verlassen. Das gilt sogar für den harten Natrium-Rebellen mehr, als man erwarten würde, und das ist wahrscheinlich der Ursprung des kriminellen "Ehrenkodex", dem zufolge man zwar die Polizei belügen darf, aber nicht den eigenen Kumpel. Die Tendenz von Natrium-Typen, zusammenzuhalten und das eigene Team zu unterstützen, die ursprünglich ein Schutzmechanismus war, ist insofern einer der Hintergründe der Natrium-Moral. Ein anderer ist, dass Natrium gelitten hat und deshalb das Leiden anderer nachempfinden kann. Die meisten Natrium-Menschen sind emotional sehr sensibel und mitfühlend. Ein dritter Faktor, der die Moral fördert, ist das völlig unbegründete Schuldgefühl im Unterbewusstsein der meisten Natrium Menschen.

Die herrschende gesellschaftliche Moral gibt Natrium die Richtschnur für Recht und Unrecht, so dass er weiß, wie er sich verhalten muss, um seine Schuldgefühle nicht wieder zu aktivieren.

Die Moral ist ein seltsames Wesen, teils edel und teils durch Furcht motiviert. Je furchtsamer Natrium ist, desto rigider ist meist seine Moral. Die von Schuldgefühlen getriebene, willfährige Natrium-Frau könnte nie zu irgend jemandem unfreundlich sein, wogegen der gesündere Natrium weitaus flexiblere ethische Regeln hat und sich weniger darum kümmert, was andere Leute denken könnten. Ihr ethischer Kodex ist für die Natrium-Frau eine Rückversicherung in einer Welt voller Unsicherheiten.

Wenn andere ihre Prinzipien teilen und besonders wenn sie einen moralischen Sieg erringt, fühlt sie sich bestätigt und anerkannt.

Einige Natriums treiben diese Haltung auf die Spitze, wie etwa militante Abtreibungsgegner oder Tierversuchsgegner, die das Gefühl haben, sie müssten ihre eigene Moral anderen Leuten aufzwingen.

Wenn wir davon ausgehen, dass der Moralkodex einen stabilisierenden Einfluss auf die Natrium-Frau hat, so kann sie sich sehr bedroht fühlen, wenn ihre Ethik in Frage gestellt wird. Wenn sie ihre moralischen Prinzipien beispielsweise von einer besonderen religiösen Organisation herleitet und dann fest stellen muss, dass deren Führer korrupt sind, kann sie am Boden zerstört sein. Ein ähnlicher Schock, der aber noch fundamentaler ist, trifft sie manchmal während der Psychotherapie, wenn ihr klar wird, dass viele ihrer hohen Prinzipien das Ergebnis ihrer eigenen Furcht und ihrer Schuldgefühle sind. Ob wohl solche Erkenntnisse erschütternd sind, wirken sie doch auch erleichternd, denn sie ermöglichen es Natrium, ein bisschen "lockerzulassen" und Wertvorstellungen zurückzuweisen, die aus ihrer eigenen Schwäche resultieren.

Die verbleibenden Werte basieren dann auf Liebe und praktischen Erwägungen und sind im allgemeinen meist flexibler und individueller als zuvor. Rigide Moralisten sind in der Regel Natrium-Typen (können aber auch Arsenicum sein), die - ohne es zu merken - die Absolution für ihre eigene Schuld suchen. Je rigider sie sind, desto mehr verlieren sie den Kontakt zu anderen Menschen und auch zu ihren eigenen Gefühlen. Sie übernehmen gewöhnlich religiöse Verhaltensregeln, um ihre Prinzipien zu rechtfertigen, aber ihre Moral hat nichts Spirituelles, denn sie basiert nicht auf Liebe, sondern auf Lieblosigkeit. Gute Beispiele dafür sind die Pharisäer im Neuen Testament, die sich darüber aufregten, dass Jesus am Sabbat arbeitete und sich mit Prostituierten und Sündern abgab.

Sexuelle Moralvorstellungen lösen meist die heftigsten Gefühle aus, besonders bei Natrium-Menschen. Da die Natrium-Konstitution so viele unter schiedliche Typen kennt, findet man auch viele verschiedene Einstellungen zur Sexualität, aber es gibt eine oder zwei, die besonders verbreitet sind. Natrium-Männer neigen dazu, ihre

Gefühle weitaus stärker zu unterdrücken als Frauen, und deshalb sind sie weniger sensibel. Ihre Sexualmoral ist infolgedessen lockerer und flexibler. Einige haben gegen Promiskuität nichts ein zuwenden (obwohl sie dieses Verhalten bei ihrer Freundin vielleicht nicht akzeptieren würden), und sie suchen eigentlich eher Sex als Liebe, weil sie genauso wie viele Natrium-Frauen wissen, dass sie den mit der Liebe verbundenen Schmerz nicht ertragen könnten. Einige haben enge, liebevolle Beziehungen und sind fähig, auch beim Sex zu lieben (damit meine ich, dass sie wirklich Liebe empfinden und nicht nur freundlich sind), während andere sich für die Monogamie entscheiden, weil das sicherer ist, und einige sind aus moralischen Erwägungen gegen Promiskuität und sexuelle Beziehungen vor der Ehe. Bei den sexhungrigsten Natrium-Männern findet man im Allgemeinen die stärkste emotionale Unterdrückung. Sie benutzen Sex als Mittel zur emotionalen Spannungsabfuhr und verwechseln Vergnügen mit Liebe.

Die sexuelle Moral der Natrium-Frauen ist meist strenger und konsequenter. Das entspricht den gesellschaftlichen Erwartungen und hat auch damit zu tun, dass Natrium-Frauen emotional erheblich verletzlicher sind als die Männer. Die meisten Natrium-Frauen wünschen sich eine liebevolle sexuelle Beziehung und mögen keinen Gelegenheitssex. Bei letzterem fühlen sie sich mehr jeder andere Typ wie ein billiges Flittchen, denn sie leiden ja ohnehin schon unter Schuldgefühlen und mangelndem Selbstwertgefühl, was durch eine lieblose sexuelle Beziehung nur noch schlimmer wird (oder ihnen zu Bewusst sein kommt). Teilweise ist es diese Tendenz, sehr leicht Scham zu empfinden (Kent: "Emotion - Scham"), die dazu führt, dass Natrium-Frauen in Bezug auf Sex hohe moralische Normen haben.

Natürlich gibt es auch weniger pathologische Gründe bei einer relativ gesunden Natrium-Frau, die so viel Selbstrespekt hat, dass sie sich für eine oberflächliche sexuelle Begegnung zu schade ist, und die sich körperlich nur von einem Mann angezogen fühlt, den sie auch liebt.

Viele Natrium-Frauen sind in der Sexualität ziemlich prüde (ältere Generation). Sie fühlen sich oft abgestoßen von dein Mangel an Anstand, den sie bei jüngeren Frauen sehen. Ich denke, dass diese Haltung teilweise pathologisch ist, ein Ausdruck des Schamgefühls, das sie mit Nacktheit und Sexualität verbinden, teilweise aber auch eine gesunde Reaktion auf die Sexbesessenheit, die unsere ganze Gesellschaft ergriffen hat und dazu führt, dass sich Frauen wie Vamps aufmachen, um sich lüsterne Männer zu angeln. Die Liebe wird in unserer Gesellschaft durch die Sexbesessenheit regelrecht vergewaltigt. Wenn das Wort Liebe in den Medien fällt, ist meist Sex gemeint, und viele junge Leute verwechseln das eine mit dem anderen. Die meisten emotional gesunden Menschen aller Konstitutionstypen können durchaus erkennen, welchen Schaden diese weltweite Sexbesessenheit anrichtet, und sie fühlen sich meist abgestoßen von den extremeren Darstellungen der Sexualität, sowohl in den Medien als auch in Gesprächen. Da Natrium-Frauen emotional sehr sensibel sind, beklagen viele, dass sie als Sexobjekte betrachtet werden. Leider gibt es aber genauso viele, die sich systemkonform verhalten und versuchen, Männer anzumachen, um ihre Anerkennung zu gewinnen und vielleicht - hoffentlich - ihre Liebe. Im Laufe der Zeit finden sie jedoch heraus, dass Sex in den meisten Fällen nicht zu Liebe führt, und dann fühlen sie sich betrogen und im Stich gelassen. Heutzutage ist es für Frauen so normal, sich verführerisch aufzumachen, um die Liebe eines Mannes zu gewinnen, dass sich Frauen aller Konstitutionstypen so verhalten, aber Natrium-Frauen sind besonders liebesbedürftig, und deshalb spielen sie häufiger die Verführerin als andere Typen.

Einige Natrium-Frauen treiben das auf die Spitze, versuchen Männer mit Sex zu angeln und geben sich auch mit bloßem Sex zufrieden, wenn sie keinen Mann finden, der sie liebt. Die meisten Vamps sind Natrium (aber die meisten anderen Leute auch). Sie haben als Kinder immer unter einem Mangel an Liebe gelitten (mehr als die durchschnittliche Natrium-Frau), und sie benutzen Sex als leicht verfügbaren Ersatz. Das ist natürlich nicht sehr befriedigend und lässt das innere Gefühl der Wertlosigkeit noch stärker werden. Die Natrium-Frau, die in ihrer Kindheit zu wenig Liebe bekommen hat, lässt sich oft leicht von Männern manipulieren, die ihr Anerkennung als Lohn für sexuelle Dienste anbieten. Sie tut so, als würde ihr das nichts ausmachen, denn sie hat Angst, diese Anerkennung zu verlieren. Wenn sie nicht gesund ist, macht es ihr in den meisten Fällen wirklich nichts aus, denn dann hat sie keinen Zugang zu ihren tieferen Gefühlen.

Wenn sie launisch wird, bringt sie das nicht in Zusammenhang mit der Missbrauchssituation, in der sie sich befindet, denn sie merkt ja nicht einmal, dass sie missbraucht wird. So stark wirkt die Macht der sexuellen Konditionierung bei Menschen, die wenig Selbstachtung haben.

Die meisten Natrium-Frauen genießen Sex als Bestandteil einer liebevollen Beziehung. Einige kommen jedoch auch mit einem liebevollen Partner nicht zum Orgasmus. Das liegt daran, dass sie nicht loslassen und emotional verwundbar sein können, denn sie haben Angst, verletzt zu werden. Einige Natrium-Frauen sind nach der sexuellen Vereinigung traurig, weil sie sich geöffnet und den alten Schmerz in ihrem Inneren entdeckt haben (Kent: "Traurigkeit nach dem Koitus"). Andere haben aufgrund früherer traumatischer sexueller Erfahrungen Schwierigkeiten, sich beim Sex zu entspannen. Das ist eine Reaktion auf sexuellen Missbrauch, die besonders für Natrium-Frauen sehr charakteristisch ist. Viele werden stark übergewichtig in einem unbewussten (und oft bewussten) Versuch, sich selbst für das andere Geschlecht unattraktiv zu machen, damit sie nicht mehr so leicht zum Missbrauchsopfer werden. Nach meiner Erfahrung sind die meisten dicken Frauen Natrium, und viele von ihnen benutzen ihr Übergewicht, um Sex zu vermeiden. (Dicke Calcium- und Graphites-Frauen sind gewöhnlich nicht aus diesem Grund übergewichtig).

 

Schauspielerei

Alle Natrium-Typen sind bis zu einem gewissen Grad Schauspieler. Sie machen oft ein fröhliches Gesicht, wenn sie unglücklich sind, und für einige wird diese Maske ein Dauerzustand. Für viele von ihnen ist diese Betonung des Positiven an sich schon eine Darstellung, vor allem wenn sie gekünstelt und unpassend ist. Außerdem dramatisieren vor allem einige Natrium-Frauen und homosexuelle Männer ihre Gefühle. Das ist das letzte, das viele Homöopathen von einem nüchternen Natrium-Typ erwarten, aber es ist kennzeichnend für eine bestimmte Unterart des Typs. Reiche Natrium-Frauen neigen besonders dazu, ihre Gefühle auf diese Weise auszuagieren.

Wenn eine Dame von Stand auf einer Dinnerparty erklärt: "Liebling, dieser Wein ist einfach grässlich!", steht sie fast mit Sicherheit in Resonanz zur Wellenlänge von Natrium. Wenn sie tatsächlich einen Grund zur Traurigkeit hat, wird sie auch das übertreiben. "Liebling, ich fühle mich so schrecklich, du hast keine Ahnung, wie elend mir ist!" Solche Leute benutzen diese Art von emotionaler Dramatisierung, um ihre wirklichen Gefühle zu vermeiden. Sie sind ausnahmslos in ihrem Inneren sehr unglücklich, aber es gelingt ihnen, das die meiste Zeit nicht zu fühlen. Natrium wird ihre körperlichen Symptome lindern und auch dafür sorgen, dass einige echte Gefühle an die Oberfläche kommen, aber die meisten haben zuviel Energie in ihr Vermeidungsverhalten investiert, um es einfach aufzugeben.

Eine dramatische Natrium-Frau redet lieber über Gefühle, als sie wirklich zu empfinden. Selbst eine durchschnittliche Natrium-Frau hat gewisseschau spielerische Qualitäten. Sie wird einen Schock vortäuschen, wenn sie beim Klatsch mit den Freundinnen vom Seitensprung eines Bekannten hört, und sie wird begeistert schildern, wie wunderbar ihr gegenwärtiger Partner ist und wie phantastisch ihr nächster Urlaub sein wird. Natrium-Jugendliche beiderlei Geschlechts benutzen zu viele Superlative und übertreiben im allgemeinen die Gefühle, die sie für gesellschaftlich akzeptabel halten, während sie den Rest verbergen. So wird der Natrium-Teenager seinen Kumpels verkünden: "Meine Güte, wie ich diese blöden Zigaretten hasse!", aber er wird ihnen nicht erzählen, dass er traurig ist, weil sein Vater ihn nicht wie versprochen zum Angeln mitgenommen hat.

Wenn eine Natrium-Frau jemandem gefallen möchte, dramatisiert sie oft ihre Vorlieben. So sagt sie beim ersten Treffen vielleicht zu ihrem zukünftigen Partner: "Ich liebe Pasta, sie ist so lecker!" und zwei Minuten später: "Jazz liebe ich einfach, weil er so frei ist! " und so weiter.

Ohne es zu merken, versucht sie, attraktiver zu wirken, indem sie ihre Lebensfreude übertreibt.

Und aus irgendeinem Grund denkt sie oft, es sei genauso attraktiv, wenn sie ihre negativen Gefühle übertreibt. So sagt sie beispielsweise: "Findest du es nicht auch entsetzlich, wie die Telefongebühren gestiegen sind?" und "Ich finde es einfach unerträglich, wie dieser Kellner geht!" Sie glaubt wahrscheinlich, der andere würde sie mögen, wenn sie viel Nähe demonstriert, aber statt dem anderen wirklich nahe zu sein, imitiert sie Nähe, indem sie triviale Gefühle übertreibt.

Einige Natrium-Frauen treiben diese Pseudointimität auf die Spitze. Sie krallen sich jemanden, den sie für mitfühlend halten, und erzählen ihm auf hochdramatische Weise intime Einzelheiten aus ihrem Leben: "Mein Mann mag keinen Sex, wissen Sie. All die Jahre, die ich vergeudet habe! Er hat mich Überredet, mich sterilisieren zu lassen, weil er zu egoistisch war, den Eingriff bei sich selbst machen zu lassen, und anschließend hat er mich nicht mehr angerührt. Natürlich ist seine Trinkerei daran schuld, er ist ein Sklave des Alkohols! " und so weiter. Die Telefongespräche von Sybil in der Fernsehkomödie Fawlty Towers sind typisch für diese schwärmerische Art von Natrium, die versucht, durch Intimität Freunde zu gewinnen, und dabei häufig an eine andere schwärmerische Natrium-Frau gerät, mit der sie ein stillschweigendes Abkommen schließt nach dem Motto: "Du hörst mir zu, und ich höre dir zu." (Eine lustige Parodie auf die schwärmerische Natrium-Frau ist auch Dame Edna Everage, die fiktive australische Hausfrau, die dramatisch überschwänglich und peinlich intim ist. Gleichzeitig ist sie sehr stolz darauf, wie großzügig sie ihr Leben mit der Öffentlichkeit teilt).

Bei der emotional überschwänglichen Natrium-Frau ist es wichtig zu er kennen, dass sie sich so benimmt, um ihre wirklichen Gefühle nicht aushalten zu müssen. Wenn solche Frauen sich einer tiefergehenden Psychotherapie unterziehen (was nicht sehr oft geschieht), steht der Therapeut einem ununterbrochenen Strom von Worten gegenüber, bei denen die Patientin aber weder weint noch irgendwelche anderen Anzeichen echter Emotionen zeigt. Indem er der Patientin jedoch während des größten Teils der Sitzung das Sprechen verbietet und sie auffordert, sich auf ihren Körper und ihre Gefühle zu konzentrieren, kann er das oberflächliche Geschnatter schnell umgehen und zu den wirklichen Gefühlen vordringen, die sich dahinter verbergen. Manchmal genügt es, einfach zu sagen: "Sprechen Sie nicht", um sofort eine Flut von Tränen auszulösen.

Einige Homöopathen sind beim Gedanken an eine emotional überschwängliche und dramatische Natrium-Frau vielleicht verwirrt. Die Verwirrung lässt jedoch nach, wenn man sich daran erinnert, dass dies nur eine weitere Spielart ist, wie Natrium es vermeidet, sich mit ihren wirklichen Gefühlen auseinanderzusetzen. In den alten Arzneimittellehren stehen keine genaueren Einzelheiten über die Geistessymptome der Arzneien. Kent sagt jedoch, Natrium sei "eine Arznei für hysterische Mädchen". Wenn Natrium aber hysterisch sein kann, dann kann sie auch "prähysterisch" oder emotional überschwänglich sein. Es ist nicht überraschend, dass viele Natrium-Menschen ihre dramatischen Fähigkeiten nutzen und als Amateure oder Profis Schauspielerinnen und Schauspieler werden. Die meisten Profis sind Natrium (obwohl viele auch zu den ebenso dramatischen Phosphor-, Ignatia- und Sulfur-Typen gehören), genauso wie die meisten Models, deren Beruf viel mit Schauspielerei zu tun hat.

Elizabeth Taylor ist ein gutes Beispiel für eine Natrium-Schauspielerin, sowohl auf der Leinwand als auch im Privatleben. Genauso wie viele Homöopathen erwarten, dass Natrium zurückhaltend ist, erwarten sie auch, dass Natrium das Rampenlicht meidet. Natürlich tun Schauspieler genau das Gegenteil, aber das gilt auch für viele "normale" Natriums, besonders für manche Frauen. Viele Natrium-Eltern ermutigen ihre Kinder ausdrücklich, zu tanzen, zu singen oder Gedichte vorzutragen. Das ist gesund, solange das Kind es selbst will und nicht zu herausragenden Leistungen getrieben wird, aber oft machen Eltern das Kind zum Stellvertreter für eigene unerfüllte Bedürfnisse und setzen es damit unter Druck. Das kann auch dazu führen, dass das Kind später immer im Mittelpunkt stehen will. Sogar manche Natrium-Typen, die von ihren Eltern nicht ausdrücklich zu darstellerischen Leistungen ermutigt worden sind, zieht es später gelegentlich auf die Bühne, nicht buchstäblich, aber indem sie versuchen,  Aufmerksamkeit und Bewunderung zu erlangen. Ohne irgendeine Aufforderung von den Eltern kann das kleine Natrium-Mädchen sich in eine Darbietung von Gesang oder Tanz stürzen und dabei versuchen, Eindruck zu machen, um Anerkennung und Liebe zu ernten. Alle Kinder tun das bis zu einem gewissen Grad, aber einige geben diese Angewohnheit nie auf, und viele davon sind Natrium.

Diejenigen, die tatsächlich darstellende Künstler werden, finden andere Mittel und Wege, um Bewunderung zu erlangen.

Dazu gehört es, anzugeben oder kleine Fetzen persönlicher Informationen auszustreuen, die Eindruck machen sollen. Viele der dramatischeren Natrium-Frauen tun das, besonders bei Männern, die sie anziehend finden (dasselbe gilt für viele Ignatia-Frauen). Sie haben das Bedürfnis, sich als etwas Besonderes zu fühlen, weil sie sich tief in ihrem Inneren vernachlässigt fühlen. Ein gutes Bei spiel ist die reiche adelige Dame in dem Film The Sound of Music, die fast Baron von Traps Frau geworden wäre.

Sie ist sich seiner Zuneigung nicht sicher, und deshalb lobt sie sich ständig selbst und angelt nach Komplimenten. Je stärker sie versucht, Eindruck zu machen, desto weniger beeindruckend wirkt sie, und desto verzweifelter werden ihre Versuche.

Weil sie sich von Maria, der neue n Hauslehrerin ihres Verlobten, bedroht fühlt, überredet sie ihn, ihr zu Ehren ein Bankett zu veranstalten, auf dem sie sich der lokalen Elite glanzvoll präsentiert und ganz allgemein die großzügige Gastgeberin und Ehrendame spielt.

Aber auch das hilft nichts, und der Baron verfällt immer mehr dem Charme der phosphorischen Maria. Der Natrium Experte Während viele unsichere Natrium-Frauen zu emotionaler Dramatik flüchten, um sich als etwas Besonderes zu fühlen, entwickeln viele Natrium-Männer (und auch einige Natrium-Frauen) einen außergewöhnlichen Stolz auf ihre intellektuellen Fähigkeiten. Der Natrium-Mann hat ein genauso großes Bedürfnis, sich als etwas Besonderes zu fühlen, wie die Natrium-Frau. Wie viele Lycopodium-Männer wird er oft zum Spezialisten auf einem bestimmten Wissensgebiet und präsentiert der Welt seine Kenntnisse mit großem Stolz. Der intelligentere Natrium macht das etwas subtiler.

Gleichwohl gibt er seinen Ausführungen immer eine gewisse Betonung, so als wolle er sagen: "Seht her, wie gescheit ich bin." Nicht alle Natrium-Experten sind so, aber wenn sie so sind, können sie recht ermüdend sein. Typischerweise sind sie sehr scharf darauf, ihre eigene Meinung zu sagen, und nicht besonders interessiert daran, die Meinungen der anderen zu hören. Insofern sind sie das genaue Gegenteil des durchschnittlichen Natrium-Typen, der ein guter Zuhörer ist und relativ wenig spricht.

Der stolze Natrium-Experte wird jede Gelegenheit ergreifen, sein Wissen zu demonstrieren, und am Ende seiner Ausführungen wartet er gespannt auf Zeichen des Lobs. Darin unterscheidet er sich vom begeisterten Sulfur-Experten, der sein Wissen genauso gerne demonstriert, aber kein Lob erwartet. Er fühlt sich innerlich schon gut genug und gibt seine Kenntnisse nur weiter, weil es ihm Spaß macht. Der Sulfur-Experte wartet nicht gespannt auf Lob, sondern ist glücklich, solange seine Zuhörer ihn verstehen und vor allem wenn sie seine Freude an der Sache teilen.

Es kann sehr schwierig sein, den stolzen Natrium-Experten vom stolzen Lycopodium-Experten zu unterscheiden. Beide wollen ihr Selbstwertgefühl heben, indem sie andere mit ihrem Wissen beeindrucken, und beide hoffen auf Anerkennung von seiten des Publikums. Ich habe festgestellt, dass der echte Natrium-Intellektuelle seinen Stolz nur selten offen zeigt. Es ist der nichtintellektuelle Natrium, der auf einem spezifischen Gebiet einige Kenntnisse erworben hat, der zu Höhenflügen neigt und sich vor Überheblichkeit aufbläst. Es ist schwierig, die Unterschiede zwischen dem Natrium-Pseudoexperten und seinem Lycopodium-Gegenstück zu beschreiben. Im Allgemeinen muss man sich dazu auf andere Aspekte der Persönlichkeit verlassen wie beispielsweise Ängste, die Beziehungsfähigkeit und das Maß der Emotionalität. Oft sind die körperlichen und Allgemeinsymptome hilfreicher. Ein Unterschied, den ich festgestellt habe, besteht darin, dass der Lycopodium Pseudointellektuelle oft ein Alleswisser ist, der in den meisten Fällen zu jedem Thema etwas zu sagen hat, während sein Natrium-Gegenstück dazu neigt, bei seinem Lieblingsthema zu bleiben. Ein anderer Unterschied ist der, dass der Natrium-Pseudoexperte stärker emotional beteiligt wirkt als Lycopodium, was ihn irgendwie "schwerfälliger" erscheinen lässt. Solange der

Homöopath weiß, dass diese beiden Typen meist Männer hervorbringen, die außergewöhnlich stolz auf ihr Wissen sind und gerne darüber reden, kann er mit einiger Erfahrung lernen, die subtilen Unterschiede zwischen beiden zu erkennen.

 

Der Snob

Der Snob ist ein Natrium-Untertyp, der beeindrucken möchte. Vielleicht stammt er aus einer reichen, kultivierten Familie, und in diesem Fall bemüht er sich wahrscheinlich nicht so stark, weil seine Herkunft und sein Geld ein drucksvoll genug sind. Er ist ein Snob, weil er auf andere Menschen, die weniger kultiviert sind, herabsieht und weil er es genießt, zu zeigen, was er hat, und sich auf subtile Weise mit seinen edlen Qualitäten zu brüsten. Natrium ist nicht der einzige Konstitutionstyp, der das tut. Arsenicum ist oft ein Snob, und manchmal auch Nux-v. Der aristokratische Natrium-Snob fühlt sich von der Vulgarität des gemeinen Volkes abgestoßen.

Er stellt sich selbst so dar, als halte er die Fahne von Anstand und Adel hoch, und zu diesem Zweck gibt er sich gerne als Wohltäter. Als Natrium ist er in den meisten Fällen emotional sehr verschlossen und bewahrt die Haltung einer vergangenen Ära. (Nicht alle Natrium-Aristokraten sind Snobs, aber es ist schwer für sie, diese Tendenz zu vermeiden). Er bewahrt eine herzliche Distanz zur Familie und verbirgt sich hinter der Etikette, seinen Hobbys und seiner Autorität. Er ist sehr stolz auf die Privatschule, die er als Junge besucht hat (obwohl er die halbe Zeit dort zutiefst unglücklich war), und er meldet seinen Sohn gleich nach dessen Geburt in derselben Schule an. Für den Snob ist die äußere Erscheinung wichtiger als alles andere, und er sorgt dafür, dass seine Kinder das nicht vergessen. Der echte aristokratische Natrium-Snob scheint emotional recht stabil zu sein (verschlossen), besonders die Männer. Der weibliche Snob kann gelegentlich unter Depressionen, dramatischen Ausbrüchen oder Panikanfällen leiden, sorgt jedoch dafür, dass davon nichts an die Öffentlichkeit dringt. Sie kann zeitweise so fordernd sein wie ein verwöhntes Kind, und sie sieht zu, dass sie immer bekommt, was sie will (fast immer). Solche Menschen führen ein sehr unwirkliches Leben, das oberflächlich ist und dem jedes wirkliche Selbstverständnis fehlt. Leider regierten sie früher einen großen Teil der Welt, und ihr Einfluss ist immer noch stark. Die andere Variante des Natrium-Snobs ist größenwahnsinnig. Meist sind es Frauen, aber nicht immer (Basil Fawlty ist als Mann ein beachtliches Bei spiel, auch wenn es sich um eine fiktive Gestalt handelt). Da diese Frau nicht aus einer adligen Familie stammt, muss sie alles daransetzen, sich mit den Insignien von Reichtum und Eleganz auszustatten. Wenn es ihr nicht gelingt, in eine reiche Familie einzuheiraten, wird sie zumindest einen Mann heiraten, der sie in ihren Ambitionen nicht einschränkt. Oft ist er ebenfalls ein Natrium, der, wenn er schon kein Snob ist, doch zumindest nach Reichtum und sozialer Anerkennung strebt. Diese "neureichen" Snobs (und auch die "vor-reichen") sind weit unerträglicher als die aristokratischen, weil sie das Bedürfnis haben, ständig ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Zu diesem Zweck legen sie sich einen sehr affektierten Akzent zu (und nehmen dafür sogar oft Sprechunterricht), und wenn sie nicht eine sehr gute Bildung haben, benutzen sie Fremdworte nicht korrekt.

Neureiche Snobs sind furchtbar selbstbesessen. Sie investieren viel Zeit und Geld in ihre äußere Erscheinung und lesen die entsprechenden Magazine,

um immer auf dem aktuellen Stand der neuesten Mode zu sein. Es ist besonders traurig zu sehen, wie solche Leute ihre Kinder erziehen. Wenn sie es sich leisten können, schicken sie sie ins Internat. Wenn nicht, behandeln sie sie entweder wie gesellschaftliche Ausstellungsstücke oder wie Prügelknaben oder beides. Solche Kinder wachsen zutiefst unglücklich auf und unterwerfen sich entweder der elterlichen Konditionierung, in dem sie selber Snobs werden, oder sie rebellieren, was gesünder ist und hoffen lässt.

Interessant ist der Ursprung der Mentalität des neureichen Snobs. In einigen Fällen ist es das Beispiel der Eltern, aber in anderen Fällen ist das Natrium-Kind in einer armen Familie ohne jede Kultur aufgewachsen und war zutiefst beschämt über seine Herkunft. Dann wird es versuchen, die Familienbande so bald wie möglich zu lösen oder mit Glanz und Gloria zurückzukehren, um selbst die Vorherrschaft zu übernehmen. Solche Kinder haben früher wahrscheinlich nicht genug Liebe bekommen, sonst würden sie sich nicht so sehr schämen. Sie haben einen Minderwertigkeitskomplex, der aber nur sekundär das Ergebnis ihrer bescheidenen Herkunft ist und vorrangig aus dem alten Natrium-Gefühl der Verlassenheit resultiert. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ihre Eltern nachsichtig waren und das Kind verwöhnt haben, aber Nachsichtigkeit ist nicht dasselbe wie bedingungslose Liebe, und sie verhindert nicht, dass sich die Kinder innerlich verlassen und leer fühlen. Der neureiche Snob hat starke emotionale Abwehrmechanismen und wird nicht einmal auf die Idee kommen, dass er irgendwie nicht gesund sein könnte, es sei denn, er wird durch eine Krise oder schwere Verluste dazu gezwungen.

Wenn letztere eintreten, sind sie ein heimlicher Segen, denn sie zwingen den betreffenden Menschen, sich mit der Realität auseinanderzusetzen.

 

Depression

Natrium muriaticum ist für Depressionen anfälliger als irgendein anderer Typ außer Aurum, aber Aurum-Menschen sind selten. Die weitaus größte Mehrheit der depressiven Patienten braucht Natrium in einer sehr hohen Potenz, sofern der körperliche Zustand nicht dagegen spricht. Die Reaktion eines depressiven Natrium auf die Arznei in einer 10M-Potenz gehört zu den dramatischsten und befriedigendsten Reaktionen aller homöopathischen Behandlungen, vorausgesetzt der Patient nimmt nicht gleichzeitig Antidepressiva, die der Arznei entgegenwirken. Nach einer Erstverschlimmerung von ein oder zwei Tagen beginnt das schwere Gewicht von Trauer und Verzweiflung leichter zu werden, und nach ein paar Wochen fühlt sich der Patient meist so gut wie nie zuvor. (Es wäre an der Zeit, diese Behandlung in kontrollierten Doppelblindstudien zu verifizieren, weil sie so zuverlässig und so wirksam ist).

Natrium-Menschen werden depressiv, weil sie ihre Traurigkeit unterdrücken. Wenn sie all die Traurigkeit, die sie je empfunden haben, im Moment der Entstehung durch Weinen aufgelöst hätten, gäbe es keine Depression und auch kein Gefühl der Wertlosigkeit und nicht die Myriaden von Abwehrmechanismen, mit denen Natrium versucht, seinen Gefühlen zu entgehen. Deshalb fühlen sich Natrium-Menschen besser, wenn sie weinen.

Durch das Weinen löst sich eine Schicht der Traurigkeit, was Erleichterung bringt, bis die nächste Schicht an die Oberfläche kommt. (Jede dieser Schichten kann auf gelöst werden, bis die emotionale Gesundheit erreicht ist, aber das erfordert eine tiefgreifende Psychotherapie, wie sie weltweit nur von wenigen Therapeuten praktiziert wird. Mehr darüber später).

Der größte Teil der Traurigkeit von Natrium sammelt sich gewöhnlich während der Kindheit, wenn die Psyche am stärksten verwundbar ist. Vieles davon wird unterdrückt, aus dem Bewusstsein verdrängt und als chemische oder energetische Erinnerung im Körper gespeichert.

Wenn der Natrium Mensch später Zeiten erlebt, in denen es ihm schlecht geht, oder wenn er plötzlich intensiv leidet, wird noch mehr Traurigkeit unterdrückt, bis der unterbewusste Speicher schließlich voll ist und das, was überläuft, wieder ins Bewusstsein gelangt und dort zur kontinuierlichen Traurigkeit der Depression führt. Es ist wichtig zu erkennen, dass die Traurigkeit, die der depressive Mensch fühlt, nur die Spitze des psychischen Eisbergs darstellt.

Deshalb sind Depressionen so schwer auszulöschen, und nicht etwa, weil sie das Ergebnis eines chemischen Ungleichgewichts wären. In die Tiefe gehende Psychotherapie beseitigt die Traurigkeit durch Weinen, und damit verschwindet auch das chemische Ungleichgewicht, das entstanden ist, als die Traurigkeit im Körper gespeichert wurde. Das ist ein Prozess, der Jahre einer regelmäßigen Therapie braucht, aber er wirkt. Die Ursprünge der Depression sind so gut in der Vergangenheit des Patienten verborgen, dass die herrschende medizinische Wissenschaft sie noch nicht entdeckt hat, denn diese Wissenschaft benutzt das medizinische Modell der psychischen Krankheit und geht davon aus, dass psychische Krankheit ihrem Wesen nach ein physisches, biochemisches Problem ist.

Der korrekte Einsatz der Homöopathie bei der Behandlung von Depressionen ist vom medizinischen Modell aus gesehen ein großer Schritt nach vorne, denn die Arznei ist energetisch, und deshalb wirkt sie auf der emotionalen Ebene genauso wie auf der biochemischen.

Gleichwohl kann man mit den Arzneimitteln alleine nur eine relativ oberflächliche Depression beenden oder eine tiefe lindern. Die oberste Schicht der Traurigkeit wird aufgelöst, und das bringt Erleichterung. Früher oder später wird jedoch eine neue Schicht von Traurigkeit aktiviert, und der Prozess muss wiederholt werden.

Viele alltägliche Ereignisse können eine Natrium-Depression auslösen. Am stärksten wirkt alles, was mit Liebesverlust zu tun hat, denn das reaktiviert den frühen Kummer. Der plötzliche Tod, die Trennung oder Entfremdung von einem geliebten Menschen kann der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt und eine Depression auslöst. Die häufigste Situation ist die, dass die Natrium-Frau eine relativ lieblose Ehe führt.

Oft vernachlässigt oder missbraucht der Mann sie, und die Frau toleriert diesen Missbrauch, weil sie Angst hat, den Mann zu verlieren. Vielleicht nimmt sie alles schweigend hin und verfällt allmählich der Verzweiflung, oder sie wird aggressiv und lässt ihre Wut an Mann und Kindern aus. Diese Reaktion ist eindeutig gesünder.

Die Frauen, die nicht wütend werden, bleiben meist die längste Zeit ihres Lebens in der Missbrauchssituation und fallen von einer Depression in die nächste. Manchmal reicht eine Hochpotenz der Arznei, um das Selbstvertrauen der Frau zu mobilisieren, sodass sie zum ersten Mal im Leben ihren Ärger ausdrückt.

Ich habe einmal eine Bekannte wegen emotionaler Probleme behandelt. Sie war eine Frau in mittleren Jahren, die immer Schwierigkeiten hatte, sich gegenüber Männern zu behaupten, und sie neigte dazu, ständig unter dem Schatten der Furcht zu leben. Ihr Vater war sehr streng gewesen. Er hatte sie wegen relativ trivialer Vergehen geschlagen und auf diese Weise bei seiner Tochter einen permanenten Zustand der Hilflosigkeit hervorgerufen. Ich gab der Frau Natrium muriaticum M 10, und einige Tage später hörte ich, sie sei sehr wütend auf mich. Ich nahm Kontakt mit ihr auf, und sie sagte mir, nachdem sie die Arznei genommen habe, sei sie plötzlich außer sich vor Wut darüber gewesen, dass ich sie gelinkt und ihr Geld für ein paar Zuckerperlchen abgeknöpft hätte. Ich wies darauf hin, dass sie sich ziemlich anders benehme als sonst.

Sie stimmte mir zu und ergänzte, sie habe heute auch bei der Arbeit einem Kollegen, vor dem sie sich monatelang gefürchtet habe, die Meinung gesagt. Ich erklärte ihr, die Arznei habe ihr Selbstvertrauen gestärkt und bringe nun Gefühle von unterdrückter Wut an die Oberfläche. Da verstand sie, was passierte, und sagte, sie sei erstaunt darüber, dass sie keine Schuldgefühle habe, obwohl sie mit ihrem Kollegen so grob umgegangen sei.

Manchmal reicht die Arznei, um einer Frau die Kraft zu geben, sich gegen einen nachlässigen Ehemann zu behaupten. Dann bringt sie ihn entweder dazu, dass er ihr zuhört, oder sie hat endlich den Mut, ihn zu verlassen. Häufiger jedoch benötigt die Frau zusätzlich eine Psychotherapie, und die Arznei allein hilft ihr bestenfalls, mit der unglücklichen Situation besser zurechtzukommen.

Einige Natrium-Frauen sind so "ko-abhängig", dass sie depressiv werden, wenn sich ihr alkoholkranker oder leidender Ehemann erholt. Er ist dann nicht mehr länger von ihr abhängig, und deshalb hat sie das Gefühl, nicht mehr nützlich zu sein, und fürchtet, dass er sie verlassen hat. (Die ganze Bewegung der "Ko-Abhängigen" ist entstanden, weil die Ehefrauen von Männern, die zu den Anonymen Alkoholikern gehörten, sich zur gegenseitigen Unterstützung zusammenschlossen, als sie infolge der Genesung ihrer Männer depressiv wurden). Für viele Natrium-Frauen taucht die Depression plötzlich aus dem Nichts auf, ohne einen erkennbaren Auslöser. Trotzdem gibt es gewöhnlich einen solchen, der jedoch so subtil ist, dass die Patientin ihn nicht erkennt.

Sie kann beispielsweise depressiv werden, nachdem sie einen Mann geheiratet hat, der liebevoll und aufmerksam ist. Bei eingehender Befragung zeigt sich dann, dass sie Schwierigkeiten hat, sich beim Geschlechtsverkehr zu entspannen. Nachdem sie die Arznei genommen hat, kann sie sich plötzlich daran erinnern, dass sie als Kind sexuell missbraucht worden ist, eine Erinnerung, die sie jahrzehntelang verdrängt hatte. In diesem Fall war die sexuelle Aktivität der auslösende Faktor für die Depression. Ohne die Arznei hätte sie die Ursache vielleicht nie erkannt, und die Depression hätte für den Rest ihres Lebens weiterbestehen können. (Viele Menschen erkennen die Ursache trotz der Arznei nicht).

Die hartnäckigsten Fälle von Depression findet man bei solchen Natrium Menschen, die von Geburt an zahlreiche Traumata erlitten haben.

(Diese Leute berichten außergewöhnlich häufig über eine schwierige Geburt).

Tragischerweise waren sie ihr Leben lang Opfer und haben einen Missbrauch nach dem anderen erduldet. Sie haben meist einen absoluten Mangel an Selbstvertrauen und Selbstachtung und reagieren auf jeden Missbrauch und jede Bedrohung eher mit Furcht und Traurigkeit als mit Wut. Meist hängen sie sich geradezu verzweifelt an Therapeuten, die ihnen Hoffnung geben, und abgesehen von ihrer hartnäckigen Tendenz, sich selbst abzuwerten und jeden Missbrauch still zu ertragen, sind sie "Musterpatienten", die jeder Anweisung buchstabengetreu folgen und, wenn es ihnen gut geht, in der Sprechstunde erscheinen und sich jedes mal bei ihrem Therapeuten begeistert bedanken. Oft lächeln oder lachen sie bei unpassenden Gelegenheiten, oder sie weinen heftig, wenn sie von ihren früheren Leiden sprechen. Solchen Patienten kann man mit der Arznei zwar weiterhelfen, aber nur die tiefste Psychotherapie kann ihren Schmerz auflösen, und auch das nur nach Jahren der Therapie.

Das charakteristischste an der Natrium-Depression ist, dass sie überwiegend stumm verläuft. Die Patienten sprechen mit niemandem über ihre Gefühle der Traurigkeit und Angst, und oft werden auch die Tränen zurückgehalten. Dafür gibt es verschiedene Gründe, aber der wichtigste besteht darin, dass der Patient den Berg von Traurigkeit unter der Oberfläche spürt und nicht bereit ist, sich damit durch Weinen auseinanderzusetzen. Natrium unterdrückt seine Tränen aber auch, weil er sich schuldig fühlt, wenn er andere Menschen in Verlegenheit bringt, und weil er Weinen für ein Zeichen von Schwäche hält. Einige depressive Natrium-Patienten können überhaupt nicht weinen, vor allem einige Männer. Ihre früheren emotionalen Wunden waren so schmerzhaft, dass sie sie mit einem undurchdringlichen Schild bedeckt haben und ihre Gefühle jederzeit fest unter Kontrolle halten. Dieser Schild verhindert eine echte Genesung, aber durch die Arznei bricht er oft zusammen.

Natrium ist ein Mittel zur Behandlung von Stauungen aller Art:

Flüssigkeitsstauungen, die Stauung von salzigen Tränen, von Trauer und Arger und die allzu starke Bindung an geliebte Menschen. Loszulassen ist für Natrium das Schwierigste, und das gilt auf den verschiedensten Ebenen.

Während der depressiven Phasen kommt es immer wieder dazu, dass die alten Dämonen, die im Unterbewusstsein des Patienten lauern, an die Oberfläche kommen. Depressionen treten auf, wenn die psychologischen Abwehrmechanismen überflutet werden, und mit dieser Flut steigt das dunkle Wasser aus der Tiefe auf und weckt die schlafenden Monster, die dann voll ins Bewusstsein treten. Dazu gehören Schuldgefühle, Furcht und das Gefühl der Wertlosigkeit, das die Wurzel der Unsicherheiten von Natrium bildet. Einige Natrium-Depressionen sind aktiver als andere. Die Abwehrmechanismen, die die unterdrückten Gefühle zurückhalten, haben vielleicht nur einige kleine Risse. In diesem Fall tritt eine langdauernde, aber nur leichte Depression auf, die durch Apathie gekennzeichnet ist (Kent: "Stumpfsinn, Trägheit"), verbunden mit leichten Gefühlen von Reizbarkeit, Trauer, Angst oder Schuld. Es kann schwierig sein, diese apathische Depression von einer Sepia-Depression zu unterscheiden.

Im Allgemeinen weint die depressive Sepia mehr, aber das ist kein zuverlässiges Unterscheidungskriterium. Oft wer den einem die Körpersymptome besser weiterhelfen, besonders die typischen Symptome der prämorbiden Persönlichkeit. Von einigen Ausnahmen abgesehen entwickelt sich bei Sepia-Menschen eine Sepia-Depression und bei Natrium-Menschen eine Natrium-Depression.

Die apathische depressive Natrium-Frau schläft meist sehr viel. Dann braucht sie sich nämlich keine Sorgen darüber zu machen, wie sie ihre perfektionistischen Normen aufrechterhalten soll. Sie kann zulassen, dass sich die Hausarbeit allmählich türmt, und sie kümmert sich auch nicht mehr dar um, was die Leute denken oder ob sie irgend jemanden in Verlegenheit bringt. Meist isst sie eine Menge und knabbert ständig irgendwelche kalorienreichen Snacks, um ihre innere Leere zu füllen. Kummerspeck ist besonders charakteristisch für Natrium und Sepia, und deshalb gibt es viele übergewichtige Natrium-Frauen.

Im Unterschied zur tief depressiven Natrium, fühlt sich die apathische Natrium oft in Gesellschaft besser, weil sie dann ihre Gefühle für eine Weile vergessen kann, und sie reagiert möglicherweise auch positiv auf Zuneigung. Ernsthaftere Schäden im Verteidigungssystem von Natrium führen zu schweren Depressionen, wenn die unterdrückte Traurigkeit ins Bewusstsein tritt. Die stark depressive Natrium zieht sich sehr zurück (Kent: "Abneigung gegen Gesellschaft") und isoliert sich freiwillig, weil sie das Gefühl hat, dass niemand verstehen kann, was sie empfindet, und sie nicht mehr so tun kann, als sei alles in Ordnung. Sie weint nur, wenn sei alleine ist oder in Gegenwart eines Menschen, der ihr sehr nahe steht, denn wenn sie weint, fühlt sie sich am stärksten verwundbar. Durch Trost geht es ihr noch schlecht er, und sie bricht erst recht in Tränen aus, denn dadurch wird ihr Herz berührt, das immer noch bis zu einem gewissen Grad geschützt war und sich durch Trost öffnet. Die tief depressive Natrium wird von schmerzlichen Erinnerungen über schwemmt, die sie jahrelang unterdrückt hatte. Sie quält sich damit ab, indem sie ein Trauma immer und immer wieder durchlebt, ohne dass sie die ständige Wiederholung in ihrem Gehirn anhalten könnte (Kent: "Gedanken - quälend").

In solchen Phasen kann sie von Gewissensbissen Überwältigt werden, weil sie etwas bereut, was sie getan oder unterlassen hat, oder sie fühlt sich vielleicht für viele Probleme anderer Leute verantwortlich, an denen sie eigentlich gar keine Schuld trifft (Kent: "Ängstlichkeit mit Schuldgefühlen"). Während viele depressive Natrium-Menschen nicht weinen können, fließen bei anderen die Tränen unaufhörlich (Kent: "weinen ohne Grund"), und sie weinen bei jeder Kleinigkeit, vor allem wenn sie mit anderen Menschen zusammen sind. Das passiert sowohl bei leichten als auch bei schweren Natrium-Depressionen. Die damit verbundenen Tränenausbrüche sind jedoch im allgemeinen nur kurz und bringen nicht so viel Erleichterung wie ein Weinen, das aus tiefstem Herzen kommt.

Bei Natrium-Männern verlaufen die Depressionen ähnlich wie bei den Frauen, sind aber zusätzlich oft mit einer enormen Wut verbunden, die der Patient mühsam zu kontrollieren versucht. Ein depressiver Natrium-Mann reagierte all seine Depressionen an seiner Frau ab. Nachts wachte sie entsetzt auf und stellte fest, dass er gleich neben ihrem Kopf auf ihr Kissen einschlug. Gelegentlich schlug er statt des Kissens auch sie. Er hatte eine lieblose Kindheit erlebt, und er wusste genau, dass seine Frau nicht daran schuld war, aber er konnte einfach nicht anders.

Nach solchen Gewaltausbrüchen hatte er furchtbare Gewissensbisse, aber das hinderte ihn nicht daran, anschließend wieder die Kontrolle zu verlieren.

Er musste einen sichereren Weg finden, um seine Wut abzureagieren, aber er war nicht bereit, es zu versuchen. Nachdem er Natrium muriaticum M 10 genommen hatte, wurden seine nächtlichen Gewaltausbrüche jedoch immer seltener. (Dieser Mann gehörte zu den Natrium Pseudoexperten, die von einem bestimmten Thema besessen sind und bei jeder Gelegenheit darüber reden. Er hatte eigentlich Pilot werden wollen, aber sein Vater hatte ihm dafür die finanzielle Unterstützung verweigert, und so war er statt dessen Flugzeugmechaniker geworden. Jeden Tag sah er die Flug zeuge starten und quälte sich mit dem Gedanken, dass nicht er es war, der dort flog. Er lernte alles, was es über Flugzeuge zu lernen gab, und machte viele Überstunden, nur um in ihrer Nähe zu sein. Im Sprechzimmer redete er immer wieder von Flugzeugen und erging sich in endlosen technischen Details, an denen ich nicht das geringste Interesse hatte. Natrium-Männer wie er, die ein schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern hatten, neigen am stärksten zu Depressionen und Zwangshandlungen.

Die Zwangshandlungen werden zum Ersatz für die Zuneigung und Lebensfreude, die sie als Kinder vermisst haben, und helfen dabei, Depressionen zu vermeiden).

Die Natrium-Frau neigt besonders bei Hormonschwankungen zu Depressionen (vor der Menstruation/nach der Geburt/während der Schwangerschaft/in und nach der Menopause) (Kent: "Traurigkeit vor den Menses", "Traurigkeit während der Schwangerschaft").

Die meisten Frauen, die während dieser Zeit emotionale Probleme haben, brauchen Natrium muriaticum. Mit ihren Hormonen ist alles in Ordnung. Aber die schnellen Veränderungen im Hormonspiegel destabilisieren die emotionalen Abwehrmechanismen von Natrium und lassen dadurch die unterdrückten Emotionen an die Oberfläche kommen. Gäbe es keine unterdrückten Emotionen, dann gäbe es auch keine Depression vor der Menstruation oder nach der Geburt.

Selbstmordgedanken kommen häufig vor, wenn Natrium stark depressiv ist. Diejenigen, die durch den Tod Erlösung von ihren Leiden suchen, tun das meist in aller Stille, indem sie eine Überdosis Schlaftabletten nehmen oder sich mit Autoabgasen vergiften. Es gibt jedoch einige Natrium-Typen mit einer stärkeren Wutkomponente, die sich in ihrer Depression die Pulsadern aufschneiden.

Manische Depression ist eine erbliche Erkrankung, die sich durch den Wechsel von Depression und Euphorie auszeichnet. Nach meiner Erfahrung reagieren die meisten manisch Depressiven auf hohe Potenzen von Natrium muriaticum oder Natrium sulfuricum und sind Natrium-Persönlichkeiten zwischen den beiden Extremen (Kent: "Manie"). Das manische Stadium hat meist ähnliche Charakteristika, ganz gleich zu welchem Konstitutionstyp der Patient gehört. Es äußert sich durch eine starke Beschleunigung des Denkens und Handelns, erhöhte Libido, Größenwahn und wilde Kauforgien. Da diese Züge eher für die Krankheit als für den Patienten charakteristisch sind, eignen sie sich nicht zur Unterscheidung von Symptomen. Die Persönlichkeit außerhalb der manischen Episoden ist in diesen Fällen ein besserer Führer zur passenden Arznei. (Aurum und Veratrum album sind hier gelegentlich angezeigt). Die Behandlung von manischer Depression mit der richtigen Arznei wirkt unabhängig davon, in welcher Phase der Krankheit das Mittel gegeben wird. Das manische Stadium kann genauso effektiv verkürzt werden wie die depressive Phase, vorausgesetzt, der Patient nimmt keine Antidepressiva

 

Enttäuschte Liebe

Natrium ist Ignatia darin sehr ähnlich, dass viele Natrium-Menschen sich innerlich verlassen fühlen und extrem empfindlich auf Liebesverlust reagieren. Deshalb leiden beide Typen meist enorm, wenn sie einen nahestehenden Menschen verlieren, sei es durch Tod oder durch Trennung. Solche Situationen wecken schmerzliche Kindheitserinnerungen und bringen die alten Gefühle wieder ins Bewusstsein, die man seit dem Alter von etwa zwei oder drei Jahren unterdrückt hatte. Schwerer Gram ist die Antwort auf ein altes unterdrücktes Gefühl. Das ist nichts Neues. Die meisten Natrium-Patienten erleben in einer tiefgehenden Psychotherapie diesen heftigen Kummer, wenn sie noch einmal fühlen, was sie als kleine Kinder empfunden haben.

Bei Natrium-Menschen sind zwei "unnormale" Reaktionen auf Kummer weit verbreitet. Die erste ist ein völliger Mangel an Reaktion. Der Mensch empfindet nichts, außer vielleicht einem Taubheitsgefühl. Das ist im ersten Moment durchaus üblich, wenn man von einem schmerzlichen Verlust erfährt, aber bei Natrium folgt darauf nicht die sonst ebenfalls übliche Phase von Trauer und Tränen, weil das verletzte Herz fest entschlossen ist, nichts zu fühlen. Eine weitere Schicht von Traurigkeit wird ins Unterbewusstsein verdrängt, und das Herz wird noch stärker von den Gefühlen abgeschnitten. Als Folge davon hat Natrium nach einem solchen stillen Kummer vielleicht ständig ein Gefühl des Verlustes, das aber nicht weiter benannt werden kann. Wenn das Mittel in einer hohen Potenz gegeben wird, kann es die Verdrängung manchmal rückgängig machen und die Tränen auslösen, die vorher nicht vergossen wurden. Die andere weitverbreitete Reaktion ist eine verlängerte und erheblich vertiefte Version des "normalen" Trauerprozesses.

Nachdem er von seinem Verlust erfahren hat, befindet sich der betreffende Mensch erst einmal im Schock, dem bald tiefe Traurigkeit und heftiges Schluchzen folgen.

In diesem ersten labilen Stadium wird Ignatia den Patienten gewöhnlich stabilisieren und ihn wieder zur Besinnung bringen. Nach dem Ignatia-Stadium kann er jedoch über Monate oder sogar Jahre in seinem Kummer verharren. Während dieser Zeit taucht das Bild des Verstorbenen immer wieder in seiner Erinnerung auf und reaktiviert den Schmerz, als werde ihm von neuem ein Messer ins Herz gestoßen. Jede Erinnerung treibt ihm die Tränen in die Augen und lässt ihn innerlich die schwere Last seines Kummers fühlen. Wenn solche Natrium Menschen einen Partner verloren haben, werden sie erklären, sie könnten niemals einen anderen lieben, und in der Tat bleiben sie gewöhnlich allein, bis sich der Schmerz gelegt hat, was viele Jahre dauern kann.

Wenn sie wieder heiraten, während sie noch trauern, sind sie oft nicht fähig, dem neuen Partner ihr Herz zu öffnen, sondern bleiben besessen von dem Verstorbenen. Eine Dosis der Arznei in hoher Potenz kann diesen Menschen sehr wirksam helfen, ihre übermäßig lange Trauerphase zu beenden.

Genau dieselben Reaktionen treten auf, wenn die Natrium-Frau von einem geliebten Menschen verlassen wird oder sogar, wenn sie sich selbst zur Trennung entschließt.

Ganz gleich ob es durch Tod oder Trennung zum Verlust kommt, der Prozess ist derselbe, und das Mittel hilft dem Patienten loszulassen. Sehr häufig kommt es auch vor, dass die Natrium-Frau sich wegen "unerledigter Geschäfte" in Bezug auf den Verstorbenen quält. Sie kann von Schuldgefühlen zerrissen werden, weil sie ihm nie gesagt hat, dass sie ihn liebt, oder schlimmer noch, weil sie sich für seinen Tod verantwortlich fühlt. Dabei werden nur ein weiteres Mal die Schuldgefühle des Natrium-Kindes wieder holt, das beschlossen hatte, es müsse seine Schuld sein, dass seine Eltern es nicht lieben.

Es kommt oft vor, dass Natrium seinen Kummer bereitwillig unterdrückt, weil er das Gefühl hat, er müsse stark sein, entweder zum Wohl der Familie oder um nicht selbst in eine Depression zu fallen. Leider bedenkt er dabei nicht, dass solche Taktiken meist zum Bumerang werden, denn sie führen am Ende zu weiterem Leiden. Viele Natrium-Patienten haben mir erzählt, dass sie als Kinder beim Verlust eines geliebten Verwandten (oder Elternteils) nicht trauern durften. Oft wurde ihnen nicht erlaubt, zur Beerdigung zu gehen, oder sie wurden davon ferngehalten, indem man ihnen irgendeine Aufgabe über trug. Schuld daran ist die Angst der Erwachsenen vor Emotionen. Sie ist enorm schädlich für ein Kind, das seinen normalen Trauerprozess nie beenden kann, weil er künstlich eingefroren und ins Unterbewusstsein verdrängt wird. Später im Leben wird er wieder auftauchen, und die Trauer muss dann bewältigt werden.

 

Der Clown

Jedermann weiß, dass der Clown ein gebrochenes Herz hat. Aber kaum jemand weiß, dass eine Dosis Natrium muriaticum dabei helfen kann, es wieder heil zu machen.

Ich habe mehrere Amateur- und Proficlowns kennengelernt, und alle waren Natrium. Was der Clown tut, hat einen doppelten Zweck: Es hilft dem Natrium-Menschen zu vergessen, dass sein Herz weh tut, und im weiteren Verlauf bringt es ihm Anerkennung von anderen ein, die er als

Liebesersatz benutzt. Es gibt viele Komödianten, die es genauso machen. Je früher im Leben ein Mensch zum Komödianten wird, desto wahrscheinlicher versteckt er sich vor einem großen emotionalen Schmerz. Kinder, die in der Schule freiwillig den Narren spielen, sind gewöhnlich Natrium, und in der Regel sind sie innerlich sehr unglücklich. Der australische Komödiant und Rundfunkmoderator Clive James beschreibt in seiner Autobiographie sehr klar, wie er in der Schule zum Komödianten wurde, damit die Leute mit ihm und nicht über ihn lachten. Natrium erträgt es nicht, ausgelacht zu werden. Das tut ihm mehr weh als jede andere Art der Zurückweisung. Ich habe einmal den jungen Sohn eines Freundes behandelt, der nicht in der Lage war, auch nur für einige Sekunden ein ernsthaftes Gespräch zu führen. Er war sehr intelligent und benutzte seine rasche Auffassungsgabe, um mit Wortspielen und schlauen Bemerkungen auf das zu antworten, was irgend jemand zu ihm sagte. Seine Mutter erzählte mir, er sei sehr unsicher und mache sich ganz unrealistische Sorgen darüber, dass seine Eltern sterben könnten. Er war ungefähr zehn Jahre alt, wirkte aber oft älter, weil er so einen scharfen Verstand hatte. Ich sagte ihm, seine ständigen Wortspiele seien ungesund, und er schien das zu verstehen.

Innerhalb einiger Wochen, nachdem er Natrium muriaticum M 10 genommen hatte, war er ein anderer Mensch. Er war wesentlich ruhiger und konnte nun ein vernünftig es Gespräch führen, ohne den Narren zu spielen.

Natrium-Komödianten haben alle Arten von Humor. Bei manchen ist es ein sarkastischer, trockener Witz, der symptomatisch für ihre zynische Lebensphilosophie ist (zum Beispiel Basil Fawlty). Sarkasmus ist kein Vorrecht von Natrium, gehört aber zu seinen am weitesten verbreiteten Abwehrmechanismen. Es kann die niedrigste Form von Witz sein, aber für Natrium ist es oft die einzige Möglichkeit, seine Wut auszudrücken. Manischer Humor ist ebenfalls eine Stärke von Natrium, perfektioniert von Komödianten wie John Cleese und Harry Secombe. Auf diese Weise kann Natrium seine dramatische Neigung ausleben und muss sich nicht mit seinen wirklichen Gefühlen auseinandersetzen. Slapstick und Pantomime sind bei Natrium ebenfalls sehr beliebt. Im Grunde sind die führenden Exponenten aller Arten von Humor Natrium-Typen, ganz gleich wie subtil oder schlicht ihre Darbietung sein mag.

Bei einem Natrium-Patienten, der offensichtlich ein sehr negatives Selbstbild hat, frage ich oft: "Und was sind Ihre Qualitäten?"

Häufig fällt ihm dazu nur ein: "Ich habe viel Humor. " Viele Natrium-Patienten müssen lachen oder andere zum Lachen bringen, um nicht zu weinen.

 

Der Süchtige

Jede beliebige Abhängigkeit ist zunächst einmal die Flucht vor emotionalen Schmerzen und die Suche nach einem Liebesersatz. Die Substanz oder Aktivität, nach der man süchtig ist, schafft ein vorübergehendes Gefühl des Wohlbefindens und vertreibt das sonst ständig vorhandene Unwohlsein. Nicht alle Suchtkranken sind Natrium, aber die meisten, denn Natrium ist sehr verbreitet und sehr häufig emotional verletzt.

Folglich ist die Mehrheit der Alkoholiker Natrium muriaticum, und die meisten davon sind Männer. Natrium Männer unterdrücken ihre Gefühle im Allgemeinen stärker als Frauen, und deshalb ist ihr psychischer Stress auch größer. Da die meisten Männer sich nicht erlauben zu weinen, flüchten sie in ein Suchtverhalten, um ihre innere Spannung zu verringern. Alkohol, Nikotin, Koffein, Marihuana und Kokain sind einige der Substanzen, die Natrium-Süchtige am häufigsten verwenden. Die Frauen werden oft esssüchtig und entwickeln eine besondere Abhängigkeit von Schokolade, die mehrere anregende Substanzen enthält. In den USA gibt es sogar eine ernsthafte Organisati

on, die sich "Anonyme Schokoholiker" nennt und vor allem übergewichtigen Natrium-Frauen hilft, von dieser Angewohnheit loszukommen.

Natrium Tendenz, sich mit Essen zu trösten, geht in einigen Fällen bis zur Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Nach meiner Erfahrung sind die meisten Bulimiekranken Natrium, und sie reagieren im allgemeinen sehr gut auf die Arznei. Menschen, die unter Bulimie leiden, versuchen verzweifelt ihr inneres "Nichts" zu füllen, aber da das Gefühl

der Leere im Körper nur ein Spiegel bild ihrer emotionalen Unterernährung ist, können auch die üppigsten Mahlzeiten sie nicht befriedigen.

Verwandt mit der Bulimie ist der noch ernstere Zustand der Anorexianer vosa (Magersucht). Fast jede magersüchtige Patientin, die ich behandelt habe, brauchte Natrium muriaticum als Basistherapie oder alleiniges Mittel. Die Magersüchtige hat ernsthafte emotionale Störungen. Sie ist typischerweise ein Mädchen im Teenageralter, bei dem ein Elternteil oder beide stark kontrollierend sind. (Diese Konstellation ist in Natrium-Haushalten weit verbreitet, wo die Eltern sich häufig mehr um die äußere Erscheinung kümmern als darum, wie sich ihr Kind fühlt). Das magersüchtige Kind kommt zu dem Schluss, dass die Nahrungsaufnahme das einzige ist, was sie in ihrem Leben unter Kontrolle hat. Unbewusst entscheidet sie sich dafür, diese Kontrolle auf die einzige Weise auszuüben, die ihr zur Verfügung steht, indem sie ihre   Nahrungsaufnahme einschränkt. Dieses Verhalten wird durch ihre geringe Selbstachtung verstärkt, die (zweifellos durch die Modeindustrie gefördert) ihr das Gefühl

gibt, hässlich zu sein und hässlich mit dick gleichzusetzen. Da sie sich hässlich fühlt, muss sie dick sein, und diese unbewusste Schlussfolgerung verzerrt ihr bewusstes Selbstbild, so dass sie sich selbst dann, wenn sie nur noch ein Strich in der Landschaft ist, als dick und deshalb als hässlich empfindet. Magersüchtige reagieren meist gut auf Natrium muriaticum M 10 in Verbindung mit psychologischer Beratung. (Manchmal wird aber auch Ignatia als Konstitutionsmittel benötigt).

Aktivitäten können ebenfalls zur Sucht werden, doch ist eine solche Sucht sozial eher akzeptiert als die Abhängigkeit von bestimmten Substanzen. Der Workaholic ist genauso süchtig wie der Alkoholiker, auch wenn die verheerenden Folgen bei der Arbeitssucht geringer sind.

Suchtverhalten ist keineswegs auf Natrium-Menschen beschränkt, aber andere Konstitutionstypen, die zur Sucht neigen (namentlich Phosphor, Staphisagria, Tuberculinum und Syphilinum), kommen vergleichsweise selten vor. Natrium muriaticum M 10 würde den meisten Süchtigen helfen, ihre Abhängigkeit zu beenden.

 

Emotionale Intensität

Weil Natrium-Menschen dazu neigen, ihre Gefühle zu unterdrücken, sind sie in ihrem Inneren ständig emotional angespannt.

Die Mehrheit der Natrium Frauen und ungefähr die Hälfte der Männer sind offen genug, um starke Gefühle die meiste Zeit auch empfinden zu können. Bei diesen Menschen dringen die Emotionen aus dem Unterbewusstsein ständig in die bewusste Ebene ein, wobei die Stärke von äußeren Reizen und bei Frauen auch vom Hormonspiegel abhängt. Diese "emotionale Überflutung" führt dazu, dass viele Alltagserfahrungen bei Natrium emotional gefärbt sind. Das wird viel leicht nicht ausgedrückt, aber durchaus so empfunden. Deshalb haben Natrium-Menschen oft feuchte Augen.

Es gibt Tausende verschiedener Stimuli, die dazu führen können, dass die Emotionen hochkommen, Stimuli, die in irgendeiner Weise an alte Erfahrungen erinnern, die irgendwann Gefühle hervorgerufen haben, die so intensiv waren, dass sie nicht wirklich gefühlt werden durften, sondern größten teils unterdrückt wurden. In der modernen Psychologensprache heißt es, diese Stimuli sind ihre "Auslöser". Was am häufigsten zum Auslöser wird, sind: Kritik und Zurückweisung jeder Art, tragische Szenen und Geschichten oder solche mit Happy-End nach großem Leiden, unerwartete Beweise von Liebe und Zuneigung und emotionales Besitzergreifen (speziell bei Männern).

Viele Natrium-Menschen reagieren ständig emotional auf subtile Reize aus der Umgebung, so  wie die Wetterfahne sich mit dem Wind dreht. So kann beispielsweise die Natrium-Frau morgens von einem Traum erwachen und sich auf unbestimmte Weise erschöpft fühlen. Das legt sich, aber beim Frühstück hört sie im Radio, dass gestern

ein sechzehnjähriges Mädchen in ihrer Stadt entführt worden ist. Sofort empfindet sie eine Mischung aus Furcht und Trauer. Nach dem Frühstück geht sie zu ihrem Auto, und unterwegs begegnet ihr ein Fremder, der ihr so in die Augen sieht, dass sie sich unwohl fühlt. Auf der Fahrt zur Arbeit empfindet sie leichte Panik, weil ein Polizeiwagen ihr etwa einen Kilometer folgt, obwohl sie völlig korrekt fährt. Am Arbeitsplatz wird sie von einem Kollegen begrüßt und fühlt innerlich eine Mischung aus

Zuneigung und Sicherheit in der Gesellschaft dieser freundlichen, vertrauten Person. Bald spürt sie jedoch den Druck, etwas zu leisten, und ihre Spannung wächst in dem Maße, wie sie sich darüber sorgt, dass sie den Anforderungen nicht gerecht wird. Ein Kunde wirkt ungeduldig, und sie fühlt sich verantwortlich und lächelt ihm entschuldigend zu, obwohl es die Aufgabe ihres Kollegen ist, sich um ihn zu kümmern. Dann kommt eine Mutter mit ihrem Baby herein, und ihr Herz fliegt dem Kind zu und schlägt mit einer reichen Mischung aus Liebe und Sentimentalität.

Und so weiter. Vor allem Natrium Frauen leben meist in einer ständig wechselnden Flut von Emotionen. Vieles davon empfinden sie nur unbestimmt, besonders den Hintergrund von Ängstlichkeit, den sie nur registrieren, wenn das Gefühl sehr intensiv wird. Natrium-Männer können ihre Gefühle meist effektiver abspalten, aber trotzdem sind viele von ihnen immer noch Sklaven der Auslösemechanismen des alltäglichen Lebens. Es ist das ständige Auf und Ab der Emotionen, das Natrium das Gefühl gibt, die Dinge nicht unter Kontrolle zu haben, und ihn veranlasst, fast jeden Bereich seines Lebens zu disziplinieren, besonders seine potentiell emotionsgeladenen Interaktionen mit anderen Menschen. Natrium Menschen verhalten sich gegenüber Leuten, die sie nicht kennen, sehr kontrolliert und vorsichtig, weil sie nie wissen, mit welchem bedrohlichen Stimulus sie möglicherweise konfrontiert werden. Der gleichermaßen emotional labile Phosphor ist im Gegensatz dazu bei neuen Bekanntschaften sehr spontan und abenteuerlustig, weil er nicht so leicht verletzlich ist, und wenn er doch verletzt wird, überwindet er das sehr schnell, anders als Natrium, der dazu neigt, ständig in einer unangenehmen Brühe alter Emotionen herumzurühren.

Diese stetigen Hintergrundgefühle, die die Erfahrungen vor allem der Natrium-Frau färben, geben ihrer Kommunikation mit anderen eine gewisse emotionale Intensität, besonders wenn sie zu diesen Menschen eine enge Beziehung hat. Bei Fremden gibt sie wenig preis, aber wenn sie jemandem traut, gestattet sie den Gefühlen, sich in der Stimme auszudrücken, was eher unbedeutenden Aussagen einen Hauch von Aggression, Traurigkeit, Ängstlichkeit oder Euphorie verleiht. Manchmal steht die emotionale Flut so hoch, dass alles, was sie sagt, sehr gefühlsbetont klingt. Das wirkt anziehend und beruhigend auf andere Natrium-Frauen, die sich mit ihr identifizieren können, aber Männer schalten dabei emotional oft ab, um zu verhindern, dass sie selbst von Gefühlen "überschwemmt" werden. (Andere emotionale Typen wie Sepia, Ignatia, Pulsatilla und Phosphor haben oft eine ähnliche Wirkung auf Männer).

Weil Natrium dazu neigt, unangenehme Gefühle zu unterdrücken, können sie sich in aller Stille aufbauen, um dann mit Macht auszubrechen. Die Natrium-Ehefrau wird tage- oder wochenlang schweigen, wenn ihr Mann sie plötzlich vernachlässigt oder schlecht behandelt, und dann fließt das Fass plötzlich über, und sei schleudert ihm mit dem Ingrimm ihrer lange gespeicherten Wut die schlimmsten Beleidigungen ins Gesicht. In diesem Augenblick wirft sie ihm auch alles an den Kopf, was sie seit ihrer letzten Explosion unterdrückt hat, und überschüttet ihn mit einer Flut von Bitterkeit, die ihn völlig überrascht und verwirrt zurücklässt, weil er keine Ahnung hat, wo das

alles her kam. Leider ist diese Art der Kommunikation zwischen Partnern ziemlich kontraproduktiv, denn die Probleme können dabei eine erhebliche Größenordnung erreichen, bevor sie ausgesprochen werden, und die Feindseligkeit, die mit solchen Ausbrüchen verbunden ist, macht eine vernünftige Auseinandersetzung mit dem Problem nur noch schwerer. Es ist diese Kommunikationsschwäche, die bei vielen Natrium-Eltern zur Entfremdung von ihren Kindern führt, was letztere mit dem Gefühl zurücklässt, unerwünscht, einsam und unverstanden zu sein, und so die Saat der jugendlichen Rebellion sät. Natrium-Männer, die emotional weniger verschlossen sind, leben in derselben emotionalen "Suppe" wie die Frauen, bringen das jedoch nicht so stark zum Ausdruck, weil es gesellschaftlich nicht akzeptabel ist und ihre Kumpel nicht

wüssten, wie sie damit umgehen sollen. Die Männer, die ihre Gefühle stärker unterdrücken, schwanken zwischen Perioden der Objektivität, in denen sie sehr wenig fühlen, und gelegentlichen starken Emotionen, die wie Flutwellen ihre Abwehrmechanismen durchbrechen.

Dann können sie gewalttätig, depressiv oder sehr ängstlich werden, obwohl sie diese starken Gefühle meist unterdrücken und, ohne sie je ausgesprochen zu haben, dahin zurückschicken, wo sie hergekommen sind, in die dunklen Tiefen des Unterbewusstseins. Der mehr körperlich orientierte Natrium-Mann prahlt genauso wie Lycopodium, um seine Gefühle zu verbergen, und trinkt oft Alkohol, um im sozialen Um gang lockerer zu werden, denn dadurch kann er Gefühl und Verstand trennen und sich mühelos ein ums andere Mal aufspielen. Viele begeisterte Sportler gehören in diese Kategorie, ebenso wie viele Handwerker.

Der mehr intellektuelle Natrium-Mann ist emotional oft genauso ausweichend. Er benutzt seinen Intellekt, um nicht fühlen zu müssen (wie es auch viele Natrium-Frauen und Ignatia-Frauen machen), und er genießt es, hochgradig rational zu sein. Ein gutes Beispiel dafür ist Humphrey Bogart in dem Filmklassiker Casablanca. Er verschließt seine Emotionen fest in seiner Brust und gibt sich kühl und logisch, wobei er ironisch wird, um die emotionaleren Ausbrüche einer Frau ein wenig lächerlich zu machen.

Es kann schwierig sein, den logischen Natrium von anderen sehr rationalen Typen wie Lycopodium und Kalium zu unterscheiden. Abgesehen von einigen charakteristischen Attributen, die Natrium bestätigen, wie Perfektionismus, hohe moralische Normen und einer Vorliebe dafür, allein zu sein, kann man einen Hinweis

auf Natrium auch darin finden, dass der Betreffende emotionaler ist als die anderen rationalen Typen. Beispielsweise gibt er vielleicht zu, dass er gelegentlich depressive Phasen hat oder sich beim Abschiednehmen sehr emotional fühlt. Natrium-Männer sind wirklich emotionaler als Lycopodium und Kalium, aber sie geben es vielleicht nicht zu, und der Homöopath muss sich dann daran orientieren, wie heftig sie Emotionen abstreiten und wie unwohl sie sich beim Sprechen über Emotionen fühlen, um die

Bestätigung dafür zu finden, dass sie emotionaler sind, als sie zugeben.

 

Sentimentalität

Natrium ist ein sentimentaler Typ. Sentimentalität ist ihrem Wesen nach eine Art oberflächlicher Liebe, die man empfinden kann, ohne sich selbst allzu verletzlich zu machen. Sie ist ein sanftes, sicheres Gefühl, das Wärme gibt, ähnlich wie ein Glas Sherry. Es ist diese Kombination von Wärme und Sicherheit, die Sentimentalität für viele Natrium-Typen so attraktiv macht, besonders für Frauen und Kinder. Rosa ist wahrscheinlich die Lieblingsfarbe der Natrium-Frau und mit Sicherheit die Lieblingsfarbe des Natrium-Kindes, vor allem in Form eines stilisierten Herzens.

Natrium-Frauen lieben oft die riesigen rosa und rot bemalten Grußkarten, die ihre Natrium-Männer ihnen schicken, wenn auch nicht ohne eine gewisse Verlegenheit.

Ein Hollywood-Rührstück wird bei den meisten Natrium-Frauen und auch bei ziemlich vielen Männern Strömevon Tränen auslösen, Tränen, die sanft fließen

(Kent: "Milde") und die emotionale Stabilität von Natrium nicht bedrohen.

Viele Natriums verwechseln Liebe mit Sentimentalität. Sie werden abhängig davon, dass ihr Partner ihnen mehrmals täglich sagt: "Ich liebe dich", und sie schätzen Schmuck und andere Geschenke von ihren Lieben, auch wenn ihnen die Dinge normalerweise nicht gefallen würden. Die Tatsache, dass ihr Partner ihnen ein Abendessen bei Kerzenlicht serviert, lässt viele Natrium Frauen darüber hinwegsehen, dass er emotional unreif und zu einer offenen, erwachsenen Beziehung nicht fähig ist. Solange

er zeigt, dass sie ihm "etwas" bedeutet, ist sie glücklich, ohne zu bemerken, dass diese Show nicht tiefer reicht als irgendeine andere, die auf Sentimentalität basiert.

Da die Mehrheit der zivilisierten Menschen auf diesem Planeten Natrium sind, ist es kein Wunder, dass Liebe mit rosa Herzchen, bunten Karten und Bunnyhäschen dargestellt wird. Besonders sentimental reagiert Natrium auf Kinder und Tiere, denn sie sind schutzlos und sehr liebevoll und stellen deshalb keine emotionale Bedrohung dar. Manch ein Natrium-Mädchen hat sich seinem Pferd oder Hund jahrelang näher gefühlt als irgendeinem anderen Lebewesen und ist am Boden zerstört, wenn das Tier stirbt.

Religion bietet ebenfalls sentimentalen Trost für viele Natriums, besonders für Kinder. Das liebe Jesulein, die Geschichte seiner Geburt und die Weihnachtslieder sind beruhigend und tröstlich, auch wenn sie nur wenig mit echter Spiritualität zu tun haben. Viele junge Natrium-Mädchen wollen später Nonne werden, weil sie eine sentimentale Vorstellung vom Klosterleben haben. Viele Eltern bestärken ihr Kind in seiner Sentimentalität, ohne zu merken, dass sie damit auch eine Fluchttendenz stärken und einer Trivialisierung von Liebe Vorschub leisten. Natürlich kennt die emotional gesündere Natrium-Frau den Unterschied zwischen wirklicher Liebe und

Sentimentalität, aber sie ist in der Minderheit.

 

Ängste und Phobien

Natrium ist ängstlicher, als man oft meint. Sein e prinzipielle Furcht ist die vor emotionalem Schmerz, die ihm jedoch oft kaum bewusst ist, obwohl sie einen großen Teil seines persönlichen Lebens kontrolliert, indem sie ihn zwingt, bedrohliche Situationen zu meiden. Natrium-Menschen haben eine Vielzahl von Strategien, um zu verhindern, dass der unterdrückte Schmerz wieder aktiviert wird. Einige lassen sich überhaupt nicht auf eine intime Beziehung ein. Wenn sie ihr Herz nicht öffnen, können sie nicht verletzt werden. Andere sind weniger verschlossen, aber es dauert lange, bis sie jemandem genug vertrauen, um wirklich verwundbar zu sein.

Ich habe schon die verbreitete Natrium-Angst erwähnt, einen geliebten Menschen zu verlieren.

Sie kommt besonders häufig bei Natrium-Kindern vor. Eine Natrium-Frau erzählte mir, sie habe als Kind in der Diele auf dem Teppich vor dem Schlafzimmer ihrer Eltern geschlafen, sehr zu deren Missfallen. Sie wollte damit verhindern, dass ihre Eltern nachts weggingen und sie verließen. Obwohl dieses Verhalten ein extremes Beispiel ist, ist die Angst, Vater +/o. Mutter zu verlieren, bei Natrium-Kindern sehr verbreitet.

Natrium-Erwachsene haben ganz ähnliche Ängste. Einige fürchten immer noch den Tod ihrer Eltern, mit denen sie auf ungesunde Weise verbunden sind, sowohl durch Schuldgefühle als auch durch emotionale Abhängigkeit. Viele Natrium-Menschen spüren unbewusst, dass mit dem Tod der Eltern jede Chance verloren geht, doch noch deren Liebe zu gewinnen. Auf der bewussten Ebene denken sie zwar, dass ihre Eltern sie geliebt haben, wenn auch mit einer gewissen Distanz, aber sie haben diese Liebe nie wirklich gespürt. Eine sehr attraktive und kultivierte Mutter von zwei Kindern erzählte mir während der Psychotherapie, sie empfinde, dass ihre Mutter sie auf

"intellektuelle Weise" liebe, aber nicht mit dem Herzen, und dass es ihr umgekehrt genauso gehe.

Ich habe ihr erklärt, dass es so etwas wie "intellektuelle Liebe" nicht gibt, sondern dass das lediglich eine Vorstellung und ein Glaube ist, den (vorwiegend Natrium-Menschen benutzen, um sich selbst über einen Mangel an Liebe hin wegzutrösten, so wie sich andere Menschen mit dem Versprechen der immer währenden Freude im

Jenseits trösten, wenn ihr gegenwärtiges Leben unglücklich ist. Als Natrium-Frau, die sich sehr gut vor emotionaler Ehrlichkeit zu schützen wusste, weigerte sie sich erst einmal, diese Interpretation zu akzeptieren. Schließlich kam sie jedoch in Kontakt mit den tieferen Schichten ihres inneren Kummers, und sie erkannte, dass ihre Mutter sie nie geliebt hatte. Nach solchen Erkenntnissen und den reinigenden Tränen, die sie begleiten, können manche Natriums ihre Angst, geliebte Menschen zu verlieren, loslassen.

Fast noch weiter verbreitet ist die Natrium-Mutter, die fürchtet, Ihrem Kind könnte etwas Schreckliches zustoßen. Das Kind ist die wichtigste Quelle emotionaler Unterstützung für sie, und da sie sich während ihrer eigenen Kindheit von ihren Eltern verlassen fühlte, erträgt sie nun den Gedanken nicht, dass ihr Kind sie verlassen könnte. Auf ähnliche Weise fürchten viele glücklich verheiratete Natrium-Frauen insgeheim, ihrem Partner könne etwas zustoßen, und andere geraten in Panik, gerade wenn in einer neuen Beziehung alles gut läuft, weil sie fürchten zu verlieren, was ihnen so wichtig geworden ist. Angst vor sozialer Missbilligung ist bei Natrium-Menschen so extrem verbreitet wie die Angst vor elterlicher Missbilligung, die der ersteren fast immer vorausging.

Deshalb werden viele Natriums sich selbst untreu und erfüllen die Erwartungen anderer, indem sie etwas tun, was sie eigentlich gar nicht wollen. (Das Muster wird so zur Gewohnheit, dass sie oft vergessen, was sie im Leben wollen, und alle "selbstsüchtigen" Erwartungen aufgeben). Ein Beispiel dafür ist eine meiner Natrium-Patientinnen, die sich kürzlich eine Rückenverletzung zuzog, weil sie beim Tennis für eine Freundin einsprang, die ebenfalls eine Rückenverletzung hatte. Obwohl sie schon starke Rückenschmerzen hatte, konnte sie es nicht ertragen, ihre Tennismannschaft im Stich zu lassen und nicht an dem Wettkampf teilzunehmen. Mit typischer Natrium Selbstüberwindung spielte sie trotz ihrer starken Schmerzen, und in der Folge verschlimmerte sich ihr Rücken so sehr, dass sie wochenlang nicht spielen konnte. Einige Natriums lernen allmählich aus solchen Erfahrungen, dass sie sich selbst wichtiger nehmen müssen als irgendwelche sozialen Erwartungen, aber vielen gelingt das nie.

Eng verwandt mit der Angst vor sozialer Missbilligung ist die am weitesten verbreitete Natrium-Angst überhaupt, die Furcht davor, sich in der Öffentlichkeit zum Narren zu machen. Vor allem Natrium-Frauen tun alles, um sich nicht närrisch zu fühlen oder in Verlegenheit zu geraten. Sie sagen nicht, was sie denken, besonders in der Öffentlichkeit, weil sie Angst haben, sich lächerlich zu machen, und sie erröten sehr leicht während der homöopathischen Fallaufnahme, wenn sie etwas sagen, das ihnen selbst albern vorkommt. Die se Angst hat ihre Wurzeln in der Kindheit.

Das Natrium-Kind reagiert extrem empfindlich darauf, wenn es ausgelacht wird, besonders von den Eltern (Kent: "Beschwerden durch Verachtung"). Das wird als eine

Art von Zurückweisung empfunden und verstärkt das Gefühl, das die meisten Natrium-Kinder bis zu einem gewissen Grad haben, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Die meisten Natrium-Kinder hassen es, wenn man sie lächerlich macht, und sie versuchen das oft zu vermeiden, indem sie selbst den Clown spielen. Viele Natrium-Erwachsene machen Witze darüber, wie närrisch sie klingen oder wirken, um die Verachtung zu mildern, die sie bei anderen Menschen vermuten. Wenn eine solche Frau

den Namen ihres Therapeuten vergessen hat, wird sie lachen und sagen: "Wie blöd ich doch bin!" Solche Versuche, etwas zu vertuschen, wirken meist alberner als die "Dummheit", die sie verbergen wollen.

Ein klassisches Beispiel für Natriums Furcht, sich in der Öffentlichkeit zum Narren zu machen, ist ihre verbreitete Aversion gegen die Benutzung öffentlicher Toiletten. Das hat zwar auch mit ihrer Angst vor Schmutz zu tun, hängt aber hauptsächlich mit der Verlegenheit zusammen, die sie empfindet, wenn andere in den Nebenkabinen hören, was sie tut. Viele Natrium-Typen leiden unter Verstopfung, weil sie sogar zu Hause die Toilette nicht benutzen, wenn irgend jemand in der Nähe ist, der sie hören könnte.

Abgesehen von sozialen Ängsten und der Furcht vor emotionalen Verlusten hat Natrium noch andere Ängste, die zwar nicht so eng mit den zugrundeliegenden emotionalen Verletzungen zu tun haben, aber doch daraus entstanden sind. Ein Beispiel ist Klaustrophobie. Diese Angst lässt an Argentum nitricum und Stramonium denken, aber nicht an Natrium, weil es in den traditionellen Texten unter diesem Stichwort kaum erwähnt wird. (In Kents Repertorium steht Natrium nicht unter "Furcht in einem engen Raum", aber unter "Furcht in einer Menschmenge"). Dies ist ein Bei spiel dafür, wie unvollständig die alten Repertorien und Arzneimittellehren sind, besonders im Hinblick auf die Geistessymptome. Natrium muriaticum gehört zu den Standardmitteln für Patienten mit Klaustrophobie, denn diese Phobie tritt bei Natrium häufig auf, während Argentum- und Stramonium-Patienten vergleichsweise selten sind. Die Klaustrophobie von Natrium kann sehr spezifisch sein und nur in bestimmten Situationen wie in engen Fahrstühlen oder Räumen ohne Fenster auftreten. Sie kann aber auch allgemeiner sein und den betreffenden Menschen in vielen verschiedenen Situationen beunruhigen. Einige Natrium-Menschen empfinden die Klaustrophobie nur, wenn ihnen Wasser über den Kopf geschüttet wird oder wenn die Bettdecke über sie gezogen wird. Andere geraten nur in großen Menschenmengen oder im Auto in Panik. Die Klaustrophobie von Natrium tritt besonders bei emotionalem Stress auf, beispielsweise bei Schwierigkeiten in der Partnerschaft oder nach einem schmerzlichen Verlust, und das ist ein Hinweis auf die zugrundeliegenden Ursprünge. Ich vermute, dass Natrium zu Erstickungsgefühlen neigt, weil er emotional übervoll ist mit unterdrückten Gefühlen. Es ist so, als würden diese Gefühle wie ein Flüssigkeitsspiegel ansteigen, und wenn sie den Hals erreichen, hat Natrium das Gefühl, als könne er nicht mehr atmen, besonders wenn die äußeren Bedingungen ein Spiegelbild seiner inneren Verfassung sind. Eng verwandt mit Natriums Tendenz zur Klaustrophobie ist seine Neigung zu Panikattacken aller Art (Kent: "Hysterie"). Sehr viele Natrium-Patienten konsultieren den Homöopathen wegen Panikattacken, die anscheinend aus heiterem Himmel auftreten und die Aktivitäten des Patienten oft stark ein schränken. Häufig wird dann Argentum verordnet (was nicht hilft), weil nicht klar ist, dass Natrium für Panikattacken anfällig ist. Die Symptome sind dabei meist nicht sehr spezifisch. Es kommt zu plötzlichen Schreckgefühlen, die von Atembeschwerden und rasendem Herzklopfen begleitet sind. Ähnliche Anfälle beschreiben Argentum, Sepia, Alumina, Causticum, Phosphor, Ignatia und Syphilinum. Es sind nicht die Charakteristika der Panikattacken, die einem helfen, das richtige Mittel zu identifizieren, sondern die gesamte Geschichte des Patienten und besonders das umfassende Persönlichkeitsbild. Diese Panikattacken sind lediglich ein Ausdruck der inneren Anspannung aufgrund der ständigen Unterdrückung schmerzhafter Ge fühle. Wenn diese Gefühle erst einmal empfunden und ausgedrückt worden sind, verschwinden die Panikattacken. Manchmal reicht die Arznei in hoher Potenz, um die Anspannung zu zerstreuen. Manchmal braucht der Patient aber auch zusätzlich eine tiefgreifende Psychotherapie.

Viele Natrium-Frauen haben Angst, von Männern angegriffen zu werden, was sie als Furcht vor Räubern beschreiben oder als Furcht, überfallen und vergewaltigt zu werden. Manchmal hängt das mit Missbrauchserlebnissen in der Kindheit zusammen, die aus dem Gedächtnis verdrängt worden sind, manchmal auch mit Erlebnissen aus der jüngeren Vergangenheit, an die sich die Patientin noch erinnern kann. Oft hat es aber auch gar keine realen Über griffe gegeben, und die Angst resultiert aus dem Gefühl der Verletzlichkeit und der Gefahr, die kleine Kinder empfinden, wenn sie sich nicht geliebt fühlen. (Sich nicht geliebt zu fühlen bedeutet für ein kleines Kind, sich in Todesgefahr zu fühlen). Solche Frauen können sich nicht entspannen, wenn sie nachts alleine sind, und selbst wenn sie nicht alleine sind, überprüfen sie vielleicht immer wieder, ob auch alle Türen und Fenster fest verschlossen sind, bevor sie ins Bett gehen. Die Angst wird oft von Alpträumen begleitet, in denen die Patientin verfolgt oder

beraubt wird. (Kent: "Sie träumt von Räubern und kann erst schlafen, wenn das Haus durchsucht worden ist.") Kinder, die Angst vor nächtlichen Einbrechern haben, werden

in den meisten Fällen ebenso auf Natrium muriaticum reagieren.

Zu den verbreiteten Ängsten von Natrium gehört auch die Furcht vor Schlangen (die man bei Natrium viel häufiger findet als bei Lachesis, weil Lachesis-Typen viel seltener sind) und Furcht vor Insekten, insbesondere vor Spinnen. Diese Ängste sind wahrscheinlich ein Ausdruck der allgemeinen Furcht vor Angriffen, denn sowohl Spinnen als auch Schlangen können giftig sein und greifen ihre Opfer überraschend an. Aus demselben Grund fürchtet sich Natrium oft auch vor Haien.

Eine Angst, die man bei Natrium zunächst nicht erwartet, ist die Furcht vor dem Tod. Zwar würden viele depressive Natrium-Typen den Tod willkommen heißen, aber andere leben in ständiger Furcht vor diesem letzten Unbekannten. Es ist der Aspekt des Unbekannten, den Natrium beim Tod genauso fürchtet wie die unbekannten Tiefen des eigenen Bewusstseins. Eine meiner Natrium-Freundinnen hatte nichts dagegen, über den Tod im allgemeinen zu reden, aber den Gedanken an ihren eigenen Tod empfand sie als sehr bedrohlich, denn er beschwor die Vorstellung einer grenzenlosen Leere herauf, die sie in Panik versetzte.

Die Angst vor Behinderungen ist ebenfalls eine klassische Erscheinung bei Natrium. Viele würden lieber sterben, als behindert und pflegebedürftig zu sein, denn als Behinderte wären sie vollkommen abhängig von anderen Menschen, etwas, das sie immer, so gut es ging, vermieden haben, denn Abhängigkeit bedeutet Verwundbarkeit und die Möglichkeit, verletzt zu werden, gar nicht zu reden von der Schuld, anderen zur Last zu fallen. Auch chronische Krankheiten werden gefürchtet, denn sie schränken die Bewegungsfähigkeit ein, und man kann nicht mehr durch irgendwelche Aktivitäten den eigenen unterdrückten Gefühlen entfliehen.

Wie Klaustrophobie findet man bei Natrium manchmal auch Angst vor offenen Plätzen. Ein Beispiel dafür ist ein Natrium-Jungen im Teenageralter, den seine Mutter zu mir in die Sprechstunde brachte, weil er Angst hatte, aus dem Haus zu gehen. Wenn er nicht zu Hause war, fühlte er sich immer unwohl oder hatte sogar richtig Angst, so dass er mehr und mehr zum Einsiedler wurde. Seine Angst hing offenbar mit der frühen Kindheit zusammen, als seine Mutter ständig mit ihm unterwegs war, um den Vater

zu begleiten, der ein Profisportler war und zu Wettkämpfen durch das Land reiste.

Seine Eltern kamen nicht miteinander aus, und er fühlte sich seiner Mutter näher als seinem Vater. Deshalb empfand er es als bedrohlich, nicht zu Hause zu sein, denn dann konnte er seine Mutter nicht für sich haben und wurde jedesmal daran erinnert, dass es mit seinem Familienleben nicht zum besten stand. Alles, was er wollte, war bei seiner Mutter zu Hause zu sein, und dadurch entstand die Abneigung dagegen, das Haus überhaupt zu verlassen, eine Abneigung, die nach einigen Dosen Natrium muriaticum M 10 verschwand.

Natrium-Kinder wie er, die sich unsicher fühlen, weil ihre Eltern Beziehungsprobleme haben, sind oft bis zum Teenageralter Bettnässer. (Bett nässen scheint bei Natrium-Kindern häufiger als bei allen anderen aufzutreten, und sie reagieren in den meisten Fällen gut auf eine Dosis Natrium M 10). Alpträume treten auch sehr häufig bei diesen verunsicherten Kindern auf, die dann oft versuchen, bei den Eltern im Bett zu schlafen, um ihre Angst zu verscheuchen

 

Der gesunde Natrium

Ein wirklich gesunder Mensch, der frei von früheren emotionalen Verletzungen und dabei gleichzeitig liebevoll und selbstsicher ist, begegnet einem unabhängig vom Konstitutionstyp nur selten. Es gibt jedoch viele Natrium Menschen, die emotional relativ gesund sind, weil sie entweder als Kinder von ihren Eltern bedingungslos

geliebt wurden oder weil sie nach einer tief gehenden Psychotherapie die Vergangenheit loslassen konnten. Diese "gesunden" Natrium-Menschen verfehlt der Homöopath leicht, weil die meisten charakteristischen Geistessymptome von Natrium mit einer emotionalen Pathologie verbunden sind. Der Homöopath muss dann sorgfältig nach eventuell verbliebenen subtilen Zeichen von Unsicherheit und Abwehrhaltung suchen, um diese Natrium-Typen zu identifizieren, und dabei muss er sich grundsätzlich auf die körperlichen und Allgemeinsymptome verlassen, um zur richtigen Verordnung zu kommen.

Die gesunde Natrium-Frau ist nicht emotional verschlossen. Sie nimmt ihre Gefühle wahr und hat keine Angst, sie auszudrücken. Gleichwohl ist sie wahrscheinlich immer noch ein relativ zurückgezogener, diskreter Mensch, nicht nur, weil sie noch einige innere Verletzungen pflegt, sondern auch, weil sie sensibel genug ist, um die Gefühle anderer Leute zu respektieren, und weil sie sich selbst genug liebt, um sich und ihre Angehörigen vor der mangelnden Sensibilität anderer zu schützen. Die gesunde Natrium-Frau zeigt ihre Zuneigung, und je gesünder sie ist, destoweniger klammernd ist ihre Liebe. Wirklich gesunde Natrium-Mütter können ihre Kinder gehen lassen, und sie trauern nach einem schmerzlichen Verlust nicht endlos.

Wenn Menschen emotional gesünder werden, verlieren sie ihre charakterlichen Extreme und Mängel, die ein integraler Bestandteil des Konstitutionsbildes sind, aber sie werden trotzdem nicht alle gleich. Beispielsweise wird ein emotional gesunder Lycopodium-Mann sensibel für die Gefühle anderer, aber nicht so sensibel und mitfühlend wie ein emotional gesunder Natrium-Mann. Dagegen wird der Natrium-Mann nicht ganz so objektiv sein wie der Lycopodium-Mann. Gesunde Natrium-Menschen haben emotionale Tiefe, ohne überempfindlich zu sein oder an der Vergangenheit zu hängen. Sie haben Herzenswärme, aber sie können bei Bedarf auch nein sagen, ohne sich schuldig zu fühlen.

Der gesunde Natrium behält die Effizienz und die organisatorischen Fähigkeiten seiner weniger gesunden Natrium-Verwandten, aber er verliert nicht den Blick für das Ganze, indem er Kontrolle für wichtiger hält als emotionale Zufriedenheit. (Weniger gesunde Natriums sind oft - führen Komitees, werden Lehrer und versuchen im allgemeinen, das Leben anderer Menschen zu organisieren, ohne ihr eigenes allzu genau anzusehen). Vorbei ist der extreme Gleichmut des kontrollierten Natrium, und statt dessen kann der Betreffende sich selbst ohne Reue verwöhnen. Der gesunde Natrium geht mutiger neue Beziehungen ein, und weil er mehr zu geben hat und sich vor dem Partner nicht versteckt, sind solche Beziehungen befriedigender.

Wenn sie trotzdem zerbrechen, wird der gesunde Natrium trauern, aber nicht am Boden zerstört sein. Seine moralischen Normen sind wahrscheinlich immer noch etwas höher als die von Lycopodium oder Nux, aber sie sind flexibel und werden anderen Menschen nicht aufgezwungen. Genauso wird der gesunde Natrium sich nicht allzu sehr darum kümmern, was andere Leute denken. Solange er nach seinen eigenen Maßstäben lebt, ist er mit sich selbst im Reinen und braucht nicht um soziale Anerkennung zu buhlen. Vielleicht hat er immer noch mehr Respekt vor traditionellen Werten wie Anstand und Treue als andere Konstitutionstypen, aber er hängt nicht länger an den künstlichen Werten, die von den Eltern, der Kirche oder der Gesellschaft festgelegt wurden. Das ist die große Freiheit von Natrium, der, wenn er gesund ist, das Beste aus beiden Welten hat: tiefe emotionale Zufriedenheit und die Freiheit, er selbst zu sein.

Wenn man einen relativ gesunden, offenen Menschen vor sich hat, der Natrium sein könnte, und ihn fragt, wie er früher war, zeigen sich oft typischere Natrium-Charakteristika, denn viele Natrium-Menschen werden im Laufe der Zeit gesünder. Es kann auch sehr nützlich sein, ihn zu fragen, was er am liebsten an sich selbst ändern würde, wenn das möglich wäre. Viele Menschen, die emotional relativ gesund sind, kennen ihre eigenen blinden Flecken und werden überraschen, indem sie diese Frage mit einer typischen Natrium-Schwäche beantworten.

 

 

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