Wissenschaftlich und Homöopathie

Carstensstiftung: https://www.carstens-stiftung.de/fileadmin/user_upload/pdf/Der-aktuelle-Stand-der-Forschung-zur-Homoeopathie-2016-WissHom.pdf

 

Vergleich: Siehe: [Yakov Freed] Cocculus indicus C 30 verbessert Aufmerksamkeit und die motorischen Fähigkeiten bei Ratten nach Schlafentzug].

 

[Prof. Dr. Gerhard Fasching]

Was steht hinter der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit

Was erwartet man auf diese Frage für eine Antwort?

Vielleicht steht nichts hinter der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit, weil sie eben alles erfaßt und alles aus sich selbst heraus erklären kann.

Ein religiöser Mensch könnte dagegen vielleicht vermuten, dass hinter der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit ein persönlicher Schöpfergott steht, der unsere Welt derart eingerichtet hat,

daß wir sie mit Hilfe der Naturwissenschaft entziffern können.

Es kann aber auch sein, daß das Geheimnis, welches hinter der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit steht, vielleicht sogar noch tiefer gegründet ist und durch unsere kleinen Worte und

unsere engen Gedanken überhaupt nicht zu erreichen ist. Wir wollen uns dieser Frage zunächst auf jenem Weg nähern, den man gerne in unserem populären Wissenschaftsverständnis geht.

Die Antworten, die wir dabei erhalten, sind nach meinem Empfinden aber eher ärmlich. Im Lauf unserer Überlegungen wird sich erstaunlicher Weise auch ein ganz anderer Weg zeigen.

Die absolute Wirklichkeit des populären Wissenschaftsverständnisses

Das populäre naturwissenschaftliche Wissenschaftsverständnis sieht die Erforschung der Wirklichkeit als ein gigantisches Unternehmen an, bei dem besonders begabte Gelehrte die

Geheimnisse des Mikro- und Makrokosmos ein für allemal entziffern.

Man könnte diese Tätigkeit mit einem riesigen Puzzlespiel vergleichen, wo sich viele Mitspieler darum bemühen, die einzelnen Teile dieses großen und bunten Bildes zusammenzusetzen.

Manche Bereiche des Bildes nehmen schon Gestalt an; aber wie alles zusammenpassen soll, das ist sogar heute noch unklar. Aber in einem Gesichtspunkt sind sich die Anhänger des

populären Wissenschaftsverständnisses einig: Zuletzt muß sich eins ins andere fügen, und das ganze Bild steht dann dem Betrachter schließlich eindeutig vor Augen.

Es ist also kein Wunder, daß das populäre Wissenschaftsverständnis eine absolute Wirklichkeit vor sich sieht. Denn die naturwissenschaftliche Methode ist durch ständige experimentelle

Überprüfung ihrer Ergebnisse gekennzeichnet. Und so kann man es gut verstehen, daß die naturwissenschaftlichen Bemühungen Ergebnisse hervorbringen, die in ihrem Fortschritt immer

genauer werden. Die Ergebnisse schmiegen sich dabei immer enger an ihren “Forschungsgegenstand” an, der zwar nie unmittelbar zu sehen ist, der aber immer besser modellhaft abgebildet

wird. Der wissenschaftliche Fortschritt nähert sich also gleichsam einer Asymptote an, die die absolute Wirklichkeit repräsentiert. Selbstverständlich – so sagt man - gibt es heute noch

gewisse Bereiche, die von der Naturwissenschaft noch nicht erschlossen wurden. Aber daraus darf man nicht folgern, daß zu diesen Bereichen die Naturwissenschaft prinzipiell keinen

Zutritt hätte. Früher oder später werden sich alle diese Randbereiche in das große naturwissenschaftliche Netzwerk einzugliedern haben. Und all das, was dort nicht hineinpasst, wird

zuletzt als Täuschung entlarvt und wird amputiert und entfernt. Alle Bereiche werden sich jedenfalls dem einen großen naturwissenschaftlichen Netzwerk unterzuordnen haben, egal,

was von ihnen dabei übrig bleibt.

Naturwissenschaft und Technik erscheinen daher als ein unerschütterliches Gebäude, welches seine Gestalt einzig und allein nur aus innerer Natur-Notwendigkeit erhält. Alles geht

seinen korrekten Lauf.

So wäre also nichts einzuwenden gegen Atomkraft und Gentechnologie, gegen koreanisches Menschen-Klonen, aber auch nichts gegen eine kulturübergreifende freie, ungebremste

Marktwirtschaft und generelle Globalisierung, die wie ein Rasenmäher über alle Kulturen hinweg fährt. Alles ist machbar. Im Prinzip hat man in der Technik “alles im Griff”.

Unser populäres Wissenschafts- und Wirklichkeitsverständnis tritt in diesen Argumenten deutlich ans Licht: Das einzige, was es wirklich gibt, ist -kurz gesagt- Materie oder Energie

in Raum und Zeit.

Alles läßt sich auf Materie in Raum und Zeit zurückführen. Sonst gibt es nichts. Und das genügt manchen Menschen, um das Transzendente und alles, was diesem Transzendenten

ähnlich sieht, ein für alle Male beiseite zu lassen. Hinter der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit steht also nichts mehr!

Spezielle Denkform mit großer “Sogwirkung”

Ich muß gestehen, daß ich diese Sache anders sehe. Und das hat einen einfachen Grund: Für uns und für unsere heutige Zeit geht - oft unbemerkt - von der naturwissenschaftlichen

Denkweise eine starke “geistige Sogwirkung” aus, die bewirkt, daß man völlig darauf vergißt, daß es sich bei der Naturwissenschaft bloß um eine spezielle Denkform handelt, der

keineswegs eine absolute Priorität gegenüber anderen Denk formen zusteht. Das heißt mit anderen Worten, daß neben der vermeintlich einzigen autarken naturwissenschaftlichen

Wirklichkeit auch noch andere alternative Wirklichkeiten stehen können.

Aber wie soll man sich denn das vorstellen, daß mehrere nicht zusammenpassende Wirklichkeiten nebeneinander stehen können? Sieht man in jeder Wirklichkeit etwas anderes?

Und wenn ich mich in diesen Wirklichkeiten auch einmal selbst anschaue, sehe ich dann vielleicht in jeder Wirklichkeit anders aus?

Das ist aber schon eine eher schwindelerregende Vorstellung.

Wenn man sich als Naturwissenschaftler aus dieser seltsamen Argumentation befreien will, dann gibt es genau genommen nur einen einzigen Weg: Man muß das Fundament der

naturwissenschaftlichen Wirklichkeit beleuchten, um nachzuweisen, dass die Methodologie der Naturwissenschaft einen sicheren und eindeutigen Boden zum Vorschein bringt, auf

dem die erhoffte eindeutige Wirklichkeit -und das ist eben die naturwissenschaftliche Wirklichkeit- aufgebaut werden kann.

“Der arme Krösus” und die “objektiven Illusionen”

“Der arme Krösus” ist ein Beispiel aus der Rhetorik, welches den Widerspruch zwischen der Bedeutung eines Substantivs und dem hinzugefügten Adjektiv illustriert.

Diese sogenannte Contradictio in adjecto, die auch im Beispiel der “objektiven Illusionen” vorliegt, will ich Ihnen jetzt allen Ernstes im Bereich der naturwissenschaftlichen Wirklichkeiten

schmackhaft machen.

Drei Stufen muß man steigen, um diese widersprüchliche Wortkonstruktion einer “objektiven Illusion” im Bereich der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit nachvollziehen zu können:

1e Stufe: macht uns klar, was ein Naturwissenschaftler unter objektiv versteht: Ein Sachverhalt ist objektiv, wenn man von ihm sagen kann, dass er auch außerhalb des subjektiven

Bewußtseins besteht.

Wenn ich beispielsweise eine weiße Maus sehe und wissen will, ob sie objektiv vorhanden ist, dann werde ich meinen Nachbarn fragen, ob er die Maus auch sieht. Objektivität muß

besonders in der Naturwissenschaft auf strengste Weise angestrebt werden, um von den bloß subjektiven Meinungen, die vielleicht dieses oder auch jenes sagen könnten, loszukommen.

Objektivität ist für den Naturwissenschaftler also durch Intersubjektivität gewährleistet.

2e Stufe: wird sichtbar, wenn man die naturwissenschaftliche Wirklichkeit genau betrachtet. Dann bemerkt man nämlich sehr bald, daß diese besondere Form von Wirklichkeit nicht

einfach da ist, sondern daß sie erst durch einen Strukturierungs-Vorgang entsteht!

Es genügt also nicht, dass ein Naturwissenschaftler auf sein Forschungsgebiet mit wachem Auge blickt, sondern er muß mit seiner strengen naturwissenschaftlichen Methodologie seinen

fachwissenschaftlichen Garten bearbeiten. Wenn er das tut, dann bemerkt er, daß sich unter seinen Augen manche aufgegriffene Elemente strukturieren und daß dabei jenes entsteht,

was er hinterher die naturwissenschaftliche Wirklichkeit seines Fachgebietes nennt.

3e Stufe: führt uns etwas sehr Eigenartiges vor Augen. Es zeigt sich nämlich, daß unterschiedliche Strukturierungsvorgänge unterschiedliche Wirklichkeiten hervorbringen.

Aber so eigenartig, wie ich es zuerst empfunden habe, ist diese Behauptung aber doch wieder nicht. Denn je nach Konstruktionsanleitung erhält man ja auch im täglichen Leben

unterschiedliche “Gebäude”. Und so ähnlich ist es auch bei der Erforschung der Wirklichkeit im Bereich der Naturwissenschaft.

Überblickt man diese 3 Stufen, dann kann man, wenn man es drastisch zum Ausdruck bringen will, die naturwissenschaftliche Wirklichkeit eine “objektive Illusion” nennen.

Denn: Ein bestimmter, ausgewählter

Strukturierungsvorgang ruft ein ganz bestimmtes Konstrukt hervor, welches einem - wenn man sich in dieses Fachgebiet sehr vertieft hat - bald wie eine lebendige Illusion vor Augen steht.

Und diese Illusion ist eine “objektive Illusion”, weil sie von verschiedenen Personen, nämlich von den Naturwissenschaftlern des gleichen Fachgebietes, nachvollzogen werden kann.

Und so stehen etwa gekrümmte Räume nur den Relativitätstheoretikern vor Augen und nicht auch den Numismatikern oder irgendwelchen Zeithistorikern. Und um die drastische

Formulierung noch auf die Spitze zu treiben, möchte ich sagen, daß diese objektive Illusion, “durch ein Vorurteil erfunden wurde”!

Und zwar ist dieses Vorurteil die spezielle, ausgewählte Methodologie, die diese betreffende Wirklichkeit hervorgebracht hat.

Wie findet man zur Wirklichkeit?

Wie muß man jetzt konkret vorgehen, um eine naturwissenschaftliche Wirklichkeit zu strukturieren? Die Antwort hierauf ergibt sich sofort, wenn man an das Selbstverständnis der

Naturwissenschaft denkt:

Für den Naturwissenschaftler ist die Wirklichkeit der Inbegriff dessen, was erfahren wird. Das bedeutet, daß die naturwissenschaftliche Wirklichkeit auf Antworten ruht, die sich

zum Beispiel aus Experimenten ergeben und die auf den betreffenden Experimentator wirken. Bei seinen Experimenten fällt dem Naturwissenschafter jenes in den Schoß, was man

Tatsachen nennt. Tatsachen entwickeln sich durch das Zugreifen des Forschers.

Wie sieht der Zugriff des Forschers aus? Er stützt sich auf besondere Regeln und Methoden:

• Beobachtungen und Experimente stehen im Zentrum,

• er beachtet Widerspruchsfreiheit und Reproduzierbarkeit,

• er bildet Begriffe und Gesetze.

• Der Akt der Erklärung projiziert vor seinen Augen zuletzt die Wirklichkeit.

• Der Akt der Voraussage ermöglicht das Handeln in der betreffenden Wirklichkeit.

Durch einen solchen Zugriff des Forschers werden unstrukturierte “Phänomene” zur betreffenden Wirklichkeit strukturiert.

Das Wesen der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit

Kommt der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit eine absolute Priorität zu? Die Wissenschafts-Geschichte hat uns die Antwort schon oft gegeben, denn es zeigt sich, dass man auf

dem Weg richtiger Erkenntnis manchmal auch unterschiedliche Ergebnisse erzielen kann, also unterschiedliche Wirklichkeiten vor sich sieht. Von einer absoluten Priorität kann also

nicht die Rede sein.

Denn Tatsachen, Wirklichkeit und Realität (die für den Naturwissenschaftler nichts anderes als eine “objektive Wirklichkeit” ist) werden stets unter dem Vorurteil des speziellen

Regel-und-Methoden-Kanons sichtbar. Eine sozusagen “wahre naturwissenschaftliche Wirklichkeit” gibt es nicht.

Wie kann man dieses seltsame Wesen der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit verstehen?

Ein einleuchtender Vergleich hilft hier weiter. Lassen Sie mich das an einem simplen Analogie-Beispiel zeigen: Ein einfacher Prototyp für eine naturwissenschaftliche Wirklichkeit

ist das Spiel. Spiel-Regeln legen fest, wie die Spiel-Wirklichkeit beschaffen ist. Spiel-Regeln darf man beim Spielen nie übertreten.

Ein Spiel-Verderber, der die Spiel-Regeln nicht einhält, verdirbt die Wirklichkeit des Spiels. Spiel-Verderber werden aus dem Spiel ausgeschlossen. Der Spiel-Verderber ist in unserer

Analogie soviel wie ein wissenschaftlicher Revolutionär. Er erfindet nämlich neue Spielregeln, und dabei tut sich für ihn -wenn er seine Sache versteht- ein weiterer und interessanterer

Horizont auf. Wissenschaftliche Revolutionäre betreiben dabei einen iterativen Prozeß, der zu einer laufenden, schrittweisen Verwandlung von komplexen Wirklichkeiten führt.

Es werden also immer wieder neue, ich möchte sagen, neue “objektive Illusionen” erfunden.

Eine Vielfalt von gültigen Wirklichkeiten Wir stehen vor dem erstaunlichen Ergebnis, daß man keiner Wirklichkeit ein Prioritäts-Attest verleihen kann. Weder der Naturwissenschaft

als Ganzes, noch der naturwissenschaftlichen Schulmedizin und auch nicht der Homöopathie. Alle Wirklichkeiten müssen sich grundsätzlich in ihrem eigenen Bild bewähren.

Wir müssen anerkennen, daß Wirklichkeiten besonders strukturierte Systeme sind, in die man eintreten kann und in denen man auch zu handeln -zum Beispiel zu heilen- in der Lage ist.

Die Vielfalt von Wirklichkeiten ist für uns ein wertvolles Kapital. Sehr wichtig ist dabei der Gedanke, daß alle diese Wirklichkeiten autark sind, voneinander unabhängig sind und daß

diese Wirklichkeits-Vielfalt nicht nur das geistige Profil eines Menschen ausmacht, sondern auch das geistige Profil von Kulturen.

Wirklichkeiten und Urgrund

Angesichts einer Wirklichkeits-Vielfalt fragt man sich oft: Wo ist da der feste Punkt? Wo ist das Fundament? Das Fundament ist der jenseits der Wirklichkeit liegende Urgrund, in welchem man selbst

wurzelt. Aus ihm kommen die vielen Wirklichkeiten hervor; er liegt grundsätzlich jenseits jeder Sprache, die in engen Wirklichkeiten gesprochen wird.

Und das ist leicht verständlich: Denn der Urgrund liegt vor (!) jeder Sprache, er liegt vor (!) jedem Versuch eine Wirklichkeit zu strukturieren. Den geheimnisvollen, sozusagen sprachlosen Urgrund haben die Wirklichkeiten gemeinsam, aber die Wirklichkeiten selbst, die wir erfahren, in denen wir mit einer Sprache, mit Begriffen sprechen können, sind oft grundsätzlich inkompatibel, also unvereinbar.

Auch als Naturwissenschaftler muß man daher wohl bekennen, daß man in einem doppelten Sinn leider nichts Wesentliches weiß:

Einerseits steht man vor der Unerkennbarkeit des tiefsten Urgrundes, aus dem man selbst hervorkommt. Man kann ihn nicht im wissenschaftlichen Sinn erkennen, weil er jenseits unserer naturwissenschaftlichen Begrifflichkeit liegt und sich daher dem naturwissenschaftlich-rationalen Denken entzieht. Der Urgrund ist größer und mächtiger als alle Worte, die in engen Wirklichkeiten gesprochen werden. Der Urgrund liegt jenseits von Eigenschaften, liegt jenseits von allen Wirklichkeiten.

Anderseits steht man aber auch noch vor einer 2. Unerkennbarkeit: Denn immer dann, wenn man versucht, eine Wirklichkeit in Besitz zu nehmen, ergreift man sie bloß als eine “Illusion”, als ein “Spiel”, als ein

höchst unsicheres Kaleidoskop-Bild.

Pseudowirklichkeiten

Wenn man das erste Mal davon hört, daß es mehrere Wirklichkeiten gibt, dann sagt sich vielleicht der eine oder andere, daß es dann doch auch zulässig sein müßte, sich nach eigenem Gutdünken aus diesen Wirklichkeiten die schönsten Details herauszusuchen, um sich auf diese Weise eine private Misch-Wirk-lichkeit zusammen-zu-zimmern. Es klingt im ersten Moment verständlich und vielleicht auch verlockend

und attraktiv, daß man sich gleichsam die Rosinen aus verschiedenen Kuchen herausnimmt. Aber man versteht sofort, dass das beim Wirklichkeits-Pluralismus unzulässig ist.

Denn unterschiedliche Wirklichkeiten kommen durch unterschiedliche Verknüpfungsinstrumente zustande. Das bedeutet, daß eine solche Wirklichkeits-Mischung dann nicht mehr aus einem einheitlichen,

autonomen, unabhängigen Verknüpfungsinstrument entsteht! Misch-Wirklichkeiten sind also Pseudo-Wirklichkeiten, sie sind “pseudo”, weil sie eben unecht und bloß vorgetäuscht sind.

Sie sind nicht aus einer Wurzel, also nicht aus einem einheitlichen Verknüpfungsinstrument entstanden, sie sind bloß aus nicht zusammengehörigen Bildern und Gedanken “zusammengestoppelt” worden.

Mir ist klar, daß ich bei diesem kurzen Essay viele Zwischenschritte auslassen mußte, um Ihre Geduld nicht übermäßig zu beanspruchen. Ich glaube aber, daß die Unvollständigkeit meiner Argumentation

nicht viel ausmacht, weil diese brisanten Themen in einem unlängst erschienenen Buch ausführlich erläutert und dargestellt wurden. An Hand einer großen Zahl von Beispielen wird dort gezeigt, auf welche

Weise die so stabil erscheinende Realität durch ein Vorurteil erfunden wird. Verblüffende Beispiele zeigen, daß Wirklichkeiten dabei gleichsam aus dem Nichts hervorkommen und daß sich

bestimmte Erfahrungsfelder gleichzeitig auch in verschiedene Wirklichkeiten kleiden lassen.

Dieses Buch liefert die theoretische Rechtfertigung dafür, daß ein Nebeneinanderstehen divergierender Wirklichkeiten legitim ist.

Offenbar sind diese Gedanken für viele Bereiche wichtig. Für alternative Formen des Heilens ganz besonders.

Es ist also neben der Naturwissenschaft für alternative Wirklichkeiten noch genügend Platz vorhanden.

Daher kann eine Homöopathie neben (!) einer naturwissenschaftlichen Schulmedizin stehen, auch wenn sie mit ihr nicht kompatibel ist.

Manchmal kann man Tatsachen entdecken. Das heißt man “stolpert” über sie. Sie waren vor ihrer Entdeckung gleichsam wie “unter einer Decke verborgen”. Solche Tatsachen waren durch das wissenschaftliche Umfeld schon weitgehend vorbereitet, sie lagen in der Luft, sie lagen auf der Hand, sie waren “reif” für eine Entdeckung, sie wurden “per Zufall entdeckt”. Die Entdeckung der Röntgenstrahlen könnte man

hier als Beispiel nennen. Denn bis zum Überdruß befragt, wie er denn zu seiner großartigen Entdeckung gekommen sei, antwortete Röntgen immer barsch und verärgert: durch Zufall!

Andere Tatsachen – und das sind die aufregenderen, von denen ich hier insbesondere spreche - lösen eine sogenannte wissenschaftliche Revolution aus, eine schlagartige Veränderung der naturwissenschaftlichen Wirklichkeit mit völlig neuen Begriffen und Tatsachen. Als Beispiele könnte man die Entdeckung des Sauerstoffs durch Lavoisier oder die Aufstellung der Relativitätstheorie durch Einstein nennen.

 

[Prof. dr. med. Phil. J. Schmidt]

Zur Frage der Wissenschaftlichkeit der Homöopathie – Im Lichte von Evidenz und Exzellenz eine zunehmende internationale Standardisierung von Prüfrichtlinien und global vernetzter Auswertungen.

Von einem Instrument sowie einer Methodologie, die expressis verbis dazu geschaffen wurden, die Homöopathie zu widerlegen, wird schwerlich zu erwarten sein, damit jemals die Homöopathie „beweisen“

und die wohlwollende Akzeptanz ihrer erklärten Gegner erreichen zu können. Sich in das Prokrustesbett dieser Vorgaben zu begeben bzw. der Einladung der Spinne in ihr Netz zu folgen, scheint für

Homöopathen nur um den hohen Preis einer weitgehenden Aufgabe ihrer sie konstituierenden Identität möglich zu sein. Je mehr fundamentale Prinzipien der Homöopathie aber bei einer zwangsweisen

Eingliederung in das Schema aktueller „Goldstandards“ preisgegeben werden, desto weniger statistische Performance zeigt in der Regel jedoch das daraus resultierende Kunstprodukt einer rudimentären

Pseudo-Homöopathie.

Bevor sich Homöopathen also auf das Wettrennen des Hasen mit dem Igel bzw. auf das Hamsterrad einer immer eifrigeren Studienproduktion einlassen, wäre grundsätzlich über die Rahmenbedingungen

und Erfolgsaussichten eines solchen Unternehmens zu reflektieren. Sozioökonomische Sachzwänge, politische Machtverhältnisse sowie Fragen der Interpretationshoheit und Beweislastverteilung

sind allerdings keine naturwissenschaftlichen, sondern geisteswissenschaftliche Kategorien, weshalb auch primär patientennah praktizierende Homöopathen um den Versuch einer entsprechenden Theoriebildung

nicht herumkommen dürften.

Viele Homöopathen werden im Laufe ihrer beruflichen Praxis ohnehin bemerkt haben, wie wertvoll eine gute Theorie sein kann, ja dass man ohne eine solche in einer komplexen Welt voller verwirrender

Phänomene verloren ist. Als Hahnemann vor 200 Jahren die Homöopathie begründete, war er in einer ähnlichen Situation: Auf einer medizinischen Ebene fand er einen Pluralismus und eine Unordnung von Lehrmeinungen vor – ein Zustand, der für ihn nicht hinnehmbar und deshalb durch eine rationale und wohltätige medizinische Theorie zu ersetzen war.

Ebenso sind Homöopathen heute herausgefordert, die Missstände des gegenwärtigen Gesundheitssystems aufzudecken und mit Hilfe einer umfassenden kritischen Theorie zu überwinden – allerdings nicht

nur auf einer medizinischen Ebene, sondern auch aus einer wissenschaftstheoretischen, soziologischen und ökonomischen Perspektive.

Während Hahnemann sich noch darauf beschränken konnte, nur medizinisch innerhalb einer relativ homogenen beruflichen Gemeinschaft zu argumentieren, haben sich inzwischen traditionelle Vorstellungen

Und Übereinstimmungen weitgehend aufgelöst und sind von sozioökonomischen Veränderungen überrollt worden. Obwohl zum Beispiel heute jeder von „Evidenz“ und „Exzellenz“ spricht, werden diese

Begriffe von Vertretern gegensätzlicher Interessen auf eine widersprüchliche, missverständliche oder tendentiöse Weise gebraucht – und missbraucht. Die wahre Herausforderung besteht mittlerweile darin,

zuallererst einmal diese Konfusion der Konzepte aufzudecken und aufzulösen.

Analog zu dem Ansatz, den Hahnemann wählte, soll nun versucht werden,

1. die gegenwärtige Situation zu beschreiben und zu analysieren,

2. über deren Symptome ihren Kern, ihre Essenz bzw. ihr Wesen zu finden (in Hahnemanns Begriff das „zugrunde-liegende Miasma“) und

3. über Konsequenzen, das heißt Behandlungsstrategien und Heilungsaussichten zu reflektieren.

Innerhalb des beschränkten Rahmens eines Aufsatzes ist es freilich nur möglich, in kurzen Statements einen Überblick über einige wichtige Probleme und Paradoxien sowie einige vorläufige Hinweise für eine

Argumentation zu geben, die helfen könnte, jene zu widerlegen bzw. aufzulösen. Weitergehende Ausführungen und Ausarbeitungen sind in den entsprechenden Publikationen des Autors zu finden.

1. Die Situation Aus der Perspektive von Homöopathen erscheint die Geschichte der Homöopathie als eine große und klare Erfolgsgeschichte: Bestehen seit 200 Jahren, Ausbreitung über die ganze Welt,

Heilungen von Millionen von Patienten von allen Arten von Krankheiten, Institutionalisierung, Professionalisierung, wissenschaftliche Forschung usw. Aus der Sicht ihrer Gegner stellt sich die Lage jedoch ganz

anders dar. Danach wäre es der Homöopathie bis heute nicht gelungen, ihre Wissenschaftlichkeit zu beweisen – wodurch bewiesen sei, dass ihre Ansprüche falsch und ihre Resultate von Placebo-Effekten nicht unterscheidbar seien.

Eines der frappierendsten Paradoxe der Medizingeschichte besteht wohl darin, dass das, was Homöopathen für „Evidenz“ einer Wirksamkeit oder „Exzellenz“ ihrer Praxis halten, von einem sogenannten

Modernen Skeptiker in der Regel ganz anders wahrgenommen und interpretiert wird, nämlich als Zufallstreffer bzw. magische oder spirituelle, jedenfalls „unwissenschaftliche“ Behandlung.

Zweifellos muss es, um Fehler zu vermeiden und um Betrug in der Medizin aufzudecken, irgendeine Form kritischer Würdigung und Kontrolle von therapeutischen Behauptungen und Erfolgen geben.

Doch die gegenwärtig vorherrschenden Standards zur Bewertung der Wissenschaftlichkeit einer medizinischen Behandlung, die unter dem Namen Evidenz-basierte Medizin etabliert sind, verfügen offensichtlich

über keine geeigneten Kriterien, die Errungenschaften der Homöopathie wahrzunehmen, zu verstehen und zu würdigen.

Dieser blinde Fleck im kategorialen Konzept der Evidenz-basierten Medizin soll nun an einigen Beispielen illustriert werden.

Wie André Saine in seinem noch unveröffentlichen Werk „The Weight of Evidenz. The Extraordinary Success of Homeopathy in Epidemics“ (Das Gewicht der dokumentierten Beweise. Der außergewöhnliche

Erfolg der Homöopathie in Epidemien) ausführt, liegen Statistiken aus mehr als 7.000 Referenzen (aus über 25.000 Bänden homöopathischer Literatur) vor, die belegen, dass homöopathische Behandlung bei Epidemien in den letzten 200 Jahren konstant mit einer sehr niedrigen Mortalitätsrate korrelierte (fast immer unter 3%), unabhängig vom Arzt, von der Zeit, vom Ort und von der Art der epidemischen Krankheit - einschließlich Krankheiten mit einer sehr hohen Mortalitätsrate (bis zu 50% und darüber), wie etwa Cholera, Pocken, Diphtherie, Typhus, Gelbfieber und Pneumonie. Die (viel höheren) Mortalitätsraten unter allopathischer Behandlung wurden dabei durchgängig und konsistent unterboten, also weit abgeschlagen.

Trotz dieser äußerst reichhaltigen Dokumentation der Wirksamkeit, Kosteneffizienz und Sicherheit der Homöopathie halten Befürworter der Evidenz-basierten Medizin diese Art von Beobachtungsstudien

schlicht für anekdotisch und deshalb nicht für überzeugend.

Dieselbe Abwehrstrategie wird von Skeptikern gegen die überwältigende Vielzahl von individuellen Fallberichten benutzt, die schnelle und völlig unerwartete Genesungen von manchmal schweren Krankheiten beschreiben. Bis zum Jahr 1840 wurden bereits 3.800 Fälle in einer neunbändigen Serie von David Roth in Paris publiziert.

Seitdem ist die Zahl der Fälle wahrscheinlich um das 50- bis 100-fache angestiegen. Möglicherweise dokumentieren hier etwa 10% der Fälle außergewöhnliche Resultate, die weitere Forschung wert wären (A. Saine). Trotz der Menge und Genauigkeit der existierenden Dokumentation sowohl von historischen Fallberichten wie auch von zeitgenössischen Outcome Studies (Ergebnisstudien) (C. Witt u.a.) und der Robustheit

und Größenordnung desEffekts homöopathischer Behandlung argumentieren Hardliner der Evidenz-basierten Medizin, dass, solange Studien nicht verblindet, randomisiert und Placebo-kontrolliert seien, ihre

Ergebnisse nicht zuverlässig (reliabel), nicht zwingend überzeugend und damit irrelevant wären.

Wenn jedoch klinische Studien gut designed und gut gemacht sind und diesen Erfordernissen genügen, dann - falls sie einen signifikanten positiven Effekt haben (H. Frei, I. Bell u.a.) - wird argumentiert, dass ohne

unabhängige Replikation durch andere das Ergebnis einfach durch blinden Zufall zustande gekommen sei und damit bedeutungslos und nicht überzeugend wäre. Auf jeden Fall individualisierte Arzneimittel und Potenzen, Langzeitbehandlung usw. Diese wenigen Beispiele mögen genügen, um die schwierige und unbequeme Position zu illustrieren, in die die Homöopathie, für ihre Anhänger eine rationale und wohltätige Heilmethode, innerhalb der fraglichen wissenschaftlichen Rahmenbedingungen der modernen Medizin geraten ist, die höchst antagonistisch und ignorant gegenüber der Evidenz und Exzellenz der Homöopathie sind.

2. Das „Miasma“

Wahre Wissenschaft hört allerdings nie mit dem Fragen auf. So könnte an dieser Stelle die Frage auftauchen: Was ist der Grund für diese Situation? Ist da ein System, eine bestimmte Logik dahinter?

Zieht man das Wissen und die Methoden der am weitesten fortgeschrittenen Wissenschaften heran, wie zum Beispiel der Epistemologie, Quantenphysik, Chaosforschung, Systemtheorie und Wissenschaftsgeschichte,

so scheint es heute klar zu sein, dass der mechanistische und materialistische Cartesianische und Newtonische Ansatz nicht geeignet ist, mit den systemischen, nicht-linearen und komplexen Bedingungen von Lebewesen wissenschaftlich zurechtzukommen. Nichtsdestotrotz beruht die konventionelle Medizin seit dem 19. Jahrhundert wesentlich auf dieser Art von Reduktionismus und jagt nach Quantifizierung, Standardisierung und Reproduzierbarkeit medizinischer Ergebnisse – obwohl dieser rein technische Ansatz aus den Fabriken industrieller Massenproduktion stammt und nur dort wirklich Sinn macht.

würde die Beweislast auf der Seite der Homöopathen liegen.

Um die Schwelle der Hindernisse für Homöopathen bis ins Unendliche zu erhöhen bzw. sie ganz außerhalb ihrer Reichweite zu bringen, plädieren inzwischen die sogenannten wissenschaftlichen Skeptiker für

eine Ersetzung der Evidenz-basierten Medizin (EBM) durch das striktere Konzept einer Wissenschafts-basierten Medizin (Science-based Medicine, SBM). Nach dieser beweisen auch positive Resultate randomisierter klinischer Studien (RCTs) nichts mehr, wenn die zugrunde liegenden Prinzipien (the underlying rationale) für moderne Wissenschaftler nicht plausibel sind. Da, aus deren Sicht, die Homöopathie auf unplausiblen Prinzipien wie dem sogenannten „Ähnlichkeits-Gesetz“, dem sogenannten „Infinitesimal-Gesetz“, dem sogenannten „Gesetz der Miasmen“ usw. beruhe,

wird jedes positive Ergebnis jeder künftigen Studie, die auf solchen Prämissen basiert, apriori als überflüssig und irrelevant beurteilt werden.

Falls andererseits randomisierte klinische Studien, die der Homöopathie zugerechnet werden, kein signifikantes Ergebnis erzielen, befürworten dieselben Verfechter der sogenannten Wissenschafts-basierten Medizin

die (definitiv falsche) Schlussfolgerung einer Meta-Analyse (A. Shang), die in der renommierten vermeintlich wissenschaftlichen Zeitschrift The Lancet im Jahr 2005 unter dem Titel erschien: „Das Ende der Homöopathie“.

In diesem Fall wurden aber nur acht der Homöopathie zugerechnete Studien überhaupt analysiert (s. R. Lüdtke 2008), von denen allerdings keine die Prinzipien und die Praxis genuiner Homöopathie repräsentierte, also in dividualisierte Arzneimittel und Potenzen,

Langzeitbehandlung usw.

Diese wenigen Beispiele mögen genügen, um die schwierige und unbequeme Position zu illustrieren, in die die Homöopathie, für ihre Anhänger eine rationale und wohltätige Heilmethode, innerhalb der fraglichen

wissenschaftlichen Rahmenbedingungen der modernen Medizin geraten ist, die höchst antagonistisch und ignorant gegenüber der Evidenz und Exzellenz der Homöopathie sind.

Um aber die Verbindung zwischen Medizin und Industrie zu verstehen, müssen nicht nur Naturwissenschaften, sondern auch Geistes- und Sozialwissenschaften herangezogen werden.

Die Geschichte der Medizin kann zum Beispiel detailliert zeigen, wie der Aufstieg der modernen konventionellen Medizin in genauer Parallelität mit dem Anstieg von Industrialisierung, Mechanisierung und

Technisierung aller Aspekte moderner Gesellschaften einherging. Gleichzeitig wurden traditionelle holistische Ansätze zunehmend an den Rand gedrängt.

Die Soziologie kann einen Schritt weiter gehen und erklären, dass das, was eine Gesellschaft in einer bestimmten Epoche hervorbringt, davon abhängt, auf welche Weise ihre Mitglieder sich miteinander vergesellschaften. Dieser Vergesellschaftungsprozess wird einerseits durch Individuen vollzogen, andererseits bringt er tatsächlich die an ihm teilnehmenden Individuen erst hervor und konstituiert sie als solche.

Auf diese Weise kann eine Gesellschaft, je nach grundlegendem Paradigma oder Denkmuster, menschliche Subjekte hervorbringen, deren Werte, Ideale und Überzeugungen völlig verschieden sind von denen einer anderen Gesellschaft in einem anderen Jahrhundert oder Land.

Die Wirtschaftswissenschaft könnte nun lehren, dass Geld nicht ein Ding, eine Substanz oder etwas ist, das einen intrinsischen Wert besitzt – sondern eine Denkform. Etwas konkreter ist Geld die Denkform,

in der kapitalistische Gesellschaften ihre Mitglieder vergesellschaften. Da praktisch jeder von Kindheit an diesem Vergesellschaftungsprozess unterworfen ist, gibt es kein Entkommen, er ist, so gesehen, totalitär – vergleichbar nur mit unserem ersten Ausgesetztsein unserer Muttersprache gegenüber, die immer schon vor uns da war und gesprochen wurde, noch bevor wir jedenfalls bewusst realisieren, dass wir sie bereits gelernt und damit reproduziert haben.

Zusammen mit den Erkenntnissen anderer Wissenschaften, wie Soziologie und Wissenschafttheorie, heißt das, dass unsere Weltanschauung, besonders das moderne (vermeintlich aufgeklärt objektive) Weltbild,

hauptsächlich durch unser Denken in der Form des Geldes konstituiert wird – da alle unsere Denkprozesse seit jeher davon infiltriert sind.

In der Tat kann die Wissenschaftsgeschichte zeigen, dass das Aufkommen der modernen Naturwissenschaft im 17. Jahrhundert mit fundamentalen sozioökonomischen Veränderungen zusammenfiel, die durch den

gesteigerten Stellenwert des Geldes (als vorherrschende Denkform) ausgelöst wurden.

Dementsprechend war die grundlegende Haltung moderner Wissenschaftler gegenüber der Natur nicht mehr Respekt und der Wunsch, mit ihr in Harmonie zu leben, sondern die Versuchung, ihre Geheimnisse aus ihr herauszupressen (mit Schrauben und Zwingen) und sie zu kontrollieren – weil eben Geld gemacht werden konnte mit Erfindungen, die auf einem auf diese Weise erlangten Wissen beruhten. Quantifizierung, Mathematisierung, Standardisierung, Reproduzierbarkeit, Materialismus, Positivismus, Reduktionismus usw., das heißt Konzepte, auf denen die konventionelle moderne Wissenschaft und seit dem 19. Jahrhundert auch die konventionelle moderne Medizin wesentlich beruhen, würden keinen Sinn ergeben ohne den Kontext des Vergesellschaftungsprozesses in der Form des Geldes in modernen kapitalistischen Gesellschaften. Für indigene Kulturen müssen diese Konzepte absurd erscheinen, auch heute noch.

Es stellt sich also heraus, dass nicht menschliche Individuen, sondern Geld - als Denkform – das wahre Subjekt der Geschichte ist, das alles kontrolliert und ausbeutet, einschließlich der Wissenschaften und der Medizin.

Damit ist aber auch klar, warum die Homöopathie viele Feinde haben muss.

Einerseits verteidigen pharmazeutische Unternehmen, die auf Massenproduktion von standardisierten Medikamenten abzielen, ihre finanziellen Claims und Marktanteile. Andererseits drängen Newcomer auf den Markt, um mit jeder Art von Innovationen, egal ob allopathisch oder naturheilkundlich, Profit zu machen, während sie alles Traditionelle (auch die Homöopathie) als Konkurrenz empfinden und deshalb abwerten. Beide, konservative und progressive Marktteilnehmer,

sind geld-gesteuert und insofern tendentiell allem anderen gegegenüber verschlossen, auf jeden Fall gegenüber der Wahrheit im traditionellen Sinne wie auch der  Homöopathie.

Um den prinzipiellen Unterschied zwischen der traditionellen und der geldgetriebenen Welt zu verstehen, bietet die Philosophiegeschichte zwei hilfreiche Begriffe, die von Aristoteles geprägt wurden.

Weit davon entfernt, jeden wie auch immer gearteten Gebrauch von Geld zu verwerfen, hatte er eine positive Einstellung gegenüber der Oikonomía, dem moderaten Austausch von Geld und Waren, also Tauschhandel, der auf Mäßigkeit beruht, während er Chremastiké, die selbstbezügliche Kunst des Gelderwerbs um des Gelderwerbs willen, abgetrennt von jeder anderen Beziehung und Bedeutung, zurückwies, da dies, wie er fand, gegen die Natur des Menschen sei.

Hahnemann sah dies ziemlich ähnlich, wie aus den Quellen erschlossen werden kann, die die Homöopathiegeschichte bewahrt. Geld verdienen und ausgeben war für ihn immer nur ein Mittel, um für sich und

seine Familien den Lebensunterhalt bestreiten zu können, aber nie ein Ziel in sich selbst.

Und was noch wichtiger ist: Im Gegensatz zur modernen konventionellen Medizin hat Geld als Denkform nie Hahnemanns medizinische Theorie infiltriert. Er hatte insofern Glück, zu einer Zeit zu leben, als die Industrialisierung und dazugehörige Monetariserung noch keine vorherrschende Rolle in seinem Land (Sachsen-Anhalt) spielten. Und Homöopathen können sich heute glücklich schätzen, dass sie Hahnemann als Leuchtturm haben, der alle folgenden Generationen daran erinnert, dass es einst möglich war (und immer noch möglich sein sollte), eine Heilmethode zu begründen, die (weitgehend) frei ist vom Denken in der Geldform.

Als Kontrast dazu ist in modernen kapitalistischen Zivilisationen die grundlegende Absicht, die alle Bereiche des Lebens und der Kultur durchzieht, der höchste Anreiz, Zweck und Wert der Umsatz und die Vermehrung von Geld, genannt Wirtschaftswachstum – das wiederum durch das Bruttoinlandprodukt gemessen wird. Mit Ausnahme von relativ wenigen Menschen, die selbstlos für höhere Ideale lebten und leben, wie einige beherzte Pioniere der Wissenschaft und der Medizin, scheint die Mehrzahl der Menschen unbewußt diese triviale Weise des Lebens zu verfolgen.

3. Konsequenzen

Auf der Suche nach Möglichkeiten, die vertrackte Situation zu entwirren oder gar aufzulösen, ist es wichtig, sich im Klaren über die verdrehten Bedingungen zu sein, in denen die Menschen in industrialisierten

Zivilisationen leben. Aufgrund der allumfassenden Herrschaft des Geldes sind es nicht mehr menschliche Individuen, die frei und autonom entscheiden, was sie tun oder nicht tun wollen. Sondern wie ein Virus

die infizierte Zelle veranlasst, den Eindringling selbst unbegrenzt zu reproduzieren und zu vermehren (zu Gunsten nur des Virus und auf Kosten der Zelle und des ganzen lebenden Organismus), so ist es das Geld,

das – als die herrschende Form des Denkens – menschliche Individuen veranlasst (seien diese Ökonomen, Politiker oder Wissenschaftler), in einer Weise zu denken, zu handeln und zu argumentieren, die

die unkontrollierte Multiplikation von Geld eher garantiert und sichert als die Gesundheit und das Wohlergehen seiner Diener. Unter diesen Bedingungen fixieren sich in Zwängen gefangene und fremdbestimmte Subjekte, wenn sie sich denn wissenschaftlich engagieren, gewöhnlich eher auf einzelne Wissenschaften und schirmen sich von anderen ab.

Im Gegensatz dazu könnte die Einbeziehung und Anwendung aller Wissenschaften (wie skizziert wurde) auf eine balancierte und konstruktive Weise ein Weg sein, die Beschränktheit bestimmter Gesichtspunkte zu

überwinden und insbesondere deren monetäre Ursachen klar und evident zu machen. Aus der Geschichte der Homöopathie ist bekannt, dass Hahnemann, als er die Homöopathie begründete, eindimensionalen Dogmatismus ebenso wie die Willkür eines medizinischen Pluralismus zurückwies. Das konnte er nur leisten, indem er deren Horizont überstieg. Und so sind Homöopathen heute noch bzw. wieder herausgefordert,

die Geisteshaltung und den Mut zu entwickeln, um die aktuell vorherrschenden rohen und geld-getriebenen Paradigmen durch geeignetere Konzepte zu kritisieren und durch gute Praxis zu überwinden.

Die Theorie der Medizin, eine weitere Wissenschaft, die von konventionellen medizinischen Fundamentalisten eher vernachlässigt bzw. ignoriert wird, hat gezeigt, dass die Medizin keineswegs eine angewandte Erkenntniswissenschaft ist, sondern immer nur eine praktische Wissenschaft sui generis (aus eigenem Recht) sein kann. Das heißt, dass ihre Prinzipien und Maximen nie in einem Labor getestet werden können,

sondern immer nur in konkreten therapeutischen Kontexten. Hahnemann wusste das. Und dessen eingedenk, gab er offen zu, dass potenzierte Arzneimittel nicht chemisch, nicht physisch, nicht atomisch, nicht mechanisch usw. wirken. Damit akzeptierte er auch, dass möglicherweise niemals etwas Messbares wie Moleküle oder ähnliches gefunden werden kann. Doch anstatt angesichts der Inkompatibilität mit grob mechanistischen Konzepten zu verzweifeln, machte er selbstbewusst auf seinem bisherigen Weg weiter und vervollkommnete dabei Schritt für Schritt die Exzellenz seiner Praxis und Theorie.

Um fähig zu sein, verschiedene Wissenschaften nicht nur zu beherrschen, sondern auch zu kritisieren und auf eine ausgewogene und wohltätige Weise anzuwenden und gleichzeitig die Fallgruben irreführender medizinischer und wissenschaftlicher Konzepte zu meiden, dazu bedarf es offensichtlich eines Künstlers der Wissenschaft und der Medizin. In seinem Selbstverständnis als Heilkünstler verband sich Hahnemann

mit der zeitlosen Tradition guter klinischer Praxis, die sich bis zu Hippokrates zurückverfolgen lässt. Auf diese Weise hinterließ er seinen Nachfolgern ein dauerhaftes Beispiel, wie man den Zumutungen

entgegentreten kann, die die Homöopathie durch moderne Konzepte von Evidenz und Exzellenz erfährt.

Anstatt weiterhin Ressourcen zu verausgaben, um das Unmögliche zu erreichen, nämlich engstirnige wissenschaftliche Fundamentalisten zu überzeugen, sollten Homöopathen vielmehr damit fortfahren, Patienten zu heilen und ihre Art von Praxis und Dokumentation zu vervollkommnen, so wie es ihr Meister tat, unbeeindruckt durch Einwände seitens derer, die ohnehin unfähig oder unwillig sind, das, was Homöopathen machen, adäquat wahrzunehmen und zu schätzen.

Ausblick

Aus einer historischen Perspektive über Jahrhunderte scheint es jedenfalls mehr als wahrscheinlich, dass der gegenwärtige sogenannte Gold-Standard für Evidenz und Exzellenz der konventionellen Medizin vergehen wird, während die Evidenz und Exzellenz guter homöopathischer Praxis bestehen bleiben wird – wodurch einmal mehr das unsterbliche Diktum des Hippokrates bestätigt wäre: „Ars longa, vita brevis“.

 

Pulsatilla

 

 

Vorwort/Suchen                                Zeichen/Abkürzungen                                   Impressum