Kind Anhang 8

 

[Mohinder Singh Jus]

Schlafen – oje!

"In meinem Zimmer ist eine Mücke!" - "Kommt das Meerschweinchen in den Himmel, wenn es tot ist?" - "Unter meinem Bett liegt ein Löwe!" - "Die Heizung gluckert immer so komisch!" Sätze wie diese kennen alle Eltern, wenn ihre Kinder am Abend nicht zur Ruhe kommen. Dabei sind sie ausgesprochen einfallsreich, wenn es darum geht, den Tag um ein paar Minuten zu verlängern. Doch was steckt dahinter, wenn unsere Kleinen zum sechsten o. siebten Mal im Wohnzimmer auftauchen und tränenreich verkünden, dass sie nicht einschlafen können? Sicherlich nicht, dass sie den Eltern nach einem anstrengenden Arbeitstag den Feierabend nicht gönnen. Bestimmt auch nicht, um auszuprobieren, was die Eltern aushalten können. Wenn den Kindern die Müdigkeit förmlich aus den Augen schaut und sie dennoch nicht einschlafen können, sind wir als Eltern gefragt. Denn die Gründe dafür sind vielfältig und oftmals wissen die Kleinen gar nicht, was sie vom erholsamen Schlaf abhält. Manchmal haben sie ganz konkrete Ängste und Sorgen, die sie vom Schlaf abhalten. Andere Kinder fürchten sie sich vor der Dunkelheit, vor phantasierten o. tatsächlichen Gefahren o. sie haben bedrückende Erlebnisse des Tages noch nicht verarbeiten können. Und die Kehrseite der Medaille ist ja wohl die: Kinder, die mit sich und ihrer Welt im Einklang stehen, können alltägliche Belastungen im Allgemeinen ganz gut wegstecken. Solche Kinder schlafen meistens gut ein und werden erst wieder wach, wenn sie ausgeruht sind. Im Gegensatz zu den Schlafstörungen bei Erwachsenen kommt bei den Kindern aber noch etwas anderes hinzu. Denn viele Schlafstörungen im Kindesalter sind entwicklungsbedingt. Insofern verlieren sich nach einer gewissen Zeit sozusagen von selbst. Das mag ein schwacher Trost für Eltern sein, die am Rande der Verzweiflung stehen und sich in schweren Zeiten wünschen mögen, nie ein Kind in die Welt gesetzt zu haben. Doch zum Glück ist das nächtliche Grauen, das so manche Beziehung an die Grenze ihrer Belastbarkeit treibt, nicht von Dauer. Und ehe wir uns versehen, werden über Nacht aus den kleinen Quälgeistern genügsame und liebenswerte Geschöpfe, die wunderbar durchschlafen und ihre Eltern glücklich machen. Doch bis es soweit ist, haben viele junge Familien Selbstzweifel und vor allem: eine Menge Fragen.

                                             Wie viel Schlaf braucht ein Kind eigentlich?

Kinder brauchen unterschiedlich viel Schlaf. Vor allen Dingen ändert sich ihr Schlafbedürfnis im Laufe ihrer Entwicklung erheblich. Es gibt aber einige Erfahrungswerte, die für fast alle Kinder zutreffen.

Neugeborene benötigen in den ersten Wochen etwa 16 bis 18 Stunden Schlaf. Sie schlafen fast rund um die Uhr und erwachen nur zum Füttern, Wickeln und Baden. Erst allmählich lernen sie zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden. Wie sollten sie es auch den Unterschied kennen, wo es doch im Mutterleib immer schön dunkel und warm war? Nach etwa einem halben Jahr, beginnen sie den Unterschied zu begreifen. Erst jetzt können viele gestresste Eltern langsam aufatmen. Wenn alles gut verläuft, schlafen die Kinder nun regelmäßig nachts und vor allem mehr als acht Stunden an einem Stück durch. Im Alter von zwei Jahren benötigen die meisten Kinder nur noch etwa 13 Stunden Schlaf. Im Allgemeinen schlafen sie nachts durch und brauchen nur noch einen zwei- bis dreistündigen Mittagsschlaf. 4 - 6-jährige Kinder schlafen mittags kaum noch und kommen mit 11 - 12 Stunden Schlaf aus. Kinder im Grundschulalter brauchen im Allgemeinen nicht mehr als 10 Stunden Schlaf. Bei besonders "aufgeweckten" Kindern hat man beobachtet, dass sie überdurchschnittlich wenig Schlaf benötigen.

Ob intelligente Kinder wenig Schlaf brauchen o. ob sie dadurch schlau geworden sind, weil sie öfters wach sind, hat noch niemand herausgefunden. Das heißt natürlich nicht, dass jedes Kind, das nur wenig Schlaf benötigt, gleich ein Genie ist. Auch ist der Schlafrhythmus der Kinder sehr verschieden. So gibt es ausgesprochene Nachteulen die erst in der tiefsten Nacht zur Ruhe kommen, während andere Kinder früh müde werden, am Morgen aber wie eine Feder aus dem Bett springen.

Eltern sind manchmal geneigt, von Schlafstörungen zu sprechen, wenn wir uns von unseren Kindern in unserem eigenen Schlaf gestört fühlen. So einfach ist das natürlich nicht. Tatsächlich sollten wir zwischen drei Formen von kindlichen Schlafstörungen unterscheiden:

1. Einschlafstörungen

2. Durchschlafstörungen

3. Aufwachstörungen

Zubettgehprobleme: Wenn das Kind nicht ins Bett will Kinder, die unter Zubettgehproblemen leiden, können o. wollen den Tag einfach nicht beenden. Mit phantasievollen Kapriolen dehnen sie den Tag immer weiter aus und werden zunehmend gereizter, weinerlicher o. gar. aggressiver. Sobald sie dann endlich im Bett liegen, schlafen sie meistens problemlos ein und schlafen die Nacht durch. Am nächsten Morgen sind sie dann gut ausgeruht und wieder umgänglich. Eltern müssen aufpassen, dass wir uns von Kindern mit Zubettgehproblemen nicht in end- und fruchtlose Machtkämpfe verwickeln lassen, unter denen beide Seiten leiden. Manchmal ist ein klares Schlusswort ohne "Wenn und Aber" hilfreicher als unendliche Überzeugungskünste. Auf der anderen Seite sind die Eltern keineswegs zu weichherzig, wenn sie eine großzügige, aber zeitlich genau festgelegte Verlängerung des Abends erlauben, die dann endet, wenn z.B. "der große Zeiger der Uhr auf der 6 steht!" Entscheidend ist es, dass Sie Ihren eigenen Stil finden. Die Eltern wissen am besten, wie ihre Kinder zur Ruhe kommen. Manchmal ist es hilfreich, den Kindern, sofern sie am nächsten Morgen nicht früh aufstehen müssen, den richtigen Zeitpunkt zum Einschlafen selbst bestimmen zu lassen. Hierzu eignet sich eine so genannte paradoxe Intervention, die etwa so lauten könnte: "Morgen ist Sonntag, und da kannst du so lange schlafen, wie du möchtest. Und deshalb solltest du heute Abend versuchen, solange wie es geht, wach zu bleiben. Allerdings möchte ich dich bitten, in deinem Zimmer zu bleiben und dich mit deinen Spielsachen zu beschäftigen." Kinder haben ein hohes Bedürfnis nach Autonomie, das wir uns zunutze machen sollten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass viele Kinder solche paradoxen Aufträge mit Begeisterung aufgreifen und meistens sehr rasch von selber zu Bett gehen. Dadurch erledigen sich unnötige Machtkämpfe fast von alleine.

Was tun bei verzögertem Einschlafen?

Das verzögerte Einschlafen ist eine Schlafstörung, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Kinder zwar problemlos zu Bett gehen, sich aber in der Dunkelheit ihres Bettes fürchten, wobei Ereignisse und Konflikte des Alltages

eine bedeutsame Rolle spielen. Bis zum Schulalter tritt diese Form der Schlafstörung verhältnismäßig selten auf. Zugleich ist sie bei Kindern ab etwa sechs Jahren die häufigste Form der Schlafstörung. Besonders in fremder Umgebung und bei ungelösten Alltagssorgen wälzen sich die Kinder unruhig um Bett und phantasieren schreckliche Geschichten zusammen. Manchmal glauben sie im Schatten an der Wand Hexen o. böse Geister zu erkennen o. das Gluckern in der Heizung wird zum Grummeln eines Ungeheuers und der leise Wind an der Fensterscheibe gleicht einem gefährlichen Wirbelsturm.

In einer solchen Situation kann die Angst übermächtig werden.

Deshalb ist es wichtig, dass die Kinder mit ihrer Schlafumgebung vertraut sind, ein kleines Licht anhaben dürfen, o. die Tür zum Kinderzimmer angelehnt sein darf. Ein Stofftier, eine Puppe o. was ihnen immer lieb ist, sollte sie im Schlaf begleiten und ihnen die Sicherheit geben, dass alles in Ordnung ist. Als Eltern nehmen wir die Ängste unserer Kinder nicht immer ausreichend ernst. Es mag mitunter so aussehen, aber: Kinder mit Einschlafstörungen wollen ihre Eltern nicht ärgern o. gar täuschen. Ihre Angst ist real und unmittelbar. Deshalb sollten wir sie auf keinen Fall mit harten Worten zum Schlaf zwingen wollen. Denn der Schlaf ist ein spontanes und mit dem Willen nicht steuerbares Verhalten. Durch Angst vor Bestrafung wird der Schlaf nicht nur erschwert, sondern unmöglich gemacht. Biologisch gesehen werden im Zustand der Angst Hormone freigesetzt, die Energien für eine mögliche Flucht aktivieren. Dadurch werden Kinder und natürlich auch Erwachsene hellwach. Nur wenn Kinder sich sicher fühlen, können sie angstfrei einschlafen. Darum sollten wir uns gerade bei dieser Art der Schlafstörung klar und eindeutig verhalten. Indem wir ihre Ängste ernst nehmen und gelassen damit umgehen, finden sie die Sicherheit, die sie für gesunden Schlaf brauchen.

So könnte es gehen:

Beruhigen Sie Ihr Kind und bringen Sie es wieder in sein Bett zurück, wenn es aus seinem Zimmer kommt. Nehmen Sie Ihr Kind notfalls hoch und tragen Sie es in sein Bett. Sagen Sie Ihrem Kind, was geschehen wird, wenn es ruhig im Bett bleibt: "Wenn du ruhig im Bett bleibst und nicht schreist, komme ich ab und zu nach dir schauen." Vergewissern Sie sich, dass Ihr Kind dies verstanden hat. Gehen Sie entschieden hinaus. Warten Sie zwei Minuten. Bleibt ihr Kind ruhig im Bett, gehen Sie zu ihm und loben es mit sanfter Stimme. Bleiben Sie nicht länger als 30 Sekunden. Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie wiederkommen werden, wenn es weiterhin so ruhig in seinem Bett bleibt. Warten Sie fünf Minuten, bevor Sie wiederkehren und ihr Kind noch einmal loben. Schauen Sie immer wieder nach Ihrem Kind, verlängern Sie aber langsam die Zeitabstände. Vielleicht müssen Sie dies vier o. fünf Mal wiederholen, bevor Ihr Kind eingeschlafen ist. Wenn es bereits schläft, gehen Sie leise aus dem Zimmer.

                                             Durchschlafprobleme: Wenn Kinder nachts wach werden

Als sehr beunruhigend erleben manche Eltern bestimmte Durchschlafprobleme, die in der Tat beängstigend sein können. Glücklicherweise sind sie im Allgemeinen recht harmlos und gehen nach einer gewissen Zeit wieder vorbei. Damit Sie sich selbst ein Bild davon machen können, möchte ich sie hier kurz beschrieben. Kinderärzte und Therapeuten sprechen von folgenden vier Arten von episodischen Durchschlafproblemen, die bei allen Kindern gelegentlich auftreten können:

1. Schlafwandeln

2. Angstattacken

3. Alpträume

4. Bettnässen

                                             Schlafwandeln: Nächtliche Spaziergänge

Manche Kinder neigen dazu, mitten in der Nacht aus ihrem Bett aufzustehen und scheinbar ziellos im Haus herumzuirren. Obwohl sie sich im Schlafzustand befinden, tun sie durchaus logische

und folgerichtige Dinge. So ist es nicht ungewöhnlich, dass sie sich vor einem nächtlichen Spaziergang einen Mantel o. sogar Schuhe anziehen und die elterliche Wohnung o. das Haus verlassen.

Es hat wenig Sinn, sie am nächsten Morgen auf ihre gefährlichen Wanderungen aufmerksam zu machen o. sie vor dem nächsten Spaziergang warnen zu wollen. Sie erinnern sich an nichts und sind

in diesem Zustand auch nur schwer aufzuwecken. Im Allgemeinen genügt es, sie sanft an die Hand zu nehmen und mit beruhigenden Worten zu ihrem Bett zurückzubegleiten. Wenn Ihr Kind zu

solchen Ausflügen neigt, treffen Sie entsprechende Vorkehrungen. Sichern Sie die Fenster und schließen die Haustür ab. Manchmal kann es sinnvoll sein, an geeigneter Stelle ein Glöckchen

anzubringen, das Sie auf einen bevorstehenden Spaziergang aufmerksam macht. Machen Sie vor allem aber nicht zu großes Aufheben um die nächtlichen Wanderungen, zumal das Kind sich am

nächsten Morgen an nichts erinnern kann. Wenn wir das Kind zu sehr bedrängen, könnte es meinen, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung ist und sich unnötig ängstigen.

Im übrigen gilt das für alle Formen von kindlichen Schlafstörungen.

                                 Schrecken in der Nacht: Angstattacken

Nächtliche Angstattacken zählen zu den beunruhigendsten Schlafstörungen überhaupt. Um es gleich vorweg zu sagen: Sie haben nichts, aber auch gar nichts mit "falscher Erziehung" zu tun, sondern sind verhältnismäßig harmlose und vorübergehende Ereignisse. Eine solche Angstattacke, auch "Nachtschreck" o. "Pavor nocturnus" genannt, kündigt sich durch einen markerschütternden Schrei des Kindes an. Wenn die Eltern in höchster Panik an das kindliche Bett stürzen, finden sie dort ein zutiefst erschreckt und verängstigt wirkendes Kind vor, das mit leerem Blick und manchmal schwitzend unverständliche Worte stammelt. Manchmal schlägt o. tritt es um sich und scheint vor irgendetwas weglaufen zu wollen. Auch wenn es so scheint: das Kind ist nicht wach und lässt sich auch nur schwer aufwecken. Versuchen Sie es auch gar nicht, weil es Ihrem Kind nicht hilft. Es mag sich herzlos anhören, aber es hat nur wenig Sinn, das Kind beruhigen zu wollen. Es wird sich gegen körperlichen Kontakt sogar wehren. Das einzige, was Sie tun können, ist zu vermeiden, dass es sich selbst verletzt.

Entfernen Sie spitze und gefährliche Gegenstände und legen Sie ein paar Kissen in das Bett, bis die Angstattacke vorbei ist. Meistens hält ein Nachtschreck nur wenige Minuten an, manchmal jedoch bis zu einer halben Stunde. Doch selbst, wenn eine solche Attacke mehrmals in der Woche auftritt, ist sie kein Hinweis auf eine gefährliche Krankheit o. eine psychische Störung. Bei Schulkindern können sie in seltenen Fällen im Zusammenhang mit seelischen Konflikten auftreten. Sollten die nächtlichen Angstattacken im sechsten o. siebten Lebensjahr noch auftreten, suchen Sie den Rat eines erfahrenen Kinderarztes. Meistens lassen sie sich mit einem leichten Beruhigungsmittel behandeln.

                                             Nächtliche Alpträume

Im Gegensatz zum Schlafwandeln und zu Angstattacken haben nächtliche Ängste und Alpträume unmittelbar mit vorangegangenen Konflikten und Belastungen zu tun. Sie treten in den Phasen des leichtesten Schlafes auf.

Bereits bei Kindern ab etwa zwei Jahren können Alpträume auftreten, häufiger sind sie jedoch im Alter zwischen drei und vier Jahren. Fast alle Kinder haben gelegentlich Alpträume. In der Regel

sind sie kein Grund zur Beunruhigung. Häufig werden sie von einem aufregenden Erlebnis o. durch einen spannenden Fernsehfilm am Abend ausgelöst. Ein beruhigendes Ritual am Abend und ein

sanfter Ausklang des Tages tragen dazu bei, dass Ihr Kind einen entspannten Schlaf findet. Wenn Ihr Kind unter Alpträumen leidet, hat es wenig Sinn, an die Vernunft zu appellieren. Das Kind ist

seinen Gefühlen ausgeliefert und ist in der Nacht auf der Verstandesebene nicht ansprechbar. Reden Sie am nächsten Tag in Ruhe mit ihm und versuchen Sie nicht, ihm seine Angst ausreden zu wollen.

Es würde nicht gelingen. Am besten helfen beruhigende Worte und abendliche Rituale, die den Kindern Vertrauen und Sicherheit geben. Die Ruhe, die Sie selber dabei ausstrahlen, wird sich letztlich

auf Ihr Kind übertragen.

                                             Bettnässen

Akupunktur

Kombinationen

Le 1 + Ni 6 bei Harnverhalten,

 

Eigentlich ist das nächtliche Einnässen keine Schlafstörung. Trotzdem kann der Schlaf durch diese verhältnismäßig harmlose Beeinträchtigung erheblich gestört werden. Gleichwohl steckt nicht hinter

jeder nächtlichen Überschwemmung gleich ein tiefer seelischer Konflikt. Zu einem wirklichen Familien-Konflikt kann das Bettnässen allerdings ausufern, wenn wir die Geduld verlieren, dem Kind Vorwürfe machen o. es gar bestrafen.

Denn Kinder können nichts dafür, wenn sie in der Nacht nicht wach werden, obwohl die Blase prall gefüllt ist. Das Einnässen findet regelmäßig während des ersten Drittels der Nacht statt, also in

der Zeit, wo die Kinder am tiefsten schlafen. In diesem Zustand nehmen sie nicht wahr, dass es Zeit ist, zur Toilette zu gehen. Ein einfacher, aber hilfreicher Kunstgriff kann dazu beitragen, dass die Familienkatastrophe ausbleibt. Reden Sie mit ihrem Kind wie mit einem Freund und erklären ihm etwa folgendes: "Es ist etwas unangenehm, wenn ich morgens dein Bett neu beziehen muss. Auf der anderen Seite ist es so schlimm aber auch nicht. Ich möchte dir dabei helfen, dass du morgens in einem trockenen und warmen Bett aufwachen kannst. Darum möchte ich eine Zeit lang die Verantwortung für deine Blase übernehmen. Du wirst sehen, nach kurzer Zeit ist alles wieder in Ordnung."

Und dann machen Sie nichts anderes, als das Kind zu später Stunde, etwa gegen 22 bis 23 Uhr zu wecken und es im Dämmerzustand zur Toilette zu begleiten. Wenn Sie diesen Vorgang ein bis zwei Wochen wiederholen, gewöhnt sich das Kind an den Rhythmus und geht nachts von alleine zur Toilette. Wenn Sie dann noch etwas darauf achten, dass Ihr Kind am Abend nicht zu viel trinkt und es

vor dem Zubettgehen noch einmal zur Toilette geht, wird sich das Problem in den meisten Fällen erledigen. Wenn Sie die Sorge haben, dass das nächtliche Einnässen organische Ursachen hat o. auf schwere seelische Nöte zurückgeht, suchen Sie einen erfahrenen Kinderarzt auf.

Soweit ein kleiner Überblick über einige der häufigsten Schlafstörungen. Bei allen Arten von Schlafstörungen gilt es Gelassenheit zu zeigen und die Ruhe zu bewahren. Und denken Sie bitte daran:

Die wenigsten Kinder wollen uns ärgern o. unsere Belastbarkeit testen, wenn sie nicht einschlafen können. Beispiele für homöopathische Arzneien bei Schlafstörungen: Überdrehte Kinder, die abends

noch Coca- Cola o. Kaffee getrunken haben, sehr offen für alle Außenreize sind, brauchen z.B. Coffea, Bell. o. Nux-v. Kinder, die sehr ängstlich sind, o. an psychischen Traumata leiden, benötigen

z.B. Ars., Ign. o. Valeriana. Kinder mit angeborenen Entwicklungsstörungen brauchen entsprechend tief greifende Arzneien, die auch den genetischen Hintergrund der Familie berücksichtigen müssen,

wie z.B. Carc. Tub. o. Syph.

 

Angstträume, seelische Belastungen, im Alter: Acon

Prüfungsangst: Arg-n.

Sorgen, Versagensangst, ängstliche Träume: Ars.

Übermüdung - trotzdem schlaflos, Angstträume: Arn.

unruhiger Schlaf, Zähneknirschen, Aufschrecken, Fieber, Kinderkrankheiten: Bell.

Sorgen, Angstträume: Bry.

trotz Müdigkeit kein Schlaf, bei Kindern: Cham.

Spätes Einschlafen, geräuschempfindlich, immer derselbe Gedanke ängstliche Kinder: Calc.

trotz Müdigkeit kein Schlaf, Zeitverschiebung auf Reisen, durch Nachtarbeit: Coc-i.

Kopfschmerzen/Migräne (Frauen): Cimic.

unruhig, vor Prüfungen, immer derselbe Gedanke, Kopfschmerzen: Gels.

Folge von Sorgen, Kummer, leichter Schlaf, tiefe Träume: Ign.

Gedanken an Beruf (Manager), Haushalt, nach Genussmittelmissbrauch: Nux-v.

Schlechtes Einschlafen, wach am Abend: Puls.

Unruhig, erschöpft, spätes Einschlafen: Sepia

spätes Einschlafen: Sil.

 

Einschlafen schwierig: carc. Lyc. Nat-m. Nux-v. Phos. Puls. Sil. Sulph.

Erwacht nach Mitternacht: Ars. Carc. Coff. Lyc. Nat-m. Nux-v. Phos. Sep. Sil. Sulph.

Erwacht häufig: Ars. Carc. Coff. Lyc. Nat-m. Nux-v. Phos. Puls. Sep. Sil. Sulph.

Schlaf gestört: Ars. Carc. Coff. Lyc. Nat-m. Nux-v. Phos. Puls. Sep. Sil. Sulph.

---------------- durch Gedankentätigkeit: Carc. Coff. Lyc. Nux-v. Puls. Sep. Sil. Sulph.

Schlaflos: Ars. Carc. Coff. Lyc. Phos. Puls.

Schlaflos und schläfrig: Ars. Coff. Lyc. Nat-m. Nux-v. Phos. Puls. Sep. Sil. Sulph.

Bettnässen nachts: Ars. Carc. Coff. Lyc. Nat-m. Nux-v. Phos. Puls. Sep. Sil. Sulph.

-------------------- bei Kindern: Lyc. Nat-m. Nux-v. Phos. Puls. Sep. Sil. Sulph.

 

 

Sepia hat als Kleinkind auf der Kopfhaut Ekzeme. Die Haare sind durch einen gelb-eitrigen Ausfluss verklebt. Bei jedem Durchfall bessert sich das Ekzem. Wenn es aber zwei Tage keinen

Stuhlgang hat, wird es schlimmer.

Graphit hat die gleichen Symptome. Wie Sie wissen, hat Graphit so alle 1-2 Wochen einmal Stuhlgang. Eine Patientin kommt mit einem Ekzem, hat eine rissige, trockene Haut mit starkem

Juckreiz, und man gibt konstitutionell Graphit, dann sehen Sie die erste Wirkung bei der Verdauung. Die Patientin hat nun regelmäßigen Stuhlgang. Bei einem Rückfall sagt sie: „2 Monate

lang war die Haut besser, aber seit kurzer Zeit ist sie wieder viel schlimmer.“ „Wie ist ihr Stuhlgang?“ „Oh, seit einer Woche bin ich wieder verstopft.“ Schlimmer bei Verstopfung ist als

Graphit und Sepia.

Oleander hat auf der Kopfhaut auch einen Ausschlag mit klebrigem Ausfluss. Die Mutter versucht die verklebten Haarbüschel zu reinigen. Dabei fallen die Haare aus. Weiter hat Oleander

Aphthen und Soor, Verdauungsstörungen mit Erbrechen und Durchfall. Oleander hat eine sehr schlechte Verdauung.

Mez. hat auch dieses Kopfhautekzem. Es breitet sich nach unten aus und hinter die Ohren. Die Ausschläge bilden dicke Krusten. Löst man die Krusten, so quillt dickgelber Eiter hervor. Mez. ist

sehr kälteempfindlich, das Ekzem brennt und ist schmerzhaft. Das Kind kann nachts kaum schlafen. Erwachsenen sagen: „Ich habe sehr starken Juckreiz, aber ich kann nicht kratzen sonst schmerzt

es.“

Meistens haben es Kleinkinder zu warm. Doch keine Regel ohne Ausnahme. Sepia ist sehr kälteempfindlich. Schnell hat sie kalte Hände und Füße. Sie schwitzt stark.

Sepia spielt gerne in der Badewanne. Kommt der Bruder auch noch dazu – ein gemeinsames Bad spart Wasser - so ruft sie nach der Mutter: „Nimm ihn weg, ich will alleine spielen. Er soll mich in

Ruhe lassen.“

Bei Sulfur wissen Sie, wie er sich aufführt. Das ganze Badezimmer ist nass, alles ist durcheinander, und die Mutter hat eine Stunde Arbeit.

Phosphor singt, und das ganze Haus vibriert. Er will nicht mehr aus dem Wasser. „Ja, ja ich komme“, und er singt weiter, wo er unterbrochen wurde.

Tuberculinum weint und schreit in der Badewanne, bis er wieder im Trockenen ist. Alle 14 Tage versucht die Mutter ihm die Haare zu waschen. Sie benutzt ein mildes Baby-Shampoo. Nur ein kleiner Spritzer in die Augen, und ein Gebrüll geht los. Beim Weinen drückt sich auch die Aggression von Tuberculinum aus. Er schlägt wie ein Verrückter um sich. Und alles nur, weil ein bisschen Seife in die Augen gekommen ist.

Sepia hat Angst vor Fremden und bleibt lieber zuhause. Aber jemand muss in der Nähe sein, ist auch Lycopodium. Barium fühlt sich auch schlechter unter Leuten und ist zuhause ruhiger. Draußen hat er viele Ängste, ist verkrampft und kann sich nicht entspannen. Angst vor Leuten und will nicht angesehen werden ist auch Arg-n.. Argentum versteckt sich und gräbt sein Gesicht

zwischen Mutters Brüste. Antimonium crudum ist auch besser zu Hause und will außer den Eltern niemanden sehen.

Sepia ist sehr lärm- und auch geruchempfindlich. Wie bemerkt man dies? Die Kinder können ja noch nicht sagen: „Ich bin empfindlich gegen Gerüche.“ Die Mutter kocht, etwas brennt an, und das Kind hustet. Nux vomica und auch Phosphor sind sehr geruchempfindlich. Phosphor ist auf alle äußeren Reize anfällig. Nux vomica auf Lärm, Geruch und Kälte.

Sepia lässt sich nicht in den Arm nehmen und küssen. Sie sträubt sich, wendet trotzig das Gesicht ab. Mit der Hand wischt sie sich über die Wangen. Es ist nicht das Gefühl von Schmutz, sondern die Gestik „bleib weg von mir“. Sie ist distanziert und will nicht gefasst werden. Sie ist das Gegenteil von Phosphor, Sulfur, Pulsatilla und Calcium. Diese Kinder kann man in den Arm nehmen, streicheln und liebkosen. Sie schlafen auch bei den Eltern. Sepia braucht Distanz und ist von Anfang an eigenwillig. Bereits als Kleinkind sieht man bei ihr Ärger. Sie ist immer etwas aufgeregt. „Komm, setz dich hierhin.“ Trotzig sagt sie: „Nein, ich will nicht.“

Sepia und Lycopodium haben viele Ähnlichkeiten, aber der größte Unterschied ist, dass bei Sepia Ärger und Hass sichtbar, bei Lycopodium die Emotionen schwierig zu erkennen sind. Lycopodium kann gut überspielen und hat sich meistens im Griff. Schauen sie mal, wie viele Buben artig sind, ihre Emotionen nicht zeigen und irgendwie verklemmt wirken. Wie der Vater, so der Sohn. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Diese Qualität hat Sepia nicht. Sie ist direkter und setzt ihren Kopf durch.

Lycopodium hat auch nicht gerne viel Kontakt. Versucht man ihn in den Arm zu nehmen, versteift er sich. Nimmt man das Kind an der Hand und zieht es zu sich, kommt er bereitwillig, aber verkrampft. Legen Sie Ihre Hände auf seine Schultern. Man weiß nicht ob es Muskeln oder Knochen sind, alles ist steinhart.

Auch Kalium carbonicum will nicht in die Arme genommen werden.

Sepia ist leicht gereizt und aufgeregt. Ist sie wütend, muss etwas zerstört werden. Chamomilla hat die gleiche Tendenz, ist aber nicht so fixiert wie Sepia. Sepia zerrt an Möbelstücken und lässt ihre Wut an Gegenständen aus. Etwas muss sie in der Hand haben. Man fragt sich, woher diese Wut und Kraft kommt. So ein schlankes Kind mit soviel Power! Ihr Ärger ist die Kraft.

Manchmal hat Sepia wie Ignatia grundlos hysterische Anfälle. Sepia ist die ältere Schwester von Ignatia, Sepia wirkt tiefer und chronischer. Plötzlich eine übertriebene, wütende Reaktion. Diese Impulsivität von erwachsenen Sepia und Ignatia sieht man auch beim Kleinkind in seinem grundlosen Weinen. Und Sie kennen die Rubrik „schlimmer durch Trost“. Weint das Kind, so ist es besser, es alleine zu lassen. Will man es trösten, schlägt es um sich. Aber nicht brutal wie Tuberculinum oder Tarantula, sie schlägt aus Frustration.

Bei Sepia können wie bei Silicea alte Schwierigkeiten noch einmal hochkommen, und sie kaut daran herum. Plötzlich ist sie wütend, aber sie kann nicht erklären, weshalb sie so böse ist. Sie erwartet, dass man sie versteht, aber es gibt nichts zu verstehen.

 

Bei Ignatia ist es das Gleiche. Die Anfälle braucht sie als Waffe. Wenn sie etwas will, vollführt sie ein Theater, spielt einen hysterischen Anfall vor und setzt so ihren Kopf durch. Erwachsene Ignatia-Frauen, die etwas von einem Mann wollen und sich vernachlässigt fühlen, inszenieren einen hysterischen Anfall. Sie steigern sich in etwas hinein, beginnen zu hyperventilieren, bekommen keine Luft mehr, halten die Hände an den Hals und produzieren einen Erstickungsanfall. Der Mann bekommt nasse Hosen.

Das Wetter beeinflusst die Gemütslage von Sepia stark. Bei sonnig schönem Wetter fühlt sie sich besser, bei Nebel und Regenschauer schlimmer. Am-c. ist bei Nebel gestört und wird depressiv.

Auch Calc. und Thuja sind bei Regenwetter in einem Tief.

Kälte und Feuchtigkeit stören immer. Bei erwachsenen Sepia habe ich oft gesehen, dass es ihnen im Winter stimmungsmäßig meistens schlecht geht. Allgemein friert sie schnell und hat Kreislaufprobleme, aber im Winter reagiert sie noch empfindlicher.

Sepia ist sehr eigenwillig und hartnäckig. Kompromisse macht sie selten. Natrium muriaticum macht gegen ihren Willen Kompromisse. Sie ist nicht einverstanden, macht es aber trotzdem. Einmal mehr hat sie geschluckt. Sepia sagt immer zuerst: „Nein, das kann ich nicht“, und dann: „Ich will nicht.“

Phosphor hat die gleiche Tendenz, aber er weiß, wie er sich durchsetzen muss. Er ist ein Schauspieler. Er führt die anderen an der Nase herum. Sanft fragt er: „Ja, ja, ich mache es“, aber er macht es nicht. Er sagt nicht nein, aber er meint nein. Zuerst erledigt er seine Sachen und wenn er es nicht vergisst, führt er aus, was ihm aufgetragen wurde.

Tub. hat schubweise zwei Phasen. Er kann sehr lieb und hilfsbereit sein und plötzlich schreit und tobt er unkontrolliert. Immer zuerst nein sagen ist auch Tub.

Nat-m. rebelliert weniger, sagt nicht ja oder nein, macht es einfach widerwillig, schluckt und ist nachtragend. Ab und zu kann sie auch wegen Kleinigkeiten hysterisch reagieren. Man weiß sofort, dass es nichts mit der jetzigen Situation zu tun hat, sondern mit früheren Dingen. Zu lange hat sie geschluckt, und wegen einer Kleinigkeit gerät sie nun in Wut. Ab und zu muss auch sie hinausspucken, sonst wird sie zu früh krank.

Über die Nervenempfindlichkeit bei Sepia habe ich bereits einiges gesagt. Ihr schwaches Nervenkostüm zeigt sich auch darin, dass sie bei jeder Kleinigkeit schreit. Der Nachbarsjunge steht hinter ihr, und sie erschrickt. Eine Spinne hat sich in ihr Schlafzimmer verirrt, die Katze streicht ihr zwischen die Beine, im Keller rennt eine Ratte aus dem Lichtkegel, und sie lässt die Weinflasche fallen. Ihr Gekreische geht einem durch Mark und Bein.

Ein weiterer Champion, der leicht erschrickt, ist Kalium carbonicum. Beide, Sepia und Kalium carbonicum, gebrauchen ihr Geschrei als Waffe. Die Mutter denkt, es habe sich ein Unfall ereignet und

stürzt ins Zimmer. Nichts ist geschehen, die Kleine hat sich nur lautstark gegen ihren Bruder zur Wehr gesetzt. Ignatia hyperventiliert und produziert einen Ohnmachtsanfall, Sepia schreit. Belladonna

in einem Anfall spuckt, beißt, schreit, rauft sich die Haare und schlägt den Kopf gegen Wand und Boden. Tuberculinum macht ebenfalls einen Härtetest mit der Wand und reißt sich die Haare aus.

Cham. ist aufgeregt, brüllt, hat Koliken und zerrt an seinen Haaren. Die Mutter schaut nach ihrem Kleinen, beugt sich über ihn, dieser greift in die Haarpracht, und beide schreien. Zu den eigenen mischen sich nun noch fremde Haare. Was Cham. in der Hand hält, lässt er nicht mehr los.

Erzählen Sie Ihrem Sepia-Kind keine Räubergeschichten. Es hat große Angst vor Dieben und Räubern und träumt davon, wie Nat-m. und Silicea. Erzählen Sie also nicht, wie in der Nachbarschaft letzte Woche eingebrochen wurde, sonst ist es um den Schlaf geschehen. Calc. hat Angst vor Unfällen, vor Blut und Verletzungen.

Causticum wird gestört, wenn er hört, wie jemand geschlagen, misshandelt, ungerecht und falsch behandelt wurde. Er findet es unfair und in dieser Nacht kann er nicht mehr schlafen. Causticum sind

sehr nervöse und nervenschwache Kinder, aber sehr hilfsbereit wie Natrium muriaticum und haben einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn. Ungerechtigkeiten belasten sie sehr.

Frage Kursteilnehmer (K.T.): „Ist bei Causticum die Ungerechtigkeit nur auf andere, oder auch auf sich bezogen?“

Antwortet Mohinder Jus (M.J.): „Beides, aber mehr auf andere. In den Büchern liest man: Causticum weint nachts im Bett um die Sorgen anderer. Dieser Teil hat Ähnlichkeit mit Nat-m. Beide haben Sympathie und Mitleid mit den Mitmenschen. Nat-m. sagt: „Meine arme Tochter wurde so schlecht behandelt. Ich kann es kaum mit ansehen, wie sie leidet.“ Bei ihr geht es mehr um Emotionen, um Trauer, sie kann andere nicht leiden sehen. Bei Causticum steht das Unrecht gegen andere im Vordergrund.“

Sepia hat nur wenige Freundinnen, am liebsten spielt sie alleine im Zimmer, und wenn die Mutter einkaufen geht, will sie wissen, wann sie wieder nach Hause kommt. Sie muss informiert sein.

Nat-m. hat auch diese Tendenz. Sie hat immer das Gefühl, nicht integriert zu werden. Sie ist misstrauisch, skeptisch und schenkt nur wenigen ihr Vertrauen. Sie sucht Anerkennung und Verständnis.

Hat sie einmal Vertrauen zu einem Mädchen gefasst, dann bleibt sie bei ihr. „Sie versteht mich.“ Wenn zwei Kolleginnen sie in der Schule nicht begrüßen, dann hat sie sofort das Gefühl, ausgeschlossen

zu sein und meint, die beiden hätten sie nicht gerne. „Sie haben etwas gegen mich.“ Nat-m. hat starke Minderwertigkeitsgefühle.

Sepia findet Gleichgesinnte. „Sie ist wie ich, sie will auch lieber alleine sein oder nur ein, zwei Freundinnen haben. Sie ist auch selbständig, hat dieselben Hobbys und Sport macht sie auch gerne.“

Und Phosphor ist natürlich mit allen befreundet. Er will niemanden verlieren und ist mit allen nett.

Sepia weint über jede Kleinigkeit. Der Sulfur-Bruder hat ihr etwas weggenommen, oder sie stürzt, stößt sich irgendwo, und ein Gebrüll geht lost. Sofort ist sie beleidigt, schreit: „Du hast es gemacht“,

und heult los. Sie ist böse und Stunden später noch streitet sie und macht Vorwürfe. Sulfur wehrt sich sofort, nimmt auch etwas weg oder schlägt auf den anderen ein. Gleiches mit Gleichem, dann lässt er ihn in Ruhe. Gemacht, getan und vergessen. Phosphor hingegen ist großzügig, will nicht streiten und lenkt ein.

Sepia ist auch faul. Sie bleibt lieber zuhause. Bei einer solchen Laune ist ihr alles zuviel. Die Eltern wollen wandern gehen. Sie will nicht, ein Streit entsteht, und sie setzt ihren Kopf durch. Wenn sie aber einmal am Ziel ist, dann hat sie Freude und will nicht mehr nach Hause zurück.

Beim Essen ist Sepia sehr heikel. „Das will ich nicht, das stinkt!“ Fleisch und Fettiges lehnt sie ab. Speziell Fischgeruch ist unerträglich. Selber Fisch, aber sie verträgt keinen Fisch. Ihr wird leicht übel, und sie erbricht. Calc. hat auch eine Aversion gegen Fleisch und isst lieber Teigwaren, Kartoffeln, Eierspeise und alles was ihn noch dicker macht. Tub. hat auch nicht so gerne Fleisch. Er liebt Gesalzenes und isst deshalb getrocknetes und geräuchertes Fleisch, wie Calc-p. Graphit hat auch eine Abneigung gegen Fleisch, und für Puls. ist es zu fettig.

Sepia liebt Saures. Von Anfang an trinkt sie löffelweise Salatsauce, isst Zitronen und andere Zitrusfrüchte. Nicht nur Saures, sondern auch scharfes Essen hat sie gerne.

Nat-m., Sulfur und Ferr-met. haben eine Abneigung gegen saure Speisen. Sulfur spuckt es sofort heraus und braucht etwas zu trinken. Silicea hat gerne Rohkost, sogar Reis isst er roh wie Sulfur.

Sulfur, Nat-m., China, Arg-n. und Kali-c. haben sehr gerne Süßigkeiten. Argentum bekommt sofort Durchfall, wird noch nervöser, zittriger und unsicherer. Bei Sulfur verstärkt sich das Ekzem, es juckt noch mehr, und er wird noch aggressiver. Die Unruhe steigt, und er kann nachts überhaupt nicht mehr schlafen. Er hat Süßes gern, verträgt es aber sehr schlecht. Lycopodium ist noch mehr verstopft und hat dadurch noch mehr Blähungen. China bekommt einen stark aufgetriebenen Bauch, hat aber im Gegensatz zu Lycopodium keine Erleichterung durch Windabgang, ist gereizt, aufgeregt, aggressiv, prügelt sich, schläft nachts sehr unruhig und knirscht mit den Zähnen. China ist auch ein Wurmmittel, und Zucker ernährt diese Parasiten. Aus diesem Grund muss bei China ein absolutes Zuckerverbot durchgesetzt werden.

Kali-c. ist auch ein besonderes Kind. Es ist eine Mischung zwischen Nat-m., Puls. und Sepia. Es ist leicht unter Druck, hat Lernschwierigkeiten. Es kann noch so gut vorbereitet sein, bei einer mündlichen Prüfung ist es total blockiert. Schriftliche Prüfungen gehen, aber bei mündlichen ist es ein totaler Versager. Nicht nur Prüfungen misslingen. Im Unterricht wird es aufgerufen. Alle bisherigen Fragen hat es gewusst, jetzt wird es selber gefragt und hat ein Blackout. Es genügt bereits, wenn es seinen Namen hört. Alles geht zu, und über die Lippen kommt kein Laut. Spricht man mit dem Kind sehr sanft und liebevoll, dann kann es sich eventuell etwas öffnen. Aber nur etwas zu wenig Geduld, man erhebt die Stimme und wird etwas lauter, so ist es um Kalium carbonicum geschehen. Durch Zucker verschlimmert sich die Nervenschwäche noch mehr. In dieser Hinsicht ist es eines der am stärksten betroffenen Mittel in der Materia Medica. Zu der Nervenschwäche kommen noch starke Blähungen mit Durchfall hinzu, und es kann nachts kaum mehr schlafen.

Eigenwillig wie Sepia ist, lehnt sie jegliche Hilfe ab: „Ich kann es alleine, lass mich in Ruhe.“ Es kommen auch Eltern in die Praxis, die sagen: „Unsere Tochter ist eine Einzelgängerin und ist sehr zurückgezogen, fast depressiv.“ Solche Zustände gibt es bei Sepia. Sie ist in ihrer Welt verloren, nagt an emotionellen Verletzungen herum und ist sehr distanziert. Alles ist dunkel. Auf ihren Zustand angesprochen, sagt sie nicht, sie sei traurig und verletzt. Im Gegenteil, sie klagt ununterbrochen über andere Kinder und über die Lehrerin und beschwert sich, was ihr Schlimmes widerfahren sei.

Klagen ist ein Hauptpunkt bei Sepia. Unterstreichen Sie diese Rubrik mehrmals. Sie klagt nicht nur viel, sondern spricht auch schlecht über andere. Sie findet immer etwas Negatives und kann sich stundenlang darüber ereifern. Wird sie selber kritisiert, gerät sie durcheinander. Ihre Freundin meint: „Aber du hast auch einen Fehler gemacht, ich denke, das war nicht so fair.“ Sepia brüllt: „Ja, alle sind gegen mich.“ Sie kritisiert und schimpft den ganzen Tag, aber nur einmal ein Wort gegen sie, und die Freundschaft ist gelaufen. Vergeben kann sie nicht.

K.T. „Wie ist es bei Lachesis?“

M.J.: „Sie verträgt auch keine Kritik, nimmt es etwas leichter und ist weniger nachtragend als Sepia. Sie kann schnell vergessen und vergeben. Man entschuldigt sich bei ihr, und die Welt ist wieder in Ordnung.“

Sie fragen eine erwachsene Frau, wie es zuhause gewesen sei. Sepia reagiert aufbrausend mit: „Phuuu, es war ein Druck, immer wurde ich korrigiert, nichts konnte man denen Recht machen, der Vater war nie zuhause, der Bruder war brutal“, und sie erzählt ohne Unterbruch, wie es früher gewesen war. Natrium muriaticum sagt mit weinerlicher Stimme und wässrigen Augen: „Gut.“ Man weiß sofort, dass es nicht so war. Sie hat Hemmungen, davon zu erzählen. Mann muss ihr jedes Wort herauslocken, sonst hüllt sie sich in Schweigen. Sepia wartet nur darauf, bis sie gefragt wird. Dann gibt sie allen Schuld, aber es käme ihr nie in den Sinn, sich selbst einen Fehler einzugestehen.

Sepia hat eine Abneigung gegen Fragen. Sie will in Ruhe gelassen werden. Das Kind kommt von der Schule nach Hause, und die Mutter fragt: „Wie ist es gegangen?“ 10 Minuten lang Schweigen. „Hast du Probleme gehabt?“ Keine Antwort. „Hast du Hunger?“ Erneut keine Antwort. Dann hat das liebe Sepia-Kind genug, rennt wütend aus dem Zimmer und knallt die Türe zu.

Dieses Verhalten sieht man auch bei Erwachsenen. „Wie geht es zuhause?“ Sie presst mit zusammengekniffenen Lippen die Luft raus: „Puh“, dann kommt die Antwort. Auf die meisten Fragen reagiert sie etwas ungehalten und aufgeregt, wie wenn es ihr zuviel wäre, und sie durch die Fragerei gestört würde. Sie denkt: „Was sollen die lästigen Fragen? Mein Familienleben geht ihn überhaupt nichts an.“

Lachesis, Sulfur und Phosphor muss man nicht fragen, wie es in der Schule gewesen ist, die Mutter ist froh, wenn dieses Radio endlich schweigt.

Natrium muriaticum kommt traurig von der Schule nach Hause. Sie beantwortet auch nicht gerne Mutters Fragen und schweigt. Aber sie ist nicht verärgert. Schweigend setzt sie sich an den Mittagstisch. „Warum bist du so still?“ „ Ich weiß auch nicht.“ „Hat sich in der Schule etwas zugetragen?“ Mürrisch: „Nein, nichts.“ Sie steht auf und geht in ihr Zimmer. Aber sie zeigt deutlich, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sepia sagt über längere Zeit nichts, dann explodiert sie.

Tanzen ist für Sepia eine Leidenschaft. Bereits mit vier Jahren hat sie Ballettunterricht. Tanzen ist Bewegung und für sie eine Erleichterung, ein Gefühl von Freiheit und innerer Zufriedenheit. Viele Frauen sagen: „Tanzen, ja das war früher meine großes Steckenpferd. Als Kind war ich im Ballett, später in der Tanzschule, aber seit 3 Jahren ist nichts mehr los. Ich würde heute noch sehr gerne tanzen gehen, aber mein Mann ist ein Phlegma und will nicht. Irgendwie leide ich darunter.“ Das Eigenartige ist, dass sie seit knapp 3 Jahren vermehrt Schwierigkeiten hat, also seit dem Zeitpunkt, wo sie mit Tanzen aufgehört hat.

Tanzen ist für Sepia nicht nur ein Hobby, sondern auch eine Befriedigung und es hilft ihr, im Leben weiterzugehen. Raten sie diesen Patientinnen, wieder mit Tanzen, Aerobic oder sonst etwas zu beginnen.

Carcinosin tanzt auch sehr gerne. Sie ist sehr impulsiv und leicht verärgert. Aber Carcinosin fehlt im Gegensatz zu Sepia das Klagen, Kritisieren und die Vorwürfe. Ist Belladonna aufgeregt, tanzt das Kind wild und ohne Rhythmus und Taktgefühl. Noch wilder ist Tarantula. Voll Ärger und Hass stampft er wie ein Verrückter durch das Wohnzimmer. Wütend vergeht er sich am Mobiliar. Er ist wie besessen und weiß nicht, was er macht. Hat sich das Kind beruhigt, betrachtet es mit Schuldgefühl den angerichteten Schaden. Aber es erinnert sich kaum an das Vorgefallene und fragt: „Bin ich das gewesen?“

Es spielt kein Theater, es weiß einfach nicht, was es getan hat. Phosphor ist nicht besessen von irgendwelchen Mächten. Er tanzt einfach aus Freude. Er ist ein sonniges Kind, singt und hüpft.

Spielsachen für Mädchen interessieren Sepia nicht. Mit Puppen beschäftigt sich Barium, Calcium und Pulsatilla, nicht aber Sepia. Bereits ganz klein fährt sie Fahrrad, spielt mit den Buben Räuber und Gendarm und macht in einem Sportverein mit. Wenn sie aber sieht, dass ihre Freundin eine schöne Puppe zum Geburtstag erhalten hat, wird sie neidisch und ist wütend. Selber mit Puppen spielen würde sie nicht, aber warum hat die andere ein solches Geschenk erhalten?

Sie hat Schwierigkeiten mit ihrem Bruder. Nicht nur, wenn es sich um einen Sulfur handelt, nein, mit jeder Konstitution hat sie Mühe. Er ist ein Rivale. Sie fühlt sich benachteiligt, ihm unterlegen.

„Was denkt er von sich, er sei hier der große Chef?“

Viele Frauen in mittleren Jahren haben Schwierigkeiten mit ihren Brüdern. Sie ist erbost, da er mehr weiß als sie, eine bessere Ausbildung genießen konnte und nun in einer gehobenen Stellung ist.

Ihm wurde alles in die Wiege gelegt, leichter gemacht, und er konnte studieren. Sie musste ein Haushaltslehrjahr in der Westschweiz absolvieren und später arbeiten gehen, seit 20 Jahren ist sie

verheiratet und frustriert über die Ungerechtigkeiten, die ihr widerfahren sind und über die Begünstigung und Sonderrechte ihres Bruders.

Er hat keine Probleme mit ihr, aber sie mit ihm. Sie erträgt niemanden, der besser ist als sie. Sie will die Beste sein. Konkurrenz erträgt sie nicht.

Sepia ist sehr sparsam. Ihr wöchentliches Taschengeld wird fein säuberlich in ein Sparschwein getan, im Unterschied zu ihrem Sulfur-, Arg-n.- oder Phosphor-Bruder, der bereits am ersten

Tag sein Geld in Süßigkeiten investiert. Später zeigt sich bei Erwachsenen die Angst vor Armut. Als Kind kennt sie die Bedeutung, arm zu sein, noch nicht, aber Jahre später legt sie als Altersvorsorge jeden Fünfer auf die Seite.

Sepia ist wie Tuberculinum sehr ungeduldig. Wenn sie etwas will, muss es sofort da sein. „Ich wünsche mir ein Fahrrad!“ „Zu deinem Geburtstag bekommst du eines.“ „Wie lange dauert das noch?“

„8 Monate.“ „Nein, ich will jetzt eines haben“, und das Theater beginnt.

Nun zum Schlaf. Sepia schläft meistens in Rückenlage, den Kopf nach hinten gebeugt, gelegentlich auch auf dem Bauch.

Calcium carbonicum schläft auch auf dem Rücken, die Arme auf den Bauch oder parallel zum Körper gelegt. Psorinum liegt auch in Rückenlage, die Arme nach hinten gestreckt oder seitlich nach außen, sie müssen weit vom Körper entfernt sein. Das ist bei Asthma ein typisches Symptom. Das Kind hat

Atembeschwerden. Es legt sich flach auf den Rücken ohne Kopfkissen, die Arme nach hinten gestreckt, und es geht ihm nach kurzer Zeit besser. Pulsatilla auf dem Rücken, auch rechts, Ignatia auf

dem Rücken. Phosphor liegt nur auf der rechten Seite. Nicht nur bei Herz- und Lungenerkrankungen kann er nicht links liegen, auch sonst ist er auf die rechte Seite fixiert. Links liegen Borax, Barium

und Arg-n.. Wie Phosphor auf rechts, so ist Arg-n. auf links fixiert.

Kent schreibt, Arg-n. sei so auf die linke Seite fixiert, dass er mitten in der Nacht aufsteht, seine schmerzhaft l. Seite massiert, sich dann wieder links hinlegt und einschläft. Dies auch bei Herzproblemen. Silicea liegt wie ein Ei und ist bis über den Kopf zugedeckt. Man weiß nicht, wo der Kopf und die Füße sind. Pulsatilla und Calcium brauchen frische Luft. Sie decken sich bis zum Hals zu, aber das Gesicht muss frei sein.

Sepia muss vor dem Einschlafen noch zwei- bis dreimal Wasser lösen. So auch bei Natrium muriaticum. Bei beiden liegt eine Reizblase vor.

Sepia nässt das Bett. Die Enuresis ist vor Mitternacht. Wenn die Eltern das Kind vor dem Zubettgehen wecken und es nochmals Wasser lösen kann, dann bleibt das Bett trocken. Sepia hat eine schlechte Blutzirkulation. Das Kind schläft besser mit Bettsocken, denn die kalten Füße schlagen ihr auf die Blase, wie bei Calcium carbonicum.

Causticum, China und Kreosotum nässen das Bett ebenfalls vor Mitternacht. Causticum brauchen wir eher für Buben. Kreosotum und Sepia träumen vom Wasserlösen und machen durch diesen Traum ins Bett.

K.T.: „Können solche Kinder auch schon Blasenentzündungen bekommen?“

M.J.: „Sicher. Die Blasenschwäche ist bereits veranlagt. Viele Sepia-Frauen kommen wegen chronischer Cystitis und sagen: „Seit meiner Kindheit habe ich Blasenbeschwerden und empfindliche Nieren.“

Sepia hat bereits als kleines Mädchen einen nach Fisch stinkenden, weiß-gelben Vaginalausfluss wie Pulsatilla, Calcium carbonicum, Cannabis sativa und andere. Cannabis sativa hat einen dick gelbgrünen Ausfluss Während der Nacht, und am Morgen sind Scheide und Urethra verklebt, ein sykotischer Ausfluss. Meistens findet man bei solchen Kindern eine miasmatische Störung. Die Mutter und deren Vorfahren hatten Eileiterentzündungen, der Vater Tripper, Die Mutter Chlamydien. Die Krankheiten wurden missbehandelt und unterdrückt. Das Kind bezahlt nun dafür. Cannabis sativa ist ein Mittel gegen chronische Gonorrhöe. Männer können impotent werden, wie auch bei Agnus castus. Agnus castus wird verwendet bei Männern, die durch chronischen Tripper impotent wurden. Das Glied ist kalt und gefühllos.

Also, jetzt bin ich etwas weit vom Thema abgekommen. Zurück zu unseren Sepia-Fräulein.

Sepia hat auch Reiseangst. Der Vater fährt 120 km/h, und die Tochter klammert sich fest und starrt auf die Geschwindigkeitsanzeige. Von vielen Sepia-Frauen habe ich gehört, dass sie sich nach dem Autofahren verkrampft und wie gerädert fühlen.

K.T.: „Vom schnell Fahren?“

M.J.: „Die Geschwindigkeit spielt keine Rolle. Sulfur, Tuberculinum, Phosphor, Calcium phosphoricum lieben Reisen.“

K.T.: „Ignatia nicht auch?“

M.J.: „Ja, aber Ignatia ist oft reiskrank. Die Sensibilität zeigt sich auch hier. Sie hat nach einem Autounfall sehr große Angst, wieder in einen Wagen zu steigen.“

K.T.: „Können Sie noch einige Mittel gegen Reisekrankheit sagen?“

M.J.: „Ja, z.B. Cocculus, Borax, Petroleum, Sanicula, Tabacum und auch Theridion.

Cocculus hat starken Schwindel mit Übelkeit, fühlt sich wie betrunken, hat übermäßige Speichelproduktion, Erbrechen und Kopfweh. Er will weder trinken noch essen. Er kann nicht mehr aus dem Wagenfenster sehen oder von einem Schiff aufs Wasser schauen. Jede Augenbewegung verschlimmert den Zustand. Das Kind sitzt bewegungslos da. Sogar Sprechen verschlimmert.

Bei Borax habe ich bereits einige Male auf seine Angst vor dem Hinunterfallen hingewiesen. Nicht nur Fallen, sondern auch Hinunterfahren. Z.B. auf dem Jahrmarkt. Borax geht nur einmal in seinem Leben auf eine Achterbahn, dann ist es um ihn geschehen. Man macht am Wochenende eine Bergwanderung. Das Kind wird müde, will nicht mehr weiter und man entschließt sich, mit der Seilbahn hinunterzufahren. Eine Gabe C 30 oder C 200, und Sie können mit dem Kind einsteigen, sonst muss man den Abstieg zu Fuß bewältigen. Die Angst ist bei Borax von Schwindel begleitet, und es besteht zudem eine große Lärmempfindlichkeit. Angst vor dem Fliegen, besonders vor dem Landen, ist auch Borax.

Petroleum hat vom Autofahren, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Kopfschmerzen im Hinterkopf, kalte Schweißausbrüche und Durchfall. Bei einer Schiffsreise fühlt er sich besser beim Still-Liegen in einem dunklen Raum. Trotz Übelkeit hat er Hunger und isst etwas. Kalte Luft bessert.

Sanicula ist ein Gutes Mittel bei Seekrankheit. Der Patient fühlt sich besser durch kühle Luft und im Freien. Sobald er das Schiffsdeck verlässt, wird ihm übel und er muss erbrechen. Sanicula wird bei jeder Autofahrt krank und erbricht.

Tabacum hat heftige Übelkeit und Erbrechen mit Magenschmerzen. Der Körper ist blass und kalt. Der Patient hat vor allem auf der Stirn und rund um den Mund kalte Schweißausbrüche. Er ist erschöpft und fühlt sich besser mit geschlossenen Augen, in einem dunklen Zimmer, durch kalte Luft und wenn ihm Luft zugefächelt wird. Wärme verschlimmert seinen Zustand.

Und Theridion hat auch Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und kalte Schweißausbrüche. Er muss sich hinlegen, aber im Gegensatz zu Tabacum, hält er die Augen offen, sonst verschlimmert sich der Zustand. Er ist nervös und reagiert auf Lärm überempfindlich. Wenn er den Kopf hebt, hat er wieder Schwindel. Warme Getränke verschlimmern seine Übelkeit.

Das Sepia-Kind hat schon sehr früh Kopfschmerzen. Es ist der Anfang einer Migräne. Es kann aber auch Waffe sein. Sie will nicht mehr lernen und schiebt Kopfschmerzen vor.

Kleptomanie sieht man auch bei Sepia. Kalium carbonicum ist bekannt dafür. Suflur und Nux vomica sammeln. Sulfur ist nicht auf bestimmte Gegenstände fixiert. Ergibt sich die Gelegenheit, kann er es nicht sein lassen. Wird er ertappt, streitet er alles ab. Er lügt, ohne zu erröten. Calcium carbonicum kann es auch nicht sein lassen. Aber darauf angesprochen, wird sie sehr verlegen und schüchtern. Sofort gibt sie es zu. Phosphor spielt ein solches Theater und den Clown, dass man ihm nicht böse sein kann und darüber lachen muss.

In der Pubertät ist Sepia sehr empfindlich. Sie ist noch schwieriger als Pulsatilla. Sie wartet auf die erstbeste Gelegenheit, bis sie das Elternhaus verlassen kann. Sie will so rasch wie möglich

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selbständig werden. Nicht wie Silicea, die sich nicht von den Eltern abnabeln kann. Sepia entflieht so schnell wie möglich den Fängen der Familie. Meistens geht sie sehr jung. Sie sucht die Freiheit.

Bereits als Kind hatte sie viele Körperhaare, aber in diesem Alter vermehren sie sich noch mehr. Kopfschmerzen entwickeln sich zur Migräne. Auch ein schwacher Rücken macht sich bemerkbar. Ihr schlägt alles auf den Rücken. Sie ist schnell müde. Calcium carbonicum ist auch schnell müde. Sie ist erschöpft und muss sich hinlegen. Sepia muss sich bewegen. Tanzen, Schwimmern, schnelles Wandern, Jogging, schnelle Bewegungen lösen die psychischen und physischen Schwierigkeiten und entspannen.

Seit der ersten Menstruation ist sie noch gereizter. Einige Tage vor der Regel unterliegt sie starken Stimmungsschwankungen, ist leicht verletzt, beleidigt, aufgeregt, impulsiv, aggressiv und erträgt das Zuhause überhaupt nicht mehr. Sie hat eine fettige Haut und starke Akne.

In diesem Alter will sie noch keine feste Beziehung. Sie ist vorsichtig. Auf die Frage, ob sie einen Freund habe, winkt sie ab. Sie weiß genau, was sie will. Natrium muriaticum und Ignatia sind emotioneller und kalkulieren die Realität des Lebens nicht so gut. Sepia ist zu realistisch und unterdrückt ihre Gefühle. Sie lässt niemanden nah an sich heran. Sie lernt einen jungen Burschen kennen. Dieser ist in sie verliebt. Einmal kann er sich zu einem „ich liebe dich“ durchringen, doch sie reagiert mit „Tschüss“ und fort ist sie. Sie hat Angst und Panik vor zuviel Nähe. Jahre später sagt sie:

„Nein ich habe keine feste Beziehung. Ich habe mit meinem Freund nach über 4 Jahren Schluss gemacht.“

„Warum?“

„Es wurde mir zu eng.“

Anscheinend war er kein harter Lycopodium.

Natrium muriaticum sagt: „Es war zu oberflächlich, die Beziehung hatte keine Tiefe.“

Sepia: „Er will heiraten, ich aber nicht.“

„Ich möchte eine tiefe Beziehung, er aber nicht“, ist Natrium muriaticum.

Sepia hat Angst vor einer Schwangerschaft und nimmt die Pille so früh als möglich.

K.T.: „Sie braucht keine Angst zu haben, sie lässt ja keine Beziehung zu. Wie passt denn das zusammen?!“

M.J.: „Sex ist o.k. Das ist etwas anderes. Ich habe bereits gesagt, sie weiß, was sie macht. Sie kalkuliert. Sie ist vorbereitet und lässt sich nicht einfach verführen. Und seit dem AIDS-Zeitalter werden zusätzlich noch Präservative verwendet. Auf die Pille wird deshalb aber nicht verzichtet. Sicher ist sicher. Emotionen werden keine zugelassen. Sie hat alles im Griff.

K.T.: „Auch beim Sex?“

M.J.: „Sicher, deshalb haben viele Sepia Orgasmusschwierigkeiten. Oben blockiert und gefühllos, so ist man auch unten blockiert.“

K.T.: „Ist es richtig, dass Saures und Essig Sepia antidotiert?“

M.J.: „Ja, ich verbiete den Sepia-Patientinnen für einige Zeit Essig.“

K.T.: Wenn ich aber meiner Frau Essig verbiete, dann weiß sie, welches Mittel sie bekommen hat.“

M.J.: „Hat sie denn schon Sepia bekommen?“

K.T.: „Ja, ich habe es ihr schon einige Male gegeben.“

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M.J.: „Dann sagen sie ihr, ich hätte gesagt, Saures und Essig würde ihrer Haut schaden, und sie hat ja Hautprobleme. Sepia ist schon sauer und bitter genug, mit Essig und sauren Früchten wird sie noch saurer.“

Hier liegt die Gefahr, wenn die Leute das Mittel kennen. Niemals dürfen Sie das Mittel bekannt geben. Und viele fühlen sich beleidigt und sagen vorwurfsvoll: „Was denken Sie, bin ich Sepia?“ Ihre Reaktion bestätigt, dass sie Sepia ist.

Männer haben Probleme mit Lycopodium. „Also damit bin ich nicht einverstanden, ich bin doch nicht blockiert.“ Dabei hat die Frau erzählt, wie verklemmt ihr Mann ist. „Also ich bin nicht so, wie Sie im „Similia“ geschrieben haben.“

Ja, ich sehe bereits die Schwierigkeiten auf uns zukommen, wenn diese Seminare hier in Buchform erscheinen. Eine erboste Mutter: „Wie kommen Sie dazu, meinem Liebling Sulfur zu geben.“ Nein, er ist überhaupt nicht Sulfur, die Mutter muss nur täglich dreimal seine kotverschmierten Kleider wechseln.

„Wie können Sie so schreckliche Dinge über Sepia schreiben, meine Ehe ist intakt, wir haben ein normales Kind, und ich verbiete mir, solche Hintergründe lesen zu müssen.“ Richtig, die Mutter selbst ist auch Sepia, stammt aus einer zerrütteten Familie, und ihre erste Ehe ist auch in die Brüche gegangen.

„Mein Calcium-Liebling ist nicht so ein Faulpelz und gute Schulnoten hat er auch“; obwohl er Nachhilfeunterricht braucht und die Klasse wiederholen musste.

„Weshalb haben Sie meinen Kind Tuberculinum gegeben? Er ist ja so artig und tierliebend, und so bös und aggressiv, wie es im Buch steht, ist er auch nicht.“ Sicher nicht, sein Zimmer ist nur manchmal in die Brüche gegangen, und bei einem Wutausbruch hat er Nachbars Bub den Stuhl über den Kopf geschlagen, sodass dieser vorübergehend hospitalisiert werden musste.

Nein, ich habe natürlich nur Spaß gemacht, aber die Gefahr besteht einfach, dass die Patienten sich blockieren, die therapeutischen Hintergründe nicht kennen und nicht verstehen, weshalb sie gerade dieses Mittel bekommen haben. Eine meiner früheren Schülerinnen hielt mir noch nach einem Jahr vor, dass ausgerechnet sie Sepia bekommen habe. Und eine andere, als sie erfuhr, dass sie Lycopodium erhalten hat, habe ich nie mehr an einem Seminar gesehen. Und das sind nicht die einzigen.

Immer wieder kommen Patienten, die seit Jahren von Homöopathen mit allerlei Mitteln in den verschiedensten Potenzen misshandelt wurden. Ja, Sie hören richtig. Ich spreche von Misshandlung. Zu der Potenzwahl und Wiederholung der Mittel gibt es verschiedene Ansichten. Ob hoch, tief, täglich, wöchentlich, alle 6 Wochen, alle 6 Monate, da gibt es immer wieder verschiedene Ansichten.

Hahnemann sagte: „Wenn das Mittel stimmt, dann spielt die Potenz eine untergeordnete Rolle.“ Es gibt auch kein Gesetz, welche Potenzen in welchen Abständen gegeben werden sollen. Wenn eine Dosis wirkt, dann darf man keine weiteren Gaben mehr verabreichen. Bis heute bin ich diesen Gesetzen treu geblieben. Nach einer Hochpotenz warte ich sehr lange, oft wirkt eine XM über ein Jahr. Ich bin bekannt dafür, mit den Mitteln sehr sparsam umzugehen. Man muss Geduld haben, und das Mittel wirken lassen. Täglich erlebe ich in der Praxis, dass ein Patient nach drei Monaten mitten in einer homöopathischen Verschlimmerung steckt. Wie könnte ich hier ein Mittel geben. Es gilt immer wieder das Gleiche.

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„Haben Sie diese Schmerzen schon früher einmal gehabt?“ „Ja sicher, das letzte Mal vor 10 Jahren.“

Also, ein altes Symptom ist wieder gekommen und verschwindet auch wieder. Ein Patient kommt voller Probleme. Er klagt über Schmerzen. Unsere Aufgabe ist es aber zu beobachten, wer krank ist und weshalb er diese Leiden hat? Was muss geheilt werden? Wenn Sie sich dann wie der Patient mit seinen Leiden befassen, dann gibt es keinen großen Unterschied zwischen dem Patienten und dem Homöopathen. Wir haben ein Gesetz. Der Mensch, und nicht die Krankheit! Der Mensch macht sich krank. Die Krankheit entwickelt sich von innen nach außen. Die erste Störung beginnt in der Lebenskraft. Nehmen wir z.B. eine Blasenentzündung. Im Mikroskop erkennen wir Bakterien. Alle diese pathologischen Befunde und Diagnosen verstehen wir. Aber als Homöopathen müssen wir uns überlegen warum diese schönen, lieben Tiere überhaupt da sind?

Wenn sie die Frage, warum es da ist, außer Acht lassen und nur sehen, was da ist, dann versuchen Sie mit Apis, Cantharis oder anderen Tropfen gegen die Bakterien zu kämpfen und haben vergessen, den Menschen zu verstehen. Das Mittel muss mit dem Krankheitsbild und mit dem gesamten Menschen übereinstimmen. Dann wird das Mittel den Zustand korrigieren, sonst nicht.

Wenn man das verstanden hat, dann gibt man auch kein Mittel, wenn eine Patientin kommt: „Haben Sie ein Mittel gegen meine Migräne?“, sondern die treffende Antwort: „Nein, aber ein Mittel für Sie. Sie heilen ihre Migräne, denn sie haben ihre Kopfschmerzen selber verursacht.“ „Ich?“ „Natürlich, denn Sie haben gerade gesagt, ich habe Migräne.“

Ich und mein: Ich bin glücklich, meine Haut juckt. Den Unterschied zwischen „ich“ und „mein“ müssen Sie verstanden haben. Das dürfen Sie niemals vergessen.

„ich bin verstopft.“ Ist der Darm oder der Mensch verstopft? Es ist eine allgemeine Störung.

Ja, Hahnemann versuchte viele Sachen zu erklären, aber rund um uns gibt es Schatten von hundert anderen Methoden, die gegen pathologische Befunde arbeiten und nie zur Heilung führen. Die Symptome werden unterdrückt. Die Krankheit wechselt die Form, der Ausschlag ist vorbei, jetzt hat der Mensch Schlafstörungen, dann ist der Schlaf wieder gut, dafür hat der Patient jetzt Depressionen usw. Die Diagnosen, die Etiketten so genannter Krankheiten, wechseln dauernd. Der Mensch bleibt aber der gleiche. Der Körper bestätigt nur, dass der Mensch krank ist.

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S I L I C E A

Silicea, miasmatisch gesehen, ist psorisch, sykotisch und tuberkulär.

Silicea ist u.a. indiziert bei Gelbsucht, Ikterus neonatorum, Assimilationsstörungen, Rachitis, Splenomegalie, offenen Fontanellen, Bronchitis, Epilepsie, Impfschäden, Otitiden, Abszessen, Ekzemen, Inguinalhernien, Obstipation, mangelndem Selbstvertrauen etc. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Einmal mehr möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es nicht auf die Krankheit, sondern auf die Symptome ankommt. Versteifen Sie sich nicht auf eine Diagnose.

Vom Aussehen her ist Silicea bei Geburt sehr schlank, hat meistens Untergewicht, einen großen Kopf, dicken Bauch und dünne Arme und Beine. Er ist blass, hat dunkle Augenringe und fast keine Lebensfarbe. Die Haut ist wachsig wie bei Thuja oder feucht, kalt, klebrig.

Calcium carbonicum, rund und schön wie ein Kürbis, nimmt man sofort in die Arme. Auch Sulfur und Phosphor küsst man. Silicea, Natrium muriaticum und auch Arg-n. sind dünn wie eine Spinne. Sie wirken eher abstoßend.

Von Anfang an fühlt sich das Silicea-Kind kühl und feucht an. Bereits nach einigen Tagen hat es entzündete, tränende Augen.

Die Calcium- oder Pulsatilla-Mutter möchte ihren Kleinen an die Brust führen, der will jedoch seine Ruhe haben und schläft. Silicea ist kein großer Trinker, speziell Muttermilch hat er nicht gerne und verträgt sie auch nicht gut. Kuhmilch verträgt er etwas besser, bei der Muttermilch hat er Verdauungsstörungen.

Normalerweise stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach der Qualität der Muttermilch. Hier nicht. Das Kind ist einfach anfällig. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass die Muttermilch nicht getrunken werden kann und schlecht vertragen wird. Nach einigen Schlucken erbricht er oder hat Durchfall. Die menschliche Verbindung ist von Geburt an gestört.

Ist es nicht eigenartig? Silicea-Frauen haben oft eingezogene Brustwarzen. Das bedeutet: „Ich will nicht stillen.“ Das Silicea-Kind denkt: „Ich will nicht trinken.“

Frage Kursteilnehmer (K.T.): „Diesen Zusammenhang verstehe ich nicht.“

Antwort Mohinder Jus (M.J.): „Ein Kind ist Silicea und will nicht trinken. Bei erwachsenen Silicea-Frauen sieht man oft, dass sie eingezogene Brustwarzen haben und nicht stillen können. Also als Baby wollte sie nicht trinken, nun als erwachsene Frau kann sie nicht stillen, bzw. will sie es auch nicht. Die innere Abwehrhaltung ist seit Geburt geblieben.“

Umgekehrt sind Calcium carbonicum, Sulfur und Phosphor. Sie hängen an Mutters Brust und lassen sie nie in Ruhe. Auch Lycopodium, nur trinkt er nicht so gierig wie die anderen, er hat bereits nach wenigen Schlucken genug, kurz darauf hat er wieder Hunger.

Silicea ist sehr scheu, will wie Barium carbonicum nicht angesehen werden und lehnt Augenkontakt ab. Er ist sehr empfindlich und weint sofort. Versucht man ihn zu trösten, dann beginnen die Schwierigkeiten. „Ich bin verletzt und beleidigt, ich will jetzt in Ruhe gelassen werden.“

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Diese Eigenheit zeigt sich auch bei der Begrüßung. Auf ein lautes, barsches „Hallo“ zu erschrecken ist normal, aber Silicea weint bereits bei einer sanften Stimme. Angst macht sich bereits in den ersten Wochen bemerkbar.

Silicea ist auf die Mutter und die gewohnte Umgebung fixiert. Zuhause fühlt er sich am besten. Wird er zum Einkaufen oder zu Besuch mitgenommen, so ist er unruhig, weinerlich und ängstlich. Jahre später zeigen sich die gleichen Charakterzüge. Er ist ein Einzelgänger und führt ein einsames und zurückgezogenes Leben.

K.T.: „Sie haben gesagt, die Beziehung zur Mutter sei gestört. Er will nicht gestillt werden bzw. verträgt die Milch nicht. Trotzdem will er zuhause bei der Mutter bleiben.“

M.J.: „Ja, weil er noch zu klein ist und auf die Mutter angewiesen ist. Er will nur in der gewohnten Umgebung, also zuhause bei ihr sein. Er ist noch abhängig. Später, wenn er laufen kann, will er alleine sein. Der Vergleich bezog sich auf fremde Leute. Es ist besser, wenn er zuhause bleibt, dann wird er nicht mit einer neuen Umgebung und fremden Leuten konfrontiert.“

Noch Wochen später erinnert er sich an bestimmte Leute, ist verängstigt, verschlossen und zurückhaltend. Diese Eigenschaft hat auch Calcium carbonicum und Natrium carbonicum. Ein Teil von Calcium carbonicum hält über eine längere Zeit Distanz zu bestimmten Leuten. Silicea sieht heute eine Person und weint, noch 2 Monate später erinnert er sich an sie und weint erneut.

Nach den ersten Impfungen beginnen alle Schwierigkeiten. Wer impft, schiebt jegliche Schuld von sich und sagt, Impfschäden seien ein absoluter Quatsch. Die Literatur ist voll mit Nachwirkungen von Impfungen. Thuja, Mez., Sulfur, Tuberculinum, Psorinum und Silicea sind Antidote.

Silicea ist indiziert, wenn das Kind nach den Impfungen Fieberkrämpfe hat und sich daraus eine Epilepsie entwickelt, ein Abszess an der Injektionsstelle entstanden ist oder sich Ekzeme gebildet haben, das Kind seither immer erkältet ist und Bronchitis hat.

Das Immunsystem wurde geschwächt.

Ein 5jähriges Kind kommt zu Ihnen mit einer asthmatischen Bronchitis. Fragen Sie, seit wann es die Beschwerden hat und werden Sie hellhörig, wenn Sie zur Antwort erhalten:

„Seit es klein ist.“

„Wurde es geimpft?“

„Ja, natürlich.“

„Wie war sein Zustand vor den Impfungen?“

Die Eltern müssen meistens überlegen, denn Sie haben nie an einen Zusammenhang zwischen Impfen und dem Gesundheitszustand, der späteren Entwicklung ihres Kindes gedacht. Sie haben geimpft, wie es allgemein empfohlen wurde.

„Ach, wenn ich mir es recht überlege, hatte es vorher keine Atemwegsbeschwerden.“

Ein spezifisches Merkmal bei Mez. ist, dass das Kind nach Impfungen Ekzeme an der Kopfhaut bekommt.

Tuberculinum ist angezeigt, wenn das Kind nach der Impfung allgemein konstitutionell gestört ist, bei starker Unruhe und Nervosität.

Sulfur, wenn Hautschwierigkeiten entstanden sind oder das Kind seither immer kränklich ist, die Schwierigkeiten abwechselnd kommen und es immer etwas hat. „Seither ist es nicht mehr gesund!“

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Psorinum darf auch nicht vergessen werden. Im Gegensatz zu Sulfur ist Psorinum eher kalt. Auch im Sommer muss das Kind warm angezogen werden. Es sieht eher schmutzig aus. Psorinum ist auch wunderbares Mittel, wenn das Kind in den ersten Monaten starke Ekzeme hatte, die dann fleißig mit irgendwelchen Salben unterdrückt wurden, und darauf die ersten Bronchitiden entstanden sind. Selbstverständlich sind auch die mit genügend Hustensirup behandelt worden. Der Prozess ging nach innen weiter, nun leidet das Kind an einer asthmatischen Bronchitis und inhaliert 2 -3 Mal täglich. Die Anfälle verschlimmern sich in der Nacht. Das Kind bleibt auf dem Rücken liegen und hat die Arme weit von sich gestreckt. Ist es nicht eigenartig? Normalerweise bringt Aufstehen und Umhergehen eine Erleichterung, jedoch nicht bei Psorinum. Also achten Sie bei der Fallaufnahme auf solche Zusammenhänge. Die gleiche Entwicklung sieht man auch bei Sulfur. Hier entscheidet man konstitutionell. Psorinum ist kalt, eher verschlossen und eigensinnig. Sulfur kennen Sie nun inzwischen.

Seit Geburt hat Silicea kalten Kopfschweiß. Das Kind schläft mit einer Kopfbedeckung ruhiger. Der Kopf und die Füße sind ein Schwachpunkt, der bis ins Alter bestehen bleibt. Kalter feuchter Boden, Nordwind, Durchzug, Regen und Schneefall führen bei Silicea sofort zu einer Erkältung. Die Empfindlichkeit bleibt jahrelang bestehen, und im Erwachsenenalter klagt Silicea über Muskelschmerzen und Rheuma. Das Kind trägt auch in der Überganszeit eine Kopfbedeckung. Wind und Durchzug sind für ihn das Schlimmste. Er reagiert sehr empfindlich auf Temperaturschwankungen.

Ab und zu sollte das Kind ja mal gebadet oder geduscht werden. Die Mutter kann sich noch so viel Mühe geben, noch am selben Tag ist es wieder verschnupft und hat Husten. Einmal nasse Haare, und es ist geschehen. Silicea verträgt einfach keine Kälte und Feuchtigkeit am Kopf. Mit trockenen Haaren ist das Kind weniger anfällig. Belladonna und Glonoin bekommen nach dem Haare schneiden eine Angina.

Silicea ist bei jeder Kleinigkeit verschnupft und immer verschleimt. Die Nase ist meistens verstopft. Der Schleim fließt nach hinten in den Rachen und wird als stinkend empfunden. Silicea hat auch Sinusitis mit fehlendem Geruchssinn. Beim Aufstehen niest er. Hier zeit sich wieder die Empfindlichkeit auf Temperaturunterschiede. Im Bett war es warm. Sobald die Bettdecke zurückgeschlagen wird, strömt kühlere Luft hinzu, und Silicea reagiert.

Tagsüber hustet Silicea kleine, eitrige, stinkende Kügelchen aus. Barium carbonicum hat starken Husten am Abend und in der Nacht, Calcium carbonicum und Pulsatilla sind gegen Morgen schlimmer. Bei Barium carbonicum entwickelt sich eine Erkältung sofort zu einer Angina und bei Calcium carbonicum sind die Bronchien oder die Ohren betroffen.

Silicea hat auch empfindliche Ohren. Dieses Mittel kommt nach einer akuten Mittelohrentzündung zur Anwendung, wenn andere Mittel ihren Dienst getan haben und ein stinkender Ausfluss oder eine Gehörverminderung bestehen bleibt. Bringt Silicea keine Besserung, dann sollten Sie an Psorinum als Komplement denken.

Bei einem Leistenbruch hat Silicea kolikartige Schmerzen. Der ganze Unterleib ist stark gebläht. Die Stelle um den Bruch ist sehr schmerzhaft, der Bruch selbst nicht. Silicea ist bekannt dafür, dass Abszesse, Geschwüre und auch ein Leistenbruch selber nicht schmerzhaft sind, jedoch rundum sehr. Das Kind hat erleichternde, stinkende Winde. Lycopodium ist nach Windabgang und Wasserlösen

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besser. Vorher weint er stark, der Bruch drückt hinaus, beim Fließen lässt der Druck nach, und die Schmerzen werden erträglicher. Das Kind beruhigt sich langsam.

Bei Rachitis hat Silicea ein ähnliches Bild wie Abrotanum. Silicea hat dünne Arme und Beine. Bei Abrotanum sind die Beine am schlimmsten, sie sind so dünn wie ein Bleistift. Silicea hat, was den Appetit anbelangt, zwei Seiten. Entweder hat er viel Hunger oder er ist wie Lycopodium nach wenigen Bissen satt. Abrotanum hat wie Jodum immer Hunger. Jodum ist immer am Essen und bleibt trotzdem dünn. Geht Jodum nicht weiter, so ist Abrotanum das Folgemittel. Bei Rachitis, Marasmus und anderen Assimilationsstörungen ist Abrotanum ein sehr gutes Mittel.

Silicea ist sehr geräuschempfindlich. Das Kind ist allgemein empfindlich und wird unruhig, aber bei Lärm und besonders bei Gewitter gerät Silicea noch mehr durcheinander. Er ist sehr schreckhaft. Silicea wie auch Phosphor spüren die atmosphärische Spannung.

Phosphor wird nervös, unruhig, hat Schlafstörungen, Nasenbluten, Durchfall, und ein sehr starkes Gewitter kann auch einen Epilepsieanfall auslösen.

Arg-n., Borax und Natrium carbonicum sind bei Gewitter auch keine Helden. Arg-n. zittert noch mehr und hat Durchfall. Borax schreit bei jedem Donner so laut, als wäre er geschlagen worden. Natrium carbonicum versteckt sich unter dem Bett.

Silicea ist kein großer Esser. Er hat Abneigung gegen Fleisch, Milch und warmes oder heißes Essen. Am liebsten hat er alles kalt. Doch bei einer Erkältung mit starkem Husten hat Silicea gerne warme Getränke. Kaltes verstärkt den Husten und verursacht Halsschmerzen. Bei Magen-Darmbeschwerden jedoch sind, wie bei Phosphor, kalte Getränke und Speisen besser.

Also beachten Sie diese Modalitäten. In den Büchern steht nur Abneigung gegen warme Speisen. Man muss eben differenzieren.

Nach dem Essen ist Silicea wie verloren und sehr schläfrig. Lycopodium, Nux vomica und Nux moschata sind ebenfalls nach dem Essen schlimmer.

Silicea hat einen unruhigen Schlaf. Er schreit, weint und spricht. Schweißgebadet wacht er weinend auf. Es kann auch vorkommen, dass er trotz Müdigkeit nicht einschlafen kann.

Silicea kann schlafwandeln. Mitten in der Nacht steht das Kind auf und am Morgen erinnert es sich an nichts mehr. Bei Sulfur habe ich Ihnen gesagt, dass er entweder einen sehr leichten Schlaf, einen Katzenschlaf hat, wie Phosphor, oder dann einen sehr tiefen und sich durch nichts stören lässt. Bei Gewitter steht er auf, wandelt durch die Wohnung und geht wieder zu Bett.

Plötzlich bekommt Silicea in der Nacht keine Luft mehr und hat Erstickungsanfälle. Ältere Kinder erzählen, jemand habe sie gewürgt. Lachesis, Ignatia und Cocculus haben auch dieses Gefühl.

Nach dem Schlaf ist Silicea todmüde, schlecht gelaunt und will nicht aufstehen. Hier zeigen sich seine Sturheit und sein Eigensinn. Die Mutter kann 20mal rufen, er solle aufstehen, er hört nicht zu und bleibt ohne zu antworten liegen.

Lycopodium sagt: „Ich komme, ich komme“, und kommt dennoch nicht. Die Mutter ruft weiter, er wird wütend, brüllt erneut, „ich komme“, dann setzt er sich auf und weint. Von Sonntag auf Montag verschlimmert sich allgemein sein Zustand, denn er muss wieder zur Schule und weiß nicht, was ihn dort alles wieder erwartet. Er ist ja sehr unsicher.

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Natrium muriaticum hat auch Schwierigkeiten beim Aufwachen. „Oh mein Gott, jetzt beginnt wieder ein neuer Tag.“ Wie ein Gewicht drückt es ihr auf den Kopf.

Nux moschata braucht kein Bett, er kann in jeder Position, auch im Stehen, schlafen. Nux moschata ist in der ganzen Materie Medica der Schlafchampion. Sie können das Kind waschen, baden oder sonst etwas mit ihm machen, es schläft andauernd. Bei ihm denkt man an die Schlafkrankheit.

Antimonium tartaricum ist bei Bronchitis, Asthma oder Lungenentzündung sehr schläfrig. Es ist schwierig, dem Kind das Mittel zu geben. Der Mund ist geschlossen, es erwacht nicht, liegt einfach erschöpft da und schnarcht. Zwischendurch hat es schleimigen Husten, die Augen bleiben zu.

Bei Neumond verschlimmert sich der Allgemeinzustand von Silicea, und das Kind kann nicht mehr schlafen. Es liegt halbwach im Bett und rollt seinen Kopf hin und her. Sonst kennt man das Kopfrollen bei schweren Infektionskrankheiten und Meningitis, z.B. bei Helleborus.

Leider werden hier Hirnhautentzündungen selten homöopathisch behandelt. Mit dem richtigen Mittel beruhigt sich der Patient innert Kürze und schläft ruhig. Nach einigen Tagen steht er auf, als wäre nichts geschehen, hat keine Komplikationen, keine Lähmungen, rein gar nichts. Wir hatten in Indien so viele Patienten, einfach unglaublich, wie die Homöopathie gewirkt hat. Solche Fälle sollten Sie mal zu Gesicht bekommen, dann wird man von der Homöopathie überzeugt und begeistert sein.

K.T.: „Wenn jetzt nach einer solchen Krankheit eine Charakterstörung eingetreten ist, würden Sie dann das Konstitutionsmittel geben oder den Zustand behandeln, den der Patient bei seiner Krankheit hatte?“

M.J.: „Ist die akute Situation vorbei, dann behandle ich konstitutionell. Was nützt es, wenn man Monate später Helleborus oder Belladonna gibt, aufgrund der Symptome, die zum damaligen Zeitpunkt auftraten, jedoch heute nicht mehr vorhanden sind. Mann muss tiefer gehen, denn es ist eine konstitutionelle Störung nach einer akuten Situation.“

Silicea hat am Kopf, speziell am Hinterkopf und in den Haaren, dick verkrustete Ekzeme, sowie schmerzlose Abszesse und Furunkel. Werden beim Haare kämmen einige Krusten aufgerissen, so stört es ihn nicht besonders. Conium, Hepar sulfuricum, Acidum nitricum oder Belladonna hingegen sind sehr schmerz- und berührungsempfindlich.

Beim Zahnen hat Silicea blutende, ulzerierende Aphthen. Zum Erstaunen aller jedoch schmerzlos. Dies ist ein syphilitisches Zeichen. Die Halsdrüsen schwellen an, am Abend hat er Fieber und ist verstopft. Auch Husten oder eine Bronchitis kann in dieser Zeit auftreten.

Bei Würmern hat Silicea gegen Abend und nachts leichtes Fieber, einen stinkenden Mundgeruch, viel Speichel und ist stark verstopft. Er drückt, etwas Stuhl tritt hinaus, schlüpft gleich wieder zurück. Ein typisches Zeichen bei Silicea.

Silicea lässt sich nicht untersuchen. Er hat Angst vor Menschen. Er erträgt es nicht, angeschaut, angefasst, abgetastet oder einfach nur berührt zu werden. Er beginnt zu schreien. Vor spitzen Gegenständen, und speziell vor Spritzen hat er eine panische Angst. Silicea ist fixiert. Hat er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt, so hält er daran fest und ist nicht mehr umzustimmen. Negativ Erlebtes prägt sich wie ein Stempel ein Leben lang ein. Fixiert sein ist sykotisch, also eine miasmatische Belastung. Thuja ist der am stärksten Belastete.

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Belladonna muss bei Fieber von zwei Personen festgehalten werden, erst dann kann man ihn untersuchen. Er beißt, spuckt und ist äußerst aggressiv. Sonst ist Belladonna ein liebes Kind, nur bei einer Krankheit steigt ihm die Hitze in den Kopf, er ist im Delirium, spricht und phantasiert.

Barium carbonicum hat auch Angst vor Fremden. Er hält sich die Hände vor das Gesicht. Arg-n. hat in einer Menschenmenge Platzangst und fühlt sich sofort beobachtet. Er denkt, alle starren ihn an. Calcium carbonicum ist am Anfang auch scheu. Tuberculinum ist gehemmt, wird dann plötzlich aggressiv. Tuberculinum hat die scheue Seite von Silicea und die wilde von Sulfur.

Diese Angst vor unbekannten Personen ist eine konstitutionelle Schwäche und zeigt mangelndes Selbstbewusstsein. Lycopodium strotzt auch nicht von Selbstvertrauen, hat aber eine besondere Eigenschaft: Er kann sich trotzdem ruhig verhalten und überspielt seinen inneren Zustand. Er begegnet allen und sieht nicht schüchtern oder gehemmt aus. Das Kind kommt mit den Eltern in die Praxis, sitzt steif zwischen ihnen und beantwortet artig alle Fragen. Seine Antworten sind kurz und präzis. Ein Sulfur- oder Phosphor-Kind beginnt bei Adam und Eva und hört nach 10 Minuten nicht auf. Unser braver und verklemmter Lycopodium ist froh, wenn man ihn in Ruhe lässt. Er ist nervös und hat sich sehr gut im Griff. Innerlich zittert er wie Espenlaub.

Antimonium crudum ist ein unmögliches Kind. Auch er hat Angst vor Leuten. Er will nicht angesehen werden, sonst brüllt er los. Man könnte meinen, er sei geschlagen worden. Er lässt die Mutter keine Sekunde weggehen und klebt den ganzen Tag an ihr.

K.T.: „Wie ist diese Angst vor fremden Leuten bei Natrium muriaticum?“

M.J.: „Ja, auch Natrium muraticum kann solche Ängste haben. Sie zieht sich lieber in ihr Zimmer zurück. Ein Mädchen sitzt in der Praxis. Es ist sehr eifersüchtig auf seinen kleinen Bruder, hat Kontaktprobleme und Schulschwierigkeiten. Spricht man es an, wird es noch nervöser, zerbricht einen Radiergummi, kaut an einem Bleistift oder an seinen Fingernägeln. Dieses Kauen ist eine Beschäftigung und zeigt die nachtragende Seite von Natrium muriaticum.“

Ein weiterer Unterschied zwischen Silicea und Natrium muriaticum: Silicea ist sehr hartnäckig. Versucht man ihm das Gegenteil zu beweisen, beharrt er auf seinem Recht und bleibt hart. Er will etwas Neues einfach nicht annehmen.

Calcium carbonicum kann auch eigenwillig sein, ist jedoch leicht zu manipulieren.

Silicea ist zu intelligent. Seine Hartnäckigkeit ist auch behindernd. „Ich weiß, ich bin im Recht, die anderen lügen.“ So schafft man sich natürlich keine Freunde, und Silicea ist nicht umsonst ein Einzelgänger. Wütend geht er in sein Zimmer und liest ein Buch. Nicht nur 10 Minuten, nein, das Buch muss nun zu Ende gelesen werden. So verbringt er dann die schönsten Wochenenden in seinem Zimmer. Später heißt es dann, er sei ein sehr guter Schüler gewesen. Von nichts kommt eben nichts.

Bei Sulfur muss man wissen, wie man ihn nehmen muss. Die Mutter hat da ihre liebe Mühe, dem Vater bereitet das in der Regel keine Sorgen. Ist ja auch klar. Die Mutter hat das Kind die ganze Zeit um sich und spricht den lieben langen Tag auf ihn ein, was er machen darf und was nicht. Er hört schon gar nicht mehr zu. Er schreit, und die Mutter schreit noch lauter. Similia similibus! Dann hört auf.

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Der ganze Streit ist sehr Kräfte raubend. Der Vater ist ruhiger oder, sagen wir, blockierter. Er spricht einmal mit fester Stimme, und das reicht. Kurz und prägnant führt auch zum Ziel.

Phosphor manipuliert die Eltern, manchmal lässt er sich lenken. Man fordert ihn zu etwas auf, und er reagiert wie ein Schelm. Anstatt die Hände zu waschen, macht er einen Kopfstand oder streckt die Zunge heraus. Bei einem solchen Clown muss man einfach lachen.

Silicea nimmt es ernst und wird wütend. Tuberculinum ist noch aggressiver. Wenn es ihm zu bunt wird, beißt er oder schlägt um sich. Silicea ist zivilisierter. Der Ärger ist da, er schluckt, stampft und rennt weg. Weglaufen ist Silicea. Die Wut ist sichtbar.

Ist Silicea wieder mit beiden Füßen auf dem Boden, so ist er nur solange sanft, bis man ihn erneut provoziert. Dann sieht man wieder die Kehrseite. Pulsatilla nimmt man in den Arm, und es lacht, bei Silicea kann man das vergessen.

Die nächste Schwierigkeit bahnt sich in der Schule an, Silicea hat hohe Erwartungen, ist sehr ehrgeizig und will immer der beste sein. Ist ein anderer Primus, so bricht für Silicea eine Welt zusammen. Man kann ihn kaum beruhigen, er verschließt sich noch mehr. Ihm fehlt es einfach an Selbstvertrauen, sonst müsste er sich und den anderen nicht beweisen, wie gut er ist. Wer hoch hinaus will, fällt auch tief. Er schämt sich, da er seine Ziele nicht erreicht hat. „Diese Schande, wie kann ich das meinen Freunden erzählen. Sicher lachen sie mich aus. Alle wissen doch, dass ich sonst der beste bin, ich habe eben versagt.“

Diese hohen Erwartungen konnte ich bei vielen jungen Menschen sehen. Sie haben nicht das erreicht, was sie sich in den Kopf gesetzt haben, und nun ist eine Welt zusammengebrochen. Man hat z.B. die Zwischenprüfungen nicht bestanden. Sie versuchen es kein zweites Mal mehr, brechen das Studium ab, kommen nicht mehr aus ihrem Tief heraus und werden depressiv.

Die Erwartungshaltung, dann die Frustration und anschließend die Fixation, er werde von allen als Versager angesehen, machen ihn krank.

Wie erwachsene Silicea keine Vorträge halten können, so hat unser Silicea-Schüler Angst, in der Klasse vorzusprechen. Man könnte ja etwas Falsches sagen oder vor lauter Aufregung etwas vergessen. Arg-n. zittert. Sonst schon voller Ängste, und nun noch vor der Klasse stehen, das ist zuviel. Er erschrickt bereits, wenn er aufgerufen wird. Sein Puls steigt auf 150, die Halsschlagader pulsiert und seine Stimme zittert.

Nächste Woche ist eine Prüfung angesagt. Silicea, sonst kein großer Esser, bekommt mehr Appetit. Bei Nervosität hat Silicea Hunger. Er muss die Magennerven beruhigen. Psorinum und auch Lycopodium stehen in der Nacht auf und plündern den Eisschrank. Psorinum kann nicht abschalten. Die ganze Zeit denkt er über die bevorstehende Prüfung nach und hat starke Versagensängste. Essen beruhigt seine Magennerven. Argentum hingegen hat vor lauter Aufregung Durchfall und sitzt die ganze Nacht auf dem WC. Der eine isst, dem anderen läuft alles hinaus.

Silicea ist sehr eigensinnig. Seit klein reagiert er auf alles, was nicht seiner Meinung entspricht, äußerst heftig. Er bleibt stundenlang sitzen und macht sich Gedanken, weshalb er etwas nicht kann. Sulfur ist auch schnell frustriert. Er versucht etwas zusammenzubauen. Gelingt ihm das nicht auf Anhieb, so wird er wütend und zerstört sein Werk oder spielt mit etwas anderem.

K.T.: „Nimmt Silicea überhaupt Hilfe an?“

M.J.: „Oh nein, das ist eben seine Fixation, er wird wütend. Er will alles alleine machen. Hilfe bereitet ihm keine Freude. Trost verschlimmert seinen Zustand. Ist er schlecht gelaunt, lässt man ihn am besten alleine. Er beruhigt sich schneller, als wenn man ihn zu trösten versucht.“

Natrium muriaticum darf man nicht alleine lassen. Man muss schweigend bei ihr bleiben. Beruhigende Worte verschlimmern ihren Zustand. Sie muss einfach das Gefühl haben, dass man bei ihr ist. Wenn sie Natrium muriaticum alleine lassen, obwohl sie sich beleidigt ins Zimmer zurückgezogen hat, dann erwartet sie von Ihnen, dass Sie nachfolgen. Sonst kommt später der Vorwurf: „Ich war traurig. Du bist nicht gekommen und hast mich alleine gelassen.“

Es ist ein Unterschied, ob man Hilfe annimmt oder einfach jemand in der Nähe ist.

Also bei Silicea keine Ermunterung, Aufheiterung und Zusprache. Es ist vergebene Liebesmüh. Es nützt nichts. Sparen Sie Ihre Kräfte. Von seinem Verhalten her ist Silicea rau und trocken wie Sandpapier, immer mit sich beschäftigt und will alleine sein. Diese Trockenheit bezieht sich aber nicht auf seine Ausstrahlung. Betrachten Sie seine Augen. Man erkennt seine Intelligenz und spürt eine warme Ausstrahlung

Silicea hat viele Minderwertigkeitskomplexe. Er leidet unter seiner Figur. Ein Kind sagt zu ihm: „Du bist so dünn, du siehst aus wie ein Sack voller Knochen.“ Nun zeigt sich seine nachtragende Seite. Er kann nicht vergessen, dass er vor Jahren in der Schule immer wieder ausgelacht wurde. Er ist wie Sepia und Natrium muriaticum sehr nachtragend. Er sitzt, kratzt, kaut an seinen Nägeln und denkt über die traurigen Dinge in seinem Leben nach. Ein neues Problem ist so schwerwiegend, dass alles Alte hoch kommt.

 

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Teil II

Neue Wege mit Kindern

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Inhalt

Schlafen – oje 221

Pubertät 229

Kinderkrankheiten 250

Alternative Schulformen 261

Förderung der kindlichen Persönlichkeit 277

Operationen im Kindesalter 308

Lernen 312

Gewaltfreie Erziehung 316

Impfungen 323

Erste Hilfe 380

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Schlafen – oje !

"In meinem Zimmer ist eine Mücke!" - "Kommt das Meerschweinchen in den Himmel, wenn es tot ist?" - "Unter meinem Bett liegt ein Löwe!" - "Die Heizung gluckert immer so komisch!" Sätze wie diese kennen alle Eltern, wenn ihre Kinder am Abend nicht zur Ruhe kommen. Dabei sind sie ausgesprochen einfallsreich, wenn es darum geht, den Tag um ein paar Minuten zu verlängern. Doch was steckt dahinter, wenn unsere Kleinen zum sechsten oder siebten Mal im Wohnzimmer auftauchen und tränenreich verkünden, dass sie nicht einschlafen können? Sicherlich nicht, dass sie den Eltern nach einem anstrengenden Arbeitstag den Feierabend nicht gönnen. Bestimmt auch nicht, um auszuprobieren, was die Eltern aushalten können. Wenn den Kindern die Müdigkeit förmlich aus den Augen schaut und sie dennoch nicht einschlafen können, sind wir als Eltern gefragt. Denn die Gründe dafür sind vielfältig und oftmals wissen die Kleinen gar nicht, was sie vom erholsamen Schlaf abhält. Manchmal haben sie ganz konkrete Ängste und Sorgen, die sie vom Schlaf abhalten. Andere Kinder fürchten sie sich vor der Dunkelheit, vor phantasierten oder tatsächlichen Gefahren oder sie haben bedrückende Erlebnisse des Tages noch nicht verarbeiten können. Und die Kehrseite der Medaille ist ja wohl die: Kinder, die mit sich und ihrer Welt im Einklang stehen, können alltägliche Belastungen im Allgemeinen ganz gut wegstecken. Solche Kinder schlafen meistens gut ein und werden erst wieder wach, wenn sie ausgeruht sind. Im Gegensatz zu den Schlafstörungen bei Erwachsenen kommt bei den Kindern aber noch etwas anderes hinzu. Denn viele Schlafstörungen im Kindesalter sind entwicklungsbedingt. Insofern verlieren sich nach einer gewissen Zeit sozusagen von selbst. Das mag ein schwacher Trost für Eltern sein, die am Rande der Verzweiflung stehen und sich in schweren Zeiten wünschen mögen, nie ein Kind in die Welt gesetzt zu haben. Doch zum Glück ist das nächtliche Grauen, das so manche Beziehung an die Grenze ihrer Belastbarkeit treibt, nicht von Dauer. Und ehe wir uns versehen, werden über Nacht aus den kleinen Quälgeistern genügsame und liebenswerte Geschöpfe, die wunderbar durchschlafen und ihre Eltern glücklich machen. Doch bis es soweit ist, haben viele junge Familien Selbstzweifel und vor allem: eine Menge Fragen.

Wie viel Schlaf braucht ein Kind eigentlich?

Kinder brauchen unterschiedlich viel Schlaf. Vor allen Dingen ändert sich ihr Schlafbedürfnis im Laufe ihrer Entwicklung erheblich. Es gibt aber einige Erfahrungswerte, die für fast alle Kinder zutreffen.

Neugeborene benötigen in den ersten Wochen etwa 16 bis 18 Stunden Schlaf. Sie schlafen fast rund um die Uhr und erwachen nur zum Füttern, Wickeln und Baden. Erst allmählich lernen sie zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden. Wie sollten sie es auch den Unterschied kennen, wo es doch im Mutterleib immer schön dunkel und warm war? Nach etwa einem halben Jahr, beginnen sie den Unterschied zu begreifen. Erst jetzt können viele gestresste Eltern langsam aufatmen. Wenn alles gut verläuft, schlafen die Kinder nun regelmäßig nachts und vor allem mehr als acht Stunden an einem Stück durch. Im Alter von zwei Jahren benötigen die meisten Kinder nur noch etwa 13 Stunden Schlaf. Im Allgemeinen schlafen sie nachts durch und brauchen nur noch einen zwei- bis dreistündigen Mittagsschlaf. 4 - bis 6-jährige Kinder schlafen mittags kaum noch und kommen mit 11 bis 12 Stunden Schlaf aus. Kinder im Grundschulalter brauchen im Allgemeinen nicht mehr als 10 Stunden Schlaf. Bei besonders "aufgeweckten" Kindern hat man beobachtet, dass sie überdurchschnittlich wenig Schlaf benötigen. Ob intelligente Kinder wenig Schlaf brauchen oder ob sie dadurch schlau geworden sind, weil sie öfters wach sind, hat noch niemand herausgefunden. Das heißt natürlich nicht, dass jedes Kind, das nur wenig Schlaf benötigt, gleich ein Genie ist. Auch ist der Schlafrhythmus der Kinder sehr verschieden. So gibt es ausgesprochene Nachteulen die erst in der tiefsten Nacht zur Ruhe kommen, während andere Kinder früh müde werden, am Morgen aber wie eine Feder aus dem Bett springen.

Was sind denn nun Schlafstörungen?

Als Eltern sind wir manchmal geneigt, von Schlafstörungen zu sprechen, wenn wir uns von unseren Kindern in unserem eigenen Schlaf gestört fühlen. So einfach ist das natürlich nicht. Tatsächlich sollten wir zwischen drei Formen von kindlichen Schlafstörungen unterscheiden:

1.

Einschlafstörungen

2.

Durchschlafstörungen

3.

Aufwachstörungen

Die Einschlafstörungen lassen sich in Zubettgehprobleme und verzögertes Einschlafen unterteilen.

Zubettgehprobleme: Wenn das Kind nicht ins Bett will

Kinder, die unter Zubettgehproblemen leiden, können oder wollen den Tag einfach nicht beenden. Mit phantasievollen Kapriolen dehnen sie den Tag immer weiter aus und werden zunehmend gereizter, weinerlicher oder gar aggressiver. Sobald sie dann endlich im Bett liegen, schlafen sie meistens problemlos ein und schlafen die Nacht durch. Am nächsten Morgen sind sie dann gut ausgeruht und

wieder umgänglich. Als Eltern müssen wir aufpassen, dass wir uns von Kindern mit Zubettgehproblemen nicht in end- und fruchtlose Machtkämpfe verwickeln lassen, unter denen beide Seiten leiden. Manchmal ist ein klares Schlusswort ohne "Wenn und Aber" hilfreicher als unendliche Überzeugungskünste. Auf der anderen Seite sind die Eltern keineswegs zu weichherzig, wenn sie eine großzügige, aber zeitlich genau festgelegte Verlängerung des Abends erlauben, die dann endet, wenn z.B. "der große Zeiger der Uhr auf der 6 steht!" Entscheidend ist es, dass Sie Ihren eigenen Stil finden. Die Eltern wissen am besten, wie ihre Kinder zur Ruhe kommen. Manchmal ist es hilfreich, den Kindern, sofern sie am nächsten Morgen nicht früh aufstehen müssen, den richtigen Zeitpunkt zum Einschlafen selbst bestimmen zu lassen. Hierzu eignet sich eine so genannte paradoxe Intervention, die etwa so lauten könnte: "Morgen ist Sonntag, und da kannst du so lange schlafen, wie du möchtest. Und deshalb solltest du heute Abend versuchen, solange wie es geht, wach zu bleiben. Allerdings möchte ich dich bitten, in deinem Zimmer zu bleiben und dich mit deinen Spielsachen zu beschäftigen." Kinder haben ein hohes Bedürfnis nach Autonomie, das wir uns zunutze machen sollten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass viele Kinder solche paradoxen Aufträge mit Begeisterung aufgreifen und meistens sehr rasch von selber zu Bett gehen. Dadurch erledigen sich unnötige Machtkämpfe fast von alleine.

Was tun bei verzögertem Einschlafen?

Das verzögerte Einschlafen ist eine Schlafstörung, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Kinder zwar problemlos zu Bett gehen, sich aber in der Dunkelheit ihres Bettes fürchten, wobei Ereignisse und Konflikte des Alltages eine bedeutsame Rolle spielen. Bis zum Schulalter tritt diese Form der Schlafstörung verhältnismäßig selten auf. Zugleich ist sie bei Kindern ab etwa sechs Jahren die häufigste Form der Schlafstörung. Besonders in fremder Umgebung und bei ungelösten Alltagssorgen wälzen sich die Kinder unruhig um Bett und phantasieren schreckliche Geschichten zusammen. Manchmal glauben sie im Schatten an der Wand Hexen oder böse Geister zu erkennen. Oder das Gluckern in der Heizung wird zum Grummeln eines Ungeheuers und der leise Wind an der Fensterscheibe gleicht einem gefährlichen Wirbelsturm. In einer solchen Situation kann die Angst übermächtig werden. Deshalb ist es wichtig, dass die Kinder mit ihrer Schlafumgebung vertraut sind, ein kleines Licht anhaben dürfen, oder die Tür zum Kinderzimmer angelehnt sein darf. Ein Stofftier, eine Puppe oder was ihnen immer lieb ist, sollte sie im Schlaf begleiten und ihnen die Sicherheit geben, dass alles in Ordnung ist. Als Eltern nehmen wir die Ängste unserer Kinder nicht immer ausreichend ernst. Es mag mitunter so

aussehen, aber: Kinder mit Einschlafstörungen wollen ihre Eltern nicht ärgern oder gar täuschen. Ihre Angst ist real und unmittelbar. Deshalb sollten wir sie auf keinen Fall mit harten Worten zum Schlaf zwingen wollen. Denn der Schlaf ist ein spontanes und mit dem Willen nicht steuerbares Verhalten. Durch Angst vor Bestrafung wird der Schlaf nicht nur erschwert, sondern unmöglich gemacht. Biologisch gesehen werden im Zustand der Angst Hormone freigesetzt, die Energien für eine mögliche Flucht aktivieren. Dadurch werden Kinder und natürlich auch Erwachsene hellwach. Nur wenn Kinder sich sicher fühlen, können sie angstfrei einschlafen. Darum sollten wir uns gerade bei dieser Art der Schlafstörung klar und eindeutig verhalten. Indem wir ihre Ängste ernst nehmen und gelassen damit umgehen, finden sie die Sicherheit, die sie für gesunden Schlaf brauchen. So könnte es gehen:

Beruhigen Sie Ihr Kind und bringen Sie es wieder in sein Bett zurück, wenn es aus seinem Zimmer kommt. Nehmen Sie Ihr Kind notfalls hoch und tragen Sie es in sein Bett. Sagen Sie Ihrem Kind, was geschehen wird, wenn es ruhig im Bett bleibt: "Wenn du ruhig im Bett bleibst und nicht schreist, komme ich ab und zu nach dir schauen." Vergewissern Sie sich, dass Ihr Kind dies verstanden hat. Gehen Sie entschieden hinaus. Warten Sie zwei Minuten. Bleibt ihr Kind ruhig im Bett, gehen Sie zu ihm und loben es mit sanfter Stimme. Bleiben Sie nicht länger als 30 Sekunden. Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie wiederkommen werden, wenn es weiterhin so ruhig in seinem Bett bleibt. Warten Sie fünf Minuten, bevor Sie wiederkehren und ihr Kind noch einmal loben. Schauen Sie immer wieder nach Ihrem Kind, verlängern Sie aber langsam die Zeitabstände. Vielleicht müssen Sie dies vier oder fünf Mal wiederholen, bevor Ihr Kind eingeschlafen ist. Wenn es bereits schläft, gehen Sie leise aus dem Zimmer.

Durchschlafprobleme: Wenn Kinder nachts wach werden

Als sehr beunruhigend erleben manche Eltern bestimmte Durchschlafprobleme, die in der Tat beängstigend sein können. Glücklicherweise sind sie im Allgemeinen recht harmlos und gehen nach einer gewissen Zeit wieder vorbei. Damit Sie sich selbst ein Bild davon machen können, möchte ich sie hier kurz beschrieben. Kinderärzte und Therapeuten sprechen von folgenden vier Arten von episodischen Durchschlafproblemen, die bei allen Kindern gelegentlich auftreten können:

1. Schlafwandeln

2. Angstattacken

3. Alpträume

4. Bettnässen

Schlafwandeln: Nächtliche Spaziergänge

Manche Kinder neigen dazu, mitten in der Nacht aus ihrem Bett aufzustehen und scheinbar ziellos im Haus herumzuirren. Obwohl sie sich im Schlafzustand befinden, tun sie durchaus logische und folgerichtige Dinge. So ist es nicht ungewöhnlich, dass sie sich vor einem nächtlichen Spaziergang einen Mantel oder sogar Schuhe anziehen und die elterliche Wohnung oder das Haus verlassen. Es hat wenig Sinn, sie am nächsten Morgen auf ihre gefährlichen Wanderungen aufmerksam zu machen oder sie vor dem nächsten Spaziergang warnen zu wollen. Sie erinnern sich an nichts und sind in diesem Zustand auch nur schwer aufzuwecken. Im Allgemeinen genügt es, sie sanft an die Hand zu nehmen und mit beruhigenden Worten zu ihrem Bett zurückzubegleiten. Wenn Ihr Kind zu solchen Ausflügen neigt, treffen Sie entsprechende Vorkehrungen. Sichern Sie die Fenster und schließen die Haustür ab. Manchmal kann es sinnvoll sein, an geeigneter Stelle ein Glöckchen anzubringen, das Sie auf einen bevorstehenden Spaziergang aufmerksam macht. Machen Sie vor allem aber nicht zu großes Aufheben um die nächtlichen Wanderungen, zumal das Kind sich am nächsten Morgen an nichts erinnern kann. Wenn wir das Kind zu sehr bedrängen, könnte es meinen, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung ist und sich unnötig ängstigen. Im übrigen gilt das für alle Formen von kindlichen Schlafstörungen.

Schrecken in der Nacht: Angstattacken

Nächtliche Angstattacken zählen zu den beunruhigendsten Schlafstörungen überhaupt. Um es gleich vorweg zu sagen: Sie haben nichts, aber auch gar nichts mit "falscher Erziehung" zu tun, sondern sind verhältnismäßig harmlose und vorübergehende Ereignisse. Eine solche Angstattacke, auch "Nachtschreck" oder "Pavor nocturnus" genannt, kündigt sich durch einen markerschütternden Schrei des Kindes an. Wenn die Eltern in höchster Panik an das kindliche Bett stürzen, finden sie dort ein zutiefst erschreckt und verängstigt wirkendes Kind vor, das mit leerem Blick und manchmal schwitzend unverständliche Worte stammelt. Manchmal schlägt oder tritt es um sich und scheint vor irgendetwas weglaufen zu wollen. Auch wenn es so scheint: das Kind ist nicht wach und lässt sich auch nur schwer aufwecken. Versuchen Sie es auch gar nicht, weil es Ihrem Kind nicht hilft. Es mag sich herzlos anhören, aber es hat nur wenig Sinn, das Kind beruhigen zu wollen. Es wird sich gegen körperlichen Kontakt sogar wehren. Das einzige, was Sie tun können, ist zu vermeiden, dass es sich selbst verletzt. Entfernen Sie spitze und gefährliche Gegenstände und legen Sie ein paar Kissen in das Bett, bis die Angstattacke vorbei ist. Meistens hält ein Nachtschreck nur wenige Minuten an, manchmal jedoch bis zu einer halben Stunde. Doch selbst, wenn eine solche Attacke mehrmals in der Woche auftritt, ist sie kein Hinweis auf eine

gefährliche Krankheit oder eine psychische Störung. Bei Schulkindern können sie in seltenen Fällen im Zusammenhang mit seelischen Konflikten auftreten. Sollten die nächtlichen Angstattacken im sechsten oder siebten Lebensjahr noch auftreten, suchen Sie den Rat eines erfahrenen Kinderarztes. Meistens lassen sie sich mit einem leichten Beruhigungsmittel behandeln.

Nächtliche Alpträume

Im Gegensatz zum Schlafwandeln und zu Angstattacken haben nächtliche Ängste und Alpträume unmittelbar mit vorangegangenen Konflikten und Belastungen zu tun. Sie treten in den Phasen des leichtesten Schlafes auf. Bereits bei Kindern ab etwa zwei Jahren können Alpträume auftreten, häufiger sind sie jedoch im Alter zwischen drei und vier Jahren. Fast alle Kinder haben gelegentlich Alpträume. In der Regel sind sie kein Grund zur Beunruhigung. Häufig werden sie von einem aufregenden Erlebnis oder durch einen spannenden Fernsehfilm am Abend ausgelöst. Ein beruhigendes Ritual am Abend und ein sanfter Ausklang des Tages tragen dazu bei, dass Ihr Kind einen entspannten Schlaf findet. Wenn Ihr Kind unter Alpträumen leidet, hat es wenig Sinn, an die Vernunft zu appellieren. Das Kind ist seinen Gefühlen ausgeliefert und ist in der Nacht auf der Verstandesebene nicht ansprechbar. Reden Sie am nächsten Tag in Ruhe mit ihm und versuchen Sie nicht, ihm seine Angst ausreden zu wollen. Es würde nicht gelingen. Am besten helfen beruhigende Worte und abendliche Rituale, die den Kindern Vertrauen und Sicherheit geben. Die Ruhe, die Sie selber dabei ausstrahlen, wird sich letztlich auf Ihr Kind übertragen.

Bettnässen

Eigentlich ist das nächtliche Einnässen keine Schlafstörung. Trotzdem kann der Schlaf durch diese verhältnismäßig harmlose Beeinträchtigung erheblich gestört werden. Gleichwohl steckt nicht hinter jeder nächtlichen Überschwemmung gleich ein tiefer seelischer Konflikt. Zu einem wirklichen Familien-Konflikt kann das Bettnässen allerdings ausufern, wenn wir die Geduld verlieren, dem Kind Vorwürfe machen oder es gar bestrafen. Denn Kinder können nichts dafür, wenn sie in der Nacht nicht wach werden, obwohl die Blase prall gefüllt ist. Das Einnässen findet regelmäßig während des ersten Drittels der Nacht statt, also in der Zeit, wo die Kinder am tiefsten schlafen. In diesem Zustand nehmen sie nicht wahr, dass es Zeit ist, zur Toilette zu gehen. Ein einfacher, aber hilfreicher Kunstgriff kann dazu beitragen, dass die Familienkatastrophe ausbleibt. Reden Sie mit ihrem Kind wie mit einem Freund und erklären ihm etwa folgendes: "Es ist etwas unangenehm, wenn ich morgens dein Bett neu beziehen muss. Auf der anderen Seite ist es so schlimm aber auch nicht. Ich möchte dir dabei helfen, dass du morgens in einem trockenen und warmen Bett aufwachen kannst. Darum möchte ich eine Zeit lang die Verantwortung für deine Blase übernehmen. Du wirst sehen, nach kurzer Zeit ist alles wieder in Ordnung." Und dann machen Sie nichts anderes, als das Kind zu später Stunde, etwa gegen 22 bis 23 Uhr zu wecken und es im Dämmerzustand zur Toilette zu begleiten. Wenn Sie diesen Vorgang ein bis zwei Wochen wiederholen, gewöhnt sich das Kind an den Rhythmus und geht nachts von alleine zur Toilette. Wenn Sie dann noch etwas darauf achten, dass Ihr Kind am Abend nicht zu viel trinkt und es vor dem Zubettgehen noch einmal zur Toilette geht, wird sich das Problem in den meisten Fällen erledigen. Wenn Sie die Sorge haben, dass das nächtliche Einnässen organische Ursachen hat oder auf schwere seelische Nöte zurückgeht, suchen Sie einen erfahrenen Kinderarzt auf. Dieser wird Ihr Kind körperlich untersuchen und Ihnen, falls erforderlich, eine gute therapeutische Praxis oder Beratungsstelle empfehlen können. Soweit ein kleiner Überblick über einige der häufigsten Schlafstörungen. Bei allen Arten von Schlafstörungen gilt es Gelassenheit zu zeigen und die Ruhe zu bewahren. Und denken Sie bitte daran: Die wenigsten Kinder wollen uns ärgern oder unsere Belastbarkeit testen, wenn sie nicht einschlafen können. Beispiele für homöopathische Arzneien bei Schlafstörungen: Überdrehte Kinder, die abends noch Coca- Cola oder Kaffee getrunken haben, sehr offen für alle Außenreize sind, brauchen z.B. Coffea, Belladonna oder Nux vomica. Kinder, die sehr ängstlich sind, oder an psychischen Traumata leiden, benötigen z.B. Arsenicum album, Ignatia oder Valeriana. Kinder mit angeborenen Entwicklungsstörungen brauchen entsprechend tief greifende Arzneien, die auch den genetischen Hintergrund der Familie berücksichtigen müssen, wie z.B. Carcinosinum, Tuberculinum oder Syphilinum.

Angstträume, seelische Belastungen, im Alter: Aconitum

Prüfungsangst: Arg-n. 227

Sorgen, Versagensangst, ängstliche Träume: Arsenicum album

Übermüdung - trotzdem schlaflos, Angstträume: Arnica

unruhiger Schlaf, Zähneknirschen, Aufschrecken, Fieber, Kinderkrankheiten: Belladonna

Sorgen, Angstträume: Bryonia

trotz Müdigkeit kein Schlaf, bei Kindern: Chamomilla

Spätes Einschlafen, geräuschempfindlich, immer derselbe Gedanke ängstliche Kinder: Calcium carbonicum

trotz Müdigkeit kein Schlaf, Zeitverschiebung auf Reisen, durch Nachtarbeit: Cocculus

Kopfschmerzen/Migräne (Frauen): Cimicifuga

unruhig, vor Prüfungen, immer derselbe Gedanke, Kopfschmerzen: Gelsemium

Folge von Sorgen, Kummer, leichter Schlaf, tiefe Träume: Ignatia

Gedanken an Beruf (Manager), Haushalt, nach Genussmittelmissbrauch: Nux vomica

schlechtes Einschlafen, wach am Abend: Pulsatilla

Unruhig, erschöpft, spätes Einschlafen: Sepia

spätes Einschlafen: Silicea

                                             SCHLAF/EINSCHLAFEN/schwierig

Carc. Lyc. Nat-m. Nux-v. Phos. Puls. Sil. Sulph.

                                             SCHLAF / ERWACHEN/

nach Mitternacht

Ars. Carc. Coff. Lyc. Nat-m. Nux-v. Phos. Sep. Sil. Sulph.

                                             SCHLAF/ERWACHEN

häufig

Ars. Carc. Coff. Lyc. Nat-m. Nux-v. Phos. Puls. Sep. Sil. Sulph.

                                             SCHLAF/GESTÖRT

Ars. Carc. Coff. Lyc. Nat-m. Nux-v. Phos. Puls. Sep. Sil. Sulph.

                                             SCHLAF/GESTÖRT

durch Gedankentätigkeit

Coff. Lyc. Nux-v. Puls. Sep. Sil. Sulph.

                                             SCHLAFLOSIGKEIT/

Kindern, bei

Ars. Carc. Coff. Lyc. Phos. Puls.

                                             SCHLAFLOSIGKEIT /

Schläfrigkeit, bei

Ars. Coff. Lyc. Nat-m. Nux-v. Phos. Puls. Sep. Sil. Sulph.

                                             BLASE/URINIEREN/

unwillk.Entleerung, nachts, Bettnässen

Ars. Carc. Lyc. Nat-m. Nux-v. Phos. Puls. Sep. Sil. Sulph.

- - bei Kindern

Lyc. Nat-m. Nux-v. Puls. Sep. Sil. Sulph.

 

Pubertät

Pubertät - wie war das eigentlich früher?

Ägyptischer Priester vor 4000 Jahren:

Mit unserer Welt ist es in den letzten Jahren bergab gegangen. Die Kinder hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe.

Babylonische Tontafel vor 3000 Jahren:

Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten.

Hesiod, 700 v. Chr.:

Ich habe keine Hoffnung mehr für die Zukunft unseres Volkes, wenn sie von der leichtfertigen Jugend von heute abhängig sein soll. Als ich noch jung war, lehrte man uns gutes Benehmen und Respekt vor den Eltern. Aber die Jugend von heute will alles besser wissen.

Sokrates:

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, legen die Beine übereinander und tyrannisieren die Lehrer.

Ein Schulmeister, 18. Jh. nach Chr.:

Der Sittenverderb unserer heutigen Jugend ist so groß, dass ich es unmöglich länger bei derselben aushalten kann.

Offensichtlich stimmt das also gar nicht, früher die brave Jugend, heute die aufmüpfigen Pubertierenden. Und das ist auch irgendwie tröstlich!

Pubertät mit ihren verschiedenen Erscheinungsformen hat es immer schon gegeben. Wenn es auch im Laufe der historischen Entwicklung zu gewaltigen Veränderungen dessen gekommen ist, was man unter dem Begriff Jugend zusammenfasst.

Pubertät in anderen Kulturen:

In der vorindustriellen Gesellschaft ist die Übergangszeit zwischen Kindheit und Erwachsen sein auf sehr kurze Zeit beschränkt, oft nur auf ein paar Tage. In diesen wenigen Tagen finden deutlich vom Alltag abgegrenzte Pubertäts- und Initiationsriten statt.

Es handelt sich dabei um Gruppenfeiern die nur alle paar Jahre abgehalten werden. Es gibt kollektive Feiern, oft aber werden sie z. B. zum Zeitpunkt der ersten Periode individuell in die Erwachsenenwelt eingeführt.

Laut Ethnologen vollziehen sich solche Rituale in drei Stufen:

1.) Die Trennungsphase, in der die Loslösung von der Kindheit stattfindet – durch räumliche Isolation, durch Abgabe aller Besitztümer, durch das Ablegen alter Kleider, durch das Schneiden der Haare

2.) Die Phase des Überganges, der in der Regel mehrere Tage dauert und in der dieser Wendepunkt exzessiv gefeiert wird.

3.) Phase der Eingliederung, in der die Jugendlichen symbolisch mit ihren neuen Rechten und Pflichten vertraut, mit differenzierten Rollen bedacht und vor versammelter Gesellschaft zu vollwertigen Erwachsenen erklärt werden.

Vielerorts sind solche Zeremonien außerordentlich drastisch. Aus psychologischer Sicht kann dies so gedeutet werden: nur durch derart extreme Maßnahmen ist es möglich, die Kinder von ihren Eltern zu lösen und in den Zustand des Erwachsenseins überzuführen.

Beispiele:

Massai: Werden nackt durch die Savanne getrieben, hämisch umtanzt, ausgelacht, beschimpft, ein Stück der Penishaut wird mit dem Messer abgetrennt.

Ziel: Müssen Mut beweisen – dann werden sie feierlich in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen.

Neuguinea: Den jungen werden Muster in die Haut eingeschnitten die vernarben.

Wayapi Indianer: Ameisen beißen Wunden in die Haut der Stirn.

Vanuatu/Südwestlicher Pazifik: Junge Männer stürzen sich jedes Jahr von 30 m

Höhe in die Tiefe. An den Füßen der jungen Männer sind dehnbare Lianen befestigt. Wer die Mutprobe besteht gilt als ganzer Mann.

Buddhisten: Scheren der Kopfhaare.

Afrika: Beschneidung der Klitoris.

Pubertät heute:

Die Welt, in der die Jugendlichen heute leben, hat sich gewaltig verändert. Durch die langen Pflichtschulzeiten, beginnt das Leben des Erwachsenen frühestens mit 15, oft aber erst weit ab 20 Jahren.

Film, Fernsehen, surfen, chatten im Internet,….

Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten der Zerstreunung und Selbstverwirklichung.

Es beeinflusst jugendliches Verhalten und Bewusstsein stark. Und es verunsichert. Dazu kommt, dass traditionelle Werte und Institutionen wie die Kirche zunehmend skeptisch gesehen werden.

In unserer modernen westlichen Gesellschaft fehlen eindeutig, anerkannte Pubertätsriten. Bräuche wie Mutproben zum Lehrabschluss, oder Gelage als Beweiß der Trinkfestigkeit versuchen derartige Riten zu ersetzen. Sind für den heutigen Jugendlichen, der oft unter Orientierungslosigkeit und Ziellosigkeit leidet, diese Rituale tatsächlich überflüssig? (früher – Firmung).

Heutige Initiationsformen, Schulwechsel, Militär, ritualisierte Einschnitte wie z. B. der erste Ferienjob, das erste Rauchen, das erste Besäufnis, Piercing, Tätowierungen, Kleidung, Körperausdruck, etc. markieren ihre Distanz gegenüber der Erwachsenenwelt und ihrer Szenenzugehörigkeit.

kommt heute also eine ganz andere Funktion zu als früher.

Zum einen stellt sie eine gefühlsmäßige Stütze für die jungen Leute dar, die diese bitter nötig haben.

Zum anderen birgt diese intensive Gefühlsbindung, auch Gefahren für die Jugendlichen – nämlich dann, wenn Familienbindungen derart stark aufrechterhalten werden, dass sie die Entwicklung einer selbständigen Persönlichkeit behindern. Gerade heute, wo die Eltern jugendlich bis ins hohe Alter bleiben, wo die Trennung von den Eltern sehr spät erfolgt, wo die wirtschaftliche Unabhängigkeit erst dann erreicht wird, wenn ehemalige Privilegien des Erwachsenseins längst zur Selbstverständlichkeit geworden sind!

Das Erwachsen werden in unserer Gesellschaft ist also zu einem hochkomplexen Prozess geworden!

Biologische Vorgänge in der Pubertät:

Mädchen: Ausschüttung der Östrogene

Brüste, Scheide, Scham- und Achselbehaarung wachsen, der Körper streckt sich und bildet Fettgewebe, was zur typisch weiblichen Körperform führt. Erste Monatsblutung, Zeitpunkt der Geschlechtsreife.

Burschen: Ausschüttung der Testosterone

Vergrößerung von Hoden und Penis, Scham- und Achselbehaarung setzen ein, Körper schießt in die Höhe, breitere Schultern, Muskeln entwickeln sich, Kehlkopf wächst, Stimmbruch. Ab ca. 13 Jahren erste Samenergüsse (meist im Schlaf), Zeitpunkt der Geschlechtsreife. Ab ca. 15-16 Jahren: Bartwuchs.

Beide Geschlechter: Androgene und Adrenalin

Im mitteleuropäischen Raum, fällt bei Mädchen durchschnittlich mit 10 – 11 Jahren und bei Jungen mit etwa 12 Jahren durch Vorgänge im Zwischenhirn der Startschuss.

Die Pubertierenden, vor allem Jungen, wachsen manchmal innerhalb eines Jahres um mehr als 10 cm. Meist unregelmäßig: Oft Hände und Füße zuerst,….

Die Gesamtproportion des Körpers ist eine Weile nicht im Lot – Neigung zum Schlaksigen und Ungeschicklichkeit.

Das Gesicht verliert die kindliche Rundlichkeit, die Nase wächst, Pickel,…

Jugendliche, denen gerade in diesem Alter gutes Aussehen wichtig ist, sind mit ihren Äußeren alles andere als zufrieden.

Die körperlichen Vorgänge und Eigenheiten machen ihnen zu schaffen: Ist es normal, wie ich bin, wie ich aussehe? Mache ich mich vielleicht lächerlich? Tuscheln die anderen über mich? Ist mein Penis / Brüste kleiner?

Das Gehirn der Pubertierenden:

Nicht nur die Hormone lassen das Leben der Pubertierenden so aus den Fugen geraten, sondern auch das Gehirn ist ein Auslöser dieses Phänomens.

Bis jetzt ist man davon ausgegangen, dass das Hirn etwa zwischen dem 8 und 12 Lj. voll entwickelt ist.

Nun wissen wir aber:

Besonders die Hirnregionen, die für soziale Kontaktfähigkeit, Gefühle und Urteilsvermögen zuständig sind, entwickeln sich weiter bis der Mensch über 20 ist.

Erst dann ist der Nervenstrang, der die rechte mit der linken Hirnhälfte verbindet, voll ausgebildet. Dieser Nervenstrang gilt unter anderem als zuständig für Intelligenz, Bewusstsein und Selbstwahrnehmung.

Der frontale Hirnlappen verändert sich während der Pubertät entscheidend. Dieses Zentrum für Selbstkontrolle, Gefühle, Organisations- und Planungsfähigkeit, ist demnach in der Pubertät noch unterentwickelt, was gewisse Defizite der Pubertierenden erklären kann.

Klartext heißt das aber auch, dass entgegen bisheriger Erkenntnisse nicht nur die frühe Kindheit, sondern auch die Pubertät eine entscheidende Entwicklungsphase darstellt, die die Strukturierung des Gehirns beeinflusst.

Die Art, wie sich die Vernetzung und damit die Nutzung des Gehirns vollzieht, hängt davon ab, wie die Jugendlichen sich zu diesem Zeitpunkt beschäftigen: Musik, Sport, geistige Aktivitäten, Kreativität.

Schlafverhalten der Pubertierenden:

Gerade in der Vorpubertät brauchen die jungen Menschen wieder mehr Schlaf – 9 ½ Stunden durchschnittlich. Kaum ein Pubertierender kommt auf dieses Pensum. Die Meinung der Erwachsenen: Die Jugendlichen sind selbst schuld, sie gehen zu spät ins Bett.

Schlafmanko geht aber auf die biologische Entwicklung zurück. Die innere Uhr tickt plötzlich anders, sie werden später müde. Das Schlafhormon Melatonin, wird auf einmal später in der Nacht ausgeschüttet (später als in der Kindheit und später als bei Erwachsenen). Der so wichtige Schlaf verschiebt sich in die Morgenstunden!

Da unsere Heranwachsenden früh zur Schule müssen, führt dies zu Schlafdefiziten – Einschränkung der Leistungsfähigkeit, verlangsamter Wachstumsprozess, mangelnder Stressabbau.

Als Lösung wird von den Schlafforschern ein späterer Schulanfang empfohlen.

Risikobereitschaft der Pubertierenden:

Vorgänge im Gehirn (Nucleus accumbens – Zellensammlung: Liegt tief im Gehirn hinter den Schläfen) sind an der Steuerung des Strebens nach Belohnung beteiligt, wie man heute weiß, ist dies bei Jugendlichen weniger aktiv als bei Erwachsenen. Das heißt, dass Teenager von einer höheren Klippe springen müssen, um einen gleich starken Kick zu spüren. Heranwachsende jagen dem Risiko hinterher, können es aber schlecht einschätzen. Kein Wunder, dass es damit zu Unfällen kommt. Der Adoleszente will existentiellen Herausforderungen nachspüren, durch die er seine Kräfte, Ängste, Hoffnungen, Sehnsüchte und Grenzen erfährt.

Schulische Leistungen der Pubertierenden:

Deborah Todd (Leiterin des National Institute of Mental Health):“Ich glaube das der Frontallappen bei Teenagern nicht immer voll funktioniert. Deshalb denken Jugendliche nicht über die Konsequenzen ihres Tuns nach und handeln nach unserer Einschätzung impulsiver.“

Wenn sich die schulischen Leistungen plötzlich rapide verändern, sind viele Eltern plötzlich vor den Kopf gestoßen. 2/3 aller Klassenwiederholungen passieren zwischen dem 11. und 15. Lebensjahr.

Brief S 42, Quelle: Nervenprobe Pubertät

Auszug aus einem Vortrag von Jan Uwe Rogge: S 42 – S 43 Quelle: „Nervenprobe Pubertät“

Für Eltern heißt das: Wer sein Kind zum zügigen Erledigen seiner Hausaufgabe bewegen will, sollte weiniger die abstrakten, in ferner Zukunft liegenden Nachteile (so kriegst du später nie einen Job!) als die greifbaren Vorteile (für eine 2 in Mathe, spendiere ich dir eine neue CD) betonen.

Zum Loslassen gehört, sich nicht ewig verantwortlich fühlen für das, was Kinder machen. Mit dem älter werden müssen sie einfach die Verantwortung für sich selbst übernehmen.

Weitere Kennzeichen der Pubertät:

Auch im Seelenleben vollzieht sich ein enormer Wandel. Meist wachsen Körper, Seele und Geist verschieden schnell, was logischerweise zu Problemen führt.

Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit - Angst vor allem Neuen und Unbekannten, Hinwendung zur Zeit des geborgenen Kinderlebens.

Die Jugendlich fühlen sich hin- und hergerissen zwischen diesen Polen.

Die starken körperlichen Veränderungen machen sie sehr verletzlich. Immer wieder fragen sie sich: Wer bin ich? Was soll ich? Wozu bin ich da? Bin ich attraktiv genug? Zu keiner Zeit beschäftigen sich die Menschen so sehr mit moralischen Werten und existenziellen Grundsatzfragen. Der Lebensstil der Erwachsenen wird einer scharfen Kritik unterworfen. Gesellschaftliche Normen und Werte abgelehnt.

Die Jugendlichen nehmen eine oppositionelle Haltung der Erwachsenenwelt gegenüber ein. Diese verlangen nicht nur die Hormone, in der Phase der Ablösung müssen sie weg vom Kind – Sein und von der Eltern – Abhängigkeit, sie müssen eine eigenständige Persönlichkeit entwickeln.

In dieser Phase werden Freundschaften, Gruppen, Cliquen oder Banden immer wichtiger.

Das Leben der Jugendlichen ist auch stark von der Wahrnehmung ihrer eigenen sexuellen Bedürfnisse geprägt (Selbstbefriedigung, erste Liebesbeziehungen, erste sexuelle Kontakte). Homoerotische Wunschvorstellungen oder Kontakte treten auf, was aber nichts über die lebenslangen Neigungen aussagen muss.

Der körperliche, seelische und geistige Wandel verläuft nicht bei allen Menschen gleich. Die Pubertät wird verschieden lang und verschieden intensiv erlebt.

Was nicht vergessen werden darf:

Gerade in dieser Phase, die oft geprägt ist von Müdigkeit, niederen Blutdruck, Glieder- und Gelenksschmerzen, aber auch von depressiven Verstimmungen und Lustlosigkeit, wird von den Jugendlichen ein sehr hohes Maß an schulischen Leistungen gefordert.

Das Gefühlschaos, das von Eltern oder Lehrpersonen häufig nicht erkannt oder ernst genommen wird, kann in extremsten Fällen zu Suizidfantasien führen. Aber auch psychische- und psychosomatische Auffälligkeiten (Magersucht, Bulimie, Bettnässen) treten gehäuft auf.

Psychische Unausgeglichenheit führt zu einer stärkeren Neigung sich Alkohol und anderen Drogen oder auch Sekten und radikalen Jugendgruppen zuzuwenden.

Sowohl die verfrühte Pubertät sowie die verzögerte Pubertät stellen für Jungen und Mädchen große Belastungen dar. Für Eltern betroffener Kinder kann dies nur heißen:

Verständnis zeigen, in Ruhe lassen, kein Spott!

Und auf jeden Fall sicherstellen, dass das Kind sexuell aufgeklärt ist!

Nach den Phasen der Vorpubertät, der eigentlichen Pubertät und der Nachpubertät beginnt sich die Lage zu normalisieren. Die Beziehung zu den Eltern erfährt eine neue, freundschaftliche Basis.

Nervenkiller in der Pubertät:

Hitliste der Eltern:

- Schlechte schulische Leistungen

- Schlampigkeit

- Mangelnde Mithilfe im Haushalt und Nicht – Erledigung von Pflichten

- Verletzendes Benehmen, Verschlossenheit

- Debatten um Kleidung und Äußeres

- Zu langes Telefonieren

- Übertriebener Fernsehkonsum

- Probleme rund um den Freundeskreis

- Ausgehforderungen, Taschengeldforderungen

- Rauchen, Alkohol, Drogen

- Zu früher Sex

Stoßseufzer im Originalton:

„….zu beschreiben, wie es hinter dieser Türe aussieht, verbietet mir die Scham. Schließlich bin ich mit dem Verursacher des Chaos verwandt. Ich bin seine Mutter…“

„….was hat es mich für Mühe gekostet, ihm die paar elementaren Bestandteile des Wortschatzes beizubringen. „Guten Morgen“, „Bitte“ , „Danke“, ….. Sie sind wie weggepustet aus seinem Gehirn, das einfach nicht mitwachsen wollte, als der restliche Körper in die Höhe schoss….“

„…. In keinem Buch stand, dass sich die Pubertät auf fast ein Jahrzehnt erstreckt…“

„…. Heute mit meiner 15 jährigen fühle ich mich so unsicher wie noch nie….“

„…. Bei keiner Entscheidung bin ich mir sicher, dass ich sie richtig getroffen habe - Jedes mal habe ich das Gefühl, die Konsequenzen wirken sich aufs ganze Leben aus….“

„…. Es ist wichtig, das Kind nicht jedes Mal spüren zu lassen, wie gekränkt man ist. Es bringt aber auch nichts, wortlos darüber hinweg zu gehen. Richtig beleidigen lasse ich mich nicht, aber kleine Sticheleien ignoriere ich…“

Nicht nur die Eltern sind genervt – wie es die Jugendlichen sehen:

Was sie in ihrer Situation als negativ empfinden:

- Schulstress – Leistungsdruck

- Stress mit Eltern

- Abhängigkeit von Erwachsenen – zu wenig Rechte – zu wenig Freiheit

- Probleme mit Geschwistern

- Stress mit FreundIn

- Sich unverstanden fühlen – das Gefühl haben, nicht gemocht zu werden – Außenseiter sein

- Zu wenig Freizeit

- Zu wenig Geld

- Sorge um die Zukunft

Was sie an ihren Eltern stört:

- Sie sind zu streng – sie erlauben zu wenig und verbieten zu viel

- Sie sind nicht locker genug

- Sie regen sich zu leicht auf

- Sie sind spießig

- Sie streiten ständig mit mir

- Sie verstehen mich nicht

- Sie haben an allem etwas auszusetzen (Geld, Klamotten, Lebensstil)

- Sie haben kein Vertrauen zu mir – sie trauen mir zu wenig zu – sie lassen mich nichts alleine machen – sie sind zu besorgt

- Sie bestimmen über mich – sie behandeln mich wie ein Kind

- Sie wissen alles besser

- Sie sind zu neugierig

- Sie bevorzugen Geschwister

- Sie drängen immer nur zur schulischen Leistung

- Sie benehmen sich peinlich (zu laut, zu cool, zu jugendlich)

- Sie sind geizig

- Sie legen zu viel Wert auf Ordnung und Sauberkeit

- Sie sitzen nur vorm Fernseher

Was Fachleute raten:

Wenn sich Eltern mit diesem Thema beschäftigen, werden sie mit einer Fülle von Meinungen konfrontiert. Haben sie sich gerade mühsam dazu durchgerungen, die Leine locker zu lassen, treffen sie auf einen Satz wie: „Setzen sie Grenzen! Ziehen sie die Zügle straff!“

Umgekehrt fehlt es nicht an Beispielen, die zeigen, dass jugendliche Wesen gerade wegen der Strenge der Eltern über die Stränge schlagen.

Es gibt Momente da hat man das Gefühl: Wie man es macht ist es verkehrt.

Was Mutter und Vater X für ihren Sprössling als Lösung gefunden haben, ist für Mutter und Vater Y noch nicht einmal diskutabel. Einfach weil sie bis zum Einsetzen der Pubertät so ganz anders erzogen haben.

Eines ist unbestritten: Wer nicht nur beständig im eigenen Saft schmort, wer bereit ist, die Erfahrungen und Meinungen anderer zur Kenntnis zu nehmen, sich mit diesen auseinanderzusetzen, der erfährt wertvolle Denkanregungen. Denkanregungen, die ihn weiterbringen können auf seinem ganz persönlichen Weg.

Die Gegenüberstellung folgender Ansätze will dies ebenfalls. Jeder Ansatz wird von uns nur kurz angerissen. Wer sich genauer informieren möchte, sollte in den erwähnten Buchtiteln nachlesen:

Dr. Jan Uwe Rogge:

- Familienberater, Kommunikationstrainer

„Pubertät – Loslassen und Halt geben“

Er formuliert, was Bezugspersonen Pubertierender leisten sollten:

- Halt geben.

- Sich für den Heranwachsenden mit all seinen Interessen und Bedürfnissen interessieren.

- In ihrem Verhalten durchsichtig und verlässlich sein.

- Den Heranwachsenden respektieren, aber auch Respekt von ihm einfordern.

- Den Heranwachsenden so annehmen, wie er ist.

- Konsequent, verlässlich und vorhersagbar handeln.

- Die Persönlichkeit des Jugendlichen nicht durch den Einsatz von Strafe und Willkür missachten.

Rogge weist darauf hin, dass Pubertät sich immer anders zeigt, als Eltern es sich denken. Dass Pubertätsverläufe typen– und temperamentsbedingt höchst verscheiden sein können.

Jugendliche negativ abzustempeln ist genauso falsch, wie für jede Grenzverletzung Nachsicht entgegen zu bringen. Man muss sich teils in ihre unverständlichen Aktivitäten hineinversetzen und diese manchmal als Ausdruck von Pubertätskrisen deuten. Überaus wichtig ist es, die persönliche

Würde des jungen Menschen zu respektieren. Erwachsene sollen in Konfliktfällen zu verstehen geben: Dich mag ich. Aber dein Handeln fand ich nicht in Ordnung.

Rogge plädiert dafür, den Jgdl. Vertrauen entgegen zu bringen, ihnen Mut zu machen, eigene Wege zu finden. Er hält es für wichtig, ihnen Grenzen zu setzen. Grenzen, die nichts mit Einengung, Bevormundung, Macht und Willkür zu tun haben, sondern Grenzen, die der Orientierung des Jgdl. dienen, an denen er sich reiben kann. Da dieses Sich-Reiben auch mit Zorn und Streit einhergehen kann, zögern viele Eltern heutzutage, eine klare Haltung einzunehmen. Sie sehen partnerschaftliche Erziehung und das Setzen von Grenzen als Widerspruch, womit das Bedürfnis des Jgdl. nach Halt aber nicht befriedigt wird. Meist sind die Folgen gerade dann endloses Gerede od. auch beleidigtes Schweigen.

Drei Grundgedanken ziehen sich durch Rogges Buch:

- Alle Erwachsenen, die mit Pubertierenden zu tun haben, sollten sich um eine Erziehungsbeziehung zu diesen bemühen, sollten sich nicht aus dieser zurückziehen, denn dieses hieße die Jgdl. allein zu lassen.

- Auch wenn sich die Kommunikation als noch so schwierig erweist, sollte man im Gespräch bleiben, sollten Erwachsene versuchen, Normen und Werte zu vermitteln. Oberstes Gebot: gegenseitiger Respekt!

- Während der Pubertät sind auch die Eltern in Bewegung, ja, das gesamte Familiensystem pubertiert

Und ein vierter noch: Humor ist wichtig und kommt in der Erziehung oft zu kurz!

Eltern, die Angst vor Erziehungsfehlern haben, spricht er doppelt Trost zu: Nach Rogges Ansicht wirken sie sich nur schädlich aus, wenn sie – in Missachtung der Bedürfnisse der Heranwachsenden – auf Dauer und gleich bleibend begangen werden. Zum anderen bieten Fehler, zu denen sich die Eltern bekennen, den Pubertierenden die Chance, am Beispiel ihrer nicht perfekten Eltern zu erleben, wie man aus Fehlern lernen kann.

Jesper Juul:

- Familientherapeut

„Das kompetente Kind“

Ursache der Konflikte, ist laut Juul nicht die Pubertät selbst, sondern die fehlende Fähigkeit und der mangelnde Wille der Eltern, ihrem Kind als dem einzigartigen und selbständigen Menschen zu begegnen der es zu werden beginnt – dem einzigartigen und selbständigen Menschen, wie er sich aus der DNA – Struktur plus den familiären und kulturellen Einwirkungen entwickelt hat.

Juul interpretiert Erziehung immer als kontrollierend, regulierend und besserwisserisch. Er räumt ein, dass kleine Kinder daraus sehr wohl Geborgenheit und Sicherheit gewinnen. Heranwachsende aber erleben genau dies als unangebrachte Einmischung, als Kritik und Unterschätzung, kurz: als Entmündigung.

Nach seiner Ansicht ist es in der Pubertät schlicht zu spät Kinder zu erziehen. Wenn Jugendliche signalisieren „Halt dich da raus!“, tun sie dies nicht mit dem Ziel der Revolte, sondern um zu zeigen, dass jetzt Zeit für die Eltern ist, sich zurückzuziehen.

Was Jugendliche so empört auf besserwisserische Erziehungsversuche reagieren lässt, sind folgende zwei Botschaften, die in diesen enthalten sind:

- Erste Botschaft: Ich weiß, was gut für dich ist.

- Zweite Botschaft: Ich bin nicht zufrieden mit dir, wie du bist.

Juuls Rat deshalb ganz radikal: Zu diesem Zeitpunkt ist es das Beste, was Eltern für sich selbst, für andere und für die Jugendlichen tun können, sich zurück zu lehnen und das Resultat der Anstrengungen der vergangenen Jahre zu genießen.

Uns sollten sie nicht ganz von dem begeistert sein, was sie sehen und erleben, so müssen sie dennoch versuchen, es zu genießen!

Laut dem Familientherapeuten brauchen Jugendliche weiterhin und für den Rest ihres Lebens Eltern, die voll und ganz hinter dem Versuch ihrer Kinder stehen, sie selbst zu werden und sich selbst kennen zu lernen.

Dass viele Eltern genau zu diesem Zeitpunkt ihre Erziehungsbemühungen intensivieren, stellt für ihn den unsinnigen Versuch einer Last Minute Erziehung dar. Sie sind so sehr daran gewöhnt, von sich selbst Aktivität zu verlangen, dass es ihnen unverantwortlich erscheint, sich zurück zu lehnen und sich an dem jungen Menschen im Guten wie im Bösen zu erfreuen.

Auf ein Übel weist er besonders hin: Die Sprache der Eltern ihren Kindern gegenüber!

Juul rät den Eltern: Wenn ich diesen Konflikt mit meinem/r besten FreundIn hätte, wie würde ich mich dann ausdrücken. Dahinter steht: prinzipiell Respekt vor der Souveränität eines anderen Menschen auszudrücken und die 10 sec Pause in den Dialog einzubauen, die oftmals entscheiden, ob die Initiative als Kränkung erlebt wird oder als Einladung zu einem Dialog.

Für den Schmerz der Eltern hat er durchaus Verständnis. Immerhin erleben sie einen herben Verlust gleich mehrerer Dinge: Verlust von Nähe, Verlust von Macht und Kontrolle, Verlust von Vertrautheit. Anstatt dagegen anzukämpfen, sollten die Erziehenden sich damit arrangieren, in Zukunft als „Eltern im Hinterland“ zur Verfügung zu stehen: nicht mehr als erziehende und kontrollierende Eltern, sondern als liebvolle und fürsorgliche Zeugen des Lebens ihrer Sprösslinge!

Das zu lernen, dauert für gewöhnlich einige Jahre, dafür braucht man das auch in den nächsten 40 Jahren.

Eltern sind so etwas wie die Kapitäne eines Schiffes: Ob sie sicher in den Hafen gelangen und einer Meuterei entgehen, hängt davon ab, wie verantwortlich sie ihre Macht ausüben und wie willig sie sind, Tempo und Kurs zu korrigieren, je nach Beschaffenheit von Wind und Besatzung. 238

Dr. Jirina Prekop

                                             - Psychologin

Aus einem Vortrag: „Wie begleite ich mein Kind in schwierigen Phasen, im Trotzalter, in der Pubertät“

Die drei großen V`s:

- Vorbild

- Verständnis

- Vertrauen

Für sie ist das große Thema des Jugendlichen:

Wer bin ich eigentlich – und wer seid ihr?

Das Vorbild wird auf den Kopf gestellt und das muss laut Prekop so sein!

Nur dann kann ein eigenes Selbst – und Weltbild aufgebaut werden, wenn das Selbst- und Weltbild der Eltern angezweifelt wird. Prekop rät: Jetzt die Erziehung auf ein Minimum zu reduzieren!

Das Kind wird sonst das Gegenteil dessen tun, was man erreichen will.

Was ihnen nicht gefällt, sollten die Eltern ihrem Kind schon sagen. Die Jugendlichen sollen den Widerstand spüren, aber sie sollen nicht gegen das Kind kämpfen. Motto sollte sein: Ich halte es mit dir durch, wenn es dir gefällt.

Wichtig in dieser Phase:

Den Humor nicht verlieren, aber das Kind nicht auslachen!

Prekops Fazit: Was Eltern bis zur Pubertät erzieherisch nicht erreicht haben, können sie bleiben lassen! Sie können nur warten und beten dass alles gut geht.

Einen Päventivtipp hat Prekop für die Eltern, die die Pubertät ihrer Kinder noch vor sich haben: Da das Vorbild der Eltern in der Pubertät nicht mehr wirkt, sollten Eltern rechtzeitig für andere Vorbilder sorgen, z.B. Trainer, Gruppenleiter,…

Wobei mit Vorbildern hier keine fehlerlosen Menschen gemeint sind, sondern Menschen, die gute Eigenschaften haben, die sich bemühen, die nicht aufgeben, die sozial sind.

Das Kind wird jetzt auch von anderen erzogen, was laut Prekop wichtig und richtig ist.

Für äußerst wichtig hält sie, dass Eltern Verständnis haben:

„Du machst ein schwieriges Alter durch. Du wirst sicher Fehler machen. Das gehört dazu. Du gehst deine eigenen neuen Wege. Aber du darfst immer zu mir kommen. Ich werde zu dir halten, du kannst bei mir Kraft tanken. Ich werde dich unterstützen und beraten.“

Wenn ein Kind z. B. beim Ladendiebstahl mit Freunden erwischt wird, ist es grundfalsch, wenn Vater oder Mutter zu ihm sagen: „Ich habe dir schon immer gesagt, dass deine Freunde nichts taugen. Du hörst nie auf mich. Jetzt hast du es.“

Wenn sich Eltern so über ihr Kind erheben, es klein machen, es quasi auslachen, verlieren sie sein Vertrauen.

Auch wenn sie den Ladendiebstahl selbstverständlich nicht gutheißen können, müssen sie sich einfühlen und ihm dies auch zeigen: „ Ich sehe selber, dass es dir leid tut und du dich schämst. Es ist

ja auch etwas Schlimmes passiert. Aber ich weiß, du wirst es nicht noch einmal machen. Das Vertrauen gebe ich dir.“

Eltern müssen Vertrauen also im Voraus schenken. Wenn sie sagen: „Ich schäme mich für dich. Jetzt bist du ein Dieb“, dann bleibt es das Kind auch. Die Eltern müssen an den guten Kern in ihrem Kind glauben. Sie sollten sagen: „Auch ich mache Fehler, auch mit dir mache ich Fehler. Selbstverständlich darfst auch du Fehler machen. Ich achte mich trotz der Fehler ja auch, also achte ich dich ebenfalls. Ohne Fehler geht’s nun mal nicht.“

Jirina Prekop zieht den Schluss: Je mehr Eltern erziehen, umso mehr spornen sie ihr Kind zu Widerstand an. Sie sollten sich die Nerven sparen. Irgendwann wird das Kind – gewissermaßen nach einer Zeit der Gärung – vernünftiger und achtet die Eltern wieder.

 

Cheryl Bernard und Edit Schaffer:

- Sozialwissenschaftlerinnen in Wien

„Einsame Cowboys – Jungen in der Pubertät“

Sie beklagen in ihrem Buch, dass Jungen viel zu früh sich selbst überlassen und vor allem von den weiblichen Erziehenden quasi im Stich gelassen werden – aus Angst, die Söhne zu verweichlichen.

Auch männliche Erzieher ziehen sich emotional von den heranwachsenden Jungen zurück. Dabei – so die Ansicht der beiden Autorinnen – bräuchten gerade auch Jungen Unterstützung beim Thema „Gefühle und Ausdrucksmöglichkeiten“. Der herrschenden Meinung, in der Pubertät bräuchten Jungen besonders männliche Erzieher, widersprechen sie vehement. Gerade heute seien Frauen sehr wohl in der Lage, männliche Wesen zu erziehen. Sie können gerade dafür sorgen, dass aus den jungen männlichen Wesen keine Machos werden, sondern dass sie ihrer Persönlichkeit treu und auch als Erwachsenen weich und menschlich zugänglich bleiben, kurz: dass sie zu beziehungsfähigen Männern werden.

Dr. Max H. Friedrich

- Kinder- und Jugendneuropsychiater aus Wien

„Irrgarten Pubertät – Elternängste“

Für ihn ist das Jugendlichenalter ein einziger großer Suchprozess, das Betreten eines Irrgartens, in dem viele Wege und Umwege beschritten werden, bis schließlich der Ausgang gefunden wird.

Zu den Unsicherheiten, Ängsten und Schuldgefühlen, mit denen sich die Eltern Pubertierender häufig herumschlagen, schreibt Friedrich etwas sehr Tröstliches:

„Aus meiner jahrzehntenlangen Arbeit mit Kinder und Jugendlichen und deren Eltern wage ich zu behaupten, dass Eltern grundsätzlich an Fehlverhalten von Kindern nicht Schuld tragen. Die Gesellschaft macht es sich mit derartigen Schuldzuweisungen oft zu leicht. Dabei wird meist von einem vorsätzlichen Fehlverhalten der Eltern ausgegangen. Ich selbst hab nie erlebt, dass Eltern ihre Kinder vorsätzlich und bewusst geschädigt haben, in dem sie absichtlich negative Einflüsse auf ihr Kind ausübten. Ich habe ungeschickte, fehl- und irregeleitete Eltern kennen gelernt. Ich habe unflexible, extrem autoritäre, in ihrer Erziehungshaltung starre Eltern erlebt. Bewusst verletzende, planvoll zerstörende habe ich nie getroffen. Jene Eltern die ihre Kinder negativen Einflüssen aussetzen, folgen letzten nur jenen Erziehungsstilen, die ihnen selbst vorgegeben wurden, sei es auf

Grund ihrer eigenen Erziehung oder ihrer Ohnmacht, die es verhindert, sich angemessen orientieren zu können.“

Vieles, was Eltern als Katastrophe ansehen, ist halb so schlimm. „Es gibt sich“, wie man so schön sagt.

Manchmal wird tatsächlich übersehen, dass sich da etwas in die falsche Richtung entwickelt, dass etwas schief gelaufen ist. Auch wenn Eltern zu dieser ernüchternden Erkenntnis kommen, besteht kein Grund zu verzweifeln. Wirklich zu spät ist es (fast) nie.

Wenn Eltern merken, dass etwas schief gelaufen ist:

Das Ruder doch noch herumzureißen, gelingt allerdings nur dann, wenn Eltern ihre Augen nicht verschließen. Wenn sie sich eingestehen, wie die Lage ist, ohne sie vor sich selbst oder anderen schön zu reden. Wenn sie also sagen: „Ja, mein Kind ist nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen.“ Oder: „Ja, mein Kind hat sich zum Tyrann entwickelt.“ Oder: „Ja, mein Kind ist in Gefahr, seelisch krank oder drogenabhängig oder kriminell zu werden. So weh mir das tut, ich sehe es, und ich versuche etwas dagegen zu unternehmen. Ich bin aus diesem Grund auch bereit, an mir selbst und meinem Verhalten zu arbeiten. Und ich bin bereit, professionelle Hilfe anzunehmen, wenn ich selbst nicht mehr weiter weiß.“

Wenn Eltern in dieser Art guten Willen zeigen, haben sie echte Chancen auf Erfolg.

Wenn Heranwachsende keine Verantwortung übernehmen:

Artikel: „Teenager in der Familie – die Verantwortung der Kinder“ aus der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“

Jesper Juul: Wenn der pubertierende Sprössling nicht bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, dann deshalb, weil es die Eltern all die Jahre nicht zugelassen haben, dass das Kind sie übernimmt, weil sie ihnen die Verantwortung abgenommen haben. Wenn es soweit gekommen ist, dass der Teenager seine Hausaufgaben nicht eigenverantwortlich erledigt, sein Zimmer nicht eigenverantwortlich in Ordnung hält, nicht eigenverantwortlich zu Bett geht und morgens aufsteht, dann … nein, dann ist es nicht zu spät. Aber nun ist die letzte Chance daran etwas zu ändern. Juul rät, dem Heranwachsenden klar und deutlich zu sagen: „Wir, die Eltern haben den Fehler gemacht, in all den vergangen Jahren die Verantwortung für dich und deine Angelegenheiten zu übernehmen. Wir sehen jetzt ein, dass das falsch war und werden damit aufhören. Wir wissen, dass es für dich schwierig sein wird, aber wir glauben, dass du es schaffen wirst. Wir werden vermutlich immer wieder rückfällig werden und uns in deine Belange einmischen. Sei dann bitte nachsichtig mit uns. Für uns ist es vermutlich noch schwieriger als für dich.“

Juul betont, dass Eltern ihre eigenen Worte finden müssen – und dass sie dem Kind keine Schuld an der Misere geben dürfen. In dem sie auf diese Weise die Verantwortung auf sich nehmen, tun sie gleich etwas, was in der Erziehung überaus wichtig ist: Nämlich ein gutes Vorbild sein!

Wenn Heranwachsende ihre Umgebung terrorisieren:

„Endstation Schlaraffenland – Was tun, wenn Jugendliche ihre Eltern terrorisieren“

Der Erziehungswissenschaftler Holger Wyrwa beschreibt, dass Jugendliche, die sozusagen als Schlaraffenlandkinder groß geworden sind, gerade in der Pubertät dazu neigen, ihre Eltern gnadenlos zu terrorisieren. Und zwar gerade dann, wenn die Eltern ihre Kinder sehr lieben und deshalb bereit sind, sehr viel in Kauf zu nehmen. Laut dem Kinder- und Jugendpsychotherapeut ist das Selbstbild der Schlaraffenlandjugendlichen folgendes:

- Ich bin mehr wert als meine Mutter, mein Vater, andere Menschen

- Mein Vater, meine Mutter aber auch andere müssen immer Rücksicht auf mich nehmen.

- Ich selbst brauche auf niemanden Rücksicht nehmen.

- Ich bekomme alles was ich will.

- Ich muss mich nicht anstrengen, um etwas zu bekommen.

- Ich bin mächtig.

Diese Mentalität ist nicht für Eltern schwer bis gar nicht zu ertragen, sondern treibt auch die Jugendlichen selbst in die Sackgasse, lässt sie geradezu scheitern. Sichtbar kann dieses Scheitern in Form von Konzentrationsschwäche, Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit, Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Bequemlichkeit werden.

Da dies bereits in der Persönlichkeitsstruktur verankert ist, ist es schwer gegen diese Mentalität etwas auszurichten – aber durchaus möglich.

Er empfiehlt ein Sieben – Punkte – Programm zur Einstellungsveränderung der Eltern, daran anschließend den Weg der Kooperation und – wenn dieser Weg nichts nützt – den Weg der Konfrontation. Einige grundlegende Thesen von Wyrwa, die sich speziell an Mütter richten:

- Lieben sie ihr Kind bedingungslos, aber nicht grenzenlos.

Knüpfen sie an ihre Liebe keine Bedingungen, aber erlauben sie ihren Kindern

nicht sie als Dienstmarkt zu missbrauchen. Setzen sie klare Grenzen. Kinder

können und müssen mit der Begrenzung ihres Handelns leben. Gegenseitige

Rücksichtnahme ist eine wichtige Voraussetzung für das Zusammenleben

zwischen Menschen.

- Kinder sind nicht hilflos, aber sie erscheinen oft so, wenn sie an bestimmten Dingen kein Interesse haben. Kinder wissen ganz genau, dass sie sich nur ungeschickt anstellen müssen, damit die Mutter alles für sie erledigt.

- Lassen sie sich nicht von ihrem Kind beleidigen und demütigen, nur weil sie fälschlicherweise denken, dass sie es nicht so meinen. Kinder wissen schon sehr früh, was eine Beleidigung ist

und wie sehr eine solche verletzt. Drohen sie ihnen Konsequenzen an, wenn sie sie weiter beleidigen. Sie dürfen sich ein solches Verhalten nicht bieten lassen.

- Zeigen sie ihren Kindern gegenüber ein durchgehend konsequentes Verhalten. Wenn sie eine Entscheidung getroffen haben, bleiben sie dabei. Nehmen sie eine Entscheidung nicht zurück. Dies macht sie unglaubwürdig und ihr Kind lernt daraus, dass man sie lediglich nur unter Druck setzen braucht, um doch den eigenen Willen durchzusetzen.

- Achten sie auf ihre eigene Lebensqualität. Sie tun ihrem Kind nichts Gutes, wenn sie ihnen fast jeden Wunsch erfüllen. Auch sie haben ein Recht auf die Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Nur so lernen Kinder, dass Mütter nicht ihre Bediensteten sind, sondern Menschen, denen man mit Respekt begegnen muss.

Wenn Jugendliche nicht bereit sind, Rücksicht auf die Bedürfnisse der Eltern zu nehmen und sie zu respektieren, wird geraten, ihnen – nach einem letzten Gesprächsversuch – gezielt Vergünstigungen zu entziehen und nichts mehr für die Kinder zu übernehmen, was diese selbst erledigen können (Telefon sperren, nicht mehr zu Orten führen, welche die Kinder selbst erreichen können, …). Nur wenn Jugendliche ganz konkret die Erfahrung machen, dass sie ihre Eltern nicht ausnutzen können, ohne dafür Konsequenzen zu erleiden, werden sie auf Dauer ihre rücksichtslose Haltung verändern.

Veränderung braucht Zeit. Manchmal kann es Wochen oder Monate dauern, bis sich ein Verhalten positiv verändert. Einmal – Aktionen oder nur halbherziges Vorgehen haben keine Wirkung.

Kriminalität, Drogenmissbrauch und Ähnliches:

„ Das kompetente Kind“ Jesper Juul

Drei Dinge rät er betroffenen Eltern:

- Die Jgdl. mit Schuldgefühlen, Selbstvorwürfen und Vorwürfen nicht behelligen, sondern diese Gefühle miteinander und mit anderen Erwachsenen teilen und sie so weit wie möglich ausräumen.

- So direkt und persönlich sein, wie es zu diesem Zeitpunkt möglich ist, und auf keinen Fall die Rolle des Therapeuten, der Polizei, des Richters oder Pfarrers übernehmen.

- Die Verantwortung übernehmen, dass die ganze Familie Hilfe erhält, sei es durch einen guten Freund, durch einen Lehrer, Pfarrer oder professionellen Familien- oder Drogentherapeuten.

Eltern sind nicht in der Lage, zu über- oder zu durchschauen, welche destruktiven Prozesse in ihrer eigenen Familie ablaufen oder abgelaufen sind. Dabei ist es enorm wichtig, die Verantwortung zum einen für das Vorhanden sein dieser destruktiven Prozesse zu übernehmen, zum anderen aber auch für eine konstruktive Veränderung.

XXX

Ein einfaches Rezept, sichere Ratschläge – so etwas gibt es NICHT.

„Ratschläge sind auch Schläge“

Was man aber sagen kann: In dem Moment, wo der Eigensinn des Menschen, der eigene Sinn also, aus Rücksicht auf andere zurückgestellt wird, besteht die Gefahr einer ungesunden Entwicklung. Wenn ein Mensch seinem eigenen Sinn nicht mehr trauen darf, führt dies zu verzerrten Wahrnehmungen, die das Risiko des Pathologischen deutlich. Zu krankhaften Erscheinungsformen kommt es, wenn beiden Seiten das Zuhören verlernt haben, wenn die familiäre Kommunikation gestört ist.

Gespräche mit Mitarbeitern von Jugendämtern ergaben folgendes Bild:

- Viele Jugendliche zwischen 14 und 18 trinken regelmäßig Alkohol.

- Insgesamt probiert wohl jeder zweite Jgdl. Drogen.

- Jugendliche neigen heute allgemein dazu, sehr vieles auszuprobieren.

- Sie leben zur Teil in einer Welt, die ihren Eltern fremd ist.

- Sie tricksen ihre Eltern aus, spielen zu Hause den braven Sprössling und lassen es draußen krachen.

Rat an die Eltern: Professionelle Hilfe annehmen, wenn sie sich selbst hilflos fühlen.

Die Nervenprobe bestehen…..

Was der Zitatenschatz so hergibt:

„Es ist ein großer Vorteil im Leben, die Fehler, aus denen man lernen kann, möglichst frühzeitig zu machen.

Winston Churchill

Hast du einen jungen Menschen davor bewahrt, Fehler zu machen, dann hast du ihn auch davor bewahrt, Entschlüsse zu fassen.

John Erskine

Man liebt einen Menschen nicht wegen seiner Stärken, sondern trotz seiner Schwächen.

Volksgut

Jedes Kind, das etwas taugt, wird mehr durch Auflehnung als durch Gehorsam.

Sir Peter Ustinov

Wer in der Jugend nicht revolutionär, im Erwachsenenalter nicht evolutionär ist – der kann oder will nichts verbessern.

Willy Brandt

Jugend ist wie ein Most. Der lässt sich nicht halten. Er muss vergären und überlaufen.

Martin Luther

Eine gewisse Reibung zwischen den Generationen ist unvermeidlich, denn die Jugend und die Alten wähnen sich im Besitz der Antworten, und das Mittelalter hat die Fragen am Hals.

Aus den USA

Die Jugend will, dass man ihr befiehlt, damit sie die Möglichkeit hat, nicht zu gehorchen.

Sartre 244

Kinder und Uhren dürfen nicht beständig aufgezogen werden. Mann muss sie auch gehen lassen.

Jean Paul

Jungen Leuten ist Freude und Ergötzen so vonnöten wie Essen und Trinken.

Martin Luther

Ein paar kluge und wohltuende Ansichten von Fachleuten:

Um unabhängig und selbständig zu werden, muss sich der Jugendliche von den Eltern als seinen wichtigsten Liebesobjekten lösen…

Demonstrative Aufsässigkeit und Rebellion gegen die bisherigen Normen kann vorkommen und ist als „gesund“ einzuschätzen…

Grundsätzlich gilt: Je enger das Verhältnis zwischen Kind und Eltern war, desto stürmischer der Trennungskampf…

Dr. Ingomar D. Mutz und Dr. Peter J. Scheer

Das Schlimmste für ein Kind wären total perfekte Eltern. Eltern die nie Fehler machen, die „heilig“ sind. Das Kind könnte keinen Widerstand leisten. Es könnte sich nie verstanden fühlen von seinen Eltern.

Jirina Prekop

Wenn sie ihr Kind mit dem anderer Eltern vergleichen und vielleicht den Schluss ziehen, die hätten ihrs viel besser hingekriegt, bedenken sie folgendes:

Jede Familie, die von Zuwendung und gutem Bemühen getragen wird, ringt um die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit, Anpassung an die Familienwerte und Selbstbestimmung. Wenn die mehr auf liberale, partnerschaftliche Erziehung setzen, wenn sie also seitens ihrer Kinder Eigenständigkeit höher als Gehorsam schätzen, dann kann es zwar passieren, dass die Kinder während der Pubertät überfordert sind, dass es Krisen gibt, aber langfristig gesehen haben solche Kinder weitaus mehr Möglichkeiten, sich zu entfalten. Wenn Eltern stark lenken, einschränken, nur ihre Wertvorstellungen gelten lassen, dann wirken die Kinder zwar während der Pubertät sehr gefestigt, sehr stabil, aber ihre Möglichkeiten, sich zu entwickeln, sind beschränkt. Überanpassung und Identitätsverlust können zu einem Verlust persönlicher Freiheit führen.

Mary Pipher

Und noch ein paar Tipps von Eltern:

„Mir hilft, wenn ich mal wieder in einer solch negativen Stimmung bin, alte Kinderfotos meines Sohnes anzusehen. Dann spüre ich wieder, wie lieb ich ihn habe und dass er mich auch jetzt noch braucht – auch wenn er das vermutlich nie so zugeben würde….“

„Ich sage mir halt zum Trost und um mich selber aufzubauen: Es liegt nicht an mir. Es sind die Hormone. Es wird schon vorbeigehen.

Und außerdem:

Ich gebe mein Bestes. Wenn das nicht gut genug ist, kann ich auch nichts machen, so leid es mir tut.“

„Wenn ich mir meinen Sohn und einige seiner Freunde so ansehe, denke ich immer wieder:

Gerade jetzt wo sie vor Kraft strotzen und diese viel lieber in körperliche als in geistige Arbeit stecken würden, werden so hohe geistige Anforderungen seitens der Schule an sie gestellt. Wie schön wäre es, sie könnten erst einmal arbeiten, bis sie geistig und seelisch wieder in der Lage sind, die Schule zu 245

bewältigen. Wie schön wäre es, sie könnten dies tun, ohne gleich ihre schulische Laufbahn damit zu gefährden…“

„Was mir in all den schwierigen Jahren wirklich geholfen hat, war der Kontakt und Erfahrungsaustausch mit anderen Eltern, die mit ihren Kindern ähnliche Probleme hatten wie ich. Nicht allein mit meinen Sorgen dazustehen, tat einfach gut und gab mir das Gefühl, vielleicht doch nicht alles falsch gemacht zu haben. Eltern mit Vorzeigekindern, bei denen alles klappte, habe ich in dieser Zeit eher gemieden. Es hat mir damals einfach zu weh getan, immer wieder daran erinnert zu werden, dass Jugendliche auch durch die Pubertät gehen können, ohne ihren Eltern Probleme zu bereiten. Solche Eltern strahlen ja oft eine gewisse Selbstzufriedenheit aus, so nach dem Motto: < Wenn man die jungen Herrschaften nur richtig erzieht, dann klappt das auch>. Rückblickend betrachtet, hat sich das mit diesen Kindern oft gar nicht so toll weiterentwickelt. Aber wenn man drin steckt, fehlt einem halt der Überblick…“

Grundsätzliches

Was will das Jugendschutzgesetz?

Das Jugendschutzgesetz bestimmt nicht nur deine Rechte und Pflichten als junger Mensch. Es bestimmt auch die Verantwortlichkeit von Eltern und Erziehungsberechtigten sowie von UnternehmerInnen und VeranstalterInnen. Es legt Grenzen fest, an denen sich ALLE, ob Jugendliche oder Erwachsene, orientieren müssen. Es bestimmt auch die Verantwortlichkeit von Eltern und sonstigen Erziehungsberechtigten. Innerhalb dieses Rahmens sollst du als junger Mensch unter 18 dir deine Regeln mit den Erwachsenen aushandeln, Vereinbarungen treffen, deine eigenen Entscheidungen fällen und selbstbestimmt handeln.

Begriffsbestimmungen

Das Jugendschutzgesetz betrifft junge Menschen bis zum 18. Geburtstag. Wenn du verheiratet, Zivildiener oder Angehörige/r des Bundesheeres bist, gilt für dich dieses Gesetz nicht - mit Ausnahme der Bestimmungen über Rausch- und Suchtmittel. ...bis zum 18. Geburtstag, außer du bist schon verheiratet, beim Bundesheer..... Erziehungsberechtigte sind Eltern sowie sonstige Personen und Institutionen wie etwa Jugendorganisationen die die Aufsichtspflicht haben. Begleitpersonen sind Erziehungsberechtigte oder Personen über 18 Jahre, denen die Aufsicht über junge Menschen von den Erziehungsberechtigten fallweise anvertraut oder übertragen wurde, sowie Personen, denen im Rahmen einer Jugendorganisation junge Menschen anvertraut worden sind (Rote Falken, Jungschar, Pfadfinder, etc.). Allgemein zugängliche Orte sind insbesondere öffentliche Straßen, Plätze und öffentliche Verkehrsmittel (z.B. Straßenbahn) sowie Gaststätten und sonstige Lokale, sofern für deren Besuch nach diesem Gesetz nicht spezielle Vorschriften gelten. Öffentliche Veranstaltungen sind Veranstaltungen, die allgemein zugänglich sind und nicht von vornherein auf einen in sich geschlossenen und nach außen abgegrenzten Personenkreis beschränkt sind. Nicht als öffentliche Veranstaltungen gelten die der Religionsausübung dienenden Handlungen.

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Altersnachweis

Es ist wichtig, dass du einen Lichtbildausweis - auch zu deinem Schutz - bei dir hast, um ihn der Polizei oder bei Veranstaltungen oder beim Kauf von bestimmten Dingen vorweisen zu können. Dafür eignet sich ein Personalausweis oder ein Schülerausweis.

Ausgehzeiten

Bis zu deinem 14. Geburtstag darfst du zwischen 5 und 22 Uhr unterwegs sein und Veranstaltungen besuchen. Vom 14. bis zum 16. Geburtstag zwischen 5 und 1 Uhr.

Außerhalb dieser Zeiten darfst du mit einer Begleitperson unterwegs sein, oder wenn du einen triftigen Grund angeben kannst (zB Heimweg). Ab deinem 16 Geburtstag gibt es keine gesetzliche Beschränkung, aber bis zu deinem 18 Geburtstag dürfen dir deine Eltern oder Erziehungsberechtigten vorschreiben, wann du heim kommen sollst. Das Gesetz setzt hier Maximalgrenzen fest. Innerhalb dieser Grenzen kannst du mit dir selbst oder mit deinen Erziehungsberechtigten individuell Regelungen treffen. Was für dich o.k. ist, sollten nur du und deine Eltern/Erziehungsberechtigten miteinander klären

Alkohol, Tabak und andere Rausch- und Suchtmittel

Tabakwaren - also auch Zigaretten - und Alkohol darfst du erst ab deinem 16. Geburtstag konsumieren. Im Gesetz sind also auch hier absolute Grenzen festgelegt, die aber sicher nicht bedeuten, dass du schon mit 16 Alkohol trinken oder rauchen sollst.

Alkohol und Nikotin sind zweifelsohne Suchtmittel, deren Konsum körperlich und psychisch riskant sein kann. Überlege dir also genau ob du Alkohol und Tabak überhaupt konsumieren willst und wenn ja, in welchen Situationen, wie viel davon, weshalb und mit wem. Unabhängig von deinem Alter ist natürlich auch der Erwerb und Besitz (egal ob gekauft, getauscht, geschenkt oder gefunden) von illegalen Drogen gesetzlich verboten.

Zu den illegalen Drogen zählt auch Cannabis (Haschisch und Marihuana). Du verstößt also auch beim Besitz kleinster Mengen (z.B. 0,1 g Cannabis) gegen das Gesetz und kannst dadurch in große Schwierigkeiten und unangenehme Situationen geraten.

Verbotene Orte

Sexlokale, Peepshows und Swinger-Klubs darfst du nicht betreten. Hier will das Gesetz, dass du deine persönlichen Wege zur Sexualität selbst finden kannst.

Auch Branntweinschänken, Wettbüros und reine Glücksspiellokale, wo Geld als Gewinn ausbezahlt wird, darfst du nicht betreten.

Erst ab deinem 14. Geburtstag darfst du dich in Spielhallen aufhalten, in denen mehr als zwei Glücksspielapparate aufgestellt sind. An Glücksspielautomaten darfst du nicht spielen, egal wo sie stehen. Glücksspielautomaten sind solche, bei denen du Geld gewinnen kannst.

Spielsucht ist eine unbemerkt weitverbreitete Krankheit, die deine Existenz gefährden kann. Daher schützt dich das Gesetz vor jenen, die daraus Profit schlagen wollen.

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Jugendgefährdende Medien, Datenträger, Gegenstände und Veranstaltungen

Medien, Datenträger, Gegenstände die besonders brutal, rassistisch oder pornografisch sind darfst du nicht erwerben, besitzen, verwenden und weitergeben und sie dürfen dir auch nicht angeboten werden.

Das gleiche gilt auch für Veranstaltungen dieser Art. Das Gesetz will dir Zeit verschaffen, um zu erkennen, wie soziales Zusammenleben unter Wahrung der Menschenrechte stattfinden kann. Es will vermeiden, dass du dich an falschen Vorbildern orientierst. Auch hier schützt es dich vor jenen, die aus diesen Produkten Profit schlagen.

Strafen und sonstige Maßnahmen

Alle Verantwortlichen, also du, deine Erziehungsberechtigten und Begleitpersonen, UnternehmerInnen und VeranstalterInnen sowie die zuständige Behörde müssen dafür sorgen, dass das Jugendschutzgesetz eingehalten wird. Innerhalb dieser Grenzen kannst du dir mit deinen Erziehungsberechtigten oder Begleitpersonen deine persönlichen Regelungen vereinbaren. Wo dir keine engeren Grenzen gesetzt werden, da entscheide selbst, was für dich gut ist. Wenn du als junger Mensch bis zum Alter von 18 Jahren das JSG übertrittst dann:

• kannst du verwarnt werden

• zu einem Informationsgespräch aufs Jugendamt geladen werden.

• Wenn das alles noch immer nichts nützt wirst du zur Kassa gebeten: bis zu 200 Euro Wenn UnternehmerInnen das JSG übertreten dann:

• können sie verwarnt werden

• müssen sie bis zu 15.000 Euro Strafe zahlen.

• Zahlen sie nicht, müssen sie Ersatzhaft antreten. Erziehungsberechtigte und Begleitpersonen können:

• verwarnt werden

• bis zu 700 Euro Strafe zahlen

• Zahlen sie nicht, müssen sie Ersatzhaft antreten.

Zuständigkeit

Das JSG wird von der Polizei überwacht. Strafen werden vom Bezirksamt ausgesprochen.

LITERATURHINWEISE

Pubertät ist, wenn Eltern schwierig werden.

Tagebuch einer betroffenen Mutter

Verlag: Herder

Die härtesten Jahre…oder wie man die Pubertät überlebt.

Verlag: Ueberreuter

Pubertät? Kein Grund zur Panik

Ein Buch für Töchter, Söhne, Mütter und Väter.

Verlag: Mosaik

Weil ich ein Mädchen bin.

Stark und selbstbewusst durch die Pubertät

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Verlag: Walter

Jungen! Wie sie glücklich heranwachsen

Warum sie anders sind- und wie sie zu ausgeglichenen, liebevollen und fähigen Männern werden.

Verlag: Beust

Hilfe- mein Kind ist in der Pubertät

Die wichtigsten Fragen und Antworten für Eltern

Verlag: Urania

Pubertät heute

Lebenssituationen- Konflikte- Herausforderungen

Verlag: Kösel

Die Lebensweisheit der 15- jährigen

Warum unsere Jugend besser ist als ihr Ruf

Verlag: Ariston

Pubertät Loslassen und Haltgeben

Verlag: rororo

Wenn Kinder auffällig werden

Perspektiven für ratlose Eltern

Verlag: Walter

Stark für das Leben. Wege aus dem Erziehungsnotstand.

Verlag: Gerster

Schmerzverliebt

Autor: Dunker Kristina

Pubertät, Adoleszenz oder die Schwierigkeit einen Kaktus zu umarmen

Nervenprobe Pubertät

Wie Eltern sie bestehen können

Verlag: pro juventute

Von der Liebe, die Halt gibt

Erziehungsweisheiten

Verlag: Kösel

Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen

Ein Elternbuch

Verlag: Kösel

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Kinderkrankheiten

Jede Kinderkrankheit enthält eine bestimmte Lektion für das Kind. Nur wenn ein Miasma aktiv ist, kann das Kind an genau dieser Krankheit erkranken.

Sykose: Windpocken, Mumps

Syphilinie: Scharlach, Diphterie

Tuberkulinie: Keuchhusten, Masern, Röteln

Ob ein Kind schwer oder leicht erkrankt, ob es zu Komplikationen kommt, hängt von der Konstitution und der Lebenskraft ab.

Wenn wir das Kind gut unterstützen, ohne zu unterdrücken, dann findet Entwicklung statt. Das passiert durch

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Vertrauen, Ruhe

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Liebevoller Beistand

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Heilsame Versorgung

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Richtige Ernährung

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Richtige homöopathische Behandlung

Komplikationen sind von verschiedenen Faktoren abhängig:

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Vitalität

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Lebenskraft, psychische Stärke

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Anzahl und Art der bisherigen unterdrückenden Behandlungen

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Bereitschaft, gesund zu werden

-

Bisherig Ernährung

Was ist zu beachten, wenn sich eine Kinderkrankheit anbahnt?

Beim ersten Anzeichen einer Krankheit werden wir oft unruhig und unsicher.

Am besten

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informieren über die Krankheit

-

Symptome genau beobachten

-

Mittel repertorisieren

HAUT, Hautausschläge, Masern (Röteln, Scharlach, Windpocken)

MUND, ENTZÜNDUNG, Speicheldrüse, Ohrspeicheldrüse, Parotis (Mumps)

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Scharlach

Der Scharlach ist eine akute Infektionskrankheit, die vor allem im Kindesalter von vier bis sieben Jahren auftritt. Im Gegensatz zu vielen anderen „Kinderkrankheiten“ kann man mehrfach an Scharlach erkranken. Er wird durch β-hämolysierende Streptokokken verursacht.

Scharlach wird durch Streptokokken der Lancefield-Gruppe A ausgelöst (v. a. Streptococcus pyogenes). Diese müssen einen Bakteriophagen besitzen, der für die Produktion des Scharlach-Toxins verantwortlich ist. Ohne diesen kommt es allein zu einer eitrigen Mandelentzündung. Es gibt mehrere Serotypen dieses Bakteriophagen, von denen jeder einzelne eine Erkrankung auslösen kann. Deshalb können Menschen im Lauf des Lebens mehrfach an Scharlach erkranken.

Die Ansteckung erfolgt durch Tröpfchen- und Kontaktinfektion über Mund und Rachen. Auch über offene Wunden kann der Erreger übertragen werden (Wundscharlach). Viele Gesunde tragen unbemerkt den Keim in sich und sind die primäre Infektionsquelle.

Krankheitsbeginn:

Die Krankheit beginnt nach einer Inkubationszeit von zwei bis vier Tagen typischerweise mit Fieber, Schüttelfrost, Erbrechen und einer Rachenentzündung, kann aber auch von Bauch- oder Kopfschmerzen begleitet sein. Der Rachen ist dabei typischerweise tiefrot, und die Gaumenmandeln sind geschwollen (Scharlach-Angina)

Weiterer Verlauf

Es treten fleckige weißliche Beläge auf. Es kommt zu Schluckschmerzen und Schwellung submandibulärer Lymphknoten. Die Zunge ist zunächst weiß belegt, später lösen sich die Beläge, und die Zunge erscheint glänzend rot mit hervorstehenden Geschmacksknospen. Dies wird als Erdbeer- oder Himbeerzunge bezeichnet.

Nach einem bis vier Tagen zeigt sich der charakteristische Ausschlag mit dicht beieinander stehenden, stecknadelkopfgroßen, intensiv rot gefärbten leicht erhabenen Flecken. Bevorzugte Stellen sind die Achseln und die Leisten, es kann aber auch der ganze Körper befallen sein, allerdings bleibt das Mund-Kinn-Dreieck frei. Diese periorale Blässe wird auch als Milchbart bezeichnet.

Etwa 14 Tage nach Beginn kann es zu einer ebenfalls charakteristischen Schuppung der Haut an den Finger- oder Zehenkuppen oder auch an den gesamten Handflächen und Fußsohlen kommen. Dadurch lässt sich manchmal die Diagnose auch noch im Nachhinein stellen.

 

Das Auftreten eines solchen scarlatiniformen Exanthems beweist noch nicht, dass der Betroffene an Scharlach erkrankt ist, obwohl alle an Scharlach Erkrankten diese Form des Ausschlags aufweisen. Auch viele andere Erkrankungen, allen voran diverse Viruserkrankungen, sowie allergische Reaktionen auf Medikamente oder andere Substanzen können einen solchen Ausschlag zur Folge haben.

Der Verlauf dieser Krankheit kann sowohl schwer, also mit starken Schmerzen, hohem Fieber und deutlichen Ausschlägen, aber auch leicht ausfallen, wobei lediglich leichte Halsschmerzen und wenige Auffälligkeiten auftreten. Scharlach kann auch ohne Fieber, rote Zunge und Ausschlag auftreten,

251

sodass er nicht immer als Scharlach erkannt wird. Immer ist jedoch eine Mandelentzündung oder − falls die Mandeln schon entfernt wurden − eine Rachenentzündung vorhanden.

Komplikationen

Gefürchtet sind vor allem die so genannten Streptokokken-Nacherkrankungen: die Poststreptokokken-Glomerulonephritis, das rheumatische Fieber mit rheumatischer Endokarditis. Dabei handelt es sich um immunologische Erkrankungen durch die Abwehrreaktion des Immunsystems gegen die Scharlach-Erreger, die etwa vier bis sechs Wochen nach Erkrankung auftreten können.

Himbeerzunge Hautausschlag

Homöopathische Behandlung:

Belladonna:

Es sollte gleich zu Beginn gegeben werden. Hahnemann wurde durch seine erfolgreiche Therapie bei Scharlach mit Belladonna bekannt. Damals starben noch 80 % der Erkrankten, bei Hahnemann „nur noch“ 50 %.

2-3 Gaben Bell C 200 reichen oft aus, um die Krankheit auszuheilen.

Wenn nötig kann man aber auch zur C 1000 greifen, event. auflösen und während einiger Tage bei Bedarf schluckweise trinken lassen.

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Roter Rachen, rotes Gesicht, schlimme Schluckbeschwerden, Durst, aber Schlucken unmöglich, roter Ausschlag, event. Fieber

Bryonia

Bryonia ist kein Mittel für das Anfangsstadium. Es zeigt sich frühestens nach 2-3 Tagen. Das Exanthem entwickelt sich erst spät und zögernd, bei Bell war es plötzlich und schnell.

Starker Kopfschmerz, schlimmer durch Husten, Durst, jegliche Bewegung verschlimmert, Übelkeit durch Bewegung, bei Hirnhautsymptomatik (außer mit hohem Fieber, dann erst Belladonna).

Gelsemium

Gelsemium ist schwerfällig und dumpf. Der Kranke ist ruhig und lustlos. Das Gesicht ist gedunsen und geschwollen, starke Ermüdung, leichte Kopfshmerzen, weniger Durst als Bryonia.

Apis:

Starke Schwellung des Halses steht im Vordergrund, stechender Schmerz, Gesicht ist gedunsen und blass.

Harn- und Nierensymptome

Durstlos

Schrilles Schreien bei Hirnsymptomatik

Mercurius:

Drüsenbeteiligung steht im Vordergrund.

Bei Komplikationen ist eine genaue Repertorisation nötig:

Arsen, Lachesis, Phosphor, Opium kommen in Frage

Masern

Typisch für die Masern ist ein zweiphasiger Krankheitsverlauf:

1. Phase:

Auf die Inkubationszeit von 10 bis 14 Tagen folgt das drei bis vier Tage dauernde, uncharakteristische Prodromalstadium, auch Initialstadium genannt. Dieses äußert sich durch eine Entzündung der Schleimhäute des oberen (Katarrh mit Rhinitis), teilweise auch des mittleren Atemtraktes als trockene Bronchitis, sowie der Augenbindehäute (Konjunktivitis). Das Beschwerdebild in diesem Krankheitsstadium wird daher auch mit den Worten „verrotzt, verheult, verschwollen“ beschrieben. Dazu kann es zu Fieber bis 41 °C, Übelkeit, Halsschmerzen und Kopfschmerzen kommen. Die nur bei Masern vorkommenden Koplikflecken an der Wangenschleimhaut gegenüber den vorderen Backenzähnen (Prämolaren) sind eher selten zu beobachten und werden von manchen Autoren zu den atypischen Zeichen einer Maserninfektion

253

gezählt.[25] Diese weißen, kalkspritzerartigen Flecken auf gerötetem Untergrund sind 1–2 mm groß und treten kurz vor dem Erscheinen des späteren Ausschlags auf.

2.Phase:

Typische Hauterscheinungen bei Masern

Am 12. bis 13. Tag geht die Krankheit in das typische Exanthemstadium über, das oft mit einer typischen Schleimhautrötung (Enanthem) am weichen Gaumen beginnt. Am 14. bis 15. Tag breitet sich ein fleckig-knotiger (makulo-papulöser), zum Teil konfluierender, großfleckiger Ausschlag (Exanthem) – typischerweise hinter den Ohren (retroaurikulär) beginnend – innerhalb von 24 Stunden über den ganzen Körper aus. Nach weiteren vier bis fünf Tagen bilden sich die Symptome in der Regel zurück. Als Überbleibsel des Exanthems kann eine kleieförmige Schuppung für kurze Zeit bestehen bleiben. Begleitend treten häufig Lymphknotenschwellungen (Lymphadenopathie) auf. Bei Erwachsenen verläuft die Krankheit oft schwerer als bei Kindern.

Der Fieberverlauf der Erkrankung ist häufig zweigipflig, wobei der erste Gipfel während des Prodromal-, der zweite während des späteren Exanthemstadiums auftritt. Dazwischen kommt es oft zu einer kurzen Entfieberung. In unkomplizierten Fällen folgt eine rasche Erholung und eine lebenslang anhaltende Immunität.

Möglichst Bettruhe, Raum abdunkeln

Homöopathische Therapie:

Pulsatilla:

Das ist das wichtigste und meist erste Mittel bei Masern.

Husten nachts trocken, Stockschnupfen, Kind muss sich beim Husten aufsetzen, Tränenfluss

Euphrasia:

Tränen und rote geschwollene Augen durch Bindehautentzündung, Nasensekret fließt, klopfender Kopfschmerz, der dann durch den Ausschlag besser wird.

Bryonia:

Bryonia hat wie immer den verzögerten Verlauf und die langsame entwicklung des Exanthems. Der Husten ist trocken und schmerzhaft, Verlangen nach Ruhe.

Wenn der Ausschlag zurückweicht, verschlimmert sich die Brust- und Hirnsymptomatik.

Gelsemium:

Wenn sich in der Ausschlagphase Frieren und Hitze abwechseln. Viel Niesen, wunder Hals. Gelsemium ist auch angezeigt, wenn sich das Exanthem nicht entwickelt.

Hinterkopfschmerzen, hohes Fieber, durstlos, dumpfes Aussehen.

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Masern

Windpocken

Mit Windpocken (Varizellen) – auch Wasserpocken, Spitze Blattern, Wilde Blattern, vor allem in Österreich Feuchtblattern, Schafplattern bzw. Schafblattern – wird in der Medizin eine durch das Varizella-Zoster-Virus ausgelöste, durch Tröpfcheninfektion übertragene Erkrankung bezeichnet. Der Name Windpocken kommt von der hohen Ansteckungsfähigkeit dieser Viren, die auch über einige Meter in der Luft übertragen werden. Die Windpocken sind zu unterscheiden von den Pocken (Variola), einer gefährlichen Infektionskrankheit, die von Viren der Gattung Orthopoxvirus verursacht wird.

Die Windpocken betreffen überwiegend Kinder im Vorschulalter und führen bei der Mehrzahl der Infizierten anschließend zu einer lebenslangen Immunität, weshalb man sie auch zu den Kinderkrankheiten zählt. Symptome sind im Wesentlichen Fieber und ein charakteristischer, juckender Hautausschlag mit wasserklaren Bläschen. Es können Komplikationen in Form von Kleinhirn- oder Hirnentzündungen, einer Lungenentzündung oder bakteriellen Superinfektionen der Haut auftreten.

Da es sich um eine Virusinfektion handelt, ist die Behandlung in der Regel symptomatisch. In besonderen Fällen – beispielsweise bei immunsupprimierten Patienten – kann ein Virostatikum eingesetzt werden. Nachdem die Krankheitszeichen abgeklungen sind, verbleiben Varizella-Viren in den Spinal- oder Hirnnervenganglien und können von hier aus in Form einer Gürtelrose (Herpes Zoster) wieder reaktiviert werden.

Homöopathische Therapie:

Rhus toxicodendron:

Das ist das klassische Mittel, das gleich zu beginn gegeben wird. 2-3x die C 200, oder auch XM, 1-2 Gaben.

Cantaris

Bei Jucken mit Brennen

Sulfur

Bei extremem Juckreiz

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Gürtelrose Windpocken

Röteln

Die Röteln (Rubella) sind eine hoch ansteckende Infektionskrankheit, die durch das Rötelnvirus ausgelöst wird und eine lebenslange Immunität hinterlässt. Deshalb zählen sie auch zu den Kinderkrankheiten. Rötelnviren befallen nur Menschen. Neben den typischen roten Hautflecken (Exanthem) können auch Fieber und Lymphknotenschwellungen auftreten. Gefürchtet ist eine Rötelninfektion während der Schwangerschaft, weil sie zu schweren Komplikationen (Rötelnembryofetopathie) mit ausgeprägten Fehlbildungen des Kindes und zu Fehlgeburten führen

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kann. Die Behandlung besteht in rein symptomatischen Maßnahmen (Linderung der Krankheitssymptome).

Die Übertragung erfolgt durch eine Tröpfcheninfektion. Die Inkubationszeit beträgt 14–21 Tage. Eine Woche vor bis eine Woche nach Ausbruch des Exanthems ist der Patient ansteckend. Die Viren dringen über die Schleimhäute der oberen Atemwege ein und werden zunächst bevorzugt in lymphatischem Gewebe vermehrt. Anschließend erfolgt eine Ausschüttung in die Blutbahn (Virämie). Im Falle einer Schwangerschaft kann eine Übertragung des Virus über den Mutterkuchen (Plazenta) auf das ungeborene Kind erfolgen.

Nach der Inkubationszeit können sich zunächst im Gesicht gerötete, einzeln stehende, leicht erhabene Flecken (Effloreszenzen) bilden, die sich auf den Rumpf und die Extremitäten ausbreiten. Diese bilden sich meist nach ein bis drei Tagen zurück. Begleitend tritt oft erhöhte Temperatur bis 39 °C auf. Hinzu kommen eventuell Kopf- und Gliederschmerzen, eine Lymphknotenschwellung an Hinterkopf, Nacken und hinter den Ohren sowie ein leichter Katarrh der oberen Luftwege und eine Bindehautentzündung.

Röteln

Homöopathische Therapie

Belladonna, Ferrum phosphoricum

Reichen bei dieser harmlosen Erkrankung meist aus.

Mumps

Mumps (Parotitis epidemica, Salivitis epidemica), umgangssprachlich Ziegenpeter oder Tölpel, ist eine ansteckende Virusinfektion, welche die Speicheldrüsen und andere Organe befällt. Neben Kindern können sich auch empfängliche Erwachsene infizieren. Sie hinterlässt in der Regel eine lebenslange Immunität und gehört daher zu den klassischen Kinderkrankheiten. Häufige Komplikationen sind Hirnhautentzündung (Meningitis) und bei Jungen eine Hodenentzündung (Orchitis). Letztere kann zu Unfruchtbarkeit führen. Die Behandlung besteht in der Linderung der Symptome.

Die Übertragung erfolgt durch Tröpfcheninfektion, direkten Kontakt oder seltener durch speichelverschmutzte Gegenstände. Das Virus wird auch im Urin und der Muttermilch ausgeschieden. Patienten sind drei bis fünf, maximal sieben Tage vor Ausbruch der Erkrankung bis in die frühe Rekonvaleszenz, aber maximal bis zum neunten Tag nach Ausbruch der Erkrankung

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ansteckend. Die Inkubationszeit beträgt zwölf bis 25, im Mittel 16 bis 18 Tage. Die Infektiosität ist wie bei allen klassischen Kinderkrankheiten hoch, über 80 % nicht immuner Haushaltsmitglieder werden angesteckt. Die Erkrankung hinterlässt in der Regel eine lebenslange Immunität. Zweiterkrankungen sind möglich, aber selten.

Als häufigste Symptome treten Fieber und eine ein- oder noch häufiger doppelseitige entzündliche Schwellung der Ohrspeicheldrüse (Parotitis, 80 %) mit Schmerzen insbesondere beim Kauen und typisch abstehendem Ohrläppchen auf. Die Mündung des Ausführungsgangs der Ohrspeicheldrüse gegenüber dem zweiten oberen Backenzahn ist gerötet. Nicht selten sind auch andere Speicheldrüsen einschließlich der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis, 2 bis 5 %) betroffen. Letztere äußert sich mit Erbrechen, Oberbauchschmerzen und fetthaltigen Durchfällen. Zusätzlich kommen bei 40 bis 50 % der Fälle respiratorische Symptome zum Tragen.

Mumps

Homöopathische Therapie:

Belladonna:

Schmerzen stechend, Starke Schwellung, Schluckschmerz, Kopfschmerz, rotes Gesicht

Pulsatilla:

Wichtigstes Mittel bei Mumps, besonders bei Hodenbeteiligung, weinerlich, Magenbeteiligung, Durst auf kaltes Wasser.

Mercurius solubilis:

Bei sehr starkem Verlauf

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Miasmen und Impfungen im Zusammenhang mit Kinderkrankheiten

Absolute Gesundheit ist – homöopathisch gesehen – gleichbedeutend mit „frei von Miasmen“!

Wer also kann sich so glücklich schätzen und von absoluter Gesundheit sprechen ? Die meisten von uns haben irgend eine latente chronische Grundkrankheit geerbt oder erworben. Die Voraussetzung jeglicher Erkrankung ist demnach das Vorhandensein einer Schwäche. Die natürliche Immunität beruht nicht nur auf dem Vorhandensein von Antikörpern, sondern einer ganzen Reihe von generellen und lokalen Abwehrkräften. Ein Gesunder wird nicht krank !

Wenn nun ein Kind an einer Kinderkrankheit erkrankt, so ist dies als positiver Versuch der Natur zu sehen, sich von einem dieser ererbten chronischen Miasmen vorübergehend – für vielleicht fünf bis zehn Jahre – zu befreien. Erinnern wir uns daran, dass alles Chronische auf nur drei, bzw. vier chronische Grundkrankheiten, die so genannten Miasmen (Psora, Syphilline, Sykosis, Tuberkulinie) zurückgeht.

Syphilitisch: Scharlach, Diphtherie

Sykotisch: Mumps, Windpocken

Tuberkulinisch: Keuchhusten, Masern, Röteln

So gesehen können wir auch besser verstehen, warum nicht jedes Kind jede Kinderkrankheit durchmacht. Der Organismus braucht diese Krankheit für seine Entwicklung ! Und das nicht nur auf organischer Ebene. Viele von uns werden schon festgestellt haben, dass ihr Kind nach einer durchgemachten Kinderkrankheit nicht nur körperlich stabiler geworden ist, sondern auch geistig reifer und verständiger.

In jeder Kinderkrankheit findet also ein Reifungsprozess statt, der für die menschliche Entwicklung notwendig ist.

Dies gilt aber nur dann, wenn die Krankheit in Ruhe gelassen wird. Eine Behandlung mit fiebersenkenden Mitteln, Antibiotika, Cortison oder anderen unterdrückenden Methoden hat strengstens zu unterbleiben. Dadurch würde der Organismus in seinen ausleitenden Funktionen massiv behindert werden. Auch bei jeglicher Form lokaler Anwendungen ist Vorsicht geboten, denn der Krankheitsprozess ist ja bekanntlich energetischer Natur und nicht materieller.

Hierzu ist es sinnvoll, einmal zu überlegen, was einen toten Menschen von einem lebendigen unterscheidet: Rein chemisch betrachtet gibt es im Augenblick des Todes und kurz danach keinen Unterschied ! Materiell ist alles noch beim Alten; trotzdem ist der Organismus tot ! Die Kraft, welche diese an sich tote Materie belebt, welche all ihre Bauelemente – wie Atome, Moleküle, Zellen, Organe – in Harmonie einander zuordnet und ihnen sagt, was zu tun ist, ist verschwunden.

Diese Kraft hat Hahnemann „Lebenskraft“, die „Dynamis“ genannt. Ohne sie gibt es keinen lebenden Organismus, sie ist die Kraft, welche die gesamte Körperchemie dirigiert, koordiniert und das Materielle zu einem belebten Wesen macht. Sie ist etwas Immaterielles, etwas Dynamisches,

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Energetisches, Geistartiges ! Sie ist vergleichbar mit dem Funksignal, das eine tonnenschwere Raumstation im All steuert. Auch in diesem Funksignal ist kein einziges Teilchen Materie enthalten.

Wenn nun ein Mensch erkrankt, so ist ursprünglich nur diese energetische Lebenskraft durch den dem Leben feindlichen, dynamischen Einfluss eines krankmachenden Agens verstimmt. Die „Zeichen und Symptome“ sind also gar nicht die eigentliche Krankheit, sondern ihr nach außen sicht- und fühlbarer Ausdruck. Erst wenn die Lebenskraft aus der Harmonie geraten ist und ein gewisser Nährboden für die Mikroben geschaffen wurde, können Bakterien, Viren, Pilze und andere Erreger „angreifen“.

Nicht aufgrund der Viren wird der Mensch krank, sondern umgekehrt ! Die Viren vermehren sich unproporzional schnell, weil die natürliche Harmonie und Ordnung im Organismus durcheinander geraten ist. Die Mikroben sind demnach nur Indikatoren der Erkrankung, nicht aber deren Initiatoren !

Der Ausschlag der Masern ist also nicht die Krankheit, sie zeigt sich nur durch ihn und dieser ist auch notwendig für den Reinigungsprozess.

Selbstverständlich können Kinderkrankheiten durch gezielte Homöopathie unterstützt werden, so dass sie ohne Komplikationen verlaufen und bleibende chronische Schäden vermieden werden. Ein Homöopathikum wird den Organismus in seinem Ausscheidungsprozess unterstützen und gegebenenfalls das Exanthem richtig herausbringen.

Kinderkrankheiten und Impfen:

Wird das Durchmachen einer für den Organismus notwendigen Kinderkrankheit durch eine konventionell Impfung behindert, so gibt es keine Möglichkeit, sich von dem zur Zeit aktiven Miasma zu befreien. In der Regel kommt ein Schwelprozess in Gang, der nicht selten ins Chronische abdriftet. Außerdem ist immer wieder feststellbar, dass eine Impfung nicht vor der Krankheit schützt, sondern diese nach einer Infektion bestenfalls gedämpft abläuft. Was aber im Allgemeinen unter „gedämpft“ verstanden wird, ist – mit der homöopathischen Brille betrachtet – sehr fragwürdig. Da ziehen sich Krankheiten recht häufig unterschwellig in die Länge, ein Ausschlag kommt nicht richtig heraus oder der Organismus des Kindes ist nicht imstande, ein vernünftiges Fieber hervorzubringen.

Der Organismus ist seiner Selbstregulationsfähigkeit weitgehend beraubt!

So können also auch Röteln geimpfte Frauen in der Schwangerschaft wieder Röteln bekommen. Im Gegenteil: Bei durchgemachten Röteln liegt die Möglichkeit der Zweiterkrankung bei 3% (Virologin Dorothy Hartmann), bei Geimpften bei 80% !!!

Die Impfviren können das Immunsystem nicht in der Weise stärken, wie die natürlichen „Wildviren“. Das zeigt sich zum Beispiel auch daran, dass die Antikörperkonzentration nach Impfung geringen ist als die nach natürlichen Erkrankungen. So sind also auch Säuglinge geimpfter Mütter schlechter geschützt ! Nicht zu vergessen sind auch die so genannten Impfversager, die gar keinen Schutz bieten.

Impfung ist – auch bei Kinderkrankheiten – nicht gleichbedeutend mit der durchgemachten Krankheit ! Weder wird lebenslange Immunität erzielt, noch werden Reifeprozesse beobachtet! Es kann kein Miasma aufgearbeitet werden und die Möglichkeit zu erkranken, wird auch nicht beseitigt – das zeigen die Erkrankungen nach Impfungen.

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Alternative Schulformen

Montessori – Pädagogik:

Maria Montessori im Alter von rund 60 Jahren

Hilf mir, es selbst zu tun » von Saskia Haspel

Maria Montessoris "Pädagogik vom Kinde aus" ist nun bereits über 80 Jahre alt - und noch immer genauso aktuell wie zu Beginn des reformpädagogischen Zeitalters.

Montessori-Pädagogik bedeutet, Kinder in ihrer Persönlichkeit zu respektieren, ihnen achtsam zu begegnen und sie auf ihrem Entwicklungsweg liebevoll und hilfsbereit zu begleiten. Unter diesen Gesichtspunkten ist es möglich, Kindern eine "Vorbereitete Umgebung" zu schaffen, in der sie nach ihren ganz persönlichen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Interessen tätig werden können, eine Tätigkeit, die Voraussetzung ist für Entwicklung und Lernen.

"Wir müssen das Kind führen, indem wir es frei lassen" postulierte Maria Montessori und meinte damit jenen Freiraum, der es Kindern ermöglicht, zu selbstbewussten und eigenverantwortlichen Persönlichkeiten heranzureifen. Diese Freiheit ist keine unbegrenzte, sondern ein Freiraum innerhalb klarer Rahmenbedingungen, die soziales Zusammenleben erst möglich machen. Freiheit im Sinne von selbständigem, verantwortungsbewussten Handeln setzt Montessori gleich mit "Meister seiner selbst" zu sein. Selbstdisziplin zu entwickeln und Verantwortung für die eigenen Handlungen genauso zu übernehmen wie die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer zu erkennen und zu achten, ist eines der Ziele der Montessori-Pädagogik.

Die Montessori-Pädagogik betrachtet eine gute "Vorbereitete Umgebung" als Voraussetzung dafür, dass Kinder im Rahmen der Freiarbeit für ihre Entwicklung selbsttätig sorgen können. Sowohl im Kinderhaus als auch in der Schule entscheiden die Kinder selbst, welche Spiel-, Lern- und Arbeitsangebote sie annehmen, welcher Aufgabe sie sich innerhalb welches Zeitrahmens zuwenden, mit wem sie zusammenarbeiten und wo sie ihren Arbeitsplatz vorbereiten. Für alle diese Entscheidungen finden Absprachen unter den Kindern ebenso statt wie Hilfestellungen durch die Erwachsenen, wo sie nötig sind. Somit werden die sozialen Prozesse, die zur Regelung der Freiarbeit notwendig sind, zum integrativen Bestandteil der Entwicklungsarbeit

Die Angebote der "Vorbereiteten Umgebung" orientieren sich also an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder. Dies setzt eine genaue Beobachtung der Kinder ebenso voraus wie die Kenntnis und das Erkennen von "Sensiblen Phasen" - Zeiträumen innerhalb der kindlichen Entwicklung, in denen das Kind besonders

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aufnahmebereit ist für all jene Eindrücke, die einen ganz bestimmten Entwicklungsschritt erleichtern oder ermöglichen. Während der Sensiblen Phasen für einen bestimmten Lernschritt kann dieser leicht, freudvoll und geradezu spielerisch erfolgen, während das selbe Lernangebot das Kind zu einem anderen Zeitpunkt über- oder unterfordern, unter Druck setzen oder langweilen würde. Die Montessori-Pädagogik betrachtet die Sensiblen Phasen daher als Lernchance und unterstützt die Kinder dabei, diese Zeiträume optimal für ihre Entwicklung zu nützen.

Zur "Vorbereiteten Umgebung" zählen im Sinne der Montessori-Pädagogik also entwicklungsadäquate Lernangebote. Eine wesentliche Rolle spielt darüber hinaus die soziale und emotionale Einbettung in der Gruppe sowie der Erwachsene, der das Kind auf seinem Entwicklungsweg begleitet. Eine der schwierigsten Aufgaben des Erwachsenen ist es, dem Kind einerseits zu helfen, wo es Hilfe braucht, ihm aber auf der anderen Seite ausreichend Zeit und Gelegenheit zur Selbsttätigkeit zu lassen, sodass der eigene Lernprozess und die Freude daran, "es allein geschafft" zu haben, erhalten bleiben. Sich selbst immer wieder zurückzunehmen, damit das Kind wirklich frei tätig werden kann, und das Kind in seinem Entwicklungsprozess liebevoll und verlässlich zu begleiten, ist eine Gratwanderung, die täglich eine neue Herausforderung darstellt.

Durch diese individuelle Entwicklungsmöglichkeit, in der alle Bereiche - kognitive ebenso wie sozial-emotionale, senso-motorische und kreative - in gleichem Maß ihren Stellenwert haben, eignet sich die Montessori-Pädagogik für alle Kinder und ist daher auch für alle Arten der Integration besonders geeignet. Nach Maria Montessori ist "der Weg, den die Schwachen gehen, um sich zu stärken, der gleiche, den die Starken gehen, um sich zu vervollkommnen".

So betrachtet bekommt die Montessori-Pädagogik in unserer Zeit des Integrationsgesetzes auf der einen und der Diskussion um Hochbegabtenschulen auf der anderen Seite eine weitere aktuelle Dimension, die uns in der täglichen Arbeit immer wieder vor Augen geführt wird:

Das gemeinsame Leben, Lernen und Arbeiten von unterschiedlich alten, behinderten und nicht behinderten Kindern, von in einzelnen Bereichen unterschiedlich begabten Kindern, von Kindern unterschiedlicher Herkunft auf unterschiedlichstem Entwicklungsstand mit verschiedensten Erfahrungen, Interessen, Vorlieben und Abneigungen ist mit einer differenzierenden Methode nicht nur möglich, sondern eine absolut natürliche Situation, von der jedes Kind immer wieder profitiert - sei es durch die Hilfe anderer, sei es durch eigene Hilfestellungen, bei denen erworbenes Wissen und Können auf einer nochmals anderen Ebene erprobt und verwendet werden kann.

Als Grundlage für die Entwicklungsarbeit der Kinder hat Maria Montessori eigene Materialien geschaffen, die aus der Beobachtung der Kinder und der Arbeit mit ihnen entstanden sind. Die Entwicklungsmaterialien, die die methodische Grundlage der Montessori-Pädagogik bilden, haben verschiedene Aufgaben:

Die Übungen des praktischen Lebens helfen dem Kind, Schritt für Schritt unabhängig von der Hilfe anderer zu werden, für sich selbst und für die Umgebung sorgen zu können, seine Motorik ebenso wie seine Auge-Hand-Koordination immer mehr zu verfeinern und zu beherrschen. Die so erworbenen Fähigkeiten geben Kindern auch die Chance, anderen, vielleicht jüngeren oder schwächeren Kindern zu helfen - eine Möglichkeit, die soziales Lernen und die Entwicklung von Selbstvertrauen und Verantwortungsgefühl unterstützt.

Die Sinnesmaterialien helfen dem Kind bei der Verfeinerung seiner Sinneswahrnehmungen, bei der Ausdifferenzierung seiner Sicht der Realität und beim Aufbau seiner inneren Strukturen, in die es alle bereits

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erlebten, aber noch ungeordneten Sinneserfahrungen einordnen kann, sodass neu hinzukommende Erfahrungen ab einem bestimmten Entwicklungsstand in bereits vorhandene Strukturen aufgenommen werden können.

Die didaktischen Materialien zu Mathematik sowie zu Sprache und Schrift ermöglichen dem Kind, abstrakte Lerninhalte über die Tätigkeit mit konkretem Material im wahrsten Sinn des Wortes zu be-greifen. Strukturen werden sicht-, fühl- und erlebbar, konkrete Handlungen in kleinen Schritten - je nach Entwicklung des einzelnen Kindes - in den abstrakten Bereich übergeführt, sodass ganzheitliches, kindgerechtes Lernen möglich wird.

Die Arbeiten und Materialien zum Bereich Kosmische Erziehung bieten dem Kind vielfältige Möglichkeiten, durch Staunen über beobachtbare Phänomene und experimentelles, entdeckendes Lernen zu Erkenntnissen im naturwissenschaftlichen Bereich zu gelangen. "Den Keim für die Naturwissenschaften zu legen" nannte Maria Montessori als vordringlichste Aufgabe der Kosmischen Erziehung, die ihren aktuellen Bezug auch in der Ökologie- und Friedenserziehung findet. Im Rahmen der Montessori-Pädagogik gilt die Kosmische Erziehung als Basis des schulischen Unterrichts für die Altersgruppe 6 - 12 Jahre.

Da nach der Montessori-Pädagogik Kinder in Freiarbeit lernen, ist es in diesem Rahmen für jedes Kind möglich, sich nach seinen persönlichen Fähigkeiten in seinem individuellen Tempo zu entwickeln. Immer wieder zeigt sich, dass Entwicklung in der jeweils eigenen Geschwindigkeit und Aufbau belassen werden muss, um dem Kind die Möglichkeit zu geben, auf gefestigten Grundlagen den nächsten Entwicklungsschritt zu setzen.

In einer liebevollen, entspannten Atmosphäre können Kinder Vertrauen zu anderen Kindern und zu Erwachsenen ebenso entwickeln wie Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. So ist die Bitte eines kleinen Mädchens an Maria Montessori - "Hilf mir, es selbst zu tun" - zu einem Leitsatz der Montessori-Pädagogik geworden. Ziel der Montessori-Pädagogik ist die selbständige, entscheidungsfähige und -freudige, verantwortungsbewusste, individuelle und soziale Persönlichkeit, die sich innerhalb der Vorbereiteten Umgebung in einer angenehmen, entspannten Atmosphäre entwickeln kann, in der sich alle - Kinder ebenso wie Erwachsene - wohl fühlen.

Montessori-Literatur zum Einsteigen:

»

LUDWIG, Harald: Erziehen mit Maria Montessori (Von der Kleinkind-Gruppe bis zur gymnasialen Oberstufe)

»

MAIER-HAUSER, Heidi: Lieben, ermutigen, loslassen (vor allem für Eltern und PädagogInnen für 3- bis 6-jährige)

»

MONTESSORI, Maria: Kinder sind anders (Maria Montessoris Radio-Vorträge aus der Zeit in Barcelona)

»

MONTESSORI, Maria: Grundlagen meiner Pädagogik (schmales Bändchen mit den wichtigsten Gedanken der Mo-Päd)

»

STEENBERG, Ulrich: Kinder kennen ihren Weg (aus der Sicht des Montessori-Vaters)

»

STEENBERG, Ulrich: Montessori-Pädagogik im Kindergarten (Theorie und Praxis zum Kinderhaus)

»

STEIN, Barbara: Theorie und Praxis der Montessori-Grundschule (aus der Praxis geschrieben)

»

KRIEGER, Claus: Mut zur Freiarbeit (Sekundarstufe)

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Montessori in der Praxis:

Ausgehend von der Erfahrung, dass ein Kind für jedes Fachgebiet bzw. Lernziel zu einer ganz bestimmten Zeit besonders aufnahmefähig ist (Maria Montessori hat das die „sensiblen Phasen“ genannt), findet die Erarbeitung der kognitiven Lernziele in den Montessori-Schulen ausschließlich in fächer- und jahrgangsübergreifender Freiarbeit statt.

Die SchülerInnen dürfen selbständig einteilen und frei wählen, in welcher Art, zu welchem Zeitpunkt und in welcher Sozialform sie sich die im Österreichischen Lehrplan verpflichtend vorgegebenen Lernziele aneignen wollen, was ihnen die notwendige Kreativität und Eigenständigkeit für erfolgreiches Lernen erhält.

Daraus folgt natürlich auch, dass es keine Fixierung in festen Jahrgangsklassen und keine zugeteilten Sitzplätze geben kann. Jede LehrerIn ist jedoch als BetreuungslehrerIn für eine kleine Gruppe von Kindern zuständig, deren individuelle Lernfortschritte sie gemeinsam mit diesen laufend kontrolliert. Auf Wunsch werden die Kinder von den LehrerInnen auch bei der Einteilung des Lernstoffes unterstützt. Absolvierte Lernziele werden von einer LehrerIn geprüft und sofort im Pensenbuch des Kindes eingetragen (daher gibt es selbstverständlich keine Ziffern-Noten). So ist der individuelle Lernfortschritt einer SchülerIn jederzeit genau dokumentiert, viel besser als in jeder konventionellen Schulform.

Nach einem weiteren Grundprinzip der Montessori-Pädagogik ist jedes Lernmaterial einer Jahrgangsstufe genau ein einziges Mal vorhanden. Wenn also ein gewünschtes Material nicht frei ist, kann ein Kind das andere Kind, das gerade damit arbeitet, um seine Zustimmung fragen, gemeinsam damit zu arbeiten, was bei vielen Materialien möglich ist, oder es muss sich eben diesmal ein anderes Material auswählen: auf jeden Fall kommt es dabei zu sozialen Erfahrungen und Interaktionen, die im Frontalunterricht in einer herkömmlichen Schule praktisch nicht möglich sind.

Bei regelmäßigen Materialpräsentationen in kleinen Gruppen zeigen die LehrerInnen einen möglichen Weg vor, wie sie selbst mit einem bestimmten Lernmaterial arbeiten. Weitere Gruppenerfahrung bekommen die SchülerInnen bei Projekten, beim Singen, Theaterspielen und Sport und vor allem auch beim wöchentlichen Gesprächskreis. Dort wird gemeinsam so lange über Regeln, Probleme und Ziele verhandelt, bis man eine Lösung findet, die für alle passt.

Um das alles zu ermöglichen, sind die richtige Einstellung und auch ein bestimmter Organisationsrahmen unbedingt erforderlich:

Die wesentlichste Voraussetzung ist es, jedes einzelne Kind als eigenständige Persönlichkeit mit bestimmten Rechten und Pflichten ernst zu nehmen und zu akzeptieren.

Der Unterricht findet den ganzen Tag in Freiarbeit statt, abgesehen von Projekten und Materialpräsentationen. Dabei halten sich alle SchülerInnen einer Schuleinheit mit mehreren LehrerInnen in den für diese Einheit vorgesehenen Räumen auf; jedes Kind hat zwar eine zuständige BetreuungslehrerIn, doch die LehrerInnen beobachten alle SchülerInnen und stehen

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ihnen für Auskünfte und Hilfe zur Verfügung. Wenn sie es für nötig erachten, sprechen sie auch von sich aus ein Kind an.

Sollte sich ein Konflikt oder Streit unter den SchülerInnen ergeben, den diese nicht in kurzer Zeit selbst lösen können, so geht eine der anwesenden LehrerInnen mit den betroffenen Kindern in einen eigenen Raum, um sofort einen möglichen Ausweg aus der gegebenen Situation zu finden. Dabei wird nach der Methode der „Familienkonferenz“ von Thomas Gordon vorgegangen: die LehrerIn ist Coach und Moderator und vermeidet strikt, für eine Seite Partei zu ergreifen. Jede SchülerIn muss zuerst ihre Sicht der Dinge erklären und dann Vorschläge zur Lösung machen, bis alle mit dem gefundenen Ergebnis einverstanden sind.

Wenn eine SchülerIn längere Zeit keine erkennbaren Lernfortschritte macht, bespricht der Betreuungslehrer das mit ihr, um herauszufinden, ob sie dazu Hilfe braucht (vielleicht sogar vorübergehend in Form eines Wochenplans) oder ob sie eine größere Pause benötigt, was auch den Eltern mitgeteilt wird (allerdings kann es dann bei zu großer Diskrepanz zwischen den Auffassungen der Eltern und der Schule auch notwendig werden, dass man sich trennen muss).

Die SchülerInnen finden zu freiwilligem Lernen und zur selbständigen Auseinandersetzung mit dem Lehrstoff, sie sind viel ruhiger und ausgeglichener als in der Regelschule, beschäftigen sich in unglaublicher Konzentration und sehr effizient mit dem Stoff, und vor allem: sie gehen gern in die Schule !

Kritische Fragen an die Montessori-Padagogen:

1.

Wenn die Kinder immer nur mit dem Spielzeug (Montessori Material) spielen, werden Sie im Leben nie ohne Hilfsmaterial auskommen!

Die Kinder spielen nicht mit dem Material - sie arbeiten damit. Selbst kleinen Kindern ist der Unterschied zwischen einfachem Spielen und der Arbeit mit Montessori-Material bewusst. Geht man in eine Montessori-Schule und fragt dort ein Kind, was es gerade spielt, wird es direkt antworten: "Ich spiele nicht, ich arbeite". Somit ist Kindern der Wert ihres Handelns sehr wohl bewusst. Dass Montessori-Material kein Spielzeug ist, lässt sich schon optisch belegen. Vergleicht man einmal das Montessori-Material mit einem aktuellen Spielzeug aus dem Spielwarenladen. Beobachtet man Kinder bei der Beschäftigung mit beidem, stellt man schnell ein ganz anderes Verhalten der Kinder fest. Der Umgang mit Montessori-Material ist viel zielgerichteter und ohne Gewinndruck. Kinder kommen sehr wohl im späteren Leben ohne Montessori-Material aus. Ein ganz einfacher Beleg dafür ist, dass wohl jeder Grundschüler anfänglich die Finger zum Rechnen und Zählen benutzt hat. Letztlich ist das Montessori-Material nichts anderes als die Finger, eine visuelle und greifbare Lernhilfe. Würde die Aussage stimmen, müssten wohl heute in jedem Büro Leute sitzen, die ihr Gehalt an den Fingern abzählen (übrigens eine lustige Vorstellung).

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2.

Wenn sich das Kind immer selbst aussuchen kann, was es lernen will, dann wird es doch bestimmt die schwierigeren Inhalte immer vermeiden und dann auch nur das lernen, was ihm Spaß macht...

Die freie Wahl der Arbeit ist ein grundlegender Stein der Montessori-Pädagogik: Jedes Material ist in der Klasse oder im Material-Raum nur einmal vorhanden. Ist ein Montessori-Material besetzt, muss das Kind auf ein anderes Material ausweichen. Somit erfolgt ein automatischer Wechsel der verschiedenen Materialien. Maria Montessori beschreibt die freie Wahl nicht als: einfach tun was Spaß macht, sonder als überlegtes Handeln des Kindes. Einem Kind ist die Verantwortung der freien Wahl durchaus bewusst. Dadurch fällt die Entscheidung des Kindes unter Abwägung verschiedener Gesichtspunkte, darunter auch: was ist gut für mich? Auch muss man bedenken, dass Kinder die Montessori gewöhnt sind, ein anderes Verhalten an den Tag legen. Sie suchen die Herausforderung und haben keine Angst vor Neuem. Ein Montessori-Material, dass vollständig vom Kind beherrscht wird, übt kaum noch Anreize aus. Kinder nehmen sich dann selbständig schwierigerer Materialien an. Die Kinder sind mit ihrer freien Wahl nicht alleine. Erzieher und Lehrer unterstützen die Kinder bei der Auswahl des richtigen Materials. Natürlich gibt es einen kleinen Teil Kinder, die den Weg des geringsten Widerstands gehen. Dann greifen Pädagogen, z.B. mit einer Auswahl an geeigneten Montessori-Materialien ein. Somit kann das Kind nur noch aus einem Teil der Materialien wählen und ist gezwungen eines der vorausgewählten Materialien zu nutzen.

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3.

Kinder aus Montessori-Schulen haben es beim Übertritt in eine andere Schule schwieriger als Kinder aus einer Regelschule, weil Montessori-Kinder keine Noten kennen.

Ja Montessori-Kinder kennen keine Noten. Das sagt aber nichts über den Lernwillen aus. Montessori-Kinder sind motivierter und freuen sich darauf, dass Ihre Leistung im Vergleich zu anderen Schülern gemessen wird. Zum Fortgang nach der vierten Klasse erhalten die Eltern eine sehr detailierte Empfehlung der Montessori-Pädagogen für die weitere Schullaufbahn ihrer Kinder. Diese ist erheblich aussagekräftiger als jede Schulnote. Montessori-Kinder haben es in weiterführenden Schulen, wie z.B. im Gymnasium erheblich einfacher, da sie gewohnt sind, Sachverhalte selbst zu erarbeiten. Diese Fähigkeit ist Grundvoraussetzung für Gymnasien und Universitäten. Kinder aus Montessori-Schulen müssen für Realschulen und Gymnasien einen Aufnahmetest machen. In der Regel bestehen sie diesen und sind somit definitiv für diese Schulart geeignet. Es nützt nichts, aus der Regelschule mit Noten zu kommen und keinen Test machen zu müssen, wenn das Kind dann mit den Anforderungen der neuen Schule nicht klar kommt.

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4.

Das Mischen von Jahrgängen unterfordert die einen und überfordert die anderen.

In Klassen mit Jahrgangsmischung lernen die Kleineren mit Hilfe der Größeren. Die größeren Kinder lernen Rücksicht und soziale Kompetenz. Nachdem letztlich jedes Kind selbst entscheiden kann, mit welchem Montessori-Material es arbeitet, ist die Gefahr einer Über- bzw. Unterforderung nicht gegeben. Die kleineren Kinder lernen dabei bei den Größeren um Hilfe zu bitten und diese auch anzunehmen.

5.

In Montessori-Schulen gibt es keine Hausaufgaben, so kann kein Kind lernen.

Ja, in vielen Montessori-Schulen gibt es keine Hausaufgaben – und? Die Kinder beschäftigen sich während des Schulalltags viel intensiver mit der Materie, als Kinder in Regelschulen. Deshalb sind Hausaufgaben weitestgehend unnötig. Hausaufgaben aus der Regelschule haben keinen greifbaren Charakter. Häufig ist es ein stures Rechnen oder Aufschreiben. Maximal handelt es sich dabei um eine Reproduktion von bereits gelerntem Wissen. Zum Teil haben die Kinder Projekte, die zu Hause erarbeitet werden und dann in der Schule vorgetragen werden. Das ist zwar keine Hausaufgabe im herkömmlichen Sinn, fördert aber die Beschäftigung mit einem gezielten Themenbereich. Dazu ein Zitat von Claus Dieter Kaul (Institut für ganzheitliches Lernen) aus einem Vortrag:

Ich kann den Schülern doch keine Hausaufgaben aufgeben. Die Schüler räumen mir dann das ganze Klassenzimmer aus und jeder nimmt ein anderes Montessori-Material mit.

Waldorf – Pädagogik nach Rudolf Steiner:

Waldorfschulen und Rudolf Steiner Schulen in Österreich

Ziele dieser Einrichtungen sind: Bildung und Erziehung, individuelle Verantwortung und selbstständiges Handeln, sowie die Entwicklung sozialer Fähigkeiten auf der Grundlage der Pädagogik Rudolf Steiners. Dem Grundsatz "gleiches Recht auf gleiche Bildung" sind alle Waldorfschulen als Gesamtschulen verpflichtet. Das bedeutet: 12-jährige gemeinsame Schulzeit für Schüler verschiedener Begabungen und unterschiedlicher sozialer Herkunft. Das Prinzip der Auslese wird durch eine Pädagogik der Förderung ersetzt. Ganzheitliche Bildung und Erziehung umfasst die Förderung der leiblichen, seelischen und geistigen Anlagen des Kindes und ermöglicht eine freie Entwicklung. Ein breites und ausgewogenes Unterrichtsangebot unterstützt diese Ziele. Die Erkenntnis von der Entwicklung des Menschen ist die Grundlage, auf der die Waldorfpädagogik aufbaut. Der Lehrplan als Rahmenlehrplan ist abgestimmt auf die Entwicklungsphasen junger Menschen, der Lehrstoff ist das Werkzeug für eine umfassende Bildung.

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Was ist eigentlich Waldorfschule?

Aus den verschiedenen Entwicklungsphasen des Kindes und des Jugendlichen ergibt sich gleichsam ein roter Faden, der sich durch die Klassenstufen zieht und die Fächerabfolge begründet. Entsprechend den Entwicklungsphasen junger Menschen werden die Klassen 1 bis 8 als Unter- bzw. Mittelstufe, wenn möglich, von einem Klassenlehrer unterrichtet; zusätzlich werden Fachlehrer eingesetzt; die Klassen 9 bis 12, die Oberstufenklassen, werden von einem Tutor und von Fachlehrern unterrichtet und betreut.

In allen Unterrichtsgegenständen werden Knaben und Mädchen gemeinsam unterrichtet.

Epochenunterricht: in 3- bis 4-wöchigen Lerneinheiten werden alle Unterrichtsfächer – außer Sprachen, Musik, Eurythmie, Religion, Sport, Handarbeiten und Werken – unterrichtet. Durch den Epochenunterricht, der täglich die ersten beiden Stunden umfasst, wird eine besonders intensive, gründliche und vertiefende Auseinandersetzung mit dem Stoff ermöglicht.

In jenen Epochenfächern, die regelmäßiges Üben erfordern (wie Deutsch, Mathematik), werden zusätzlich wöchentliche Stunden gegeben.

In der Oberstufe wird teilweise projekthaft unterrichtet; es finden verschiedene Praktika statt wie z.B. das Landwirtschafts-, Forst- und Feldmesspraktikum, Sozial- und Wirtschaftspraktikum.

Nach dem Abschluss der 12-jährigen Waldorfschule wird den Schülern in Zusammenarbeit mit Gymnasien oder durch einen hausinternen Matura-Lehrgang das Erreichen der Matura innerhalb eines Jahres ermöglicht

Die zwölf österreichischen Waldorfschulen sind Privatschulen mit Öffentlichkeitsrecht und stellen somit eine anerkannte Ausbildung dar, die Kindern und Jugendlichen einen positiven Start ins Leben ermöglichen will.

Weltweit gibt es rund 950 Waldorfschulen in mehr als 60 Staaten.

Der Lehrplan an den Waldorfschulen

Der Lehrplan der Waldorfschule ist ein Rahmenlehrplan, der sich an den Entwicklungsstufen des Kindes orientiert. Er erkennt einen grundsätzlich vorgezeichneten Bildungsumfang für junge Menschen an, ohne Unterschied von Geburt, Stand, Klasse, Geschlecht, Herkunft, Religion, Milieu und Vermögen. Er soll von den Lehrern variiert eingesetzt werden, wobei die pädagogische Freiheit und Flexibilität sowohl Inhalt als auch Methodik und Didaktik umfasst. Die Waldorfpädagogik bedingt daher eine besondere erziehungswissenschaftliche und künstlerische Lehrerausbildung.

Aufgabe des Klassenlehrers ist es, das Kind durch acht Jahre der Pflichtschulzeit als vertraute Autorität zu führen. In der Oberstufe hingegen soll der Lehrer die Funktion des Partners und Vermittlers von Wertinhalten (Fachlehrer) erfüllen, dem Motto "Der Lehrstoff als Lehrmeister und der

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Lehrer als unterstützender Partner" folgend. Das Gesamtbildungskonzept der Waldorfschulen verbindet Unterrichtsfächer zur Vermittlung und Erarbeitung von Empfindungen, Kenntnissen und Fertigkeiten als auch zur Pflege von kreativen Fähigkeiten und künstlerischen Tätigkeiten. Der Lehrplan ist zudem international, was die Flexibilität für viele Familien erleichtert.

Darüber hinaus existieren eine Reihe schriftlich fixierter Lehrpläne, deren Ausführungen auf Aussagen Steiners sowie etablierte Traditionen zurückgehen. Sie haben lediglich orientierenden, nicht normativen Charakter.

20 Fragen an die Waldorfschule

1. Welche Kinder werden an einer Waldorfschule aufgenommen?

Waldorfschulen stehen grundsätzlich allen Kindern offen- unabhängig von Religion, Hautfarbe, Geschlecht und Einkommen der Eltern. Nach ausführlichen Informationselternabenden findet ein Aufnahmegespräch an der Schule statt. Auch in höheren Klassen können Schüler als Quereinsteiger aufgenommen werden.

2. Wer war Rudolf Steiner, und was hat er mit der Waldorfpädagogik zu tun?

Rudolf Steiner gründete 1919 die erste Waldorfschule in Stuttgart. Die Idee dazu ging von Emil Molt aus, dem fortschrittlich gesinnten und sozial engagierten Besitzer der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik, der eine Schule für die Kinder seiner Arbeiter einrichten wollte. Inhalt und Methode der Waldorfpädagogik beruhen auf Rudolf Steiners Erkenntnissen über die Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Neben der Pädagogik fanden Rudolf Steiners geisteswissenschaftliche Forschungen auch Eingang in die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die Medizin und die Kunst.

3. Muss ein Kind musisch begabt sein, damit es für die Waldorfschule geeignet ist?

Nein, die Waldorfschule ist eine Schule für alle Begabungsrichtungen. Wenn Waldorfschüler malen, zeichnen, plastizieren oder bildhauen, geht es dabei nicht so sehr um das Ergebnis, als vielmehr um den Prozess. An dem Prozess erüben die Kinder und Jugendlichen eine Vielzahl von Fähigkeiten über das rein künstlerische Gestalten hinaus. Waldorflehrer sind bestrebt, den Verstand, die Kreativität und die Persönlichkeit ihrer Schüler gleichgewichtig zu entwickeln.

4. Ist es nicht so, dass hauptsächlich Kinder mit Lernschwierigkeiten auf eine Waldorfschule gehen?

Nein. Ausdrücklich nein. Für Kinder, die Teilleistungsschwächen oder Verhaltensstörungen haben, gibt es wie im staatlichen Schulsystem auch besondere Waldorfschulen: die heilpädagogischen Förderschulen. An Waldorfschulen, die nicht ausdrücklich solche Sonderschulen sind, lernen Kinder aller Begabungsrichtungen wie an den staatlichen Regelschulen auch, nur dass hier neben intellektuellen Fähigkeiten gleichgewichtig auch soziale und handwerklich-künstlerische Fähigkeiten angesprochen werden.

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5. Stimmt es, dass Waldorfschulen immer sehr große Klassen haben?

Das ist von Schule zu Schule verschieden. Aber es ist richtig, das eine Klasse bis zu 30 Schüler stark sein kann. In vielen Fächern werden die Klassen dann allerdings in zwei Gruppen geteilt. Kinder, die sich in einem Fach leichter tun, helfen denen, die es schwerer haben. Schülern, di ganz besonders schnell auffassen, geben die Lehrer schwierigere Zusatzaufgaben. In einer großen Klasse entsteht durch die Vielzahl der unterschiedlichen Persönlichkeiten, Temperamente und Eigenschaften der Kinder über 12 Schuljahre eine soziale Gemeinschaft, in der die jungen Heranwachsenden aneinander lernen.

6. Stimmt es, dass es an der Waldorfschule keine Noten und kein Sitzenbleiben gibt?

Auch wenn Waldorfschulen in der Unter- und Mittelstufe auf Noten verzichten, korrigieren die Lehrer selbstverständlich alle Schülerarbeiten. Sie lassen es aber nicht bei dürren Noten bewenden, sondern formulieren individuelle Beurteilungen. In den Zeugnissen gehen die Lehrer ausführlich auf die Persönlichkeitsentwicklungen und auf die Lernfortschritte ihrer Schüler ein. Die Waldorfpädagogik richtet sich nach den Entwicklungsphasen der Kinder und Jugendlichen. Deshalb ist nicht der Wissensstand, sondern die Gesamtentwicklung entscheidend. Von der ersten bis zur zwölften Klasse bleiben die Schüler nach Möglichkeit selbst dann in einer festen Klassengemeinschaft, wenn ihre Leistungen vorübergehend nachlassen. Niemand bleibt sitzen.

7. Ohne Noten und ohne Sitzenbleiben: Sind die Kinder dann überhaupt zum Lernen motiviert?

Da der Waldorfschulunterricht auf die jeweilige Entwicklungsphase der Schüler abgestimmt und sehr lebensnah gestaltet ist, stellt sich dieses Problem nur selten. Initiative entwickeln die Kinder und Jugendlichen nicht aufgrund von Leistungsdruck, sondern aus einer gesunden Motivation heraus.

8. Ist Waldorfpädagogik nicht so etwas wie das Vorgaukeln einer heilen Welt?

Kommen die Schüler später denn überhaupt mit der harten Realität zurecht? Die Praxis zeigt, dass gerade Waldorfschüler von Ausbildern besonders geschätzt werden. In einer Schule, die nicht nur die intellektuellen Fähigkeiten anspricht, können sich Schlüsselqualitäten wie Teamfähigkeit, Kreativität und die Fähigkeit, prozessual zu denken vom ersten Schultag an entwickeln. Waldorfschüler studieren und arbeiten erfolgreich in allen Studien und Berufsfeldern.

9. Welche Abschlüsse können an einer Waldorfschule gemacht werden?

Die eigentliche Waldorfschulzeit endet nach der 12. Klasse mit dem Waldorfabschluss. Danach können sich Schüler an einigen Waldorfschulen in einem 13. Schuljahr auf die Matura vorbereiten oder sie besuchen die 8. Klasse einer AHS und legen dort die Matura ab.

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10. Ist die Waldorfschule teuer?

Obwohl Waldorfschulen erwiesenermaßen besser wirtschaften als Regelschulen, sind sie auf Elternbeiträge angewiesen. Zwar besteht das Recht auf freie Schulwahl, aber die Zuschüsse der öffentlichen Hand an die Privatschulen sind wesentlich niedriger als die Mittel, die sie für Regelschulen aufwendet. Nachdem die Eltern in Gesprächen die Bedürfnisse der Schule kennen gelernt haben, legen sie ihre Beiträge selbst so fest, dass diese einerseits den Notwendigkeiten des Schulbetriebes, andererseits ihren eigenen finanziellen Möglichkeiten entsprechen. Es ist ein Prinzip der Waldorfschule, kein Kind aus finanziellen Gründen abzulehnen.

11. Die Waldorfschulen nennen sich "freie Schulen". Heißt das, dass die Kinder dort antiautoritär erzogen werden?

Nein. Waldorflehrerinnen und Lehrer bauen im Gegenteil in der Unterstufe ein von "liebevoller Autorität" geprägtes Verhältnis zu ihren Schülern auf. Kinder suchen ihre Grenzen. Nur wenn sie ihre Grenzen von den Erwachsenen erfahren, fühlen sie sich einerseits sicher und erleben sich andererseits als eigene Persönlichkeit. Im Laufe der Schulzeit wandelt sich das Lehrer-Schüler Verhältnis mit der Entwicklung der Heranwachsenden.

12. Warum haben die Kinder in den ersten acht Schuljahren nach Möglichkeit ein und denselben Klassenlehrer?

In einer Gemeinschaft, die von Beständigkeit und Rhythmus geprägt ist, können Kinder sich gesund entfalten. Um ihnen darin eine verlässliche Stütze zu sein, begleitet ein Waldorfklassenlehrer seine Klasse nach Möglichkeit acht Jahre lang durch den Hauptunterricht, der die ersten beiden Stunden eines Schulvormittags in Form von Epochenunterricht umfasst. Dabei lernt er seine Schüler sehr gut kennen und kann individuell auf ihre Stärken und Schwächen eingehen.

13. Kann ein Lehrer in allen Fächern überhaupt qualifiziert unterrichten?

Für Lehrer an Waldorfschulen gibt es eine eigene Ausbildung, die in einem Vollzeitstudium oder auch berufsbegleitend auf die besonderen Erfordernisse des Waldorfschulunterrichts vorbereitet. Klassenlehrer erteilen jeden Morgen in den ersten beiden Schulstunden jeweils ein Fach über mehrere Wochen (Epochenunterricht). Danach übernehmen Fachlehrer den Unterricht in Sport, Fremdsprachen, Eurythmie, Religion, Musik und in den handwerklichen Fächern. In der Unter und Mittelstufe geht es an der Waldorfschule nicht um die Fülle reinen Fachwissens, sondern darum, dass die Schüler eine lebendige Beziehung herstellen zu dem, was sie lernen, was sie sind und was sie an der Welt erleben. So kann Lernen Freude machen ein Leben lang.

14. Was ist unter Epochenunterricht zu verstehen?

In den ersten beiden Stunden eines Schulvormittags behandeln Waldorflehrer ein Stoffgebiet in Epochen über mehrere Wochen hinweg. So haben die Schüler zum Beispiel drei Wochen lang jeden Tag zwei Stunden Geschichte, dann wieder drei Wochen lang zwei Stunden Mathematik, usw. Sie

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können sich auf diese Weise intensiv mit einem Stoffgebiet verbinden. Grundfertigkeiten wie etwa Rechnen oder Schreiben festigen die Schüler über den Epochenunterricht hinaus in fortlaufenden Übstunden.

15. Worin unterscheiden sich Waldorfschulen überhaupt von anderen Schulen?

Waldorfschulen wollen verstandesmäßige, kreative, künstlerische, praktische und soziale Fähigkeiten bei den Kindern und Jugendlichen gleichmäßig entwickeln. Vom ersten Schuljahr an lernen Waldorfschüler zwei Fremdsprachen. Buben und Mädchen stricken, nähen und schneidern gemeinsam in der Handarbeit und sägen, hämmern und feilen gemeinsam im Werkunterricht. In jeder 8. und 12. Klasse studieren sie ein anspruchsvolles Theaterstück ein und setzen sich in einer großen Jahresarbeit mit einem Thema ihrer Wahl in Theorie und Praxis auseinander. Die Fächer Gartenbau und Eurythmie sind feste Bestandteile des Unterrichts.

16. Wie werden die Jugendlichen in der Oberstufe auf die Berufswelt vorbereitet?

Während der ganzen Oberstufe werden die Schüler in allen Fächern von Fachlehrern unterrichtet. Die handwerklichen Fähigkeiten, die sie sich über die gesamte Schulzeit hinweg haben aneignen können, werden von der 8. Klasse an durch mehrere Praktika ergänzt: In einem Landwirtschafts- und einem Forstpraktikum, einem Feldmess-, einem Betriebs und einem Sozialpraktikum erhalten die Schüler eine ausgesprochen lebensnahe Ausbildungsgrundlage. Dabei liegt der eigentliche Sinn der Praktika nicht in der Berufsfindung, sondern im Erüben sozialer und persönlicher Fähigkeiten.

17. Kommt die Vorbereitung auf die Abschlüsse nicht zu kurz, wenn an der Waldorfschule so viele Praktika stattfinden, wenn Theater gespielt und handwerklich gearbeitet wird?

Es ist richtig, dass diese Aktivitäten zusammen mit dem Lernpensum in manchen Schuljahren eine Doppelbelastung für die Schüler bedeuten. Hier müssen immer wieder individuelle Lösungen gefunden werden. Tatsächlich liegen die Waldorfschulen aber was die Abschlüsse angeht auf gleichem Niveau mit den staatlichen Regelschulen, meist liegen sie sogar über dem Durchschnitt.

18. Werden die Kinder an der Waldorfschule weltanschaulich unterrichtet?

Die Waldorfschule ist konfessionell nicht gebunden. Zunächst entscheiden die Eltern, welchen Religionsunterricht ihr Kind besucht, später entscheiden die Jugendlichen selbst. Rudolf Steiners geisteswissenschaftliche Erkenntnisse selbst sind zu keinem Zeitpunkt Gegenstand des Unterrichts.

19. Was hat es mit dem Fach Eurythmie auf sich?

Eurythmie ist eine Bewegungskunst, die an Waldorfschulen in allen Klassen unterrichtet wird. Im Unterschied zu gymnastischen, pantomimischen oder tänzerischen Bewegungen, die völlig frei gestaltet werden können, gibt es in der Eurythmie für jeden Buchstaben und jeden Ton eine ganz bestimmte Gebärde. In der Lauteurythmie stellen die Schüler zum Beispiel dar, was in einem Gedicht

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an Lauten lebt, und in der Toneurythmie, was in den Tonintervallen einer musikalischen Komposition lebt.

20. Spielen die Naturwissenschaften an der Waldorfschule überhaupt eine Rolle? Und wie stehen die Waldorfschulen zum Umgang mit dem Computer?

An der Waldorfschule stehen die naturwissenschaftlichen Fächer gleichgewichtig neben allen anderen Unterrichtsfächern. Das Fach Informatik ist fester Bestandteil an der Waldorfschule, wobei die Pädagogen Wert darauf legen, dass sich die Kinder, bevor sie die virtuelle Welt kennen lernen, mit der natürlichen Weit vertraut machen und ihre sozialen und schöpferischen Fähigkeiten an ihr entwickeln. In der Oberstufe ist der Umgang mit der Soft und Hardware für jeden Waldorfschüler eine Selbstverständlichkeit.

Pädagogik nach Rebeca Wild

Rebeca Wild (* 1939 in Berlin) ist eine deutsche Pädagogin. Mit ihrem Ehemann Mauricio Wild betrieb sie 1977–2005 die Lernumgebung „Pesta“ in Quito (Ecuador), stark angelehnt an der Pädagogik von Maria Montessori und dem Entwicklungsmodell von Jean Piaget. Ihre Arbeit und die diese beschreibenden Bücher sind Motivation für etliche Alternativschulen, die sich zumeist „Aktive Schulen“ nennen und die Art ihres Arbeitens „nicht-direktive Begleitung“.

Rebeca Wild lebt seit 1961 in Ecuador. Ihr Mann Mauricio Wild war hier als Sohn Schweizer Eltern geboren worden. Sie arbeiteten zunächst als Leiter einer Plantage, dann als Angestellte einer Import-Export-Firma in der Hafenstadt Guayaquil. Von 1965 bis 1970 studierten sie Sozialwissenschaften in New York und Puerto Rico, kehrten dann nach Ecuador zurück um ein landwirtschaftliches Entwicklungsprojekt in den Anden zu leiten.

Als Eltern hatten sich die Wilds sehr früh an den Ideen und Erfahrungen Maria Montessoris orientiert. Die italienische Ärztin hatte entdeckt, dass Kinder in einer vorbereiteten Umgebung, die ihren Bedürfnissen und ihrer Reife entspricht, selbstständig aktiv werden und mit allen Sinnen lernen und dass in bestimmten sensiblen Phasen Lernprozesse sehr schnell stattfinden.

Ihrem zweiten Sohn wollten die Wilds eine herkömmliche Schulerfahrung nicht zumuten. Sie mieteten 1977 bei Quito ein Haus, das gleichzeitig Wohnhaus und Kindergartengebäude war. 1980 eröffneten die Wilds eine Grundschule (Primaria), 1986 eine Sekundarschule (Secundaria). 1989 wurde das Pesta als Experimental-Schule für Ecuador anerkannt. Schon 1981 hatten die Wilds zusammen mit Eltern die Schule in eine Stiftung, die FEP (Fundacion Educativa Pestalozzi), umgewandelt, die allerdings keine staatlichen Zuschüsse erhielt. Seit 1989 durfte die FEP einen Sekundarschulabschluss vergeben, der dem deutschen Realschulabschluss entspricht. Für die Abiturprüfung als Externe konnten die Jugendlichen im Pesta weiterlernen und viele haben nach

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Aussagen der Wilds das Abitur nach wenigen Monaten Vorbereitung in staatlichen oder privaten Kursen geschafft.

In ihrer Schule haben sie die vorbereitete Umgebung, wie sie von Maria Montessori (Montessoripädagogik) vorgeschlagen und entwickelt worden ist, um Räume erweitert, in denen die Kinder und Jugendlichen ihren Bedürfnissen nach freier Bewegung, nach konkreten Erfahrungen mit unstrukturierten Materialien, oder nach Gesprächen untereinander nachgehen können.

Rebeca und Mauricio Wild haben dem freien Spiel einen zentralen Ort in der kindlichen Entwicklung auch im Schulalltag eingeräumt, indem sie die vorbereitete Umgebung so gestalten, dass es den Kindern ermöglicht wird, ihren Bedürfnissen entsprechend sich aktiv für eine Beschäftigung oder Arbeit zu entscheiden. In ihren Büchern betont Rebeca Wild, dass die von Jean Piaget beschriebenen Entwicklungsetappen von Kindern nur vollzogen werden können, wenn ihnen so viele konkrete Erfahrungen wie möglich erlaubt werden und wenn ihr Rhythmus der Verarbeitung von Erfahrungen respektiert wird.

Die Wilds sehen die außerschulische Umgebung der Kinder als einen wesentlichen Teil an, für den sie auch Verantwortung übernahmen. Dies erforderte eine enge Zusammenarbeit zwischen Familie und Schule und umfasste das gesamte Leben der Kinder und Erwachsenen, die es begleiten.

Die theoretische Reflexion ihrer Arbeit stützt sich auf Erkenntnisse des chilenischen Biologen Humberto Maturana. In diesem Zusammenhang nennen Rebeca und Mauricio Wild die Grundrichtung ihrer Pädagogik "Lebensprozesse respektieren".

Pädagogik nach Emmi Pikler

Emmi Pikler (* 9. Januar 1902 in Wien; † 6. Juni 1984 in Budapest, gebürtig Emilie Madleine Reich) war eine ungarische Kinderärztin, die im 20. Jahrhundert neue Wege in der Kleinkindpädagogik ging.

Lebensweg [Bearbeiten]

Emmi Pikler wurde 1902 in Wien geboren und verbrachte dort ihre frühe Kindheit. Sie wuchs ohne Geschwister auf. Ihre Mutter, eine Wienerin, war Kindergärtnerin von Beruf, ihr Vater ein Ungar, Handwerker. 1908 zogen ihre Eltern nach Budapest. Noch während ihrer Schulzeit, als Emmi Pikler zwölf Jahre alt war, starb ihre Mutter.

Ihr Entschluss Kinderärztin zu werden, führte sie zum Medizinstudium zurück nach Wien. Sie promovierte 1927 und erhielt ihre pädiatrische Fachausbildung an der Wiener Universitäts-Kinderklinik bei Clemens von Pirquet und an der Kinderchirurgie bei Hans Salzer.

Emmi Piklers dritter Lehrer war ihr eigener Mann, ein Mathematiker und Pädagoge, durch dessen Erfahrungen sie in ihren entwicklungsphysiologischen Überlegungen bestätigt wurde. Gemeinsam

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entschieden sie bei der Geburt ihres ersten Kindes, ihm freie Bewegung zu ermöglichen und seine Entwicklung in Geduld abzuwarten. Zunächst lebten sie in Triest, später in Budapest. 1935 wurde Emmi Pikler als Kinderärztin auch in Ungarn anerkannt. Von Anfang an war es ihr Ziel, eine gesunde Entwicklung des Kindes zu ermöglichen. Aus der Erfahrung mit ihrer Tochter wusste sie, dass ein Kind nicht zu Bewegungen und zum Spiel angeregt werden muss und dass jedes Detail im Umgang mit dem Kind und in seiner Umgebung wichtig ist. Schon in diesen Jahren hat Emmi Pikler über die Pflege und Erziehung von Säuglingen und Kleinkindern Vorträge und verschiedene Artikel geschrieben. Daraus entstand ihr erstes Buch für Eltern. Es erschien 1940 und erlebte später in Ungarn und im Ausland zahlreiche Auflagen. Die zehn Jahre, die sie als Familienärztin arbeitete, waren für sie nicht nur aufgrund ihrer jüdischen Herkunft schwer, sondern auch, weil ihr Mann von 1936 bis 1945 aus politischen Gründen in Gefangenschaft war. Durch ihre innere Kraft und Unerschrockenheit und die Hilfe der Eltern der von ihr betreuten Kinder konnte sie und ihre Familie die Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg überleben.

Nach dem Krieg wurde sie Mutter von zwei weiteren Kindern. Sie hat ihre Privatpraxis nicht wieder eröffnet, sondern kümmerte sich innerhalb einer ungarischen Organisation um verlassene und unterernährte Kinder. Neben vielfältigen anderen Tätigkeiten gründete sie 1946 das Säuglingsheim Lóczy, das sie bis 1979 leitete. Sie hat es von Anfang an verstanden – unter anderem durch sorgfältige Auswahl der Pflegerinnen – eine Atmosphäre der Geborgenheit zu schaffen, in der Säuglinge ohne die üblichen Anstaltsschäden aufwachsen. Emmi Pikler hatte sich einer Aufgabe angenommen, deren Dringlichkeit bis dahin nur vereinzelt gesehen worden ist.

Elfriede Hengstenberg hatte 1931 aufgrund der Erkenntnisse Elsa Gindlers und Heinrich Jacobys darauf hingewiesen, wie notwendig es sei, die naturgegebenen Gesetzmäßigkeiten der kindlichen Entwicklung zu erforschen, um dem Kind seine ursprünglichen Fähigkeiten und Kräfte zu erhalten. Gindler und Jacoby hatten in den 20er Jahren erkannt, in welchem Ausmaß die übliche Säuglings- und Kleinkindererziehung die Initiative der Kinder behindert, ihre Ausdrucksfähigkeit verkümmern lässt und unselbständige, ungeschickte, bewegungs- und haltungsgeschädigte Menschen aus ihnen macht. Auch unser weitgehend gestörtes Verhältnis zum Arbeiten und Lernen war für sie eine Folge der fehlenden Kenntnis der Natur des Menschen. Emmi Pikler wurde in ihrem ungewöhnlichen pädagogischen Ansatz bestärkt, als sie 1935 in Budapest durch Elfriede Hengstenberg Gindlers und Jacobys Arbeitsweise kennenlernte. Die Ergebnisse ihrer praktischen und wissenschaftlichen Arbeit wiederum haben die Vorstellung Gindlers und Jacobys von der Möglichkeit einer ungestörten Entfaltung des Kindes bestätigt.

1946 gründet Emmi Pikler in Budapest das Lóczy-Institut. Unter ihrer Leitung und durch die Ergebnisse zur Verhütung des Hospitalismus sowie durch die Herausgabe von Fachbüchern und wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurde es zu einem international bekannten methodologischen Institut, das heute von der Kinderpsychologin Anna Tardos geleitet wird. Emmi Pikler setzte nach der Pensionierung im Jahr 1978 ihre wissenschaftliche und beratende Tätigkeit im Lóczy fort. Im Mittelpunkt ihres Interesses stand weiterhin die Bewegungsentwicklung des Säuglings, die auch 1969 Thema ihrer Habilitation war. Ihre Arbeit fand in den letzten Jahren ihres Lebens im In- und Ausland

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immer mehr Anerkennung. 1984 starb Emmi Pikler mitten aus dem Schaffen heraus nach kurzer, schwerer Krankheit.

Veröffentlichungen

Laßt mir Zeit. Die selbständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen. Untersuchungsergebnisse, Aufsätze und Vorträge.(Mit Anna Tardos). Pflaum, München 2001/3. Auflg. ISBN 379050842X

Friedliche Babys - zufriedene Mütter. Pädagogische Ratschläge einer Kinderärztin. Herder, Freiburg 2008/9. Auflg. ISBN 9783451049866

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Förderung der kindlichen Persönlichkeit

Erziehung zur Selbstachtung

"Ausgerechnet du musst so etwas sagen!" "Was sollen da die anderen von dir denken?" "Du wirst das schon hinkriegen!" Für Eltern wohlbekannte Sätze aus dem Erziehungsalltag. Oft mal schnell hingesagt und doch können diese Botschaften das Verhalten und Handeln der Kinder prägen. Eltern sollten prüfen, ob diese und andere Äußerungen gegenüber ihren Kindern, das Selbstwertgefühl der Kinder unterstützen oder schwächen können. Denn Kinder mit einem positiven Selbstwertgefühl sprechen und handeln mit der Grundüberzeugung, Lebensaufgaben bewältigen zu können und Konflikte lösen zu können. Kinder mit einem negativen Selbstwertgefühl haben die Grundüberzeugung, dass sie mit den auf sie zukommenden Situationen nicht zurechtkommen und sie nicht bewältigen zu können. Da das Selbstwertgefühl nicht angeboren ist, sondern in hohem Maße abhängig ist von Erfahrungen, die Kinder in ihrem sozialen Umfeld machen, wird im folgenden Beitrag erklärt,

wie Menschen zu ihrem Selbstbild kommen,

nach Möglichkeiten gesucht, wie das Selbstwertgefühl durch Erziehung in der Familie und in Institutionen gestärkt werden kann.

SELBSTACHTUNG IST DIE GRUNDLAGE PSYCHISCHER GESUNDHEIT,

ERZIEHUNG ZUR SELBSTACHTUNG DAMIT DIE GRUNDLAGE JEGLICHER

ERZIEHUNG.

Ausgangspunkt dieser recht kühn klingenden Behauptung ist die These, dass Mensche n, die

ein starkes Selbstwertgefühl und ein hohes Maß an Selbstachtung entwickeln konnten, psychisch

stabil sind, mit den Alltagsanforderungen und Konflikten angemessen umgehen können

und somit selbst aber auch im Kontakt mit anderen sozial angemessen leben können.

Eine Idee davon, wie es um das Selbstwertgefühl eines Kindes bestellt ist, bekommen wir,

wenn wir hören, wie Kinder über sich selbst und ihr Verhalten sprechen:

Positives Selbstwertgefühl

Das schaff ich schon!

Ich bin auch mal dran!

Schau mal, wie groß ich schon bin!

Beim nächsten Mal klappt es sicher!

Ich gehe und suche mir jemanden zum Spielen!

Negatives Selbstwertgefühl

Das kann ich doch nicht!

Nie komme ich dran!

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Die anderen sind größer, besser, schneller...als ich!

Es hat ja doch keinen Zweck, ich schaffe ja nie etwas!

Keiner spielt mit mir!

Kinder mit einem positiven Selbstwertgefühl sprechen und handeln mit der Grundüberzeugung,

Lebensaufgaben bewältigen zu können und Konflikte lösen zu können,

Kinder mit einem negativen Selbstwertgefühl haben die Grundüberzeugung, dass sie mit den

auf sie zukommenden Situationen nicht zurechtkommen und sie nicht bewältigen können.

Da das Selbstwertgefühl nicht angeboren ist, sondern in hohem Maße abhängig ist von Erfahrungen,

die Kinder in ihrem sozialen Umfeld machen, wird im Folgenden erklärt,

1. wie Menschen zu ihrem Selbstbild kommen,

2. nach Möglichkeiten gesucht, wie das Selbstwertgefühl durch Erziehung in der Familie und in

Institutionen gestärkt werden kann.

Wenn man sich mit der Frage beschäftigt, was Menschen brauchen, um eine stabile Persönlichkeit

zu werden, stößt man bei unterschiedlichen theoretischen Konzepten immer wieder

auf die Bedeutung des Selbstwertgefühls.

So gibt es z.B. das Konzept der Bedürfnishierarchie, das besagt, dass eine Reihe menschlicher

Grundbedürfnisse weitgehend unabhängig von kulturellen Beeinflussungen als gegeben angenommen werden kann und dass deren Befriedigung als Voraussetzung menschlichen Wohlbefindens (körperlich, psychisch, sozial) gesehen werden kann.

Bedürfnishierarchie

Transzendenz

Spirituelle/Religiöse Bedürfnisse

Selbstverwirklichung

Das Bedürfnis, die eigenen Fähigkeiten ausleben zu können, Ziele haben, Lebenspläne verwirklichen

Ästhetische Bedürfnisse

Bedürfnisse nach Ordnung, Schönheit

Kognitive Bedürfnisse

Das Bedürfnis nach Wissen, Verstehen, nach Neuem, intellektueller Anregung

Selbstwert

Das Bedürfnis nach Vertrauen zu sich selbst und dem Gefühl, etwas wert zu sein aufgrund eigenen Erlebens und der Anerkennung von anderen

Bindung

Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Verbindung mit anderen, zu lieben und geliebt zu werden

Sicherheit

Das Bedürfnis nach Sicherheit, Ruhe, Freiheit von Angst

Biologische Bedürfnisse

Bedürfnis nach Nahrung, Wasser, Sauerstoff,, Ruhe, Sexualität, Entspannung

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Ein anderes Konzept, dass sich mit Lebenstüchtigkeit beschäftigt, und mit der Frage, welche

Erfahrungen Menschen / Kinder gebrauchen, um Lebenstüchtigkeit zu entwickeln, kommt zu

folgenden Ergebnissen:

Lebenstüchtigkeit

Um Kinder zu lebenstüchtigen Menschen zu erziehen, müssen Eltern und professionelle ErzieherInnen in Institutionen das Zusammenleben mit Kindern so gestalten, dass sie wesentliche

Grunderfahrungen machen können, die ihnen helfen, eigenverantwortlich, selbstbewusst

und rücksichtsvoll mit sich und anderen umzugehen.

Fähigkeiten, die Kinder brauchen, sind:

Selbstachtung, Selbstvertrauen, Ich – Stärke

Ich bin wertvoll

Ich vertraue mir

Ich kann „nein“ sagen.

Selbstkontrolle, Frustrationstoleranz

Ich muss nicht alles sofort haben,

Ich kann mit Grenzen umgehen.

Konfliktfähigkeit, Belastbarkeit

Ich stelle mich meinen Problemen.

Ich lasse mich nicht unterkriegen.

Gesundheitsbewusstsein

Ich gehe sorgsam mit mir um.

Mein Körper ist mir wichtig.

Soziale Kontaktfähigkeit, Gruppenzugehörigkeit, Einfühlungsvermögen

Andere Menschen sind mir wichtig

Ich kann Kontakte knüpfen, vertiefen und auch beenden.

Genuss- und Erlebnisfähigkeit, Lebensfreude, Träume

Ich kann den Augenblick genießen und meine Seele baumeln lassen.

Es gibt viel Schönes auf der Welt zu entdecken.

Umgang mit Gefühlen

Ich nehme meine Gefühle wahr, kann sie zulassen und ausdrücken.

Ich kann mit meinen Stimmungen umgehen.

Zukunftsperspektiven, Sinn, Werte

Leben lohnt sich und macht Sinn.

Ich weiß, wofür ich mich einsetze.

Es gibt etwas, woran ich mich halten kann.

Umgang mit Schicksalsschlägen

Auch wenn etwas ganz Schlimmes passiert, gebe ich nicht auf

und weiß auch damit umzugehen.

Wenn wir uns mit dem Selbstwertgefühl, dem Selbstbild, der Einschätzung unserer Bedeutung 279

und unseres Wertes beschäftigen, sollten wir uns zunächst fragen, was denn genau gemeint ist.

Das Selbstbild eines Menschen setzt sich aus einer Vielzahl von Bildern und Überzeugungen

und Aussagen zusammen, die wir als zutreffend ansehen. Dies sind zum Teil objektive Aussagen

wie:

„Ich bin 1,85 m groß“

„Ich bin ein Mann“

„Ich bin Engländer“

„Ich bin schwarzhaarig

Zu Teilen des Selbstwertes werden diese Aussagen durch die jeweilige Bewertung.

„Ich bin zu groß /zu klein“

„Ich bin leider ein Mann“

„Ich bin - Gott sei Dank- Engländer“

„Ich bin glücklicherweise schwarzhaarig

„Ich bin gescheit, hässlich, liebenswert, klug, unsportlich, nichts wert usw.

Zusammenfassung.

Das Selbstbild ist die Summe der Überzeugungen und Bilder, die Menschen von sich selbst

haben. Der Selbstwert ist das eigene Bewertungssystem des Selbstbildes.

Es entspricht dem Maßstab der Bewertung unserer Eigenschaften und sagt aus ob, wie, in

welchem Maße wir uns selbst anerkennen und mögen.

Aus unserer Selbstbewertung entsteht dann das Maß unserer Selbstachtung

Selbstachtung ist der gute oder schlechte Ruf, den ich bei mir selber habe und der entscheidet,

ob ich das Vertrauen entwickle, dem Leben gewachsen zu sein und seine Anforderungen erfüllen

kann oder ob ich mich selbst für unfähig, minderwertig und nicht liebenswert halte.

Wie entsteht das Selbstbild?

Wie kommt es, dass wir so unterschiedliche Bilder von uns selbst haben? Wie und auf welcher

Grundlage bilden wir unsere Urteile über uns selbst?

Ein Großteil der Grundeinstellungen, die wir zu uns selber haben, bekommen wir als Kinder

vermittelt und zwar im Wesentlichen über folgende 3 Quellen:

Mein Selbstbild entsteht durch das Verhalten, das andere mir gegenüber zeigen, z.B.:

Freuen sich die Personen in meiner Umgebung über mich?

Werde ich mit Wohlwollen betreut und versorgt?

Habe ich positive Erfahrungen mit Körperkontakt und Nähe?

Erlebe ich Zärtlichkeit?

oder

Signalisieren mir die Personen in meiner Umgebung, dass ich eine Last bin?

Werde ich nur notdürftig versorgt?

Vermisse ich Nähe?

- die Gespräche anderer über mich, die mir zeigen, wie andere mich sehen und

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wertschätzen, z.B.:

Wie reden meine Eltern über mich?

Was erzählen sie andern Eltern?

Wie reden meine Erzieher/Lehrer in Kindergarten und Schule über mich?

Was sagen andere Kinder, wenn ich komme?

- durch meine eigene Einschätzung dessen, was ich tue und bewirke und bin.

Habe ich Spiel- und Beschäftigungsmaterial, das meinen Entdeckungsdrang fördert

und unterstützt?

Habe ich Spielmöglichkeiten, die mich darin bestätigen, dass ich Probleme bewältigen kann?

Bin ich mit Anforderungen konfrontiert, die mich angemessen fordern und mir Mut

machen, den Dingen auf den Grund zu gehen?

Die Beispiele gelten natürlich insbesondere für den Bereich der frühen kindlichen Prägungen

also für den Bereich, in dem Eltern und Erzieher die Selbstbildentwicklung von Kindern beeinflussen,

das Grundmuster gilt aber auch für unsere eigene Entwicklung als Erwachsene.

Das Selbstwertgefühl entwickelt und verändert sich unser ganzes Leben lang, immer abhängig

von der jeweiligen Lebenssituation. So ist durchaus möglich, dass sich jemand, dessen

Selbstwertgefühl ihm ein durchaus zufriedenstellendes Leben ermöglicht, durch eine Veränderung

seiner sozialen Situation aus der Bahn geworfen wird.

Klassische Krisen und Gefährdungen des Selbstwertgefühls sind Arbeitslosigkeit und Mobbing.

Wie können Eltern, Erzieher Lehrer... das Selbstwertgefühl von Kindern

stärken?

Selbstwerterziehung heißt, sich zu fragen, was Kinder brauchen, um ein gesundes Selbstwertgefühl

entwickeln zu können.

Zur Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls brauchen Kinder

Erfahrungen und Sicherheiten in folgenden 5 Bereichen:

1. Existenzberechtigung

„Ich als Person habe ein Recht auf meine Existenz, losgelöst von dem Erfüllen von

Erwartungen“

„Ich bin in Ordnung, so wie ich bin!“

„Ich werde nicht erst dann geliebt, wenn ich mir die Liebe „verdiene“ durch Anpassung,

Wohlverhalten, gute Leistungen...“

Kinder erfahren sehr früh über erste Zuwendung, Wärme, Ernährung und andere z.T. nonverbale

Signale und Reaktionen Aussagen über die Rechtmäßigkeit ihrer Existenz. Sie bekommen

die grundsätzliche Botschaft, ob sie „von Bedeutung“, sind, d. h. ob sie losgelöst von allen Leistungen und der Erfüllung von Erwartungen einen Platz auf dieser Welt, eine Existenzberechtigung haben.

Ein Kind fühlt sich am sichersten, wenn es glaubt und erfährt, bedingungslos geliebt zu werden,

wenn es sicher sein kann, dass auch unangemessenes Verhalten der Liebe seiner Eltern

keinen Abbruch tut.

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Ist die Liebe der Eltern abhängig von Bedingungen, lernt es, dass es ein guter Mensch ist, wenn es sich gut benimmt, ein schlechter Mensch, wenn es sich schlecht benimmt.

Es lernt, dass sein Wert stark abhängig ist vom Wohlverhalten und davon, so zu sein, dass andere zufrieden sind.

Erlebt ein Kind die unbedingte Wertschätzung, wird es sich seiner selbst sicher und kann mit Fehlern, Kritik, Differenzen und Grenzen angemessener umgehen, weil die Existenz nicht bedroht ist.

Existenzberechtigung hat etwas mit Urvertrauen zu tun, mit der bedingungslosen Sicherheit,

sich auf die unmittelbaren Bezugspersonen und auch auf sich selbst verlassen zu können.

2. Kompetenz

„Mir wird zugetraut, dass ich Fähigkeiten habe .“

„Ich habe die Möglichkeit, auszuprobieren.“

„Ich werde ermuntert, neue Erfahrungen zu machen." („Probiere mal, das schaffst Du

schon.“)

Kompetenz bedeutet, dass ein Kind die Überzeugung hat, etwas beeinflussen zu können.

Am meisten helfen Erwachsene Kindern bei der Entwicklung von Kompetenz, wenn sie an

deren Fähigkeiten glauben, bevor sie demonstriert oder bewiesen wurden.

Dabei ist ein wesentlicher Fehler, der in der Erziehung und Bildung häufig gemacht wird, dass Ergebnisse höher bewertet werden als der Lernprozess.

Die Botschaft: „Es spielt keine Rolle, ob du gewinnst oder verlierst, ob Du etwas erreichst

oder nicht, es kommt auf den Versuch an“, fördert die Aktivität, die Neugierde, das Zutrauen zur eigenen Fähigkeit, die Kompetenz.

Für die Erziehung bedeutet dies, dass Ermutigung, Konzentration auf das Geleistete und nicht

auf das Fehlende Kinder in ihrer Selbstwertentwicklung stärkt.

Erwachsene sollten den Schwerpunkt ihrer Bemühungen in diesem Bereich darauf legen, Lernanreize zu schaffen und Zutrauen zum Kind entwickeln und zeigen.

3. Verbundenheit und Getrenntsein

„Ich bin als Person einzigartig und gleichzeitig bin ich Mitglied der Gemeinschaft."

„Das Besondere an mir wird gewürdigt z.B. durch Rituale wie Geburtstage, durch das

Recht auf Eigenarten, eigenes Spielzeug, Geheimnisse werden respektiert usw.“

„Ich gehöre zu eine r Familie, einer Gruppe, einem Verein...."

„Ich bin ein Teil des Ganzen, dessen Bedeutung mir verdeutlicht wird durch

Familienrituale, gemeinsame Aktionen, Förderung von Gruppenzugehörigkeit,

Betonung von Gemeinschaftssinn ..."

Selbstwert kann sich nur entwickeln, wenn ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Verbindung

als auch der Trennung von anderen Individuen entwickelt wird. Gemeint ist mit Verbundenheit das Zugehörigkeitsgefühl zu anderen (Familie, Gruppe, Klasse...), das Gefühl, sich als Teil des Ganzen zu erleben, bei gleichzeitigem Bewusstsein der individuellen Einzigartigkeit.

Wir müssen uns unterscheiden können, anders sein dürfen, unseren Wert nicht der

Bewertung anderer vollkommen unterordnen.

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Die Lebensräume von Kindern (Familie, Kindergarten, Schule) müssen so gestaltet sein, dass

einerseits eine Stärkung des Wir-Gefühls (als Familie, Gruppe, Klasse,) stattfindet, gleichzeitig

jedes Kind als Individuum mit seinen Eigenarten und Besonderheiten einen Platz hat.

4. Realismus

„Ich habe alles, was ich zum Leben gebrauche, bin aber weder der/die Größte noch zu

allem zu dumm."

„Ich habe Stärken und Schwächen und beides gehört zu mir.“

„Ich kann meine Möglichkeiten angemessen einschätzen.“

„Ich mache die Erfahrung, dass auch meine „Schattenseiten“ ein Teil meiner selbst sind

und werde doch gemocht und anerkannt, gewürdigt und respektiert."

Ein wesentlicher Teil der Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls ist die „Annahme

der Schatten“. Erst die Integration meines Schattens, meiner Begrenzungen, meiner Unvollkommenheiten ermöglicht mir. ein angemessenes Selbstbild zu entwickeln.

Realistische Einschätzung unseres Selbst und der Welt gehört mit zu den Säulen eines stabilen

Selbstwertes. Ob ich ein idealisiertes Bild meiner Selbst habe („Ich bin der Größte“) oder ein

unrealistisch negatives Bild („Ich bin zu allem zu dumm“), beides behindert mich, eine gesunde

Selbstachtung zu entwickeln. Realitätssinn schließt die Erkenntnis ein, dass niemand perfekt ist, dass jeder Mensch Fehler hat, dass jeder Mensch Stärken und Schwächen hat.

Die starke Fixierung vieler Erwachsener auf wenige Kinder (kleine Prinzen), das Ignorieren

offensichtlicher Beeinträchtigungen, die Überbewertung von Idealen und Wunschbildern bei

gleichzeitiger Negierung von Schwächen und Fehlern, ...all dies erschwert Kindern ein realistisches

Bild ihrer selbst.

In einer perfektionistischen Welt, in der Fehler ein Makel sind, in der der Anschein erweckt

wird, so etwas wie „Vollkommenheit“ erreichen zu können, ist es ausgesprochen schwer, diesen

Teil zu integrieren.

Es ist wichtig, Kinder in ihren Leistungsgrenzen zu sehen und zu respektieren, eine Balance zw. positiven und negativen Rückmeldungen herzustellen und Kinder Erfolg u. Versagen auf angemessene Art erfahren lassen.

Erwachsene sollten sich selbstkritisch fragen:

Wie geben wir Rückmeldungen über Leistungsstärken?

Wie geben wir Rückmeldungen über Schwächen und Grenzen (Abwertung, Zynismus, Sarkasmus...)?

5. Ethische Grundsätze

"Ich kenne Normen, Werte, Ideale, die mir helfen, mich zurechtzufinden in der Welt."

"Durch meine Umgebung werde ich mit Regeln, Werten und Idealen vertraut gemacht.“

"Ich erlebe Modelle, die mir Werte vorleben.“

Ethische Grundsätze und Werte bieten Kindern die notwendige Anleitung für ihr Verhalten in

vielen oft verwirrenden Situationen des Lebens. Hat ein Kind gelernt, auf „goldene“ Regeln

zurückzugreifen, kann es auch in verwirrenden Situationen entscheiden, wie es sich verhalten

soll. Ethische Grundsätze und Werte machen Kinder mit Idealen und Normsystemen vertraut 283

und verhelfen ihnen, wenn sie diese Werte verinnerlichen können, zu dem wohltuenden Gefühl, sich selbst treu bleiben zu können. (Gewissensbildung).

Ein großes Problem der Entstehung eines stabilen Wertsystems ist die Widersprüchlichkeit

und Unstimmigkeit zwischen der erlebten Werterealität und den oft entgegengesetzten an Kinder gestellten Erwartungen (Gewalt, Ehrlichkeit, Mitmenschlichkeit).

Auch hier gilt, dass Kinder mehr von den vorgelebten Realitäten als den ausgesprochenen

Ideen lernen.

Zusammenfassung

Die Entstehung eines stabilen Selbstwertgefühls hängt in hohem Maße von Erfahrungen und

Rückmeldungen in den oben skizzierten Bereichen zusammen.

Erziehende sollten ihr Handeln immer wieder dahin gehend überprüfe n, welche Botschaften,

bezogen auf den Wert der ihnen anvertrauten Kinder sie aussenden und welche Wirkung ihr

Tun auf die Selbstwertentwicklung haben kann.

Oft sind es nicht die großen dramatischen Aktionen, die die Persönlichkeitsbildung beeinflussen,

sondern die täglichen kleinen Rückmeldungen und Signale.

Häufig gehörte Sätze wie

- Ausgerechnet Du musst so etwas sagen

- Sei nicht so dusselig

- Was sollen denn die anderen von Dir denken

- Das meinst Du doch gar nicht so

- Was kann man auch von Dir anderes erwarten.

- Mach nicht so ein blödes Gesicht

- Du hast ja keine Ahnung

oder Sätze wie:

- Versuchs mal

- Du bist alt genug

- Das kannst du schon

- Du wirst es schon hinkriegen

- Gut, dass du es versucht hast

- Beim nächsten Mal wirst Du es schon schaffen

- Erzähl doch mal

hinterlassen langfristig entscheidende Spuren.

Selbstbewusstsein der Kinder stärken Wohl alle Eltern wünschen sich mutige und selbstbewusste Kinder, die ihre Bedürfnisse ohne Angst äußern oder schwache Kinder unterstützen. Kinder, die sich selbst vertrauen und an sich glauben, gehen mit offenen Augen durch das Leben und machen uns zuversichtlich, dass sie in unserer komplizierten Welt gut zurechtkommen. 284

Selbstbewusste Kinder besitzen eine Reihe von Fähigkeiten, die mit Vertrauen und Selbstvertrauen, innerer Sicherheit und Stärke, aber auch mit Mut und Entschlusskraft zu tun haben. Es ist noch gar nicht so lange her, als die Wissenschaftler noch glaubten, dass solche Eigenschaften angeboren sind und sie ein Leben lang fortbestehen. Heute wissen wir, dass Kinder erst allmählich zu kleinen Persönlichkeiten heranreifen und dass diese Entwicklung sehr leicht zu stören ist. Damit aus einem hilflosen Säugling eine selbstbewusste und starke Persönlichkeit wird, braucht jedes Kind ganz ganz viel Wärme und Geborgenheit, Aufmerksamkeit und Zuwendung, aber auch Förderung und Ansporn. Um dieses Ziel zu erreichen, werden von uns Eltern große Anstrengungen abverlangt, Anstrengungen aber, die sich lohnen. Denn zufriedene, ausgeglichene und selbstbewusste Kinder sind der wohl schönste Lohn für die Mühen der geplagten Eltern.

Die Vertreibung aus dem Paradies

Ein Kind ist unterwegs: Noch ist es im Bauch der Mami gemütlich und warm. Weder grelles Licht noch grässliche Geräusche stören die angenehme Ruhe. Das vertraute Gluckern des Fruchtwassers und der gleichmäßige Atem der Mutter geben dem Kleinen Sicherheit und Geborgenheit. Irgendwo in der Ferne verkündet ein rhythmischer Herzschlag, dass die Welt in Ordnung ist. Eigentlich fehlt es dem Winzling an nichts und es könnte immer so bleiben. Doch das Paradies ist nicht von Dauer und die Natur lässt sich nicht aufhalten. Allmählich wird es ungemütlich und eng und das Ungeborene drängt nach draußen: ein Mensch wird geboren. Nach der Geburt ist alles anders: Grässliche Töne, grelle Lichtblitze und plötzliche Berührungen erschrecken das Neugeborene zutiefst. Kälte, Hunger und Unbehagen werden nun zu neuen, bisher nicht gekannten, Erfahrungen.

Vertrauen und Urvertrauen

Zum Glück ist die vertraute Mutter meistens in der Nähe, die den Säugling ernährt, streichelt und vor Kälte schützt. Wenn alles gut geht, wird das Kind die Erfahrung machen, dass seine Bedürfnisse auch außerhalb des Mutterleibes zuverlässig erfüllt werden. Indem sich dieser Vorgang immer wieder und täglich wiederholt, gewinnt der Säugling nach und nach die Sicherheit, dass alles in Ordnung ist und dass er immer gut versorgt wird. Hierdurch entwickelt das Kleinkind ein tiefes Vertrauen zu den Menschen, die es umgeben. Wir nennen dieses Vertrauen Urvertrauen, weil es ein ursprüngliches und tiefes Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Mutter oder anderer wichtiger Menschen ausdrückt. Dieses Urvertrauen, das Gefühl also, dass die Welt in Ordnung ist, ist eine wichtige Voraussetzung

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dafür, dass die Kinder sich im Leben zurechtfinden. Ohne dieses Vertrauen in die Welt finden sie kein Selbstvertrauen, werden auch anderen Menschen misstrauen und werden nicht lieben können.

Die Eltern sind der Schlüssel zum Glück

Es gibt Kinder, die schon wenige Monate nach der Geburt von der Mutter getrennt wurden oder wochenlang allein im Krankenhaus verbringen mussten. Heute wissen wir, dass solche Kinder häufig unter so genannten Hospitalismus-Schäden leiden. Nicht ohne Grund ist es in den meisten Krankenhäusern möglich, dass die Angehörigen bei ihren Kindern über Nacht bleiben können. Jedenfalls zeigt das, welche hohe Bedeutung ein zuverlässiger Mutter-Kind-Kontakt in den ersten Lebensmonaten hat. Es gibt aber auch Kinder, die von ihrer Mutter oder einer anderen nahe stehenden Person nicht ausreichend, nur unregelmäßig oder tagelang überhaupt nicht versorgt werden, obwohl die Mutter in der Nähe ist. Selbst wenn wir die eigenen Leiden solcher Mütter manchmal verstehen können, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass die betroffenen Kinder dadurch schweren Schaden erleiden. Im Grunde genommen ist das Lernen und die Erfahrung von nicht ausreichender Versorgung ein ähnlicher Lernvorgang wie der beim Erlernen der Sicherheit und des Urvertrauens. Nur eben umgekehrt. Nicht wenige Alkohol- oder Drogenabhängige oder psychisch kranke Menschen leiden unter den Folgen einer nicht ausreichenden Versorgung in der frühen Kindheit. Frühe Prostitution, eine Neigung zu kriminellen Handlungen und viele andere Fehlentwicklungen sind auf solche sogenannte frühe Störungen zurückzuführen. Deshalb brauchen alle Kinder für ihre innere Sicherheit und Gelassenheit Eltern, auf die sie sich uneingeschränkt verlassen können.

Beide Elternteile sind wichtig

Wenn das Kind älter wird, spielt der Vater eine zunehmende Rolle in der Entwicklung. Er repräsentiert in der Phantasie des Kindes die fremde und aufregende Welt außerhalb der vertrauten häuslichen Grenzen. In einem sehr sehr komplizierten Vorgang beginnt das Kind Strukturen von der umgebenden Welt zu erkennen. Es bemerkt, dass es ein Innen und ein Außen gibt, es erkennt Gesetzmäßigkeiten und es beobachtet, dass Dinge sich verändern. Auch wenn die Rollen, die wir den Geschlechtern zuordnen, ins Wanken geraten sind, haben sie nach wie vor eine wichtige Funktion bei der Entwicklung der Kinder. Während die meisten Mütter auch heute noch die versorgende, unterstützende und verstehende Seite abbilden, fühlen sich die meisten Männer immer noch für die rationalen, technischen und notwendigen Aspekte des Lebens zuständig. Diese Rollenverteilung, die genauso gut umgekehrt sein könnte, ist für die Persönlichkeitsentwicklung enorm wichtig. Denn Kinder brauchen auf ihrem Weg und zu ihrer inneren Gewissheit vielfältige

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Anregungen und zahlreiche Eindrücke, um die sie umgebende Welt zu begreifen. Auch wenn die traditionelle Familie in der Auflösung begriffen ist, bleibt sie nach wie vor der zentrale Ort, an dem dieses alles gelernt wird. Die Eltern haben eine unverzichtbare Vorbildfunktion und sind das Modell, an dem Kinder Vertrauen, Selbstvertrauen und Selbstsicherheit lernen.

Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, ob die Eltern nun zusammen oder getrennt sind.

Grenzen erkennen und akzeptieren

Eine wichtige Erkenntnis in der frühen Kindheit ist das Begreifen der Negation. Dabei ist es für das Kleinkind schon schwierig genug, all das zu begreifen, was da ist. Nun muss es auch noch lernen, was nicht ist. Obwohl die Tischdecke verführerisch herunterbaumelt, darf das Kind "nicht" an ihr ziehen, weil sonst der gedeckte Tisch auf dem Boden landet. Das "Nein" zu lernen und zu begreifen, ist für Kinder und deren Eltern manchmal ein mühseliger Vorgang, der für ihre Entwicklung aber sehr wichtig ist. Kinder, die begriffen haben, dass das "Nein" auch ihrer eigen Sicherheit dient, werden sich in ihrem späteren Leben auch gegenüber Verführungen durch Drogen, Nikotin oder Bandenkriminalität abgrenzen können.

Selbstvertrauen im Alltag

Wie Sie sehen, finden Kinder dadurch zu einem gesunden Selbstvertrauen, indem sie sich auf ihre Eltern verlassen können und dadurch lernen, sich selber zu trauen. Wie können wir unsere Kinder im Alltag dabei unterstützen? Es ist eigentlich sehr einfach. Und manchmal fragen wir uns, warum wir uns so verhalten, als wenn wir nicht wüssten, was unsere Kinder brauchen. Dabei sind es nicht die großen Dinge, die unseren Kindern Mut machen und ihnen Selbstbewusstsein verleihen. Es sind die kleinen, aber wirksamen Verstärker, die alltäglichen Vertrauensbeweise und die scheinbar nebensächlichen Gesten, die Kinder als wertschätzend erleben. Eigentlich ist es gar nicht wichtig, sie alle aufzuzählen, denn die meisten Eltern kennen die kleinen, für unsere Kinder aber existenziell wichtigen Mitteilungen, die ich im nächsten Abschnitt zusammenfassen möchte.

Selbstvertrauen fördern

Vertrauen Sie Ihrem Kind, indem Sie es nicht übermäßig behüten und einengen und ihm altersgemäße Freiräume gewähren.

Heben Sie kleine Erfolge hervor und greifen Sie Missgeschicke als eine Gelegenheit auf, aus denen sie etwas lernen können.

Stärken Sie die Fähigkeit Ihres Kindes für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, indem es z.B. ein kaputtes Spielzeug im Kaufhaus selbst reklamiert.

Sagen Sie zu Ihrem Kind ab und zu die Zauberformel: "Ich vertraue dir!" Sie kann kleine Wunder bewirken.

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Lachen Sie Ihr Kind niemals aus oder verspotten es gar, wenn es etwas falsch gemacht hat. Es könnte ein Leben lang darunter leiden.

Nehmen Sie die Meinung Ihres Kindes ernst, auch wenn Sie anderer Auffassung sind. Sätze, die mit "Findest du nicht auch ...?" beginnen, sind ein guter Ansatz, um mit dem Kind im Gespräch zu bleiben.

Lassen Sie Ihr Kind an Entscheidungen in der Familie teilhaben. Wenn es an der Gestaltung des Gartens teilhat oder die Farbe des neuen Autos mit auswählen darf, fühlt es sich angenommen und akzeptiert.

Fördern heißt auch fordern. Geben Sie nicht zu schnell auf, wenn Ihr Kind sich etwas nicht traut. Bewahren Sie Geduld, wenn es sich z.B. im Schwimmbad vor dem Sprung ins Wasser scheut.

Denken Sie daran, dass Sie ein Vorbild sind. Je mutiger Sie sich selbst bei Ungerechtigkeiten auf dem Spielplatz oder bei anderen Gelegenheiten zeigen, umso eher wird auch Ihr Kind den Mut finden, sich zu wehren.

Selbstachtung und Wertgefühl

Im Alltag gibt es viele Gelegenheiten, die Selbstachtung unserer Kinder zu fördern und ihnen mit Wertschätzung zu begegnen. Hier einige Anregungen, die sich eher für Kinder bis zum Ende der Grundschule eignen:

Bravo! - Kinder im Vorschul- und Grundschulalter genießen und lieben Anerkennung über alles. Wenn Ihr Kind etwas gut hinbekommen hat, rufen Sie ruhig einmal vernehmlich "Bravo!" oder applaudieren. Wenn die größeren Geschwisterkinder mitmachen, ein besonders erhebendes Gefühl für die kleinen Helden.

Aus der Masse hervortreten - Wenn das Kind "eine zwei" geschrieben hat, darf es heute auf Papa's Stuhl sitzen, bekommt einen Teller mit goldenem Rand, es werden Kerzen aufgestellt und es darf bestimmen, was gekocht wird.

Flagge hissen - Für besondere Anlässe eignet sich ein bunter Windsack oder eine selbst gebastelte Fahne, die weit sichtbar verkündet, dass heute Geburtstag ist, das Kind aus dem Krankenhaus entlassen wurde oder eine Prüfung bestanden hat.

Kinderbuch - Eine einfache, aber wirksame Methode zur Förderung der Selbstachtung ist das Kinderbuch, in das sie alles reinschreiben: Die ersten Krabbel- oder Gehversuche, die kleinen Streiche und Wortverdrehungen und vieles mehr. Auch als positive Erziehungshilfe gut geeignet, etwa in dem Sinne: "Oh, das hast du gut gemacht, das schreiben wir heute ins Kinderbuch!"

Ich bin mir sicher, dass Ihnen noch viele interessante und originelle weitere Beispiele einfallen, mit denen Sie den Selbstwert Ihres Kindes erhöhen können.

Offene und faire Kommunikation

Ganz wichtig für die Entwicklung und das Selbstwertgefühl ist ein fairer sprachlicher Umgang mit den Kindern. Kinder haben ein Recht auf eindeutige Kommunikation, denn sie lernen ja noch. Hier einige Anregungen, worauf Eltern achten sollten:

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Vermeiden Sie jegliche Form von Ironie oder Sarkasmus. Kinder können damit nicht nur nicht umgehen, sondern sie verstehen solche Sätze nicht. Wenn ein Kind die Milch verschüttet hat, wird es mit Verwirrung reagieren, wenn Sie zu ihm sagen würden: "Das hast du aber toll hingekriegt!"

Verwenden Sie keine paradoxen Botschaften. Achten Sie darauf, dass ihre Aussagen mit ihrer nonverbalen Signalen übereinstimmen. Wenn Sie mit einem traurigen Gesicht zu ihrem Kind sagen: "Schön, dass du da bist!" wird es vielleicht Schuldgefühle bekommen, sich über die Mitteilung aber nicht freuen können.

Verordnen Sie keine Gefühlslagen. Wenn ein Kind über Schmerzen klagt, dann sind da Schmerzen. Allein schon deshalb, weil das Kind daran glaubt. Versuchen Sie Ihrem Kind nicht einzureden, dass es keine Schmerzen hat. Dadurch kann es auf Dauer den Kontakt zu den eigenen Gefühlen verlieren.

Erweisen Sie sich gegenüber Ihrem Kind als klar und eindeutig. Selbst wenn Sie eigene Zweifel haben, machen Sie keinen Hehl daraus. Unsere Kinder können vermutlich besser als wir damit umgehen, dass die komplizierte Welt der Gegenwart alles andere als widerspruchsfrei ist.

Indem wir uns fair und offen mit unseren Kindern austauschen, gewinnen sie zusätzliche Kraft und Selbstvertrauen

Kreativität der Kinder

Einst wurde Christoph Kolumbus, der "Entdecker von Amerika" von seinen Gegnern scharf angegriffen. "Amerika zu entdecken" so sagten sie, "ist doch nichts besonderes, das hätte doch jeder gekonnt." Christoph Kolumbus war ein kluger Mann. Statt zu antworten, ließ er sich ein gekochtes Ei bringen und bat seine Kritiker dieses auf die Spitze zu stellen. Wie sie es auch drehten und wendeten: Es gelang niemandem. Darauf nahm Kolumbus das Ei, schlug die Spitze platt und das Ei stand. "Ich habe nichts davon gesagt, dass das Ei heil bleiben muss" antwortete Kolumbus den verblüfften Kritikern. Und genau das ist es, was kreative Menschen auszeichnet. Sie lassen sich nicht vorschreiben, wie sie zu denken haben. Denn kreativ sein heißt seine eigenen Wege zu gehen. Wir neigen dazu, Kreativität als etwas Mystisches anzusehen, die nur bei so genialen Köpfen wie Mozart, Einstein oder eben Kolumbus vorkommt. Aber eigentlich ist das falsch. Kreative Menschen denken und fühlen nur anders. Sie denken sozusagen quer. Viele kreative Menschen haben sich ein Stück ihrer Kindheit erhalten. Sie lassen ihren Fantasien freien Lauf und wollen sich nicht in Denk-Schablonen pressen lassen. Selbstbewusst und optimistisch, wie sie sind, lassen sie sich auch durch Fehlschläge kaum entmutigen. Und das ist etwas, was sie mit Kindern gemeinsam haben. Wenn Kinder geboren werden, wissen sie

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nicht, wie die Welt beschaffen ist. Sie müssen sie erst erforschen, ihre Gefahren erkennen und Grenzen erleben. Dadurch reifen sie und lernen, sich in einer komplizierten Welt zurecht zu finden. Darum dient das Spiel und der Bewegungsdrang unserer Kinder keinem Selbstzweck. Kreatives Denken und Fühlen ist für sie lebenswichtig.

Kreativität lässt sich nicht lernen

Viele Menschen glauben, dass Kinder entweder kreativ sind oder sie sind es nicht. Doch die Welt ist nicht schwarz-weiß. Denn wir dürfen nicht übersehen, dass das kindliche Hirn bereits im Babyalter erheblich geformt werden kann. Die neuere Hirnforschung lehrt uns, dass wir die Vernetzung und Ausbildung der Nervenzellen durch ausreichende Anregungen deutlich verbessern können. Und je mehr Nervenzellen sich im Gehirn ausbilden und vernetzen, umso flüssiger fließen die Gedanken und Fantasien. Deswegen tun wir als Eltern gut daran, wenn wir unseren Kindern schon früh genügend bunte Farben, Klänge und Gerüche anbieten. Von überragender Bedeutung für die kindliche Fantasie ist jedoch das "begreifende" Lernen. Lassen Sie Ihr Kind deshalb so viel wie möglich selber ausprobieren. Vertrauen Sie ihm, wenn es gerade versucht, einen Kuchen zu backen, den Videorecorder zu programmieren oder den Fahrradreifen aufzupumpen. Im allgemeinen kann nicht viel kaputtgehen, wenn Sie Ihrem Kind erklären, wie was geht. Vor allem aber ist die Erfahrung, etwas selbst getan und begriffen zu haben, für Kinder eine wichtige Erfahrung.

Lernfreude und Lernfrust

Die meisten Kinder haben ein riesiges Interesse daran, die Welt um sie herum zu erfahren. Die Neugierde im positiven Sinne ist ihnen sozusagen in die Wiege gelegt worden. Mit großer Begeisterung stürzen sie sich auf irgendwelche Aufgaben und Herausforderungen. Es ist eine Freude ihnen zuzusehen, wie sie spielerisch herrliche Bilder malen, virtuos auf einem Instrument spielen oder akrobatische Übungen vollführen. Als Eltern ahnen wir manchmal nicht, wie wichtig wir dabei für unsere Kinder sind. Durch unser Zutun können wir sie erheblich motivieren, aber auch tief entmutigen. Wir alle kennen die Erfahrung des "Aha-Erlebnisses". Es tritt immer dann auf, wenn sich eine lange gehegte Ahnung plötzlich bestätigt. Lassen Sie mich als Beispiel auf das Ei zurückkommen: Wussten sie schon, dass das "Abschrecken" keinen Einfluss darauf hat, ob das Ei leichter abzupellen ist? Und doch ist es sinnvoll, weil dadurch der Kochvorgang abrupt beendet wird. Denn sonst würde das Ei noch leise vor sich hinschmoren und wir wundern uns, dass unser Fünfminuten-Ei steinhart ist. Bei so einem "Aha-Erlebnis" stellt sich ein spontanes und vor allem lustvolles Empfinden ein. Und genau wegen solcher spontaner Erkenntnissprünge, die bei Kindern viel öfter als bei Erwachsnen vorkommen, macht ihnen das Lernen so viel Spaß. Es gibt aber auch Kinder, die sich wenig zutrauen und sich für dumm halten. Manche von ihnen sind überzeugt, dass sie nicht singen, malen oder tanzen können oder fragen sich bei jeder Aufgabe, warum sie dies oder das tun sollten. Häufig sind es so genannte "kopfgesteuerte" Kinder, die vor

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lauter Selbstkritik an ihren Fähigkeiten zweifeln. Sie fühlen sich blockiert und stehen manchmal ängstlich und einsam zwischen den lebhaft rumtobenden Kindern auf dem Spielplatz oder im Kindergarten. Gerade für sie ist es wichtig, ihre inneren Blockaden aufzugeben. Wenn sie ein solches Verhalten auch bei Ihrem Kind beobachten, scheuen Sie sich nicht, frühzeitig fachlichen Rat in Anspruch zu nehmen.

Kreativität als Problemlösung

Es gibt noch einen weiteren guten Grund, die schöpferischen Energien unser Kinder zu fördern. Lesen Sie hier von der Geschichte der vierjährigen Marie aus Osnabrück: Marie war ihrem Vater im dichten Gedränge des Flohmarktes ausgebüchst. Ihr Vater hatte ihr Süßigkeiten gekauft, die sie mit ihrem Bruder teilen sollte. Doch das wollte sie nicht. Also war sie kurzerhand in der Menge untergetaucht. Als die Tüte leer war, kam die Reue. Und mit ihr die Sorge, dass sie ihren Vater nicht wiederfindet. Da sie ein ausgesprochen einfallsreiches Kind ist, hat sie alle infrage kommenden Möglichkeiten gelassen "abgecheckt": Weinen, die Leute ansprechen, nach dem Vater rufen, auf eine Mauer klettern und noch vieles mehr. Doch keine der Lösungen erschien ihr ausreichend zuverlässig. Und was tut das selbstbewusste kleine Mädchen? Sie wählt die einfachste, aber auch sicherste Lösung, um ihren Papi und den Bruder wiederzufinden. Sie geht einfach zum Parkplatz, wo das Auto steht. "Denn dahin muss er ja auf jeden Fall zurückkommen," spricht sie zu sich. Als der Vater nach verzweifelter Suche schließlich zum Auto kommt, muss er sich zu seiner Sorge auch noch die Vorwürfe der Vierjährigen anhören: "Wo bist du denn solange geblieben, Papi?" Was können wir daraus lernen? - Kinder, die ohne Scheu in einer schwierigen Lage alle infrage kommenden Möglichkeiten durchdenken, haben gute Aussichten sich aus der Lage zu befreien. Solche Kinder haben ein großes Selbstvertrauen. Statt ängstlich auf Hilfe von außen zu hoffen, nehmen sie ihr Schicksal aktiv in die Hand.

Ist Ihr Kind ein Genie?

"Das ist ja alles schön und gut," werden Sie vielleicht sagen, "doch wie kann ich erreichen, dass auch mein Kind vor Fantasie sprudelt und mit Begeisterung die Welt begreift?" - Nun, um es gleich vorwegzunehmen: Dass Ihr Kind die Anlagen von Mozart, Goethe oder Einstein hat, ist eher unwahrscheinlich. Und ob sich aus diesen Anlagen später eine geniale Persönlichkeit entwickelt, steht wohl auch in den Sternen. Denn die Intelligenz - ob angeboren oder erworben - spielt eine äußerst geringe Rolle. Es gibt sogar Untersuchungen, nach denen die Intelligenz der Kreativität eher hinderlich ist. Und umgekehrt. Nehmen wir zum Beispiel Herrn Einstein, den vielleicht genialsten Denker der Neuzeit. Wussten Sie, dass Einstein erst im Alter von vier Jahren zu sprechen gelernt hat, dass er auch später noch links und rechts verwechselte und deutlich Merkmale eines Legasthenikers aufwies? Oder dass er ein miserabler Student war und die Professoren nicht viel von ihm hielten? Und doch war es so. 291

Das vielleicht als Trost für die Eltern, die glauben, dass sie ein dummes oder unbegabtes Kind haben. Es gibt keine unbegabten Kinder. Jedes Kind ist anders und jedes hat seine besonderen Stärken, aber auch Schwächen. Ob sich die Begabungen unserer Kinder entwickeln oder aber ob sie verkümmern, hängt ganz wesentlich von uns Erwachsenen ab.

Sind Kinder wie ein leeres Buch?

Bevor ich Ihnen konkrete Anregungen zur Förderung Ihrer Kinder gebe, möchte ich die bisherigen Gedanken so zusammenfassen:

Kreativ sein heißt quer zu denken

Kreativität hat ihre Wurzeln bereits im Babyalter

Kinder lernen am leichtesten durch "Begreifen"

Lustvolles Lernen fördert Interesse und Neugier

Kreative Kinder haben wenig Angst und viel Selbstvertrauen

Intelligenz und Kreativität können sich ausschließen

Jedes Kind hat kreative Begabungen und Fähigkeiten.

In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts glaubte man, dass Kinder bei Ihrer Geburt wie ein leeres Buch sind. Heute sehen die meisten Fachleute das anders. Kinder sind zwar sehr unterschiedlich im Temperament und in ihrer Grundstimmung. Andererseits wissen wir, dass sie sich hinsichtlich ihrer Fähigkeiten und Begabungen im Laufe ihrer Lebensgeschichte deutlich verändern und entwickeln können. Um die Kinder in ihrer Entfaltung zu fördern, gibt es einige einfache Regeln, die wenig Arbeit machen und gut in den Alltag zu integrieren sind. Einige hatte ich bereits angedeutet. Dazu zählt aber auch, dass wir uns als Eltern kreativ zeigen. Wie das geht, erfahren Sie im nächsten Abschnitt.

Kreative Eltern

Eltern sind Vorbilder. Kinder lernen, indem sie ihre Eltern nachahmen. Diese Fähigkeit können wir gut nutzen, indem wir uns selbst kreativ verhalten. Wir mögen uns vielleicht etwas lächerlich vorkommen, wenn wir in die kindliche Erlebniswelt eintauchen. Doch setzen Sie sich über die spöttischen Bemerkungen von Nachbarn oder "kopfgesteuerten" Freunden hinweg. Doch die Mühe lohnt sich. Denn kreative und begeisterungsfähige Kinder sind eine Bereicherung, die auch uns Eltern glücklich machen können. Was halten Sie z.B. von folgenden Anregungen, sozusagen als Einladung ins "kreative Chaos":

Beginnen Sie jeden Tag so, als wenn sie alles zum erstenmal tun. Gehen Sie andere Wege zur Arbeit, lesen Sie die Zeitung mal im Bett oder erst Mittags. Egal was Sie tun, machen Sie alles immer alles anders.

Bewahren Sie sich Ihr Erstaunen. Setzten Sie Ihre Mitmenschen in Erstaunen, indem Sie ungewöhnliche Ideen vorbringen. Überraschen Sie Ihre Kinder mit ungewöhnlichen Spielideen.

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Verwandeln Sie sich z.B. in einen Zauberer und zaubern Sie in Ihr Kind die Freude, sein Zimmer aufräumen zu wollen. Wenn Sie Mut haben, spielen Sie vor Ihren Kindern einen verrückten Professor im Kaufhaus, eine affektierte Schauspielerin in der Einkaufspassage oder einen durchgeknallten "Alt-68er" auf einer Parkbank.

Besuchen Sie ungewöhnliche Orte, die sonst kaum jemand aufsucht. Wie wär's mit einem Kindernachmittag auf einem Schrottplatz, um die "verrinnende Zeit" festhalten? Oder wie wäre es mit einem kostenlosen "Kreativabend" bei der gemeinsamen Sperrmüllsuche.

In einen kreativen Haushalt gehört auf jeden Fall eine Requisitenkiste, in der alte Hüte, verrückte Kleider und ausgebeulte Anzüge liegen. Über die "Schandtat" eines Kindes in einer alten Richterrobe zu verhandeln, ist ein köstlicher - nicht ganz ernst gemeinter - Nebeneffekt einer pädagogisch unumgänglichen Maßnahme. Gleichzeitig spüren die Kinder etwas von der Leichtigkeit, die wir als Eltern mitunter einsetzen, um ihre Wellenlänge zu erreichen.

Geben Sie Ihrer Kreativität ein Zuhause. Schreiben Sie Ihre originellsten Einfälle und Ihr Erstaunen in Ihr Kreativitätstagebuch. Ideen und schöpferische Erlebnisse sind flüchtig. Indem Sie Ihre Abenteuer mit den Kindern festhalten, können Sie später mit Genuss auf sie zurückgreifen.

Es gibt tausend Möglichkeiten, den Alltag kreativ zu gestalten. Ich bin sicher, dass Ihnen dazu noch sehr viele Ideen in den Sinn kommen. Worauf es ankommt ist, dass Sie den Mut finden, sich über unser erwachsenes "vernünftiges" Denken und Handeln hinwegzusetzen. Denn reines "Verstandesdenken" und Kritik sind der Tod jeglicher Kreativität.

Kreative Kinder fördern

All das, was wir Eltern für unsere Vorbildrolle brauchen, gilt natürlich auch für die Kinder. Aber noch einiges mehr sollten Sie bei der Förderung Ihrer Kinder berücksichtigen. Vor allem bedürfen unsere Kinder einer Haltung, die ihr Selbstvertrauen fördert. Deswegen sollten wir dem Kind gegenüber folgende Haltung einnehmen:

Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie fest an seine Kreativität glauben. Dadurch gewinnt es Zuversicht und Selbstvertrauen.

Seien Sie ehrlich zu Ihrem Kind. Übermäßiges Lob für eigentlich selbstverständliche Dinge verunsichert Ihr Kind und schmälert eher seine Motivation.

Loben Sie Ihr Kind nur dann, wenn es wirklich etwas geleistet hat. Doch beachten Sie seine Begabungen. Wenn es nicht so sehr begabt ist, loben Sie es für seine ernsthaften Bemühungen.

Leiten Sie Ihr Kind bei Problemstellungen nicht übermäßig an. Eine selbst gefundene Lösung ist lustvoll wie ein Aha-Erlebnis und fördert unabhängiges Denken.

Halten Sie die Langeweile Ihrer Kinder aus. In der Unzufriedenheit gelangweilter Kinder steckt jede Menge kreative Energie.

Üben Sie auf Ihr Kind keinen Druck aus. Auch Sie haben Tage, wo Sie kaum einen klaren Gedanken fassen können. 293

Die Liste hilfreicher Anregungen ließe sich mühelos fast beliebig ausdehnen. Ich bin mir sicher, dass alle Eltern einen riesigen Katalog von Ideen haben. Doch es gibt etwas, das noch wichtiger als alle guten Ideen ist: Eine liebevolle Atmosphäre, in der die Kinder sich trauen, ihre übersprudelnden Fantasien auszuleben.

Erziehung zur Selbstständigkeit

In dem ehrlichen Bemühen der Eltern um die richtige Erziehung und um den bestmöglichen Bildungsweg für ihre Kinder wird dieser zentrale Aspekt eines jeden Entwicklungsprozesses häufig vernachlässigt oder einfach übersehen. Es geht um das richtige Verhältnis zwischen Pflege, Schutz und Fürsorge der Eltern und dem dauernden Streben der Kinder nach mehr Eigenständigkeit und Erwachsensein. Viele Eltern machen sich nicht richtig bewusst, dass dieses Spannungsverhältnis den gesamten Entwicklungsprozess schon von Geburt an bestimmt. Das "Loslassen der Kinder" ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess, der aus vielen einzelnen und teilweise sehr schmerzhaften Schritten besteht. Für das Verhältnis der Mutter zu ihrem Kind z.B. sind schon die Geburt und die Entwöhnung des Kindes von der Mutterbrust erste wichtige Stationen dieses Weges. Der französische Pädagoge und Philosoph J.J. Rousseau hat schon Ende des 18. Jh. in seinem Erziehungsroman "Emile" den Entwicklungsprozess als zunehmende "Verwicklung in Verhältnisse" beschrieben. Das setzt jedoch voraus, dass die Eltern ihre Kinder freigeben, sie loslassen, damit sie sich in immer komplexere Verhältnisse zu den Dingen und zu anderen Menschen verwickeln und dadurch den Prozess ihrer Persönlichkeitsbildung vorantreiben können. Auf der anderen Seite darf dieses Loslassen nicht zu früh erfolgen, dürfen die Kinder nicht in Verhältnisse entlassen werden, die sie überfordern. Sie dürfen nicht mit ihren Problemen und Sorgen allein gelassen oder gar aus der Geborgenheit der Familie ausgestoßen und sich selbst und einer feindlichen Umwelt überlassen werden. Wo liegt die richtige Mitte zwischen einem übertriebenen Festhalten und einem abrupten Ausstoßen der Heranwachsenden?

1. Das erzieherische Verhältnis zwischen Festhalten und Loslassen

Stationen des Weges an einigen Beispielen: Im Rahmen eines Forschungsprojektes über Spiel in der Familie berichtet eine Mutter im Interview über ihre 5jährige Tochter: Sie darf im Haus überall spielen, aber sie darf nicht alleine vors Haus auf die Straße oder auf den nahegelegenen Spielplatz und sie darf auch nicht alleine vor dem Haus Rad fahren, obwohl es sich um eine wenig befahrene Siedlungsstraße handelt. Die Mutter hat Angst, dass ihrer Tochter etwas zustoßen könnte, weil sie keine Gefahr kenne. Aber dadurch werden dem Mädchen ideale Spiel- und Erfahrungsmöglichkeiten in der unmittelbaren Wohnumgebung vorenthalten.

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Problematische Situationen in bezug auf das Loslassen sind im Kindesalter der Eintritt in den Kindergarten und dann in die Grundschule. Die Frage ist, wie die Eltern ihre Kinder auf diese schwierigen Übergangssituationen vorbereiten. Wie sprechen sie schon vorher über die den Kindern fremden Lebensbereiche? Erkennen sie die Ängste und Nöte der Kinder während der ersten Tage der Trennung? Aus welcher inneren Haltung heraus bringen sie die Kinder weg oder lassen sie sie in der Einrichtung? Die schwierigste Phase ist sicherlich die Zeit der Pubertät, in der die Jugendlichen von sich aus mit Macht die Ablösung von ihren Eltern betreiben. Das ist notwendig, weil sie ihre Persönlichkeit neu aufbauen und eine eigene Identität finden müssen. Sie müssen daher neue Loyalitäten suchen. Einige Forscher haben festgestellt, dass in machen Familien Jugendliche immer noch wie Kinder behandelt werden und die Eltern in ihrer Erziehung dem Entwicklungsstand hinterherhinken. In unserer Untersuchung lernten wir eine Familie mit zwei Töchtern im Alter von 6 und 12 Jahren kennen. Für die Eltern bedeutete Erziehung nichts anderes als eine möglichst umfassende Kontrolle aller Tätigkeiten ihrer Kinder. Vor allem der Vater versuchte auch noch für die ältere Tochter möglichst jede Minute des Tagesablaufs zu bestimmen und zu kontrollieren. Wenn er von der Arbeit nach Hause kam und das Mädchen mit den Schularbeiten bereits fertig war, gab er ihr Zusatzaufgaben oder trug ihr irgendwelche häuslichen Pflichten auf. Die Tochter entwickelte eine ausgeprägte Lesewut, um der ständigen Kontrolle der Eltern zu entgehen und flüchtete in jeder freien Minute in die Phantasiewelt ihrer Bücher. Wenn der Konflikt mit dem Vater, der daraus entsteht, unerträglich wird, zieht sie sich mit einem Buch für längere Zeit auf die Toilette zurück. Zuweilen zeigen Eltern sehr widersprüchliche Verhaltensweisen. Während sie in manchen Bereichen und in Bezug auf manche Fragen ihre heranwachsenden Kinder noch sehr eng an sich binden, gewähren sie ihnen in bestimmten Feldern schon frühzeitig relativ große Selbständigkeit, z.B. bezüglich der Mediennutzung. Viele Jugendliche haben ihre eigene Ausstattung mit elektronischen Medien und sie können ziemlich frei über ihre Nutzung entscheiden. In den USA wird teilweise die Auffassung vertreten, Jugendliche bräuchten gar keine Erziehung mehr; durch frühes Aussetzen müssten die Kinder gegenüber den schädlichen Einflüssen der Gesellschaft abgehärtet werden. Das sei die beste Vorbereitung auf das zukünftige Erwachsenenleben. Das ist auch eine Form des Loslassens! Probleme im Jugendalter:

Wie lange abends wegbleiben?

Wahl der Freunde/Freundinnen

Führerschein

erster Freund/erste Freundin

Schulwahl/Berufswahl 295

Das Problem des Loslassens kann das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern während der ganzen Phase des Jugendalters zwischen Pubertät und Erwachsensein bestimmen, bis zu den beiden letzten Stationen des Weges, wenn die erwachsenen Kinder von zu Hause ausziehen und wenn sie schließlich eine eigene Familie gründen. Manche Forscher haben vom "Drama der Trennung und Versöhnung" von Eltern und Kindern gesprochen. Generell lässt sich wohl behaupten: Je weniger das Loslassen in den früheren Entwicklungsphasen gelungen ist, je weniger den Heranwachsenden bereits Schritt für Schritt Eigenverantwortung zugestanden wurde, desto heftiger, schmerzhafter und konfliktreicher wird die Ablösung im späteren Alter. Überstürztes Ausziehen von zu Hause scheint dann oft der einzige Ausweg zu sein. In den USA gibt es jährlich Tausende von Ausreißern!

2. Die Bedeutung einer richtigen Selbständigkeitserziehung

Die Freigabe der Kinder in ihre Selbständigkeit muss in kleinen Schritten während der gesamten Phase des Heranwachsens erfolgen muss. Ich möchte dies in einigen Thesen noch etwas näher begründen.

1.

Das Kind ist Subjekt seiner eigenen Erziehung. Wir können als Eltern das Kind nicht ganz bestimmen und völlig nach unseren Vorstellungen und Wünschen formen. Das hängt damit zusammen, dass der Entwicklungsprozess von verschiedenen Kräften bestimmt wird, auf die wir nicht gleichermaßen Einfluss haben. Da sind zunächst die Wachstumsprozesse, die nach inneren, im Organismus liegenden Gesetzmäßigkeiten ablaufen, die wir kaum verändern können. Dagegen haben wir viele Möglichkeiten, die Interaktionen, die Auseinandersetzungen des Kindes mit seiner dinglichen und sozialen Umwelt zu steuern. In diesem Bereich nehmen wir als Erzieher massiven Einfluss auf den Entwicklungsprozess. Schließlich muss aber das Kind all diese Einflüsse und Kräfte in einen Zusammenhang bringen und verarbeiten, es muss für sich etwas daraus machen. Was das Kind aus dem macht, was wir an es herantragen, darüber können wir als Eltern nicht mehr verfügen. Oft entwickelt sich das Kind gegen die Erziehung; dabei werden Kräfte und Fähigkeiten freigesetzt und das Kind baut seine ganz individuelle Persönlichkeit auf.

2.

Ziel jeder Erziehung ist es, die Kinder zu befähigen, als Erwachsene eigenverantwortlich handeln und ein subjektiv befriedigendes und der Gemeinschaft dienliches Leben führen können. Dieses Ziel beinhaltet einen uralten Widerspruch, der häufig in der Frage ausgedrückt wird: Wie ist es möglich, das Kind durch Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung zu führen? Dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen, wenn man meint, das Kind müßte über lange Zeit hinweg Fähigkeiten erwerben, bis es zu einem bestimmten Zeitpunkt als junger Mensch plötzlich in der Lage sei, sein Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Vielmehr ist der Gegensatz nur in der Zeit zu überwinden, d.h. das Kind ist schrittweise zur Selbständigkeit zu befähigen, aber auch in die Selbständigkeit zu entlassen! Spiral-Prozess in Richtung auf gegenseitige Selbstentwicklung und Differenzierung in emotionaler, geistiger und moralischer Hinsicht.

3.

Die Befähigung des Kindes zur Selbständigkeit und die schrittweise Entlassung in die Eigenverantwortlichkeit sind eins! Wir bringen den Kindern vieles bei an Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Aber all das nützt ihnen wenig, wenn sie keine Gelegenheiten haben, ihr

296

4.

Eine optimale Entwicklung der Heranwachsenden ist nur gewährleistet, wenn die jeweiligen Fähigkeiten des Kindes und die Anforderungen der jeweiligen Lebenssituation in ein richtiges Verhältnis zueinander gebracht werden. Das setzt voraus, dass die Eltern erkennen, was ihre Kinder gerade brauchen, wo ihre Stärken und Schwächen, ihre inneren Nöte und Konflikte liegen, welche Ziele und Wünsche sie haben; dass sie aber auch richtig einschätzen können, welche Anforderungen, Aufgaben und Schwierigkeiten eine Situation beinhaltet. Aus der Gegenüberstellung zwischen diesen beiden Größen müssen sie dann das richtige Maß an Freiheit ableiten, das sie ihrem Kind gewähren können, aber auch geben müssen! Genau an dieser Stelle nun beginnt das Problem der Eltern!

3. Warum die Erziehung zur Selbständigkeit der Kinder für Eltern schwierig sein kann

Zu wissen, was das Kind an Freiheit zu seiner Entfaltung braucht, heißt nicht, dass die Eltern auch in der Lage sind, diese Freiheit zu gewähren! Häufig sind es gefühlsmäßige Hemmnisse, die die Eltern daran hindern, ihre Kinder loszulassen.

1. Eltern empfinden die Kinder als einen Teil ihres Selbst. Es ist nicht leicht, ein Teil seines eigenen Selbst preiszugeben. Gefährdungen der Kinder werden wie Angriffe auf das eigene Selbst empfunden. Daher werden viele

Kinder ängstlich behütet.

2. Eltern möchten oft durch ihre Kinder und in ihren Kindern als Teil ihres Selbst eigene Wünsche, Hoffnungen, Träume erfüllen, die sie in ihrem eigenen Leben nicht verwirklichen konnten. Es fällt ihnen schwer, die Kinder loszulassen, wenn sie merken, dass die ihre eigenen Wege gehen wollen, andere Vorstellungen vom Leben haben und eine eigene Persönlichkeit aufbauen, die nicht den Wunschvorstellungen der Eltern entspricht.

3. Eltern bauen übermäßig starke gefühlsmäßige Bindungen zu ihren Kindern auf. In der modernen Gesellschaft mit ihren stark getrennten Lebensbereichen wird die Verständigung zwischen den Generationen schwieriger. Gleichzeitig ist der private Lebensraum der Familie ein wichtiger Rückzugsraum für alle und sehr stark gefühlsmäßig geprägt. Das kann zu starken gegenseitigen Bindungen führen. Bei nur ein oder zwei Kindern kann die gefühlsmäßige Zuwendung der Eltern für die Heranwachsenden belastend werden. Bei alleinerziehenden Eltern oder in gestörten Familien können die Kinder besondere Bedeutung für die Eltern als Partner oder Verbündete bekommen, was zu überstarken Bindungen und

4. Falsch verstandene Erziehungstheorien bzw. -lehren können bei den Eltern ein schlechtes Gewissen verursachen, weil das notwendige Loslassen der Kinder als Vernachlässigung missverstanden wird. Oder es entsteht das Missverständnis, durch richtige Erziehung könne man die Entwicklung der Kinder in allen Einzelheiten steuern und alle gewünschten Ziele beim Kind erreichen.

5. Auf der anderen Seite kann der Egoismus der Eltern, ihre Unfähigkeit oder Unwilligkeit, auf eigene Wünsche, Bedürfnisse und bestimmte Lebensziele zugunsten der Kinder zu verzichten, zu einem zu frühen oder plötzlichen Loslassen, zu einem Vernachlässigen oder sogar zum Ausstoßen der Kinder führen.

4. Voraussetzungen für eine gelingende Selbständigkeitserziehung bei Eltern und Kindern

Grundvoraussetzung ist zunächst eine emotionale Bindung und eine tragfähige personale Beziehung. Diese Beziehung muss beständig, aber mit dem Entwicklungsprozess wandlungsfähig sein. Das Fundament dieser Beziehung

ist ein tiefes gegenseitiges Vertrauen, das sich nur im begrenzten Raum eines verantwortungsbewusst gestalteten Zusammenlebens im Alltag der Familie ausbilden und festigen kann. In den ersten Lebensjahren müssen die

Kinder durch die liebevolle Zuwendung der Eltern ein Urvertrauen aufbauen, das ihnen ein Gefühl der Geborgenheit und die Sicherheit vermittelt, dass die Eltern immer für sie da sind und sie beschützen. Das ist die Bedingung dafür, dass die Kinder loslassen und sich fremden Personen und unbekannten Situationen zuwenden können. Die Eltern müssen Vertrauen haben zu den Fähigkeiten ihrer Kinder, sie müssen ihnen etwas zutrauen und ihnen entsprechende Erfahrungsräume eröffnen. Wenn sich ihre Kinder in diesen neuen Situationen bewähren, wird das Vertrauen der Eltern wachsen und bei den Kindern werden Selbstvertrauen und Selbstsicherheit zunehmen.

Dieses wechselseitige Vertrauensverhältnis kann wachsen, wenn auch in kritischen Situationen und bei Fehlschlägen der Kinder die Eltern zu ihnen stehen, sie stärken, ermutigen und unterstützen. Wichtig ist dabei auch, dass

die Eltern ihre Kinder von Anfang an als eigenständige Person achten, d.h. sie in ihren eigenen Ausdrucksformen, Wünschen und Zielen anerkennen und ernst nehmen, ihnen zugestehen, dass sie ihren eigenen Weg finden und gehen müssen. Diese Achtung führt dazu, dass die Kinder Selbstachtung gewinnen und dadurch wieder mehr innere Unabhängigkeit und Selbständigkeit erlangen. Diese Achtung macht es den Eltern erst möglich, ihre Kinder frühzeitig und in angemessenen Schritten loszulassen. Eine wichtige Rahmenbedingung für das gegenseitige Loslassen ist ein lebendiges, geordnetes, gesichertes Zusammenleben in der Familie. Dieses beruht auf einem gegenseitigen sensiblen Offensein aller Personen füreinander. Das Gespräch untereinander darf nie abreißen, Konflikte, die auftreten, müssen offen und auf der Grundlage gegenseitiger Achtung ausgetragen werden. Wenn

das System der Familie auf diese Weise Geborgenheit, emotionale Zuwendung und Sicherheit vermittelt, dann kann man sich auch leichter gegenseitig loslassen. Es gibt natürlich Grenzfälle, in denen die Freigabe misslingen

muss. Wenn die Eltern sich selbst nicht zu einer stabilen, eigenständigen Persönlichkeit entwickeln oder keine befriedigenden sozialen Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen konnten, werden sie sich an die Kinder

klammern und sie nicht freigeben wollen. Wenn die Eltern selbst nicht gelernt haben, im Zusammenleben mit anderen Menschen eigene Wünsche und Bedürfnisse zurückzustellen, wenn sie aufgrund eines übertriebenen

Egoismus die Kinder nur als Störung bei der Verfolgung ihrer eigenen Lebensziele und bei der Verwirklichung ihrer subjektiven Erwartungen ansehen, werden sie vielleicht die Kinder vorschnell ausstoßen, abschieben und in

ihrer Selbständigkeit überfordern. Eines ist klar: Wie für alle Erziehungsfragen gibt es auch für das Problem der Selbständigkeitserziehung kein Patentrezept. Die Voraussetzungen und die Rahmenbedingungen sind in jeder Familie anders und daher muss jede Familie ihren eigenen Weg zur Eigenständigkeit der Kinder suchen und finden. Eltern müssen versuchen, mit ihren Kindern zu wachsen, reifer und von ihnen unabhängiger zu werden.

Das gelingt nur, wenn sie ihre eigenen Interessen und sozialen Beziehungen nicht vernachlässigen, auch wenn die Kindererziehung viel Zeit und Kraft kostet.

"Starke" Persönlichkeiten bilden Niemand kann sicher voraussagen, wie ein heutiges Kind leben wird, wenn es einst erwachsen ist. Aber wir wissen ungefähr, was relativ krisenfeste Persönlichkeiten auszeichnet. Der Autor zeigt auf, welche Risikofaktoren die Entwicklung der Persönlichkeit des Kindes behindern können. Eine pragmatische Definition von Persönlichkeit bildet die Basis für folgende Entwicklungslinien, die zur Stärkung der kindlichen Persönlichkeit beitragen können:

Achtsame Beziehungen begründen realistische Identitäten,

Sprachliches Lernen bildet das Selbst- und Weltverständnis,

                                             Förderliche Anforderungen befähigen kompetente Selbstverwirklichung,

                                             Konsequente Werteerziehung kultiviert moralische Willenskraft,

Verlässliche Unterstützungen motivieren frühzeitige Selbsthilfe.

Niemand kann sicher voraussagen, wie ein heutiges Kind leben wird, wenn es einst erwachsen ist. Aber wir wissen ungefähr, was relativ krisenfeste Persönlichkeiten auszeichnet:

Bis zu ihrem 40. Geburtstag wurden die Entwicklungswege von 698 Kindern, die 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai geboren wurden, von Forschern beobachtet.

Bei etwa 1/3 dieser Kinder bestanden hohe Risiken für die weitere Entwicklung, weil sie in Armut hinein geboren wurden, die Geburten mit Komplikationen erfolgten,

Familienmitglieder psychisch krank waren oder schwere Beziehungsprobleme hatten. Zwei Drittel der so hoch belasteten Kinder entwickelten bald schwere Lern- oder Verhaltensprobleme, wurden straffällig oder psychisch auffällig.

Aber ein Drittel der schwer vorbelasteten Kinder wurden leistungsfähige, fürsorgliche und hoffnungsvolle Erwachsene. Warum?

Inzwischen bestätigen weitere Befunde die Eindrücke von der Pazifik-Insel:

Die „Widerstandsfähigen“ sind gut integriert und beliebt bei ihren Freunden und Bezugspersonen. Sie haben daher ein tiefes, positives Selbstbild, etwas zu taugen und zu können.

Diese „starken“ Persönlichkeiten erreichen Schulabschlüsse, die weit über dem Bildungsniveau ihrer Herkunftsfamilien liegen.

Die „Aufsteiger“ verfolgen oftmals ausgeprägte Interessen und Hobbys und sie wirken schon als Jugendliche verantwortungs- und leistungsorientierter als ihre Altersgenossen.

„Resiliente“ haben klare positive Werte. Sie bevorzugen Struktur und Ordnung in ihrem Leben. Sie reagieren eher bedacht als impulsiv und handeln überdurchschnittlich willenskräftig, konzentriert und ausdauernd.

Zudem – und das finde ich sehr bezeichnend – sind die „besser durch’s Leben Kommenden“ schon als Kinder sehr bereit, im Bedarfsfall Hilfe zu suchen und anzunehmen. Sie verhalten sich auch weniger „geschlechtstypisch“, sondern verständnisvoller, fürsorglicher, sanfter und sozialer.

Wir können aus diesen Beobachtungen manches für die erzieherische „Persönlichkeitsbildung“

ableiten. Zuvor aber noch ein Blick auf die häufigsten Entwicklungsbelastungen.

Risiko-Faktoren

Üblicherweise bedenken wir ErziehungsberaterInnen und PsychotherapeutInnen die Probleme anderer Leute. Dabei sammelt sich durchaus manches Wissen, welche Risiken drohen und möglichst vermieden und/oder aufmerksam bewältigt werden sollten.

Die Liste häufiger Risikofaktoren enthält sowohl körperliche als auch soziale Größen.

frühkindliche (Geburts-)Komplikationen

jüngeres Geschwister vor dem 2. Lebensjahr

Tod eines hoch vertrauten Familienmitglieds

geringes Alter bei hoch belastenden Lebensereignissen

Belastungen des Kindes (ADS/H, TLS, < IQ)

andauernde Disharmonie in der Familie

sehr strittige Scheidung der Eltern

konfus abwertender Erziehungsstil

mangelhafte Beaufsichtigung

Gewalt in der Familie

sexueller Missbrauch

besonderer Schuleintritt

landessprachliche Defizite

stete Überforderung

Unterforderung

mehrere Umzüge

andauernde Armut

beengter Wohnraum

Kriminalität einer Bezugsperson

psychisch instabile Bezugsperson

negatives sozio-kulturelles Milieu (Straße)

Kontakte mit Instanzen der sozialen Kontrolle

Statistiken zeigen über die einfache Sammlung von Risiken hinaus, dass mehrere Risikofaktoren die Problemanfälligkeit vervielfachen. Aber die Forschungen zeigen auch gegenläufige Widerstandskräfte:

Bisherige „Kontrollerfahrungen“ prägen „Ergänzende“ Bezugspersonen/Lebenswelten relativieren

Positive Schule kann ungünstiges Familienklima ausgleichen Anhaltend „gute“ Zeiten können vormals belastende überlagern. Allmählich lernen wir das Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren besser

verstehen, vor allem aus Langzeitstudien, z.B. der von Shedler & Block in der

San Francisco Bay: Die Forscher unterschieden 1970 – 1985 bezüglich Drogen bei den 3 – 18-Jährigen Konsumenten, Abstinenzler und Experimentierer. Ergebnis:

Seelisch ausgeglichene und selbstbewusste Kinder mit einer stabilen und belastbaren Persönlichkeit haben bessere Chancen, nicht süchtig zu werden – und das waren vor allem die „Experimentierer“.

Welche Erfahrungen also bilden „stabilere“ Persönlichkeiten?

Persönlichkeit

Lehrbücher über die „Persönlichkeit“ behandeln dick unleserlich die verschiedenen Temperamente und Triebe, die unterschiedlichen Einstellungen und Lebenswege. Aber begrenzt man sich auf einen besonders imponierenden Aspekt von „Persönlichkeiten“, wird manches klarer. Definieren wir also vereinfachend „Persönlichkeit“ als Art und Weise in der jeweiligen Umwelt mit den eigenen Anlagen, Fertigkeiten, Erfahrungen, Kompetenzen umzugehen Nun bringt der Klapperstorch keine „fertigen Persönlichkeiten“. Vielmehr ist die „Persönlichkeitsbildung“ ein lebenslanger Prozess mit einigen typischen Entwicklungslinien:

- Achtsame Beziehungen begründen realistische Identitäten

- Sprachliches Lernen bildet das Selbst- und Weltverständnis

- Förderliche Anforderungen befähigen kompetente Selbstverwirklichung

- Konsequente Werteerziehung kultiviert moralische Willenskraft

- Verlässliche Unterstützungen motivieren frühzeitige Selbsthilfe

Es gibt auch etwas andere Gruppierungen der Entwicklungsbereiche (z.B. Brazelton,

Greenspan, 2002); die Kernüberlegungen sind jedoch ähnlich.

Achtsame Beziehungen begründen realistische Identitäten.

Babys brauchen eine mütterliche Bezugsperson, aber es muss nicht die leibliche Mutter sein; es kann durchaus auch eine bis dato fremde Adoptionsperson die notwendige liebevolle Fürsorge

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aufbringen. Später ermöglichen verschiedene Bezugspersonen älteren Kindern ein breiteres Erfahrungs- und Rollenspektrum und somit realistischere Rückmeldungen über sich. Das Selbstbild erwächst entscheidend aus den Rückmeldungen durch die Anderen: Vermitteln die Eltern

Selbstvertrauen, Hektik oder Ängste? Freuen sich Freunde auf ein Kind, oder muss es sich den Spielkameraden aufdrängen? Spürt ein Schulkind das Zutrauen der Lehrer, oder wird es nur so mitgezogen? Findet ein(e) Jugendliche(r) nur Anerkennung für skurrile Frisuren oder auch für das Hobby-Können, z.B. ihr/sein Musizieren?

Je vielfältiger die Beziehungen, desto realistischer wird das Gesamt der Rückmeldungen ausfallen und desto seltener wird die heranwachsende Persönlichkeit auf Illusionen hereinfallen.

Sprachliches Lernen bildet kultiviertes Selbst- und Weltverständnis

Bildung besteht nicht darin, Schwanitz’ Wälzer „Bildung“ auswendig zu können, sondern einen guten Umgang mit sich selbst auszubilden durch Wissen um sich und die Welt. Das aber öffnet viele Türen und bereichert das Leben immens.

Die Gesellschaftswelt ist sprachlich. Allein schon die grammatikalische Unterscheidung von Dingen und Tätigkeiten sowie von Eigenschaften und Zeitformen ist Welt-Erklärung. Und schon ein Wortschatz aus etwa 10.000 Begriffen ist eigentlich Alltagswissenschaft. Die Sprache selbst ist also das grundlegendste „Bildungsgut“ überhaupt. Dieselbe Sprache ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel.

Und sie ist das Medium unserer Selbststeuerung: Das „innere Sprechen“ mit Vor-Satz und Nach-Denken bestimmt unser Tun und Empfinden. Wir wissen sogar, wer wir sind, in Worten. Das sprachliche miteinander beginnt mit dem gemeinsamen Brabbeln, kultiviert unser gesamtes Seelen-, Geistes- und Sozialleben in Millionen Wortwechseln, Gesprächen und Debatten: Mamas Singsang besänftigt das Baby, Papas Abendgeschichten machen wieder Mut, Schulbücher erklären die Welt, Gespräche lösen Konflikte, das Tagebuch hilft bei der Beziehungsklärung, Diskussionen ergründen

neue Möglichkeiten. Ob und wie welche Worte Streit schlichten oder provozieren, das also ist lernbare Kultur.

Förderliche Anforderungen befähigen kompetente Selbstverwirklichung

Werden unsere Kräfte und Befähigungen nicht angefordert, verkümmern sie. Werden sie überfordert, zerbrechen sie. Ständige Überforderung demotiviert. Ständige Unterforderung verführt zu Illusionen.

Ich empfehle für das richtige Anforderungsmaß den Merksatz:

Was mit etwas Bemühen meist klappt, ist angemessen.

Mit dem Bemühen wächst das Können. Das Erstaunliche dabei: Aufgabenerfüllung und Leistung müssen dem Lustprinzip gar nicht widersprechen. Im Gegenteil sogar: Der große „Flow“, das totale Glücksgefühl der Erwachsenen folgt erst der Anstrengung bei authentisch gewählten Anforderungen, sei dies nun eine Bergbesteigung oder eine mühsame Kooperation. Innerhalb von gut 20 Jahren

kehrt sich so eine Lebensperspektive völlig um: Das Baby verlangt noch die totale Befriedigung seiner Bedürfnisse – während es die junge Mutter glücklich macht, „selbstlos“ ihr Baby zu umsorgen – und den älteren Menschen befriedigt, der Gemeinschaft mehr gegeben als von ihr genommen zu haben.

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Die neuropsychologische Grundlage dieses inneren Perspektivwechsels wird gerade erst erforscht. Offenbar wird das Frontalhirn, das insbesondere die geistig- seelischen Bewertungen begleitet, auch von einem quasi Befriedigung erzeugenden System angesprochen. Woraus sich der Erziehungsauftrag ergibt, körperliche Lustbefriedigung zunehmend durch befriedigende soziale Aktivitäten zu ergänzen, also durch Freude an Kooperationen, Festen, Nächstenliebe usw. In diesem Sinne ist die Erfahrung, dass gute Aktivitäten die beste Suchtprävention seien, neurophysiologisch verständlich. Für Pädagogen folgt daraus auch: Jedes Kind muss irgendwo durch sinnvolle Tätigkeit stolze Freude ausbilden können. Die Einen stärken sich sportlich, andere in der Schul-Mathematik, wieder andere in der Jungschar. Der Weg zu sinnvoller Freude, die Selbstbildung, ist pädagogisch wichtiger als (freudloser) Wissenserwerb. Allerdings verliert sich in der Pubertät der Elterneinfluss darauf weitgehend zugunsten der Cliquen.

Mein Merksatz: Wer mit zwei Hobbys in die Pubertät geht, greift als Heranwachsender zumindest eines davon wieder auf.

Konsequente Werteerziehung vermittelt moralische Willenskraft

Es geht nicht um Konsequenz, damit z.B. die Dreckschuhe draußen bleiben, sondern um Konsequenz als Mittel, die (sprachliche) Willenskraft zu üben. Welche Konsequenzen Kinder beachten können, bildet sich in einer plausiblen Entwicklungsfolge aus. Ob Babys unwirsch gefüttert, gebadet und gebettet werden, oder ob dies spielerisch und schmusig in freundlichem Ton geschieht, prägt auch, ob sie schützende Eingriffe abwehren oder vertrauensvoll zulassen. Und das wiederum erleichtert es den Eltern, das Kleinkind nach einem freundlichen Ruf zu sich zu holen oder ihm nach einem klaren „Nein“ etwas aus der Hand zu nehmen. Eltern geben so ihren Worten schon früh Bedeutung, wahrscheinlich

weniger dem Begriff, aber dem Tonfall. Kinder tun vieles den Eltern und Bezugspersonen zuliebe. So sind deren Zuwendung und Zurückweisung die wichtigsten Konsequenzen nach Bitten und Ermahnungen, bis auch diese Beziehungskonsequenzen durch das bloße sprachliche Lob und den verbalen Tadel ersetzt werden können. Etwa um die Einschulungszeit herum wählen die Kinder selbst „Strafen“ und „Vorteile“ als Konsequenzen für ihre Regeln, das „Aussetzen“ beim „Himmelund-

Hölle-Springen“ etwa und den Extra-Zug nach dem Sechser im Würfelspiel. Die Kinder bemühen sich nun, sich so zu verhalten, wie „man“ das macht. Sie trainieren so nicht nur das Verständnis von Regeln, sondern auch, sich daran zu halten, also Selbst-Kontrolle.

Wer sich an Regeln halten kann, im Positiven wie im Negativen, kann sich bald auch willenskräftig an die eigenen Vornahmen und Überlegungen halten. Dann können zunehmend die eigenen Erfahrungen und Überlegungen an die Stelle des elterlichen Schutzes und der Erziehung treten.

Verlässliche Unterstützungen motivieren frühzeitige Selbsthilfe

Auch hierbei gibt es eine plausible Erfahrungslinie vom kleinkindlichen Versorgt- werden über den absolut verlässlichen Trost in der Familie und die tausend selbstverständlichen kleinen Unterstützungen im Kindergarten bis zu den endlos beantworteten Fragen „wie macht man das?“.

Allzu oft nehmen wir Kindern vorschnell die schwierigen Tätigkeiten aus der Hand mit den Worten „ich zeige dir das mal“. Aber gute Hilfe ist wenn immer möglich „Hilfe zur Selbsthilfe“. Verlässliche Hilfe zur Selbsthilfe adelt den Helfer.

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Und die vertrauensvolle Bitte um Unterstützung ehrt den Mitmenschen.

Deshalb: Wer sich rechtzeitig gut helfen lässt, kommt besser durchs Leben, nachgewiesenermaßen.

Erziehung kann das Durchlaufen dieser Entwicklungslinien fördern – oder leider auch erschweren. Die „widerständigen“, die „starken“ Kinder jedenfalls scheinen besondere Förderung für ihre Entwicklung gefunden zu haben. Förderlich aber sind nicht einmalige Unterstützungen, sondern andauernde, die Persönlichkeit bildende Einflüsse.

Lernen

Die lebenslange Persönlichkeitsbildung ist ein andauerndes Umlernen.

Unser Wahrnehmen, Verarbeiten und Reagieren wird wohl weniger durch quasi in der Hirnrinde gespeicherte Informationen bestimmt, als vielmehr durch die Verbindungs- und Verarbeitungsmuster zwischen den Hirnmodulen. Und die werden durch wiederholte Erfahrungen „gebildet“. Es laufen (relativ nur) etwa 2,5 Mio Nervenbahnen zum Gehirn und 1,5 Mio efferent hinaus. Das klingt schon enorm. Unverhältnismäßig, viel mehr aber geschieht innerhalb des Gehirns, in den unendlichen Vernetzungsmustern. „Anders ausgedrückt: 99,9 % aller kortikalen Neuronen erhalten ihren Input von anderen kortikalen Neuronen und liefern ihren Output an andere kortikale Neuronen.

Überspitzt ausgedrückt: Unser Gehirn beschäftigt sich fast ausschließlich mit sich selbst.“ (Spitzer, 96, S. 135).

Die Verbindungsmuster werden durch wiederholte Anregung gebildet, und dann weiterhin ständig reorganisiert. Dabei werden ständig unzählige Verknüpfungen wieder gelöscht und andere durch wiederholte Aktivierung zu Mustern verbunden. Lernen scheint somit weniger einzelne Informationen einem riesigen Wissensspeicher hinzuzufügen, als vielmehr unzählige Verknüpfungen neu zu gliedern. Anders gesagt: Stur eingepauktes Wissen ist weniger verknüpft und nutzbar als interessiert gebildetes Verstehen. Und das währt so lebenslang, wobei Gefühle, Motive und Aufmerksamkeit die

neurologischen Lernprozesse wesentlich moderieren. Was liegt näher, als die Bildung und Umorganisation dieser geistigen Muster studieren und beeinflussen zu wollen. Aber da gehen die „neurodidaktischen“ Vorschläge schon viel weiter als das wirkliche Wissen.

Jedenfalls beginnt die lernende Umbildung interner Muster nicht mit dem Auftauchen der Lehrerin und endet nicht mit dem Pausengebimmel. Sie währt sicher über den scheinbaren Lern-Tag hinaus, wahrscheinlich sogar in den Traum hinein. Ebenso sicher müssen komplexe Selbststeuerungen und Verhaltensweisen mühsam geübt werden, in komplexen Situationen, und immer wieder, sogar in verschiedenen Stimmungen. Es nützt also wenig, Kindern die Bedeutung von „Ehrlichkeit“ nur mal zu erklären. Sie müssen zig-fach dafür gelobt werden, auch mal mit sich ringen, einlenken, das Berichten von Fehlern üben, Vorbilder erleben.

Mein Merksatz: Sozialverhalten und Persönlichkeit sind weitgehend „Gewohnheiten“.

Offenbar entwickeln sich etliche Verarbeitungs- und Leistungsfähigkeiten in typischen Zeitfolgen. Daraus folgen phasentypische Förderungs-, Erziehungs- und Entwicklungsaufgaben. Beispielsweise, dass etwa 6-Jährige lesen und schreiben lernen sollten, weil sie 10 Jahre später nur viel mühsamer zum Erfolg kommen könnten.

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„Bildung“ bedeutet auch, für die jeweils offenen „Entwicklungsfenster“ besonders geeignete Anlässe, Materialien und Inhalte vorzugeben – für Sozialisation und Persönlichkeitsbildung auch häufig wiederkehrende Anlässe und Situationen.

Bildung

Aber wir können uns der Bildungsfrage auch mit dem Wissen nähern, dass die inneren Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Reaktionsmuster sowohl genetisch geprägt sind, als auch durch Erfahrungen gebildet und ständig umorganisiert werden.

Demgemäß war das klassische Bildungsgut ursprünglich auch nicht die bloße Kenntnis der griechischen Götterwelt, sondern die Kultivierung der eigenen Gefühle durch das Verständnis der Symbole und Geschichten. Demgemäß ist modernes Bildungsgut auch nicht die bloße Kenntnis physikalischer Gesetze und fremdsprachiger Vokabeln, sondern deren sinnvolle Anwendung und Nutzung. Und da haben die Schulen nachzuholen. Anders gesagt: „Learning by doing and

speaking about it“.

Da haben aber auch wir Erziehungsberater anderes zu raten als bloße Beziehungsklärung.

Mit den Worten Heraklits: „Zu erziehen bedeutet, eine Flamme zu entzünden, nicht ein Fass zu füllen“.

Mit den Jugendjahren relativiert der zunehmende Erfahrungsradius den Einfluss der elterlichen Erziehung auf die Persönlichkeitsbildung. Die Medien modellieren schillernde Vorbilder, Popstars, Nachrichtensprecher, Gewalthelden. Und über die Erfahrungen mit den Gleichaltrigen kann man bestenfalls noch ganz vorsichtig „quatschen“.

Der Münchner Studiendirektor Hubert Wißkirchen titelt die prägenden Gleichaltrigen zwar als „heimliche Erzieher“. Doch bleibt deren Einfluss keinem Elternteil mehr verborgen, sobald die lieben Kleinen mit den berüchtigten „Unwörtern“ und schlicht beleidigenden Gesten von ihren Spielkameraden heimkehren. Nur kaufen die Peers leider keine Ratgeber zur Verbesserung ihres Einflusses und konzipieren Gemeinderäte leider keine lokale Sozialisierungsarbeit, sondern lediglich möglichst geringe Haushaltskosten. Dabei bräuchten gerade die gefährdeten „Straßenkinder“ und „Konsolenrocker“ unbedingt viele kleine Gelegenheiten, sich sinnvoll zu erproben und stückchenweise

doch noch zu bewähren. Immer wieder aufs Neue, ohne dass etwa dem Gemeinderat (verständlicherweise) der Kragen platzt.

Unterschiede

Die Problemanfälligkeit junger Leute ist leider nicht nur Ergebnis davon, wie viele Widerstandskräfte einem Kind vermittelt wurden gegenüber den leider nicht beseitigbaren Risikofaktoren. Es geht in diese Richtung, aber es ist komplizierter. Das größte psychosoziale Risiko ist wohl das, ein Junge zu sein. Schon vor der Geburt sterben mehr männliche als weibliche Menschen. Im Kindesalter dann

sind Jungen körperlich, seelisch und geistig viel anfälliger für psychosoziale Belastungen als Mädchen. Bei den Jungen sind Gewalt und Kriminalität nicht nur häufiger als bei den Mädchen, sondern sogar 5 bis 10 Mal so häufig! Und erwachsene Männer beachten ihre Gesundheit, das Verletzungsrisiko im Straßenverkehr und körperliche Signale deutlich weniger als Frauen.

Deshalb sollten einige Schutzfaktoren auch speziell für Mädchen und andere speziell für Jungen gelten. Darüber aber weiß ich leider noch nichts.

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Kleine Kinder brauchen und suchen eine viel intensivere „Beziehung“ als ältere und Eltern gehen zu ihren Babys eine engere „Beziehung“ ein als zu anderen Personen. Sie gehen eine besonders feste und andauernde „Bindung“ ein. Und die Erfahrung dieser frühen Bindung wird Grundlage der folgenden Beziehungen.

Die Forscher unterscheiden:

♦ Sicher gebundene Kinder, die sich wertgeschätzt und gefördert frei entfalten und ausdrücken;

♦ unsicher vermeidende Kinder, die sich bei Stress zurückziehen und tröstende Nähe meiden;

♦ unsicher ambivalent gebundene Kinder, die selbst – oft sonderbar – aktiv werden, um die unsichere

Bindung auszugleichen;

♦ Kinder mit desorganisiertem Bindungsverhalten, die aufgrund schädigender und ängstigender

Erfahrungen irgendwie die Situationen mitbestimmen wollen.

Aber: Diese frühen Bindungsmuster müssen nicht unbedingt alle späteren Beziehungen prägen. Vor allem auch alternative Bindungserfahrungen, beispielsweise zu den Großeltern, können viel ausgleichen. Wir sollten also vor allem Kindern in schwierigen Beziehungen „gute“ andere Beziehungserfahrungen ermöglichen. Und das können auch die GruppenerzieherInnen, KlassenehrerInnen, ÜbungsleiterInnen, NachbarInnen leisten. Auch Sie werden wohl ein Kind kennen, das sich besonders gerne in Ihrer Nähe hält, auch mal bei Ihnen Trost sucht: Das ist Ihre Möglichkeit, selbst ein bisschen zu „stärken“. Und natürlich helfen „Erklärungen“, die dem Kind seine Situation verständlich machen, wenn sie zugleich die Hoffnung auf Besserung nähren und wenigstens etwas Einfluss auf das ungute Schicksal ermöglichen. Hierbei helfen Kindertherapien enorm. Aber sicher müssen die gefährdeten Kinder viel gezielter angesprochen und besonders unterstützt werden. Konzepte dafür gibt es durchaus, z.B. präventive Gruppen für Scheidungskinder.

Die Statistiken zeigen auch recht unterschiedliche Problemanfälligkeiten für die verschiedenen Temperamente. Bei 12-Jährigen etwa gilt als besonders bedenklich ein impulsives Temperament mit hoher psychomotorischer Aktivität. Zeigen sich dann später geringe Schulmotivation und aggressives Sozialverhalten, im Verhältnis zur Intelligenz geringe Schulleistungen sowie mangelhafte (Hobby-)

Beziehungen, ist die weitere Entwicklung bereits höchst gefährdet.

Ich rate Eltern impulsiver Kinder sehr eindringlich, schon ab Kindergartenalter die sprachliche Verhaltenssteuerung zu trainieren mittels eindeutiger Konsequenzen und mit klaren Belohnungen und tätigen Wiedergutmachungen im Schulalter. Dieselben Kinder bräuchten dann im fortgeschrittenen Jugendalter aber besonders viel Unterstützung und Nachsicht.

Wir können also schon einige Schutzfaktoren benennen und befördern, aber noch wenig individuelle Hinweise geben. Wir sollten den gefährdeten Kindern mehr Elemente „guter“ Erziehung auch außerhalb der Familie vermitteln und die erforschten Aspekte „guter“ Erziehung in der Öffentlichkeit bekannt machen.

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Familienbildung

Bis weit ins vergangene Jahrhundert hinein waren Psychologie und Pädagogik „angewandte Philosophie“ und dementsprechend ideologieträchtig. Heute zählen „Zucht“, „Beugung“ und „Willen-Brechen“ sicher nicht mehr zu den Essentials guter Pädagogik, während Pestalozzis drei Z: „Zeit, Zärtlichkeit und Zuwendung“ wohl weiterhin grundlegend bleiben werden. Was also macht moderne

Pädagogik aus? Was kann man empfehlen?

Ein moderner „Robinson Crusoe“ müsste sich nicht mehr auf einem einsamen Eiland im endlosen Ozean behaupten, sondern als „Straßenkind“ im verkommenden Slum einer Metropole. Und genau in diesem Sinne liefert uns die empirische Resilienzforschung bereits interessante Erkenntnisse.

Pädagogen und Psychotherapeuten erfahren ständig, dass und wie Menschen sich und ihr Umfeld beeinflussen und ändern können.

Zudem zeigt die Neuropsychologie nicht nur Möglichkeiten und Grenzen des Lernens auf, sondern auch typische Entwicklungsfenster und Erziehungsaufgaben. Alle drei Erkenntnislinien sollten genutzt und familienbildnerisch an Eltern und Erziehende vermittelt werden. Denn diese modernen Kenntnisse zu Entwicklungsförderung und Persönlichkeitserziehung nicht zu beachten und zu nutzen, vernachlässigt den natürlichen Anspruch der Kinder eben darauf. Wir wissen im Allgemeinen, was Kinderpersönlichkeiten stärkt.

♦ Achtsame Beziehungen begründen realistische Selbstbilder

♦ Sprachliches Lernen bildet das Selbst- und Weltverständnis

♦ Förderliche Anforderungen befähigen kompetente Selbstverwirklichung

♦ Konsequente Werteerziehung kultiviert moralische Willenskraft

♦ Verlässliche Unterstützungen motivieren frühzeitige Selbsthilfe

Operationen im Kindesalter

An wen wenden?

Wenn ein Kind operiert werden muss, wollen Eltern das Beste. Die richtige Adresse ist daher ein erfahrener Kinderchirurg, weil dieser seine kleinen Patienten ganzheitlich betrachtet. Er konzentriert sich nicht auf ein einzelnes Organ oder Körperteil, sondern versucht, den altersabhängigen Besonderheiten jedes Kindes gerecht zu werden; bei jedem Eingriff berücksichtigt er, dass der kleine Patient noch wächst und sich damit auch der operierte Bereich verändern wird;

Er ist erfahren darin, in die teilweise winzigen Körperregionen von Kindern schonend einzugreifen. Und: Ein Kinderchirurg arbeitet Hand in Hand mit Kinderanästhesisten. Also mit Narkoseärzten, die besonders viel Erfahrung darin haben, Kinder jeden Alters in einen schmerzunempfindlichen Tiefschlaf - nichts anderes ist eine Narkose - zu versetzen und wieder aufwachen zu lassen.

Meistens unter Vollnarkose

Die meisten Operationen bei Kindern werden in Vollnarkose gemacht. Kinder stresst das ganze Drum und Dran einer Operation so sehr, dass sie nicht still halten können. Doch die Narkosetechnik ist mittlerweile so ausgereift,

dass Zwischenfälle bei Kindern nur noch sehr selten auftreten. So gibt es heute:

- Geräte, die es ermöglichen, Herzschlag, Sauerstoffsättigung, Blutdruck, Körpertemperatur und Beatmungswerte des Kindes laufend zu überwachen;

- spezielle Beatmungsmasken (Larynxmasken), die über den Kehlkopf gelegt werden und in vielen Fällen den klassischen Beatmungsschlauch (Tubus) in der Luftröhre ersetzen können. Die empfindlichen Atemwege von Kindern werden so geschont;

- Narkosemittel, mit denen sich Dauer und Intensität der Narkose punktgenau steuern lassen.

Phosphorus C 200 gibt man einige gaben, wenn das Kind „nicht richtig erwacht“. Es weint, kommt nicht zu sich oder schreit.

Nux vomica C 200 gibt man bei Übelkeit nach Vollnarkose.

Blasenreflux

Was ist das ? Aus der Blase fließt Urin in die falsche Richtung und staut sich im Harnleiter und in der Niere. Ursache ist häufig eine minimale Fehlbildung an der Stelle, wo die Harnleiter in die Blase münden. Wann wird operiert? Wenn trotz der Behandlung mit Medikamenten immer wieder Harnwegsinfekte auftreten. Denn diese schädigen mit der Zeit die Nieren. Was wird gemacht? Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder verengt der Chirurg - endoskopisch über die Harnröhre - die Einmündung des Harnleiters in die Blase. Oder er versetzt im Rahmen einer offenen Bauchoperation den Harnleiter etwas.

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Ambulant oder stationär? Stationär; nach dem endoskopischen Eingriff für zwei Tage, nach der offenen Operation etwa fünf Tage.

Blutschwamm

Was ist das? Eine gutartige, blaurote Wucherung von Blutgefäßen, häufig im Gesicht. Wann wird operiert? So bald wie möglich, denn Blutschwämme können sehr rasch wachsen und das Kind entstellen. Was wird gemacht? Sehr kleine Blutschwämme werden vereist, größere Hämangiome mit Laser entfernt. Manchmal schneidet der Chirurg die Wucherung auch einfach mit dem Skalpell heraus. Ambulant oder stationär? Ambulant.

Hypospadie

Was ist das? Eine angeborene Fehlbildung der Harnröhre: Ihre Öffnung liegt nicht an der Penisspitze, sondern weiter hinten, häufig am Penisschaft. Betroffen ist etwa einer von 200 neugeborenen Jungen. Wann wird operiert? Meist im ersten Lebensjahr, da viele Eltern psychische Folgen der Fehlbildung für ihren Sohn fürchten. Kinderchirurgen würden lieber später operieren, da der Eingriff bei größeren Kindern leichter fällt. Was wird gemacht? Es gibt mehrere Techniken. Häufig verschließt der Chirurg die Harnröhre mit einem Hautläppchen aus der Vorhaut. Ambulant oder stationär? Stationär für eine Woche.

Leistenbruch

Was ist das? Rund drei Prozent aller Kinder haben von Geburt an im Leistenbereich eine Lücke in der Bauchwand. Schiebt sich eine Darmschlinge oder, beim Mädchen, ein Eierstock in diese Lücke, sieht man von außen eine Beule am Unterbauch. Wann wird operiert? Sobald die Diagnose feststeht. Denn das eingeklemmte Gewebe kann absterben und zum Beispiel einen Darmverschluss oder eine Bauchfellentzündung verursachen. Was wird gemacht? Der Chirurg macht einen Schnitt in die Leiste, schiebt den Inhalt des Bruchsacks in den Bauch zurück und verschließt die Lücke. Ambulant oder stationär? Babys müssen für eine Nacht in der Klinik bleiben. Größere Kinder werden ambulant operiert.

Magenpförtner-Krampf

Was ist das? Der Muskel am Übergang vom Magen zum Dünndarm ist ungewöhnlich dick und hart. Um die Nahrung dennoch hindurchzubefördern, krampft der Magen so sehr, dass die Nahrung den falschen Weg nimmt und das Baby eine halbe Stunde nach jeder Mahlzeit schwallartig erbricht. Wann wird operiert? Sobald wie möglich, denn die betroffenen Babys nehmen rasch ab und trocknen aus. Was wird gemacht? Mit einem Schnitt am Nabel öffnet der Arzt den Bauch und spaltet den Magenpförtnermuskel.

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Ambulant oder stationär? Stationär für eine knappe Woche. Die Kinder sind vom vielen Erbrechen oft sehr geschwächt.

Probleme mit den Gaumenmandeln

Was ist das? Die Mandeln sind entweder mehrmals im Jahr eitrig entzündet. Oder so stark vergrößert, dass sie das Kind beim Essen, Atmen und Schlafen behindern. Wann wird operiert? Möglichst nicht vor dem vierten Geburtstag, da die Mandeln eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr spielen. Was wird gemacht? Häufig entzündete Mandeln schält man meist ganz heraus. Stark vergrößerte, nicht entzündete Mandeln entfernt der Arzt nur teilweise. Ambulant oder stationär? Stationär für eine Woche - wegen der Gefahr von Nachblutungen.

Der Homöopath behandelt konstitutionell.

Nabelbruch

Was ist das? Eine angeborene Lücke in der Bauchwand an der Stelle, an der vor der Geburt die Nabelschnur angesetzt hat. Durch diese Lücke können sich Darmschlingen nach außen schieben und eine große, aber ungefährliche Beule bilden. Wann wird operiert? Nicht vor dem sechsten Lebensmonat, eher später. Denn Nabelbrüche bilden sich in den ersten Lebensjahren oft von selbst zurück. Was wird gemacht? Der Chirurg öffnet die Bauchdecke, schiebt den Darm zurück und näht die Lücke zu. Ambulant oder stationär? Ambulant.

Paukenerguss / Paukendrainage

Was ist das ? Hinter dem Trommelfell, in der Paukenhöhle, hat sich Flüssigkeit angesammelt, die das Kind beim Hören stört. Betroffen sind meist Kinder mit Polypen oder häufigen Mittelohrentzündungen. Wann wird operiert? Wenn der Erguss nicht innerhalb von drei Monaten abtrocknet. Was wird gemacht? Der Arzt macht einen kleinen Schnitt ins Trommelfell und lässt das Sekret abfließen. Kindern, die immer wieder Flüssigkeit im Ohr haben, setzt er anschließend ein Lüftungsröhrchen ein, damit der Erguss im Mittelohr eintrocknen kann. Ambulant oder stationär? Ambulant.

Pulsatilla, Kalium sulfuricum oder Sulfur bei Sekret hinter dem Trommelfell: C 30, 7 Tage lang, 1x täglich

Phimose

Was ist das? Die Vorhaut ist so verengt, dass das Kind Probleme beim Wasserlassen hat. Außerdem entzündet sich die Eichel immer wieder. Wann wird operiert? Abhängig vom Ausmaß der Beschwerden. Laut Pschyrembel spricht man erst von einer Phimose, wenn die Verengung bis über die Pubertät hinaus besteht.

310

Was wird gemacht? Der Chirurg entfernt entweder die halbe oder die gesamte Vorhaut. Wird nur der verengte Vorhautteil weggenommen, kann sich die Phimose erneut bilden.

Meine Erfahrung: Wenn die Buben 3-6 Monate wirklich regelmäßig die Vorhaut mit Weizenkeimöl massieren und vorsichtig zurückziehen, gibt sich das von selbst ! Ärzte warnen immer wieder vor den Verletzungen, die die Vorhaut dann vernarben lassen. Ich denke aber nicht, dass ein Kind bis über die Schmerzgrenze hinaus dehnt und es somit wohl nicht zu Verletzungen kommt ! Ambulant oder stationär? Ambulant.

Polypen

Was ist das? Die Rachenmandel ist so dick und vergrößert, dass das Kind kaum durch die Nase atmen kann und beim Schlafen schnarcht. Weil die Wucherung außerdem den Belüftungsgang zwischen Nase und Ohr verlegt, hören Polypenkinder schlecht, sind häufig erkältet und leiden oft unter Mittelohrentzündung. Wann wird operiert? Obwohl sich die Polypen nach dem 7. Lebensjahr meist zurückbilden, muss manches mal schon vorher operiert werden. Zum Beispiel, wenn die Wucherung das Kind zu sehr beim Hören und damit beim Sprechen lernen behindert. Oder wenn ein Kind deshalb ständig krank ist. Was wird gemacht? Mit einem Spezialinstrument schält der Arzt die Rachenmandel von der Rachenwand ab. Ambulant oder stationär? Ambulant.

Mit dem Konstitutionsmittel ist dieses Problem so gut wie immer in Griff zu bekommen.

Calcium phosphoricum C 30, 2-3 Wochen 1x täglich eingenommen, lässt die Polypen kleiner werden. Das ist aber eine Unterdrückung, dennoch besser als eine OP.

311

Lernen mit Kindern

Biologische und psychologische Grundlagen des Lernens:

Im Grunde weiß man schon lange über das Zusammenwirken von Körper und Geist bescheid. „In einem gesunden Körper ist ein gesunder Geist“, heißt es schon in der Antike. Geist und Körper beeinflussen sich gegenseitig.

Übertragen auf das Lernen wissen wir, dass postiv oder negativ gefärbte Gefühle einen großen Einfluss darauf haben, ob wir einen bestimmten Lernstoff auch später wieder abrufen können.

Erkunde den Biorhythmus deines Kindes:

Jeder hat am Tag bestimmte Leistungsspitzen und Leistungstäler.

Der Vorgang des Lernens umfasst eine materiell-körperliche (links)und eine

Immateriell-geistige (rechts) Seite.

Treffpunkt dieser beiden Bereiche ist das limbische System im Gehirn.

Es ist eine Art emotionales Schiedsgericht, das darüber befindet, welche Informationen und Reize für uns wichtig und wertvoll sind. Findet es eine Info wichtig, färbt es diese hormonal lustvoll ein, so dass diese leichter Eingang in unser Gehirn findet und umgekehrt.

Jeder Lernstoff sollte einen gefühlsmäßig positiven Inhalt, zumindest aber eine positive Verpackung haben oder ein positives Assoziationsfeld.

Wie gelangt nun eine Information in unser Gedächtnis ?

-

ein Reiz erreicht uns

-

trifft auf eine Sinneszelle (Auge, Ohr, Haut, Geruch…)

-

trifft auf eine Nervenzelle

-

trifft auf die Synapsen (Schaltstellen) Ultrakurzzeitgedächtnis

-

kreist in sich wiederholenden Bahnen, hinterlässt chemische Spuren Langzeitgedächtnis

Lernen braucht Zeit, damit die Infos kreisen können und es braucht die Wiederholung (üben, Hausaufgaben)

Im Langzeitgedächtnis bleibt die Information aber nur, wenn das Kind den Stoff in Beziehung zu bereits Bekanntem setzen kann.

Das ist wie ein Schubladenschrank im Gehirn. Man braucht eine passende Lade, in der man die Info ablegen kann.

Versuche, Informationen zu verknüpfen mit früher Gelerntem, auch aus anderen Gegenständen, aus dem Privatbereich.

312

Lernstoff gut strukturieren !

Beachte den Lerntyp

Visuell

Auditiv

Haptisch

Olfaktorisch (Geruch)

Personenorientiert

Mediumorientiert

Die meisten sind natürlich Mischtypen.

Gut ist, wenn möglichst viele Sinne angesprochen werden.

Störungen:

-

der Lernstoff liegt außerhalb des bisherigen Erfahrungsschatzes, er kann nicht verknüpft werden.

-

Der Lernstoff wird unübersichtlich präsentiert

-

Interferenzen: Zwei sehr ähnliche Lerninhalte werden in zu kurzem Abstand gelernt und können nicht richtig abgespeichert werden, vermischen sich also.

-

Stress: In einer Stresssituation ist man blockiert

Ähnliches muss mit entsprechendem Abstand gelernt werden.

Genügend Zeit vor Schularbeiten einplanen, um Interferenzen zu vermeiden !

Stresssituationen üben: Unter Zeitdruck eine Übung machen, auch, um ein Gefühl für die Zeit zu bekommen.

Lerntechniken:

Lernen ist ein Urbedürfnis des Menschen und ein wesentlicher Prozess unseres Lebens. Nie wieder im Leben lernt der Mensch mehr als in seinen ersten Lebensjahren: Sitzen, krabbeln, aufrichten, gehen, sprechen, soziale Kontakte usw.

Wie kommt es also, dass dieses Bedürfnis ab dem Schuleintritt oft so kläglich verkümmert ?

-

Überflutung an Wissen

-

Lernen zu einer Zeit, in der für dieses Thema keine Aufnahmebereitschaft da ist.

-

Abneigung gegen einen bestimmten Lehrer

-

Ungeeignete Lernmethode

-

Langeweile

Methoden:

313

1.

Assoziationsmethode:

Man bringt Lerninhalte in merkwürdige Zusammenhänge, wie bei Merkgeschichten, bildet so genannte Eselsbrücken: Bei Sticta, da steckt er (der Schnupfen).

2.

Kennedy – Effekt:

Beinah jeder weiß noch genau, was er gemacht hat, als Kennedy, Lady D. oder Elvis Presley gestorben ist. Man bringt also Informationen mit bestimmten Handlungen, aber auch Umgebungen in Verbindung und merkt sie sich dadurch. Kinder spielen deshalb besonders gut Memory. So kann man z.B. ein Merkposter anfertigen und an einen bestimmten Platz hängen.

Einen ähnlichen Effekt haben Lernkarteien, zu dem wird der Stoff hier gut strukturiert.

3.

Schwindelzettel:

Einen Spickzettel zu schreiben erfordert, dass der Stoff erst einmal gut gelesen und strukturiert werden muss. Dann wird er an einen bestimmten Ort gebracht, nämlich den Zettel, das Armband usw. Es ist erstaunlich, wie kreativ Kinder da sind

Der Schwindelzettel erfordert aber auch Mut zur Lücke.

Wenn Schüler den Zettel gut vorbereiten, brauchen sie ihn meist gar nicht mehr. Jedenfalls gibt er aber auch Sicherheit und erspart viel Stress !

Hausaufgaben:

-

angenehme Lernumgebung schaffen, die wenig Ablenkung bietet und möglichst immer am gleichen Platz ist.

-

Musik im Hintergrund ist nur dann förderlich, wenn es um kreative Aufgaben geht, nicht, wenn Konzentration gefordert ist.

-

Phasen berücksichtigen:

Aufwärmphase:

Der Motor muss erst warm laufen. Zunächst solche Arbeiten erledigen, die das Kind gern macht und die ein Erfolgserlebnis versprechen, um zu motivieren.

Hier schaut man auch alle zu erledigenden Aufgaben an und macht die Einteilung.

Konzentrationsphase:

Komplizierte, schwierige Aufgaben, die Konzentration erfordern, wie Mathematik, Englisch, Deutsch, Lerngegenstände….

Lese- und Wiederholungsphase

Abheften und überarbeiten der Mitschriften, praktisches Arbeiten in musischen Fächern…

-

Pausen beachten:

314

Nach jeder Phase sollten 5-20 min Pause eingehalten werden:

Körperlich entspannen

Phantasiereisen machen

Obst essen, trinken

-

Abwechslung zwischen den Stoffgebieten beachten.

Vorbereitung auf Prüfungen:

-

Langfristige Prüfungsplanung:

Ständige aktive Mitarbeit ist die beste Vorbereitung. Die Wiederholung daheim nach jeder Stunde erfordert nur wenige Minuten und erspart tagelanges Lernen.

Sorgfältiges Anlegen, sammeln und ordnen der Unterlagen !

-

Mittelfristige Prüfungsplanung

welcher Stoff ?

was davon kann ich bereits ?

was kann ich nur teilweise

was muss ich erst erlernen, wo kenn ich mich gar nicht aus

Zeiteinteilung

-

Kurzfristige Prüfungsplanung:

Prüfungsablauf üben

Stoff in Fragen formulieren, abprüfen lassen

Gesamtwiederholung einplanen

Am Tag vor der Prüfung nichts mehr lernen !

315

Gewaltfreie Erziehung – einige Tipps

Gut gemacht!

Kinder freuen sich über Lob und Anerkennung genauso wie wir. Sie möchten – wie wir – bestätigt sehen, was sie getan haben, sie wünschen sich Anerkennung. Auch wenn das Ergebnis ihrer Anstrengungen nicht ganz unseren Erwartungen entspricht, unterstützen wir Kinder mit unserem Lob dabei, weitere Versuche zu wagen. Wenn wir Kinder stärken, entwickeln sie Selbstvertrauen, fühlen sie sich sicher, «auf dem richtigen Weg» zu sein. Es ist wichtig, Kinder zu stärken, sie in ihren Absichten und ihrem Handeln zu bestätigen. Dabei sollten wir uns darauf konzentrieren, was ein Kind gut macht und nicht in den Vordergrund rücken, was es schlecht macht. Loben Sie das Kind für seine Mithilfe, auch wenn die Kartoffeln nicht perfekt geschält sind. Tadeln Sie es nicht für das, was noch fehlt oder nicht gut ist. Aber zeigen sie ihm, dass Sie seine Anstrengungen schätzen – und wie es beim nächsten Mal noch besser vorgehen kann. Wichtig: Das Erwünschte muss als erwünscht, als gut und richtig erkennbar sein. Loben Sie das Kind direkt und machen Sie ihm deutlich, worauf sich Ihr Lob bezieht! Dazu gehört auch, ihm zu sagen, was Sie wollen – und nicht, was Sie nicht möchten. Gehen Sie also stets vom Positiven aus. Kinder schaffen vieles nicht auf Anhieb. Sie fragen und orientieren sich, sie möchten die Reaktionen ihrer Eltern sehen, hören oder fühlen. Loben können Sie also nicht nur mit Worten, sondern auch mit einem Lächeln, mit Augen- oder Körperkontakt.

Anschauen, ansprechen

Eltern wünschen sich oft die ungeteilte Aufmerksamkeit der Kinder. Wir wollen, dass sie hören, was wir zu sagen haben. Dies geschieht am besten, wenn wir mit dem Kind nicht über sieben Ecken (von der Küche ins Kinderzimmer) zu reden versuchen. Wichtig ist, dass wir auch mit unseren Augen mit den Kindern in Kontakt treten, wenn möglich nicht von oben herab, sondern auf der Höhe des Kindes. Wir sprechen Kinder über die Augen an. Wenn der Blickkontakt steht, gelingt auch der sprachliche Austausch besser. Es gibt tausend Gründe, sich über das Verhalten der Kinder zu ärgern. Kinder vergessen manchmal zuvor getroffene Abmachungen, sie verletzen Regeln usw. Es ist wichtig, dass wir sie auf solche Regelverstöße ansprechen – sonst verlieren Regeln ihre Bedeutung. Sprechen Sie das Verhalten des Kindes (nicht das Kind) und Ihren eigenen Ärger darüber an. Sätze mit «Du bist ...», «Du machst ...», «Wie oft soll ich dir noch sagen, ...» usw. sind in Konfliktsituationen oft mit schweren Vorwürfen verbunden. Sie verurteilen, kritisieren, stellen einen Zwang dar. Sätze, die mit Ihren eigenen Gefühlen beginnen («Ich fühle mich ...», «Es erzürnt mich, ...» usw.), zeigen den Kindern, dass auch wir Eltern Menschen mit Gefühlen sind – und dass wir zur Lösung des Problems auf die Hilfe der Kinder angewiesen sind. Kinder sind dann eher bereit, auf unser Anliegen einzugehen und ihr Verhalten zu ändern.

Alternativen aufzeigen und auch anbieten

Kinder sollen nicht nur wissen, was Eltern nicht schätzen, welches Verhalten sie stört und ärgert. Kritik am Verhalten eines Kindes darf sich nicht auf den negativen Aspekt beschränken. Wichtig ist es, ihnen die positiven, erwünschten Alternativen aufzuzeigen oder anzubieten. Ein Beispiel: Kaum 316

können sich Kinder allein fortbewegen, beginnen sie zum Beispiel damit, sich für die Bücherwand, die Bücherregale oder eben die Bücher selber zu interessieren. Bücher sind es Wert, entdeckt und untersucht zu werden. Aber kaum jemand wird es schätzen, wenn die Bücher daran Schaden nehmen. Bevor Sie in einen «Dauerstress» geraten und mit einem Auge stets das Regal «überwachen» müssen: Bieten Sie Ihrem Kind eigene Bücher an, einen Teil des Regals, auf dem sich Bücher befinden, die dem Kind zugänglich sind und mit denen es machen kann, was es will.

Das Kind ärgert sich

Oft kommt das Kind wütend nach Hause, vom Kindergarten, der Schule, von den Freunden. In diesem Moment möchte es nur in seiner Wut ernst genommen werden. Das ist sehr einfach: „Meine Güte, Du bist richtig wütend, oder ?“

Einfach das Gefühl des Kindes aussprechen, solange, bis es sich verstanden fühlt.

„Möchtest Du es erzählen ?“

„Ja, das klingt sehr schlimm ! Ich kann mir gut vorstellen, wie sehr du dich ärgerst ! Was würdest du jetzt am liebsten machen ?....“

Man kann ruhig übertreiben, bis hin zur paradoxen Intervention: „Genau, am liebsten würdest du ihm ein Schippel Haare ausreißen ! Weißt du was, ich würde einen Rasierer nehmen und ihm eine Glatze rasieren, jawohl !!...“

Meist ist es damit abgetan, das Kind beruhigt sich, der Tag darf weitergehen.

Ablenken und anregen

Aktivitäten und Beschäftigungen, die für Kinder spannend und interessant sind, müssen nicht teuer sein. Die Kinderzimmer müssen nicht mit ständigen Neuanschaffungen überfüllt werden. Aber sorgen Sie für Spiel–, Beschäftigungs– und damit auch für Lernmöglichkeiten, etwa durch Naturmaterialien oder Gegenstände aus der unmittelbaren Umgebung – Schachteln, Zeitschriften, Tücher, ungefährliche Geräte, die Sie nicht mehr gebrauchen können usw. Motivieren Sie Ihre Kinder zum Werken und Malen, zum Basteln und ... zu sinnlichen Erfahrungen, zu Bewegung und Musik. Kinder lernen dadurch nicht nur Neues. Sie werden kreativer und selbständiger, und sie entwickeln die Fähigkeit, konzentriert über längere Zeit einer Aktivität nachzugehen. Entstehen dabei auch noch Produkte oder Ergebnisse, an denen die Kinder Freude haben, stärkt das ihr Selbstbewusstsein. Die Umgebung ändern, nicht das Kind Heiße Herdplatten, Steckdosen, steile Treppen, wertvolle Gegenstände, gefährliche Gegenstände (Messer, Rasierklingen, Streichhölzer usw.), Strassen usw. – das sind tägliche Gefahrenherde für Kinder und bedeuten täglichen Stress für Eltern. Sie können sich viel Ärger und Stress ersparen, wenn Sie Ihre Umgebung den Bedürfnissen und dem Entwicklungsstand der Kinder anpassen: Steckdosen

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abdecken, anstatt ständig in Angst zu leben, ein Kind könnte auf seiner Erkundungstour in den Stromkreis gelangen. Steile Treppen mit einer Absperrung versehen, Gegenstände, die Ihnen wertvoll sind, nicht auf Kinderhöhe platzieren, usw. Sie ersparen sich damit nicht nur Stress und ständige Kontrolle, sondern auch viele Konflikte. Sie müssen die Kinder nicht ständig warnen, nicht mit unnötigen «Nein, das ist zu gefährlich, das darfst du nicht» in Schranken halten.

Konsequenzen tragen, nicht strafen

Strafen mögen ein störendes Verhalten zwar kurzfristig beenden, bieten den Kindern aber keine Möglichkeiten für anderes, erwünschtes Verhalten. Strafen werden als Erniedrigung empfunden, sie schränken ein, sind Ausdruck einer Verweigerung – und sie schrecken ab. überdies können sie Gegengewalt, Rachegefühle und Vergeltungsphantasien hervorrufen. Sie verhindern die Auseinandersetzung mit dem Problem und fördern Umgehungsstrategien statt Einsicht (oder können Sie von sich sagen, dass Sie seit dem letzten Strafmandat wegen Geschwindigkeitsübertretung nie mehr zu schnell gefahren sind?). Strafen können nicht zuletzt auch die (Erziehungs–)Beziehung beeinträchtigen. Sie sind Ausdruck ungleicher Beziehungen, von Macht und Hierarchie. Strafen werden zudem oft in «Wenn–dann»–Sätzen vorangekündigt, sind also eigentliche Drohungen. In der konkreten Situation besteht zwischen bestraftem Verhalten und der Strafe unter Umständen kein Zusammenhang mehr: «Wenn du das Zimmer nicht aufräumst, darfst du nicht mit zum Fußballspiel.» Konsequenzen stehen dagegen in direktem Zusammenhang mit dem Verhalten des Kindes. Sie sind natürliche Folgen eines Handelns oder Nichthandelns und sollen insofern Einsicht wecken. Sie beruhen durchaus auch auf Abmachungen und können ebenfalls in «Wenn–dann»–Sätzen formuliert sein. Aber die Konsequenzen müssen vor der Grenzüberschreitung klar sein. Das Kind hat die Freiheit, die Abmachungen (und damit die Konsequenzen) zu respektieren oder nicht.

Streiten / Konflikte konstruktiv lösen

Konflikte gehören zum menschlichen Dasein. Konflikte sind für die meisten unangenehm. Sie bedeuten vielfach Stress, zerren an unseren «Nerven», an unserer Substanz. In unserem Bemühen, ein harmonisches Leben zu führen, neigen wir dazu, Konflikten aus dem Weg zu gehen oder sie gar zu leugnen. Das kann nicht das richtige Vorgehen sein. Gleichzeitig ist unsere Fähigkeit, Konflikte aufbauend (konstruktiv) und gewaltfrei zu lösen, nur schlecht ausgebildet. Konflikte lösen, bedeutet, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen, mit den eigenen Gefühlen und eingeschlichenen Verhaltensmustern nicht zuletzt. Konflikte sind Folgen unterschiedlicher Zielvorstellungen und Meinungen. Ein Beispiel: Sie stehen mit Kind und Einkaufswagen in der Warteschlange vor der Kasse des Einkaufszentrums. Es ist bald Mittag. Links und rechts vor den Kassen sind Regale mit lauter Schokoriegeln und anderen Süßigkeiten aufgebaut – auf der richtigen Höhe, damit Kinder sich direkt aus dem Einkaufswagen bedienen können. Sie als Eltern möchten aber nicht, dass sich das Kind noch vor dem Essen mit Süßigkeiten den Hunger stillt. Ihr Kind will, Sie nicht. Was tun? Für die Lösung von Konflikten gibt es verschiedene «Werkzeuge»

Schauen Sie Ihr Kind an und sprechen Sie es direkt an. Sprechen Sie in der

318

Ich–Form, verallgemeinern Sie also nicht, sondern drücken Sie aus, was Sie

selber meinen.

Lassen Sie Ihr Kind ausreden, fallen Sie ihm also nicht ständig ins Wort und

achten Sie auf seine Bedürfnisse und Interessen.

Vermeiden Sie Beschuldigungen.

Bleiben Sie beim Thema.

Suchen Sie nach einer Lösung, mit der sich ihr Kind einverstanden erklären

kann.

Entscheiden Sie sich zusammen mit dem Kind für eine Lösungsvariante und

treffen Sie danach klare Abmachungen.

Konflikte mit Kindern können völlig unvermittelt entstehen, etwa wenn Wünsche beim Einkaufen nicht entsprechend bedient werden. Konflikte können aber auch ganz allmählich – über Tage hinweg – wachsen und ausbrechen ohne dass ein unmittelbarer Auslöser zu erkennen ist. Es liegt dann an Ihnen, «Ihr» Problem rechtzeitig anzusprechen.

Formulieren Sie Ihr Unbehagen, Ihren Ärger oder Ihre Frustration mit Ich–

Aussagen.

Sagen Sie dem Kind, was Sie beobachten und wie Sie sich dabei fühlen.

Fragen Sie Ihr Kind, ob es Ihren Ärger bzw. Ihre Gefühle versteht.

Versuchen Sie, Ihren Anteil am Konflikt zu benennen und fragen nach dem

Anteil des Kindes.

Überlegen Sie zusammen, welche Möglichkeiten bestehen, damit sich

solche Situationen nicht mehr wiederholen.

Entscheiden Sie sich gemeinsam für einen überprüfbaren Lösungsweg.

Bei Konflikten mit jüngeren Kindern kann es sein, dass Sie die Konfliktsituation allein analysieren müssen. Nehmen Sie sich Zeit, lehnen Sie sich in einer ruhigen Minute zurück und versuchen Sie sich klar zu werden, wie das Problem aus Ihrer Sicht aussieht und aus der Sicht des Kindes aussehen könnte. Suchen Sie nach Lösungsmöglichkeiten – wie bei anderen Konflikten und Problemen auch. Es zeugt von Stärke, wenn Sie für Konflikte, für die Sie keine Lösung sehen, Hilfe von Dritten (z.B. Nachbarn oder Fachstellen) in Anspruch nehmen.

Die liebe Ordnung:

319

Der häufige Krach ums Aufräumen rührt daher, dass Eltern und Kinder bezüglich Ordnung völlig unterschiedliche Sichtweisen haben. Während Eltern ein ordentliches Zimmer meist recht wichtig ist, haben die Kinder ganz andere Prioritäten und außerdem ist es für sie längst ordentlich, während die Eltern noch Chaos empfinden.

Ein paar Aufräumtipps:

3-6jährige:

Die Kinder brauchen bereits ihren Intimbereich !

Sie brauchen einen Ort, eine Lade, ein Kasterl, das für die Eltern tabu ist. Hier dürfen Geheimnisse aufbewahrt werden, hier trägt das Kind die alleinige Verantwortung. Gut ist, wenn man ihm diese Verantwortung hochoffiziell und mit großem Tamtam übergibt, um ihm diese wichtige Aufgabe bewusst zu machen

Im Kinderzimmer brauchen diese Kinder noch Hilfe. Man sollte fixe Zeiten des Aufräumens vereinbaren. Die Kinder möchten sich darauf einstellen können, 1x am Tag oder abends und 1x in der Woche genauer zum Beispiel. Dieses Aufräumen soll gemeinsam geschehen. Das Kind bekommt genaue Aufgabenstellungen. „Du könntest bitte die Legosteine in diese Kiste geben…“ Mit einem „räum endlich dein Zimmer auf“ sind Kinder diesen Alters meist überfordert.

Weigert sich das Kind mitzuhelfen, würde ich darauf bestehen, dass es jedenfalls zusehen muss, in dieser Zeit aber nichts anderes tun kann.

6-10jährige:

Mit dem Schuleintritt beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Das „Revier“ des Kindes muss größer werden, von der Lade zum Zimmer. Die Kinder sollten nun Verantwortung für ihr Zimmer übernehmen. Anfangs könnte man noch einen gemeinsamen Aufräumtag pro Woche vereinbaren. Die Privatsphäre muss immer mehr gewahrt werden. „Kann ich diese Lade öffnen, oder ist sie für dich privat ?“

Genauso aber achtet das Kind aber auch immer mehr die Privatsphäre der Eltern, auch im Bereich Ordnung. Außerhalb des Kinderzimmers gelten die Regeln der Eltern, und zwar rigoros, ohne Kompromisse ! Das könnte heißen, dass es z.B. ab 18 Uhr keine Spielsachen außerhalb des Kinderzimmers mehr gibt. Alles, was noch herumliegt kommt eventuell in einen Zaubersack und bleibt dort für eine Woche.

In diesem Alter werden die Grenzen ganz schön ausgetestet .

Es gilt, die eigenen Grenzen deutlich zu setzen, aber auch die Grenzen des Kindes gut zu wahren !

10-18jährige…..

320

Die Jugendlichen brauchen ihr Reich mehr denn je, um ihre Musik zu hören, ihre Poster aufzuhängen, ihre Freunde einzuladen….

Und: Ordnung ist jetzt absolut „uncool“ !

Übers Jugendzimmer kann man Gespräche führen, Sichtweisen austauschen, aber auch die Sichtweise des Jugendlichen hören und akzeptieren.

Nun ist es aber auch an der Zeit, mehr Verantwortung für den Raum außerhalb des eigenen Zimmers zu übernehmen.

Besonders die Wäsche ist oft Thema. Wichtig sind ganz klare Vereinbarungen. Ich z.B. wasche nur das, was im Wäschekorb ist. Ich suche keine Wäsche im Haus zusammen. Die gewaschene Wäsche stelle ich vors Zimmer.

Wenn die Badewanne nicht ausgespült wird, rufe ich das Kind: „ Sorry, du hast vergessen, die Wanne auszuspülen…“ Und wichtig: nicht nachgeben !!

Stets in aller Ruhe und Gelassenheit das Einhalten der Regeln einfordern, so funktioniert es. Kinder merken sehr schnell: „ Die gibt nicht nach !“

Wenn Ihnen die Geduld trotzdem ausgeht:

Stopp – Denken vor Handeln! Nicht in jeder Situation sind wir imstande, Ruhe zu bewahren. Manchmal verpassen wir den richtigen Zeitpunkt für ein ruhiges, sachliches Gespräch. Oder wir «können» einfach nicht mehr, und es kommt zu einem Konflikt. Wichtig ist, dass Sie sich in solchen Situationen «abkühlen», dass Sie sich beruhigen können. Dazu gibt es viele verschiedene Möglichkeiten:

Sorgen Sie zuerst dafür, dass Ihr Kind in Sicherheit ist – falls Sie sich für

einen Moment zurückziehen wollen.

Atmen Sie tief durch.

Gehen Sie für einen Moment auf den Balkon, in den Garten, oder machen

Sie einen kurzen Gang ums Haus, in den Keller usw.

Sagen Sie laut das Alphabet auf oder zählen Sie langsam bis 20.

Telefonieren Sie einer nahe stehenden Person oder besuchen Sie diese.

Nehmen Sie ein warmes Bad oder eine kalte Dusche.

Machen Sie sich einen Kaffee oder einen Tee.

Hören Sie Ihre Lieblingsmusik.

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Blättern Sie in einer Illustrierten, einem Buch oder in einer Zeitung.

Auf jeden Fall gilt: STOP! Denken Sie nach, bevor Sie handeln!

Also:

-

Grenzen setzen: Lieber wenige, sinnvolle, für die Kinder verständliche Grenzen vereinbaren. Flexibel bleiben. Wenn Kinder älter werden, müssen Grenzen verändert werden. Wenn Grenzen nicht funktionell sind, kann man sie revidieren.

-

Selber muss man überzeugt sein ! Dahinter stehen ! Sicher sein – ich will das so !

-

Grenzüberschreitungen der Kinder sind normal und zeugen von ihrer Intelligenz. Kinder müssen auch lernen, Widerstand zu leisten, sich durchzusetzen.

-

Vorbild sein: wenn beim Fernsehtisch nicht gegessen wird, gilt das auch für die Erwachsenen!

-

Auf höfliche Umgangsformen achten !

-

Humor und Lachen nicht vergessen !

-

Die besten Interventionen sind oft die paradoxen: Man kann Schimpfwörter abkaufen. Werden sie trotzdem verwendet, muss das Kind dafür bezahlen.

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Impfungen aus homöopathischer Sicht

Die Impffrage spielt eine zentrale Rolle bei der chronischen homöopathischen Behandlung. In der Anamnese ist immer nach Impfungen zu fragen. Vermutet man eine Erkrankung als Folge einer Impfung, ist zunächst ein Mittel aus der Rubrik ALLGEMEINES / Impfungen, Folgen von zu suchen, das den Symptomen am ähnlichsten ist.

Bereits Hering wies auf die Gefährlichkeit der Pocken-Vaccine hin.

Impfungen sind in der Lage, die miasmatische Prädisposition, welche das Kind von seinen Eltern geerbt hat, zu aktivieren. Die latente Sykosis oder Tuberculinie kommt an die Oberfläche. Sie kann sich sogar mit einem anderen aktiven Miasma verbinden. Die Impfung kann aber auch ein noch gar nicht vorhandenes Miasma setzen.

Die Komplikationsrate nimmt von Generation zu Generation zu.

Die homöopathische Therapie bei Impffolgen ist sehr viel versprechend, allerdings nur so lange diese Folgen nicht auch noch unterdrückt wurden.

Eine besondere Problematik stellen die Impfungen gegen Kinderkrankheiten dar. Eine solche Infektion ist dazu da, um sich von einem Miasma zu befreien. Dies gelingt auch mit dem Durchmachen der Krankheit für etwa 10 Jahre. Durch die Impfung wird der kindliche Organismus seiner natürlichen Selbstregulationsfähigkeit beraubt.

Ich persönlich finde es sehr wichtig, die Entscheidung der Eltern zu respektieren und zu achten.

Wenn sich Eltern für eine Impfung entscheiden, suche ich aus den Impffolgemitteln das heraus, das dem Konstitutionsmittel am nächsten ist. Dieses gebe ich in LM 6 zwei Wochen vor der Impfung bis zwei Wochen nach der Impfung. Diese Methode ist zwar keine Garantie für das folgefreie Überstehen der Impfung, aber sie stärkt den Organismus bestmöglich.

„Homöopathische Impfungen“ gibt es meiner Meinung nach nicht ! Keine der Nosoden, die dabei verabreicht werden, ist geprüft. Man kennt ihre Symptome gar nicht. Wie also sollten sie dann nach dem Simile-Gesetz repertorisiert werden ? Außerdem gibt man ja bei Tuberculose auch nicht Tuberculinum. Wieso nimmt man dann an, dass die Nosode vor Tuberculose schützt ? Zudem finde ich es sehr fraglich, wenn man den Eltern durch die homöopathische Impfung Sicherheit vermittelt, die man keinesfalls garantieren kann !

Es gibt aber eine sehr interessante Erfahrung von Dr. Künzli. Er hat in seiner Praxis hauptsächlich langjährige Patienten. Er sagte einmal bei einem Vortrag, dass die Patienten, die lange Jahre nur

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homöopathisch behandelt werden, also keine Unterdrückungen erlitten, keine Komplikationen bei Kinderkrankheiten hatten und auch keine Krebserkrankungen haben !

Die Impfschadensbehandlung

Eine ganzheitliche Impfschadensbehandlung gibt es nur in der klassischen Homöopathie. Der Schulmedizin ist es wohl manchmal möglich, mit der Hilfe der Ergotherapie mit Impfschadensproblemen umzugehen oder eine medikamentöse Symptombehandlung durchzuführen, eine grundsätzliche Behandlung kennt die Schulmedizin allerdings nicht. Einen Impfschaden zu erkennen ist manchmal nicht ganz einfach und erfordert viel Erfahrung, denn Laborwerte oder Diagnoseverfahren wie sie aus der Schulmedizin bekannt sind, gibt es in der klassischen Homöopathie nicht. Durch eine gründliche Anamnese erkennen klassische Homöopathen, dass es einen Zeitpunkt gegeben hat, an dem die Krankheiten, die auf Impfungen zurückgeführt werden können, begonnen haben. Homöopathen berichten, dass der Zeitraum der beginnenden und wiederkehrenden Erkrankungen der Kinder oft im 4 - 6 Lebensmonat lagen. Häufig berichten die Eltern, dass ihr Kind vor diesem Zeitraum sehr gesund war und kaum erkrankt ist.

Entwicklungsstörungen nach Impfungen können beispielsweise sein:

Veränderungen des Schlafverhaltens: Das bedeutet: Nach einer Impfung ändert sich der Schlafrhythmus des Kindes. Plötzlich ist das Kind sehr müde, schläft überdurchschnittlich viel und lange und ist nur schwer zu wecken. In Form von einer Umkehr zu einem Wechsel im Schlafryhtmus kann es nach Impfungen ebenfalls oft kommen. Das Kind ist nachts wach und tagsüber sehr müde.

Konzentrationsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten Immer häufiger wird die Diagnose POS oder ADS gestellt. Dies bedeutet, dass das Kind in der Schule oder im Kindergarten zunehmend mehr Schwierigkeiten hat, sich zu konzentrieren. Oft endet diese Odyssee in einer Ergotherapie oder in der medizinischen Bankrotterklärung, der Behandlung mit Ritalin, denn irgendwie muss man ja die Auffälligkeiten behandeln.

Das Auftreten von Allergien und Nahrungsmitteltunverträglichkeiten ist häufig zu beobachten. Der Säugling verträgt die angebotene Milch plötzlich nicht mehr und reagiert mit Hautausschlägen oder Durchfall. Auch Blähungen und Darmkoliken gehören jetzt zur Tagesordnung, und die Nächte werden für die betreffende Familie immer anstrengender und unruhiger.

Unkontrolliertes Schreien: Viele Eltern berichten Homöopathen, dass ihre Kinder nach der Impfung begonnen haben zu schreien. Aus einem normalen Säugling mit normalem Weinverhalten, wenn es Hunger, eine volle Windel oder ausgeschlafen hatte, ist ein Schreikind geworden.

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Apathie: Auch diese Veraltensänderung wird von Homöopathen oft in zeitlichen Zusammenhang mit Impfungen gebracht. Die Kinder sind sehr ruhig und teilnahmslos. Die Ansprache ist verzögert, der Blick geht ins Leere, und man hat das Gefühl, das Kind sei in einer ganz anderen Welt. Die kindliche Unbefangenheit ist wie verloren gegangen. Die Reise Richtung Autismus beginnt.

Therapieresistente Krampfanfalle, bedeutet, dass dieses Krampfanfallsleiden mit den herkömmlichen Medikamenten nur sehr schwer unter Kontrolle zu bekommen ist, trotz der Verabreichung hoch dosierter Antiepileptika. Die Krampfanfälle schädigen das Gehirn.

Was bedeuten diese Dinge? Die Impfung ging tiefer in den Menschen hinein,veränderte sein Wesen bzw. Charakter, macht ihn körperlich schwächer. Impfungen greifen immer das Gehirn an und führen dort zu Veränderungen. Das Bedauerliche daran ist, dass man für diese sogenannte postvakzinale (nach Impfungen) Enzephalopahtie (Gehirnerkrankung) keine Leitsymptome hat. Darum braucht es Erfahrung in der Diagnose von Impfschäden. Ist das Kind nach Impfungen immer wieder erkältet, so bedeutet das, dass der Organismus mit diesen Kunstkrankheiten, die durch Impfungen gesetzt werden, überfordert ist. Diese Symptome sollten auf keinen Fall symptomatische behandelt werden, auch mit Kügelchen nicht.

Die homöopathische Impfschadensbehandlung ist eine Behandlung nach den Gesetzen der Natur, von innen nach außen. Nach der Verabreichung eines homöopathischen Arzneimittels kann es jetzt zum Beispiel dazu kommen, dass das Kind plötzlich wieder alte Krankheiten durchlebt oder ein alter Schnupfen wieder auftritt. Auch können Hautausschläge auftreten oder ein Durchfall, was die logische Folge eines inneren Reinigungsprozesses darstellt. Auf keinen Fall dürfen jetzt diese Ausschläge behandelt werden. In manchen Fällen ist diese Entscheidung sehr hart und klingt oft sehr herzlos. Allerdings sind diese Ausschläge von begrenzter Dauer, und sehr oft beobachten Eltern, dass mit dem Auftreten der Ausschläge das Kind langsam aber sicher wieder zu sich selbst zurückfindet, innerlich ruhiger wird, die Konzentrationsschwierigkeiten besser werden, rezidivierende Mittelohrentzündungen, Lungenentzündungen und sogar Pseudo-Krupp-Anfälle nicht mehr auftreten.

Vorgehen: Man sucht in der Rubrik „Impfungen, Folgen von“ das Mittel, das am besten zum Konstitutionsmittel, bzw. zu den Impfschaden-Symptomen passt. Dieses gibt man am besten in der LM 18 über einen längeren Zeitraum. Wenn die Symptome verschwunden sind, gibt man erst das Konstitutionsmittel.

Fazit: Es ist so wie überall im Leben. Eine Impfschadensbehandlung darf sich nie nur auf die Verabreichung von Kügelchen gegen einen Impfschaden konzentrieren, sondern erfordert eine seriöse individuelle

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konstitutionelle homöopathische Behandlung. Diese sollte nur bei einem/r rein klassische homöopathisch ausgebildeten Therapeuten/in durchgeführt werden.

Literaturempfehlung: Gerhard Risch, Homöopathie ist (keine) Kunst, Verlag Müller&Steinicke München. Gerhard Risch, Homöopathik, Pflaum Verlag, München. Hamish Boyd, Fundamente der Homöopathie, Sonntag Verlag Stuttgart. Mohinder Singh Jus, Die Reise einer Krankheit, Homöosana Schweiz. Walter Meili, Grundkurs der Homöopathie, Johannes Sonntag Verlagsbuchhandlung Regensburg. J.T. Kent, Prinzipien der Homöopathie, Barthel&Barthel Verlag. Frans Vermeulen, Kindertypen in der Homöopathie, Sonntag Verlagsbuchhandlung Stuttgart. Veronika Widmer + Jürgen Bernhardt, Impfen - eine Entscheidung, die Eltern treffen

Impfung und Homöopathie Hätte Hahnemann geimpft? Dr. Johann Loibner

Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass es unter den Heilberufen gerade die Homöopathen sind, die zum Thema Impfungen eine zurückhaltende, warnende oder sogar eine gänzlich ablehnende Haltung einnehmen. Im aktuellen „Complete Repertory" sind allein unter den Hauptrubriken achtundzwanzig! Rubriken zu diesem Punkt aufgelistet. Dieses Thema kann daher von keinem engagierten homöopathischen Arzt übergangen werden.

Repertorium:

Gemüt: ANGST: Impfung, nach: thuj.

Kopf: ENTZÜNDUNG: Gehirn, Enzephalitis: Hautausschläge, durch unterdrückte: Ekzem durch Impfung, nach unterdrücktem: bac.

Kopfschmerzen: ALLGEMEIN: Impfung, durch: thuj.

Augen: ENTZÜNDUNG: Impfung, nach: thuj.

Augen: ENTZÜNDUNG: Bindehautenzündung: Impfung, nach: thuj.

Augen: ENTZÜNDUNG: Keratitis, Cornea: Impfung, nach: vac. vario.

Magen: SCHMERZEN: Allgemein: Impfung, nach: Thuj.

Magen: ÜBELKEIT: Impfung, nach: Sil.

Rektum: DURCHFALL: allgemein: Impfung, nach: ant-t. apis. sil. thuj.

Stuhl: BÖNNINGHAUSEN: agg.: Impfung, nach: apisin. thuj.

Atmung: ASTHMATISCH: Impfung, nach: thuj.

Atmung: ASTHMATISCH: Kinder: Impfung, nach: thuj.

Husten: IMPFUNG, nach: thuj.

Extremitäten: ABMAGERUNG: Obere Gliedmaßen: Impfung, nach: maland. thuj.

Extremitäten: HAUTAUSSCHLÄGE: Pusteln: untere Gliedmaßen: Unterschenkel: Impfung, nach: sulph.

Extremitäten: HAUTAUSSCHLÄGE: Varizellen, wie: Impfung, nach: syc-co.

Extremitäten: LÄHMUNG: allgemein: Beine: Impfung, nach: thuj.

Extremitäten: NÄGEL: Beschwerden der: Eiterung: Fingernägel: Impfung, nach: Thuj.

Extremitäten: NAGELGESCHWÜR, Paronychie: allgemein: Umlauf: Impfung, nach: Thuj.

Extremitäten: SCHWELLUNG: allgemein: Arme: Schultern: Impfung, nach: apis. thuj.

Extremitäten: SCHWELLUNG: allgemein: Arme: Oberarme: Impfung: Sil. sulph. Thuj.

Schlaf: RUHELOS: Impfung, nach: thuj.

Schlaf: SCHLAFLOSIGKEIT: allgemein: Impfung, nach: mez. thuj.

Haut: HAUTAUSSCHLÄGE: Allgemein: Impfung, nach: crot-h. maland. mez. sars. skook. sulph. vario.

Haut: HAUTAUSSCHLÄGE: Ekzem: Impfung, nach: ammc. kali-m. maland. mez.

Allgemeines: IMPFUNG: nach: acon. ant-t. apis, ars. bac. bapt. bcg, bell. bufo, carc. crot-h. diph. echi. graph. gunp. hep. kali-chl. lac-v. lepro. Maland. med. merc. merc-cy. Mez.  nat-bic.  ped. phos. psor. rhus-t.  sabin. sarr. sars. sep. SIL. skook. SULPH. syc-co. THUJ. Tub. Vac. vario.

Allgemeines: IMPFUNG: nach: Diptherieinfektionen: diph. merc-cy.

Allgemeines: IMPFUNG: nach: Gelbfieber: ars.

Allgemeines: IMPFUNG: nach: Meningitisinfektionen: apis

Allgemeines: IMPFUNG: nach: Pocken: maland.thuj.

Allgemeines: IMPFUNG: nach: Typhus: bapt.

Allgemeines: IMPFUNG: prophylaktisch: sulph. thuj. vario.

Allgemeines: KONVULSIONEN, Spasmen: Impfung, nach: Sil. thuj.

Figur 1, 33 Rubriken aus Complete Repertory

Lob der Pockenimpfung?

Es gibt aber Stimmen, die behaupten, Hahnemann wäre der Impfung sehr positiv gegenüber gestanden. Sie führen ein Zitat aus dem Organon an, aus dem sie folgern, dass Hahnemann die Impfung sehr begrüßt hätte.

"Bemerkenswert ist übrigens, dass sie (die Menschenpocken) seit der allgemeinen Verbreitung der Jennerschen Kuhpockenimpfung nie wieder unter uns weder so epidemisch noch so bösartig erscheinen, wie vor 40 – 50 Jahren..."

Zitat, § 46 Organon

Warum nimmt Hahnemann die Idee der Kuhpockenimpfung so positiv auf?

In den Kapiteln, die dem § 46 vorausgehen, erläutert er ausführlich das Phänomen, dass bestehende Krankheitssymptome durch Hinzukommen einer neuen Krankheit vorübergehend oder auf Dauer verschwinden. Er führt die Erfahrungen von Dezoteux, Leroy und Wendt an. Diese hatten beobachtet, dass es nach der Pockenimpfung zu Heilungen von Krankheiten kam, die vorher bestanden hatten. Es geht Hahnemann hier vor allem um die Bestätigung der von ihm entdeckten Ähnlichkeitsregel. Diese Berichte bestärkten ihn also in seinem neuen Heilprinzip vom Auslöschen einer Krankheit durch eine ähnliche und kamen ihm in diesem Zusammenhang sehr gelegen.

Die Formulierung – nie wieder so epidemisch, wie vor 40 oder 50 Jahren – ist ein Hinweis auf unsichere Zahlen; dies klingt eher nach „hören sagen. Zu Hahnemanns Zeit gab es noch wenig verlässliche epidemiologische Daten. Zuverlässigere Zahlen sind erst nach Hahnemann entstanden. Meldungen, dass es ein Mittel gegen diese furchtbare Krankheit gäbe, wurden verständlicherweise mit

328

großer Hoffnung aufgenommen. Spätere, schwere Pockenepidemien wie jene in Deutschland um 1870 hat Hahnemann nicht mehr erlebt.

Die Pockenimpfungen wurden außerdem lange Zeit von Nichtärzten, den so genannten „Inokulatoren" durchgeführt. Erst allmählich, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Impfungen von eigens dafür vorgesehenen Ärzten vorgenommen. Hahnemann selbst hat also mit Sicherheit nie Impfungen durchgeführt.

Genaue Kenntnis der Arzneien?

Gibt es andere Aussagen Hahnemanns, aus denen man schlüssig folgern kann ob er Impfungen begrüßt oder abgelehnt hätte. Im Vorwort zu 6. Auflage schreibt Hahnemann

„Die Homöopathie vermeidet daher selbst die mindeste Schwächung... Daher bedient sie sich zum Heilen nur solcher Arzneien, deren Vermögen, das Befinden dynamisch zu verändern und umzustimmen sie genau kennt."

Vorwort zu 6. Auflage

Kann man von einem Impfstoff sagen, dass wir seine Wirkung genau kennen? Der Impfstoff ist eine lebende Kultur, welcher Substanzen (Stabilisatoren) beigesetzt werden, die ein Eigenleben dieser Kultur verhindern sollen. Diese toxischen Stoffe, wie Quecksilber, Aluminium, organische Lösungsmittel etc. rufen wohl bei jedem homöopathisch versierten Arzt Assoziationen an bekannte Arzneimittelkrankheiten hervor.

Die Kultur des Impfstoffes gedeiht auf einem fremden Individuum; Hühnereiweiß, Affennieren, menschliche Embryonen. Sie enthält auf jeden Fall Spuren von Fremdeiweiß. Jeder erfahrene Homöopath weiß um die Bedeutung der Individualität. Erst die heutigen Erfahrungen mit der Abstoßungsreaktion nach Heterotransplantationen haben uns gezeigt, welche Belastung das Fremdeiweiß für das Individuum bedeutet. Was nun dieses biologische Medium im geimpften Körper auslöst, erfahren wir immer erst nach der Impfung. In der Anmerkung zu diesem Punkt führt Hahnemann aus: „sie (die Homöopathie) gibt einfache Arzneien, die sie genau kennt und keine Gemische."

„Er ist zugleich ein Erhalter der Gesundheit, wenn er die Dinge kennt, welche die Gesundheit stören und die Krankheit erzeugen und sie von den gesunden Menschen zu entfernen weiß"

329

Wer hat die Seuchen ausgerottet?

§ 4 Organon

Echte Prävention verlangt das Wissen um die Lebensbedingungen, die zur Krankheit führen. Weltweit und unabhängig von allen Zeiten herrscht über die wesentlichen Ursachen von Krankheit und Seuchen eine einheitliche Auffassung. Dies betrifft die ausreichende Versorgung mit frischen Nahrungsmitteln und ausgewogene Ernährung, menschenwürdige Wohnungsverhältnisse, entsprechende Kleidung um sich gegen Kälte und Hitze zu schützen, reines Trinkwasser, Möglichkeiten, Kleider und den Körper sauber zu halten und die wirksame Entsorgung der Abfälle, funktionierende Kanalisation und so fort. Nicht zu vergessen sind der soziale Friede und die Bedingungen der Arbeit, der familiäre Zusammenhalt und gesellschaftliche Ordnung. Es leuchtet wohl jedem ein, dass in Zeiten der Hungersnot, durch Zerstörungen aller zivilisatorischen Einrichtungen durch Kriege, bei mangelnder Krankenpflege die Bereitschaft für Seuchen ansteigt und die allgemeine, gesundheitliche Verfassung der Bevölkerung leidet. Diese allseits anerkannten Zusammenhänge zwischen Lebensumständen und Krankheitsentstehung erscheinen jedem Heilkundigen klar. Doch durch eine ständige, bewusst betriebene Propaganda wird selbst bei homöopathisch tätigen Ärzten die rechte Sicht der Dinge getrübt. Es darf daher nicht überraschen, dass zunächst auch manche Homöopathen den Rückgang der Seuchen auf die Wirkungen der Impfungen zurückführen. Es ist längst bekannt, dass sowohl die Seuchen wie auch die Sterblichkeit bei Infektionskrankheiten wie Masern, Diphtherie etc. schon vor Einführung der Impfungen deutlich zurückgegangen waren. Diese Entwicklung hatte eingesetzt, nachdem es infolge des technischen Fortschritts, der sozialen Verbesserungen und der allgemeinen hygienischen Erkenntnisse möglich wurde, die Grundbedürfnisse der Menschen zu decken. M. Diepold, Graz, 2001, Hunger und Vergiftung

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Primum nihil nocere

Es ist unleugbar, dass zahllose Menschen durch Impfungen ihr Leben und ihre Gesundheit verloren haben. Was bedeutet es, wenn ein Arzt selbst erlebt hat, dass gesunde Menschen durch Impfungen verstorben, zu Krüppeln oder chronisch krank gemacht wurden? Warum hatte Hahnemann nach den ersten Erfahrungen seiner ärztlichen Praxis diese Tätigkeit wieder eingestellt? Hatte er sich mit den Schultern zuckend auf die damaligen Lehrmeinungen berufen, wenn durch die gängigen Applikationen von damals die Menschen krank wurden und weiterhin schädliche Methoden angewandt? Ist es überhaupt denkbar, dass er, wenn er mit eigenen Augen die ersten Krankheitszeichen durch Impfungen beobachtet hätte, sich auf eine allgemein vertretene Hypothese berufen und unbekümmert weitergeimpft hätte?

Die Feinfühligkeit und Verantwortung den Kranken gegenüber beweist Hahnemann bei den Anleitungen zu den Arzneimittelprüfungen. Im § 137 des Organons führt er im Hinblick auf Arzneiwirkungen unter anderem aus:

„Nicht unerwähnt sei die Gefahr derselben für den Prüfer (Probanden), die demjenigen, welcher Achtung vor der Menschheit hat und auch den geringsten im Volk für seinen Bruder schätzt, nicht gleichgültig sein kann"

§ 137 Organon

Wer kann sich vorstellen, dass Hahnemann die Arzneimittelprüfungen fortgeführt hätte, wenn es dabei zu ernster Erkrankung gekommen oder sogar den ersten Toten gegeben hätte. Hätte er sich nicht mit Recht auf das viel strapazierte Argument der Schaden – Risiko – Abwägung berufen können?

Noch deutlicher wird Hahnemann im Vorwort zum Organon, wenn sich die Vertreter einer medizinischen Richtung leichtfertig über die Schäden durch die Behandlung hinwegsetzen:

„Wenn man gegen die Mahnung des Gewissens gehörig unempfindlich geworden ist, ist dies ein sehr leichtes Unterfangen."

Vorwort zur 6. Ausgabe

Der Beginn der Krankheit

331

„Als Beihilfe zur Heilung dienen dem Arzt:

1.

bei akuten Krankheiten die Daten der wahrscheinlichsten Veranlassung

2.

bei chronischen Krankheiten die bedeutungsvollsten Momente aus der ganzen Krankheitsgeschichte

Schließlich kommen wir noch zu einem Punkt im Organon, den kein homöopathischer Arzt übersehen wird. Es geht um die Untersuchung des Kranken und hier speziell um die auslösen Krankheitsursache.

§ 5 Organon

Wenn nun der Patient dem Arzt erzählt, dass die betreffende Erkrankung nach der Impfung und durch kein anderes Ereignis sonst begonnen hat, kann da der homöopathische Arzt weghören? Vor allem dann, wenn es der Kranke spontan und mit großer Emotion vorbringt. Darüber hinaus ist bei der ergänzenden Exploration nach den Impfungen gesondert zu fragen. Oft getrauen sich die Patienten dieses Thema gar nicht zu erwähnen, weil das bestimmte Ärzte nicht hören wollen. Häufig ist es den Patienten nicht bekannt, dass Krankheiten durch Impfungen ausgelöst oder verursacht werden. Die sorgfältig durchgeführte Anamnese jedes - auch nicht homöopathischen – Arztes muss daher durch das Thema Impfung ergänzt werden. War die Impfung sicher das auslösende Ereignis? Muss ein Arzt erst auf ein Gutachten einer behördlich berufenen Autorität warten, um einen medizinischen Schluss zu erwägen? Dient es der Wissenschaft, aus Rücksicht auf eine gepriesene Hypothese über Tatsachen hinwegzugehen?

Hypothesen und Heilkunde

Jenner hatte bekanntlich verkündet, dass eine einzige Pockenimpfung lebenslangen Schutz vor einer weiteren Pockenerkrankung bewirke. Nachdem aber in verschiedenen Regionen bei nachfolgenden Pockenepidemien die Geimpften ebenso erkrankten, musste er diese Meinung revidieren. Die Lehrmeinung von der lebenslangen Immunität geht auf die Beobachtung zurück, dass bestimmte exanthematische Kinderkrankheiten meistens nur einmal auftreten. Auch Hahnemann schreibt im § 73 über die Einteilung der akuten Krankheiten...die entweder den Menschen nur einmal befallen, wie die Menschenpocken, die Masern, der Keuchhusten, das glatte, hellrote Scharlachfieber des Sydenham, der Mumps etc...Hier wiederholt er einen schon damals geltenden Lehrsatz, der falsch ist, der auch noch heute von der Elementarschule bis zur Hochschule gelehrt wird und offenbar von einer oberflächlichen Beobachtung herrührt. Jeder Arzt mit einer längeren Praxis erlebt, dass auch diese Kinderkrankheiten mehr als einmal auftreten können. Gerade dieser Lehrsatz aber, dass eine durchgemachte Infektionskrankheit eine lebenslange Immunität hinterlasse, wird von den Vertretern der Impfung rein spekulativ auf alle möglichen Krankheiten analog angewandt. Um die Idee von der Schutzwirkung durch die Pockenimpfung aufrecht zu erhalten, wurden die „Auffrischimpfungen" geschaffen.

Auch weitere Kapitel der Theorien, welche die Schutzwirkung durch Impfungen begründen sollen, wurden immer fragwürdiger. So wurde die Fähigkeit des menschlichen Organismus, Antitoxin zu bilden, auf die E.Behring die Serumtherapie um 1900 aufbaute, fünfundzwanzig Jahre später durch den Toxikologen L.Levin, allen Homöopathen bestens bekannt, widerlegt. Auch die Vorstellung von

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den neutralisierenden Antikörpern ist höchstens ein Denkmodell, entspricht aber in keinem Fall dem Stand des heutigen Wissens aus der Molekularbiologie. – So muss ich diesen Absatz mit dem folgenden Zitat Hahnemanns schließen:

„Keine Beschäftigung ist nach Ansicht aller Zeiten einmütiger für eine Vermutungskunst (ars conjecturalis) erklärt worden als die Arzneikunst")

Vorerinnerung zur 1. Auflage von 1810

Zusammenfassung

Jeder, der seine Patienten vorwiegend nach der homöopathischen Heilmethode behandelt, wird sich mit dem Problem Impfung beschäftigen müssen. Je nach Erfahrung und Stand des Wissens wird sich daher eine zumindest kritische Einstellung oder Ablehnung zu einzelnen Impfungen oder Impfungen prinzipiell entwickeln. Die Hauptgründe hiefür liegen im besonderen Anspruch der Homöotherapie. Jeder, der nach dieser Methode arbeitet, folgt bestimmten Anforderungen dieser Heilrichtung. Diese sind im Wesentlichen:

Vor jeder Arzneitherapie erkennen, was die Gesundheit schwächt und alles vermeiden, was die Krankheit fördert

Das Vermeiden von Schäden durch die Therapie selbst – primum nihil nocere

Genaue Kenntnis der zu verordnenden Heilmittel

Sorgfältiges Studium der Krankengeschichte

Eingehen auf die Angaben des Patienten

Ernsthaftes, ständiges Revidieren der bisherigen Erfahrungen und des aktuellen medizinischen Wissens und gängiger Lehrmeinungen – Aude Sapere!

Ob Hahnemann je geimpft oder wieder geimpft hätte? Diese Frage ist wohl nur von denjenigen zu beantworten, die nach seinem Geist ihre Kranken behandeln. Dazu nun wirklich das letzte Zitat, diesmal nicht von Hahnemann.

James Tyler Kent und das Impfen

Ich habe das Für und Wider des Impfens untersucht und nach mehrjährigen Beobachtungen und genauer Abwägung der Verhältnisse bin ich zu dem Schluss

333

Quellen:

Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunst, Ausgabe 6B

2. Auflage, 1978, Haug Verlag,

gekommen, dass die Beweise, die für das Impfen sprechen, sehr zweifelhaft sind. Dagegen hat die Impfung einen ungeheueren Beitrag dazu geleistet die Individuen und die ganze Menschheit zu schädigen. Durch sie wurden viele Menschen krank, sie hat viele Geschwüre hervorgerufen und sie hat, daran zweifele ich nicht, viele konstitutionelle Beschwerden verschleiert.

Wenn ich all´ dies abwäge, sehe ich keinen Grund, warum ich das Impfen befürworten könnte. Ich habe mich seit vielen Jahren dem Impfen verweigert und möchte sich ein Patient unbedingt impfen lassen, so muss er sich eben an jemand anderen wenden. Ich übernehme die Verantwortung nicht. Eine ganze Reihe von Arzneien habe ich prophylaktisch angewandt, solange die Krankheit noch vorherrschte und so besitze ich mehrere Beweise dafür, dass das angezeigte Mittel die Krankheit verhütet.

Erschienen in: "The Homeopathic Recorder", Vol. XVI, No.12, 1901

Stefan Winkle, Kulturgeschichte der Seuchen, 1997, Artemis&Winkler, Düsseldorf/Zürich

Louis Lewin, Gifte und Vergiftungen, 6. Auflage, 1992, Haug Verlag

Hartmut Heine, Lehrbuch der biologischen Medizin, 2. Auflage,

Hippokrates Verlag

Keynotes:

Auslösendes Ereignis, Echte Gesundheitsvorsorge, genaue Arzneikenntnis, Rückgang der Seuchen

Abstract: Hätte Hahnemann geimpft?

Im § 46 des Organon, wo es um die Überlegungen zum Ähnlichkeitsprinzip geht, schreibt Hahnemann:“Bemerkenswert ist übrigens, dass sie (die Menschenpocken) seit der allgemeinen Verbreitung der Jennerschen Kuhpockenimpfung nie wieder unter uns weder so epidemisch noch so bösartig erscheinen, wie vor 40 – 50 Jahren...“ Hat also H. Impfungen gutgeheißen? Im Organon finden sich aber auch andere Aussagen. - Im Vorwort zu 6. Auflage schreibt H. „Die Homöopathie vermeidet daher selbst die mindeste Schwächung...“Daher bedient sie sich zum Heilen nur solcher Arzneien, deren Vermögen, das Befinden dynamisch zu verändern und umzustimmen sie

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genau kennt. Kann man von einem Impfstoff sagen, dass wir seine Wirkung genau kennen? Der Impfstoff ist eine lebende Kultur mit Substanzen, welche das Eigenleben dieser Kultur stabilisieren sollen. Die toxischen Wirkungen dieser Stoffe, wie Quecksilber, Aluminium etc. erregen bei homöopathischen Ärzten besondere Aufmerksamkeit. - Die Kultur des Impfstoffes gedeiht auf einem fremden Individuum. Jeder erfahrene Homöopath weiß um die Bedeutung der Individualität. Was nun das Fremdeiweiß im geimpften Körper auslöst, erfahren wir immer erst nach der Impfung.

Im § 4 sagt H. zur vorbeugenden Medizin. „Er ist zugleich ein Erhalter der Gesundheit, wenn er die Dinge kennt, welche die Gesundheit stören und die Krankheit erzeugen und sie von den gesunden Menschen zu entfernen weiß.“ In den „chronischen Krankheiten“ setzt sich H. ausführlich mit den Lebensbedingungen auseinander, die für die Erhaltung der Gesundheit notwendig sind. In der Tat haben ausreichende Ernährung, sauberes Trinkwasser, funktionierende Kanalisation, menschenwürdige Wohnungen und die verbesserte Krankenpflege den Rückgang der Seuchen bewirkt. Die Impfbetreiber erzählen uns anderes.

Was bedeutet es, wenn ein Arzt selbst erlebt hat, dass gesunde Menschen durch Impfungen krank gemacht wurden? Warum hatte H. nach den ersten Erfahrungen seiner ärztlichen Praxis diese Tätigkeit wieder eingestellt? Hatte er sich schulterzuckend auf die damaligen Lehrmeinungen berufen, wenn durch die gängigen Applikationen die Menschen krank wurden und weiterhin schädliche Methoden angewandt? Ist es überhaupt denkbar, dass er, wenn er mit eigenen Augen die ersten Krüppel und Toten durch Impfungen beobachtet hätte, sich auf eine allgemein vertretene Hypothese berufen und unbekümmert weitergeimpft hätte? Die Feinfühligkeit und Verantwortung den Kranken gegenüber beweist H. bei den Anleitungen zu den Arzneimittelprüfungen. Im § 137 des Organon führt er unter anderem aus: „Nicht unerwähnt sei die Gefahr derselben für den Prüfer (Probanden), die demjenigen, welcher Achtung vor der Menschheit hat und auch den geringsten im Volk für seinen Bruder schätzt, nicht gleichgültig sein kann“.

Im § 5 erklärt H. dass bei akuten Krankheiten die Daten der wahrscheinlichsten Veranlassung als Hilfe für die Heilung dienen. Wenn nun der Patient dem Arzt erzählt, dass die betreffende Erkrankung nach der Impfung und durch kein anderes Ereignis sonst begonnen hat, darf da der homöopathische Arzt weghören? Weiters verlangt H. im selben Absatz, dass bei chronischen Krankheiten die bedeutungsvollsten Momente aus der ganzen Krankheitsgeschichte ausfindig zu machen sind. Kehren wir zurück zum § 46 des Organons und zu Hahnemanns Aussage zur Pockenimpfung.

Die Tatsache, dass nach akuten Krankheiten vorübergehend Symptome einer chronischen Krankheit verschwinden, bestärkte ihn in der von ihm entdeckten Simile Regel. Auch bei seiner Methode löscht eine künstliche Arzneikrankheit ähnliche Krankheitssymptome aus. Daher hatte er den Meldungen über die angeblichen Erfolge durch Pockenimpfungen zunächst Glauben geschenkt. Es fehlte ihm aber die Erfahrung – Hahnemann hatte ja selbst nicht geimpft – um die vorbeugende Wirkung der Impfungen beurteilen zu können Jenner hatte erwartet und erklärt, dass durch eine Pockenimpfung ein lebenslanger Schutz entstehe.

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Er hatte sich geirrt. Bei späteren Epidemien haben die Pocken geimpfte wie ungeimpfte und ebenso jene befallen, die diese Krankheit schon gehabt hatten. Die längst überholte Lehrmeinung, dass eine durchgemachte Krankheit dauernde Immunität hinterlässt, beruht auf dem Umstand, dass bestimmte akute Kinderkrankheiten meist nur einmal beobachtet werden. H. schreibt im Organon § 73 B) a) ...“von denMenschenpocken, die den Menschen nur einmal befallen, ebenso wie Keuchhusten und Scharlach...“ Hier zitiert H. gängige, Es gab zu wenig verlässliche epidemiologischen Daten. Zuverlässigere Zahlen sind erst nach Hahnemann entstanden. Zu seiner Zeit wurden die Meldungen, dass es ein Mittel gegen diese furchtbare Krankheit gäbe verständlicherweise mit großer Hoffnung aufgenommen. Spätere, schwerste Pockenepidemien wie jene in Deutschland um 1870 hat Hahnemann nicht mehr erlebt.

Diphtherie

Allgemeines

Die Diphtherie ist eine typische Infektionskrankheit, die meist nur bei geschwächten Menschen ins Kriegs-bzw. Notzeiten auftritt. In Deutschland kam es vor allem in und nach den beiden Weltkriegen zu einem rasanten Anstieg der Diphtheriefälle. Dies wurde vor allem durch schlechte Lebensbedingungen und Flüchtlingsströme begünstigt. 1925 gab es in Deutschland 40000 Erkrankungen und 1941 waren es 200000 Erkrankungen. Die Sterblichkeit lag zwischen 5 und 7%(Sitzmann F.C. u.and.: Impfungen -Aktuelle Empfehlungen. Hans Marseille, München 1998: 43)

Dr. Buchwald erwähnt, dass nach der Einführung der Diphtherieimpfung 1925 in Deutschland die Erkrankungszahlen bis Anfang des 2.Weltkrieges um 600% anstiegen. Nach dem Krieg wurde nicht mehr geimpft und die Zahlen gingen steil nach unten. Diese Entwicklung wurde kurz durch die Massenimpfaktion zwischen 1970 und 1978 unterbrochen. (Buchwald: Impfen, das Geschäft mit der Angst).Auch in der Schweiz gingen die Diphtheriefälle bereits vor Einführung der Impfung zurück. Die vor einigen Jahren in der Presse laut propagierte Gefahr aus dem Osten , es würden

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vermehrt Diphtheriefälle wegen ungenügender Impfung eingeschleppt, sollte deshalb nicht zu hoch bewertet werden.

Der Rückgang der Diphtheriefälle kann also nicht der Einführung der Impfung zugeschrieben werden. Als Beispiel kann man hier einen Ländervergleich zwischen den Niederlanden und Schweden heranziehen. Die Erkrankungszahlen hatten im Jahr 1944 in beiden Ländern ihren Höhepunkt erreicht. Do obwohl 1939 in den Niederlanden Massenimpfungen einsetzten und in Schweden nicht geimpft wurde, war der Rückgang in beiden Ländern gleich gross.(Hoogendorn, over the difterie in Nederland, Bnd 1, 1948; Ericcson, Bull de IOIHP, Juli/Sept 1946, S. 616-618) Ähnliches gilt auch für die Schweiz, wenn man Kantone mit und ohne Impfpflicht vergleicht.

Nach einer vom Bundesministerium für Gesundheit beauftragten Studie, haben 78,6% der erwachsenen Bevölkerung im Westen keinen oder nur einen ungenügenden Schutz vor Diphtherie(http://www.bmgs.bund.de/deu/gra/themen/forschung/2305_2590.php?navpos=rechts). Die Diphtherie tritt also nicht auf wegen einem angeblich hohen Impfschutz , sondern aufgrund der sozialen und hygienischen Verhältnisse in Deutschland. Ein weiterer Vergleich: Vergleicht man die DTP-Impfraten von Deutschland , Litauen und Indien, so waren im Jahre 2000 in Deutschland 97%, in Litauen98% und in Indien 94% geimpft. (Diese hohen Impfraten gelten aber nur für Kinder und Jugendliche). Während in Deutschland kein Diphtheriefall gemeldet wurde, waren es in Litauen 264 und in Indien 3094.(www.who.int) Epidemien sind beim gegenwärtigen Lebensstandard in Deutschland nicht zu erwarten. Heute kommt die Diphtherie fast ausschliesslich in Ländern mit niedrigem Lebensstandard und schlechter medizinischer Versorgung vor. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kam es durch den Zusammenbruch des öffentlichen Gesundheitswesens zu einer vorübergehenden Diphterieepidemie. Trotz des regen internationalen Reiseverkehrs kam es in den Nachbarländern zu keinem Anstieg der Diphteriefälle(Martin Hirte: Impfen: pro und Contra S. 115)

Diphtherie Impfung

Impfstoff

Die Diphtherie-Impfung wird heute meist im Rahmen der 5- bzw. 6-fach Impfung oder zusammen mit Tetanusimpfung verabreicht. Beim Impfstoff handelt es sich um entgiftetes Diphtherietoxin. Dieses ist wie das Tetanustoxin an Aluminiumhydroxid gebunden. Hinzu kommen je nach Hersteller und Kombination mit anderen Impfstoffen Thiomersal, Phenoxyäthanol usw.

Der Impfstoff für Säuglinge enthält wesentlich mehr Toxine, da ihr Immunsystem noch nicht völlig ausgereift ist und damit mehr Toxin benötigt , um angeblich Antikörper gegen das Diphtherietoxin zu bilden. Ab dem ersten Lebensjahr kann jedoch ein niedrig dosierter Impfstoff verwendet werden.

Hier muss darauf hingewiesen werden, dass der menschliche Körper gegen Gifte nur eine Toleranz, aber keine Immunität entwickeln kann. Ansonsten wäre der Mensch gegen alle Gifte, die wir täglich

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mit der Nahrung zu uns nehmen immun und würde selbst hohe Dosen von Schwermetallen immunologisch abwehren. Dies trifft jedoch nicht zu. Da es sich beim Diphtherietoxin auch um ein Gift handelt, ist die Bildung von Antikörpern, die den Körper vor der "Vergiftung" schützen sollen, deshalb mehr als fraglich.

Wirksamkeitsstudien zur Diphtherieimpfung wurden übrigens bisher nicht durchgeführt ( Plotkin Orenstein, Vaccines, Saunders Press, 3rd ed 1999; Kollaritsch H.Leitfaden für Schutzimpfungen, Springer 2000). Die Wirksamkeit wird damit begründet, dass seit Einführung der Impfung die Erkrankungsfälle stark zurückgegangen sind. Die Erkrankungsfälle waren aber bereits vor Einführung der Impfung im Rückzug begriffen.

Immunität

Der Impfstoff schützt nicht vor einem Befall mit dem Diphteriebakterium, sondern soll nur gegen das von den Bakterien gebildete Toxin schützen. Geimpfte Personen können deshalb Träger des Diphteriebakteriums sein.

Die Wirksamkeit des Impfstoffes ist aber umstritten. Es traten nämlich immer wieder Diphtherieepidemien bei gut durchgeimpften Populationen auf. Ein hoher Antikörpertiter kann nicht als Nachweis für einen hohen Schutz herangezogen werden

Nebenwirkungen, Impfkomplikationen und Impfschäden der Diphtherie Impfung

Neben örtlichen Reaktionen(Schmerzen, Rötung und Schwellung der Einstichstelle), Fieber, Hals und Schluckbeschwerden, können auch schwerere Impfreaktionen vorkommen. Beschrieben werden in der Literatur weiterhin: Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems, einschliesslich Lähmungen bis hin zur Atemlähmung (GBS), Thrombozytopenie, allergische Erkrankungen der Nieren und Krampfanfälle. Das Diphtherietoxoid kann ferner Probleme mit dem Herzen, wie Herzvergrösserung, oder eine Entzündung des Herzens verursachen(Helle EPJ, et al, AM Clin RES; 10:280-287, 1977).In Einzelfällen kann es zu einem allergisch toxischem Gefässschaden mit Haut und Schleimhautblutungen kommen.(Quast, U. Impfreaktionen. Hippokrates Verlag (2. Auflage) 1997) Welcher Impfstoff(bei Mehrfachimpfungen letztendlich zu den Komplikationen führt, kann nicht sicher gesagt werden. Nach Manssor treten z.B. Beschwerden an der Impfstelle fünfmal häufiger auf, wenn statt der Tetanusimpfung allein die Kombination mit Diphtherie gegeben wird.(Manssor, O. Pillans, P.I. Vaccine adverse events reported in New Zealand 1990-1995. N Z. Med J. 1997, 110(1048): 270-272) Die Impfung darf keinesfalls subkutan verabreicht werden, da es in diesen Fällen zu starken Lokalreaktionen mit Bildung von Zysten, Granulomen und sterilen Abzessen kommen kann.(Martin Hirte: Impfen: pro und Contra S. 117)

Neurologische Erkrankungen

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In seltenen Fällen kann es zu einer Überreaktion auf das Diphtherietoxid kommen, die an den Blutgefässen des Nervensystems abläuft und zu Lähmungen, Krampfanfällen oder Enzephalitis führen kann (Ehrengut: Neurale Komplikationen nach Diphtherie Schutzimpfung und Impfungen mit Diphtherietoxoid Mischimpfstoffen. Betrachtungen zur Ätiopathogenese(Deutsche medizinische Wochenschrift 1986 juni 13)

Die Verträglichkeit des Impfstoffes ist ähnlich gut, wie die der Tetanusimpfung. Lokalreaktionen sind recht häufig, schwere Reaktionen selten, Langzeitfolgen sind leider nicht untersucht.(Martin Hirte: Impfen: pro und Contra S. 119)

FSME

Allgemeines FSME wird von Zecken übertragen. Wie unten jedoch erläutert, ist die Gefahr, durch einen Zeckenbiss an FSME zu erkranken, äusserst gering. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, an Borreliose zu erkranken, liegt sehr viel höher. Hier handelt es sich um eine bakterielle Erkrankung, für die in den USA schon ein Impfstoff auf dem Markt war, der jedoch zu starken Nebenwirkungen führte. Er wurde 2002 vom Markt genommen.

In der Schweiz werden jährlich zwischen 60 und 123 Fälle von Zecken-Enzephalitis gemeldet. In Deutschland sind es jährlich etwa 200 Fälle, im Jahre 2005 gab es in Deutschland einen Anstieg auf über 400, im Jahre 2006 auf 547, in der Schweiz 2005 auf 200 Fälle.

Die FSME Impfung ist eine Impfung mit erheblichen Nebenwirkungen . Häufig wird von neurologischen Erkrankungen nach der FSME Impfung berichtet.

FSME Impfung

In vielen Ländern wurden FSME Impfungen aufgrund schwerer Komplikationen zurückgenommen und mittlerweile wieder durch neue Impfstoffe ersetzt, deren Unbedenklichkeit noch nicht ausreichend geprüft worden ist. Langzeitstudien zu diesen Impfstoffen fehlen völlig.

"Die Impfung von Kindern bis zum vollendeten 3. Lebensjahr ist nur unter Beachtung einer besonders sorgfältigen individuellen Nutzen-Risikoabwägung angezeigt" (http://www.PEI.de/professionals/encepur_kinder.pdf). Diese Aussage des Paul Ehrlich Institutes

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spricht dafür, dass der Impfstoff nicht unproblematisch ist. Im Juni 2000 wurde vom Paul Ehrlich Institut wegen einem anderen FSME Impfstoffes folgende Meldung an Ärzte rausgegeben:"Der Impfstoff darf nur noch Impflingen gegeben werden, die älter als 36 Monate sind und sich in einem nach offizieller Empfehlung ausgewiesenen FSME-Hochrisikogebiet aufhalten (Originaltext: "Therapeutic indications: Active immunisation against tick-borne encepahlitis - TBE - for subjects older than 36 month of age in high-risk areas as based on official recommendations"). Aufgrund der starken Nebenwirkungen wurde dann im März von der Herstellerfirma auf die Zulassung verzichtet und vom Markt genommen.

Impfstoff

Auf Hühnereiern gezüchtete und abgetötete FSME -Viren, plus Aluminiumhydroxid, Thiomersal, Formaldehyd, Antibiotika (je nach Hersteller). Gefahr von Allergieauslösung durch Hühnereiweissspuren sind möglich. Der Impfstoff muss insgesamt dreimal gegeben werden.

Immunität

Ein Impfschutz ist nicht 100% nachgewiesen.

So berichtet die Sozialversicherungsanstalt der Bauern in Österreich , dass es zwischen 1984 und 1995 trotz entsprechender Steigerung der Durchimpfungsrate gegen FSME keinen signifikanten Rückgang der FSME-Fälle gegeben hat(ZiegelbeckerR.Graz, 12.6.1997)

Bis heute gibt es keine kontrollierten Studien der Hersteller, die einen Wirksamkeitsnachweis der FSME Impfung belegen (Plotkin &Orenstein, Vaccines, Sauders Press, 3rd edition, 1999)

Nebenwirkungen, Impfkomplikationen und Impfschäden der FSME Impfung

In vielen Ländern wurden FSME Impfungen aufgrund schwerer Komplikationen zurückgenommen und mittlerweile wieder durch neue Impfstoffe ersetzt, deren Unbedenklichkeit noch nicht ausreichend geprüft worden ist. Langzeitstudien zu diesen Impfstoffen fehlen völlig.

Neben örtlichen Reaktionen an der Einstichstelle kann es zu Fieber, Kopfschmerzen,allergischen Reaktionen und Gelenkschmerzen kommen. Gravierender sind Schwächungen des Immunsystems, Meningitis, Lähmungen und Guillain-Barré-Syndrom(Nervenerkrankung)

Eine Meningitis tritt beim FSME Impfstoff sehr häufig bei einem von 1000 Impfdosen auf. Führt man die drei empfohlenen Impfungen durch, steigt das Risiko stark an.(Martin Hirte: Impfen : Pro& Contra S. 248). 340

Im Arzneitelegramm wurde 1995 gemeldet , dass die Impfung Schübe von Autoimmunerkrankungen auslösen kann und auch Fälle von Multipler Sklerose nach Impfung wurden gemeldet (AT Arzneitelegramm Multiple Sklerose nach FSME Impfung AT 19953:32)

Die abolute Zahl von neurologischen Komplilkationen sind leider unbekannt. Im Beipackzettel von ENCEPUR ist zu lesen: „In Einzelfällen Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems, aufsteigende Lähmung bis zur Atemlähmung (Guillain-Barré-Syndrom). Nach heutigem Kenntnisstand kann nicht sicher ausgeschlossen werden, dass es bei Vorliegen einer Autoimmunerkrankung (z.B. Multiple Sklerose oder Lupus erythematodes) oder bei einer entsprechenden genetischen Disposition in seltenen Fällen nach der Impfung zu einem Schub der Erkrankung kommen kann“.

Beim Impfstoff FSME-Immun klingt es ähnlich: „Sehr selten Nervenentzündungen unterschiedlichen Schweregrades... in seltenen Fällen entzündliche Reaktion des Gehirns. Wie bei jeder Stimulation des Immunsystems ungünstige Beeinflussung einer Autoimmunerkrankung wie z.B. Multiple Sklerose oder Iridozyklitis möglich“.

Das arznei-telegramm veröffentlichte am 13. Juli 2007 in Heft 7/2007 folgende Statements zur FSME Impfung: Studien mit direkten Vergleichen von Nutzen und Schaden der angebotenen FSME-Vakzinen (ENCEPUR, FSME-IMMUN) fehlen. Die aktuellen Impfstoffe scheinen besser verträglich zu sein als die Vorläufervakzinen, die wegen Unverträglichkeit zurückgezogen werden mussten (a-t 2001; 32: 41-3). Aber auch in Verbindung mit den neueren Produkten wird über Verdacht auf schwerwiegende Impfkomplikationen berichtet, beispielsweise Krampfanfälle. In Gebieten mit geringem Infektionsrisiko kann die Gefährdung durch die Impfung daher größer sein als durch die Infektion. Bei naturnahen Aufenthalten in tatsächlichen Risikogebieten erscheint zumindest für Ältere die Nutzen-Schaden-Abwägung eher positiv. "Harte" Evidenz aus Studien mit klinischen Endpunkten liegt jedoch nicht vor.

FSME Impfstoff: Nebenwirkungen bei Kindern

"Die Impfung von Kindern bis zum vollendeten 3. Lebensjahr ist nur unter Beachtung einer besonders sorgfältigen individuellen Nutzen-Risikoabwägung angezeigt" (http://www.PEI.de/professionals/encepur_kinder.pdf). Diese Aussage des Paul Ehrlich Institutes spricht dafür, dass der Impfstoff nicht unproblematisch ist. Im Juni 2000 wurde vom Paul Ehrlich Institut wegen einem anderen FSME Impfstoffes folgende Meldung an Ärzte rausgegeben:"Der Impfstoff darf nur noch Impflingen gegeben werden, die älter als 36 Monate sind und sich in einem nach offizieller Empfehlung ausgewiesenen FSME-Hochrisikogebiet aufhalten (Originaltext: "Therapeutic indications: Active immunisation against tick-borne encepahlitis - TBE - for subjects older than 36 month of age in high-risk areas as based on official recommendations"). Aufgrund der starken Nebenwirkungen wurde dann im März von der Herstellerfirma auf die Zulassung verzichtet und vom Markt genommen.

341

Mittlerweile wurde dieser Impfstoff aber bereits durch andere Impfstoffe wieder ersetzt.

Das arznei-telegramm meinte in Heft 7/2007, dass "Kinder sind nur minimal durch FSME gefährdet, obwohl sie - abgesehen von Kleinkindern - wahrscheinlich häufiger Kontakt mit Zecken haben als Erwachsene.... Bleibende neurologische Schäden sind bei Kindern eine "Rarität" (a-t 2002; 33: 26), Impfstoff-Unverträglichkeiten jedoch sehr häufig: 28% der Ein- bis Zweijährigen bzw. 7% der Drei- bis Fünfjährigen reagieren auf FSME-IMMUN JUNIOR mit Fieber von 38-39° Celsius, 3% bzw. 0,6% mit Temperaturen von 39,1-40° Celsius. Kopfschmerzen sind sehr häufig. Nervenentzündungen, Enzephalitis u.a. kommen vor. Die Impfung von Kindern gegen FSME erscheint uns hierzulande in der Regel entbehrlich."

www.impfschaden.info veröffentlicht regelmässig Meldungen von Impfreaktionen/Impfschäden nach FSME Impfung. Diese finden Sie unter Nebenwirkungen der FSME Impfung .

HPV (humaner Papilloma Virus) und HPV-Impfung (Gebärmutterhalskrebs-Impfung)

Allgemeines

Infektionen mit dem humanen Papilloma-Virus (HPV) sind die häufigsten sexuell übertragenen Erkrankungen weltweit. 5 Jahre nach Beginn der sexuellen Aktivität sind 50% der jungen Frauen infiziert, im Laufe des Lebens infizieren sich 70% (EMEA: Europ. Beurteilungsbericht (EPAR) GARDASIL, Stand Okt. 2006 zu finden unter: http://www.EMEA.eu.int/htms/human/epar/a-zepar.htm).

Es gibt über 100 verschiedene HPV-Typen, von denen mehr als 35 den Genitaltrakt befallen und mindestens 13 als krebserregend angesehen werden.

80% der weltweit entsprechenden Krebserkrankungen (Zervixkarzinom, s.u.) treten in Entwicklungsländern auf, in Deutschland ist die Häufigkeit seit Einführung der entsprechenden Krebsvorsorgeuntersuchung („Pap-Test“ vom Gebärmutterhalsabstrich) deutlich zurückgegangen(WHO 2005: Report of the Consultation on Human Papillomavirus Vaccines; http://www.who.int/vaccine_research/documents/816%20% 20HPV%20meeting.pdf). 1971 erkrankten noch 35 Frauen pro 100.000 Einwohner und Jahr . 2001 erkrankten nur noch 12 Frauen pro 100.000 Einwohner und Jahr (Dt. Gesell. f. Gyn. u. Geburtsh. (DGGG): Pressemeldung vom 16. Okt. 2006) . Das RKI geht für Deutschland im Jahre 2002 von 6700 Neuerkrankungen und 1700 Todesfällen an Zervixkarzinomen aus.

Die Ständige Impfkommission hat wie erwartet Ende Februar 2007 die Empfehlung zur generellen Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) für Mädchen im Alter von 12 bis 17 Jahren

342

verabschiedet . Nun muss der Gemeinsame Bundesausschuss entscheiden, ob die Impfung eine Pflichtleistung der Gesetzlichen Krankenversicherung wird.

Ist Gebärmutterhalskrebs ein Gesundheitsproblem bei uns?

Nehmen wir dazu die Zahlen aus Deutschland. Von 100.000 Frauen, die in Deutschland leben, erkranken pro Jahr 15 Frauen an Zervixkarzinom. Bezogen auf die Gesamtheitbevölkerung sind dies ungefähr 6.200 Zervixkarzinomerkrankungen.(Robert Koch-Institut/Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V. (GEKID) (Hrsg.): Krebs in Deutschland 2003-2004 - Häufigkeiten und Trends, 6. Aufl. 2008; zu finden unter http://www.rki.de ,Gesundheitsberichterstattung, Dachdokumentation Krebs, Broschüre zu Krebs; Zugriff am 10. März 2008) Die Mortalität in Deutschland beträgt 3/100000 Frauen, das entspricht 1500 Todesfälle pro Jahr (Statistisches Bundesamt. DESTATIS. Todesursachen in Deutschland. Fachserie 12 Reihe 4 - 2006) Durchschnittlich 70% der Frauen, bei denen ein invasives Zervixkarzinom diagnostiziert wird, überleben das Zervixkarzinom mindestens 5 Jahre und 60% 10 Jahre.(Tumorregister München: Datenbankstand 13. Okt. 2007 http://www.tumorregister-muenchen.de; Zugriff am 10. März 2008 ) Im Laufe ihres Lebens erkranken etwa 10 von 1000 Frauen an einem Zervixkarzinom, 3 von 1000 Frauen sterben daran.(Screeening vorausgesetzt)

Zusammenhang zwischen HPV Infektion und Zervixkarzinom

Man geht heute davon aus, dass es ohne HPV-Infektion kein Zervixkarzinom gibt. Wichtig zu betonen ist aber, dass eine HPV-Infektion aber nur selten zu einem Zervixkarzinom führt. Voraussetzung ist eine Persistenz der Infektion, also eine chronische Entzündung. Jedoch entwickelt sich auch dann nur selten ein Zervixkarzinom.(a-t 2008, 3:29-38) <!--[if !supportLineBreakNewLine]-->Auch wenn eine HPV-Infektion Voraussetzung für ein Zervixkarzinom ist, müssen für die Entwicklung zum invasiven Karzinom noch andere Risikofaktoren eine Rolle spielen. Progredienz erfolgt nur bei einem kleinen Teil der infizierten Frauen. Rückbildung der Zellveränderungen und Ausheilung der Infektion sind in jedem Stadium möglich(a-t 2008, 3:29-38). Man unterscheidet mehrere Risikofaktoren für die Infektion, die Entwicklung von Präkanzerosen und die Progression zum Zervixkarzinom:

Virustyp, hier insbesondere HPV 16. Bei Persistenz einer Infektion mit diesem Virustyp zeigen nach drei bis fünf Jahren etwa 40% der Frauen Präkanzerosen.(SCHIFFMAN, M. et al.: Lancet 2007; 370: 890-907) 343

Infektionen mit mehreren HPV-Typen, hohe Viruslast und Immunsuppression zum Beispiel bei HIV-Infektion

Rauchen

Einnahme der Pille (SCHIFFMAN, M. et al.: Lancet 2007; 370: 890-907). Das Risiko normalisiert sich aber wieder nach Absetzen der Pille (International Collaboration of Epidemiological Studies of Cervical Cancer: Lancet 2007; 370: 1601-21)

HPV Impfung

Da bei über 90 Prozent der Frauen mit Gebärmutterhalskrebs eine High-Risk-HPV-Infektion feststellbar ist, wird auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Infektion und Krankheitsbild geschlossen. Deshalb wird der nun zur Verfügung stehende Impfstoff Gardasil®, der vor HPV-Infektionen des Typs 6, 11, 16 und 18 schützt, wie auch das bald zugelassene Cervarix®, das gegen die Virustypen 16 und 18 sowie 31 und 45 schützen soll, als Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs betrachtet. Ein Impfschutz wird nur dann erreicht,wenn zum Zeitpunkt der Impfung keine Infektion mit dem entsprechenden HPV vorliegt. Darum wird von den Impfbefürwortern empfohlen, sowohl Mädchen als auch Jungen vor Beginn ihres sexuell aktiven Lebens – zwischen 11 und 18 Jahren – zu impfen. Wie lange der Schutz nach der vorgesehenen dreimaligen Impfung besteht, ist nicht bekannt. Nachgewiesen ist ein Impfschutz über viereinhalb Jahre, Langzeitstudien liegen noch nicht vor. Man rechnet zurzeit damit, dass eine Auffrischung nach zehn Jahren notwendig ist.

Die Ständige Impfkommission hat wie erwartet Ende Februar 2007 die Empfehlung zur generellen Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs (humane Papillomaviren (HPV)) für Mädchen im Alter von 12 bis 17 Jahren verabschiedet. Ganz entgegen der sonstigen Gewohnheiten der STIKO wurde die Empfehlung für die HPV Impfung bereits im Februar ausgesprochen, und nicht zum regulären Termin im Juli 2007

Impfstoff

Seit Oktober 2006 ist der HPV-Impfstoff Gardasil (Entwicklung: Merck & Co.; europäischer Vertrieb: Sanofi Pasteur MSD) auf dem europäischen Markt. Eine Zulassung des Impfstoffs besteht für Frauen zwischen 9 und 26 Jahren und für Jungen zwischen 9 und 15 Jahren.

Der Impfstoff enthält gentechnologisch hergestelltes Hülleneiweiß von vier HPV-Typen: Typ 6, 11, 16 und 18. Die beiden letzteren werden für 70% der Fälle von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich gemacht, die Typen 6 und 11 für 90% aller Genitalwarzen. Hilfsstoffe: Aluminiumphosphat, Natriumborat, Polysorbat 80 und L-Histidin.

Die Grundimmunisierung umfasst 3 Impfungen, wobei die zweite Impfung 2 Monate nach der ersten und die dritte 6 Monate nach der zweiten Impfung erfolgen soll.(Preis der 3 Impfungen 465€.)

344

Im Jahr 2007 wird voraussichtlich ein zweiter HPV-Impfstoff für Mädchen ab 10 Jahren zugelassen: Cervarix von GlaxoSmithKline, der sich gegen die HPV-Typen 16 und 18 richtet. Dieser Impfstoff soll auch einen gewissen Schutz vor Infektionen mit den ebenfalls als Krebsverursacher in Frage kommenden HPV-Typen 31 und 45 bieten.

Merck & Co und GlaxoSmithKline haben sich gegenseitig Kreuzlizenzen erteilt, die beiden die Nutzung der Patentrechte zur Impfstoffherstellung erlauben. Das Deutsche Krebsforschungszentrum ist Miteigentümer an den Patenten und wird ebenfalls an den Rückflüssen aus der Vermarktung beider Impfstoffe teilhaben (DGK).

Ein US-amerikanisches Beraterkomitee empfiehlt die Immunisierung gegen HPV in erster Linie für 11- bis 12-Jährige, außerdem als Catch-up-Impfung für 13- bis 26-Jährige.(Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP): Provisional Recommendations, Juni 2006) In Australien wurde die Aufnahme in das nationale Impfprogramm wegen fehlender Langzeitdaten und des hohen Preises abgelehnt(Scrip 2006; Nr. 3209: 16). Auch in Canada kam eine Expertengruppe zu dem Schluss, dass es zu viele ungelöste Fragen zur HPV Impfung gibt und eine generelle Impfempfehlung gegen Gebärmutterhalskrebs wegen etwaiger unerwünschter negativer Folgen noch nicht ausgesprochen werden könne.

In den USA hingegen wurde durch massive Lobbyarbeit der Hersteller mittlerweile erreicht, dass in vielen Staaten die Impfung aller Mädchen bereits als Voraussetzung für den Schulbesuch gefordert wird(Scrip 2007; Nr. 3237: 12)

Immunität

Die für die Zulassung wesentlichen Studien wurden bis Ende 2006 nicht vollständig veröffentlicht ; sie lagen lediglich in Form einer Zusammenfassung vor. Eine wissenschaftlicheund unabhängige Überprüfung der Studien war damit nicht möglich.

Die durchgeführten Untersuchungen umfassten Frauen zwischen 16 und 23 bzw. 26 Jahren, die vorher mit maximal 4 verschiedenen Partnern sexuellen Kontakt hatten. Es zeigte sich, dass bei geimpften Frauen durch die enthaltenen HPV-Typen (6, 11, 16, 18) hervorgerufene Karzinome oder Karzinomvorstufen sicher verhindert wurden. Auch bei Frauen, die zu Studienbeginn keinerlei HPV-Antikörper im Serum aufwiesen (also mutmaßlich noch nicht infiziert waren) ist dieser Effekt auch für HPV insgesamt (also unabhängig von den in der Impfung enhaltenen Subtypen) nachweisbar.

ABER: Auf die Gesamtgruppe der Studienteilnehmerinnen (also unabhängig von der Frage einer schon vorbestehenden HPV-Infektion, entsprechend der typischen weiblichen Bevölkerung dieser Altersgruppe) bezogen, ist dieser die Impfserotypen übersteigende Effekt nicht nachweisbar.

345

Für Kinder zwischen 9 und 15 Jahren sind naturgemäß keine klinischen Daten verfügbar – hier ist lediglich bekannt, dass nach der Impfung Antikörperspiegel entstehen, die sich nicht von denen erwachsener Frauen unterscheiden. Zusammenfassend könnte der Impfstoff bei Impfbeginn vor Aufnahme der sexuellen Aktivität einen Schutz vor bösartigen Zellveränderungen, die durch die enthaltenen HPV-Typen ausgelöst werden, vermitteln. Auch für andere HPV-Typen scheinen Frauen bei einem so frühen Impfbeginn zu profitieren.

Nach den jetzt vollständig veröffentlichten Zwischenergebnissen der FUTURE-Studien senkt der HPV Impfstoff GARDASIL die Gesamtzahl höhergradiger Zervixdysplasien (CIN 2 und höher) bei Frauen zwischen 16 und 26 Jahren, die mehrheitlich bereits sexuelle Kontakte hatten, nur um 17% und damit viel weniger als erhofft. Für höhergradige Dyplasien lässt sich überhaupt kein Effekt mehr nachweisen. Ein Effekt ist nur in der Gruppe nachweisbar, die zu Studienbeginn keinen Sexualkontakt hatten und dieser auch nur über 3 Jahre(Dauer der Studie).

Obwohl die Effektivität der Impfung bei Frauen, die bereits sexuellen Kontakt hatten, sehr gering ist, empfiehlt die STIKO auch diesen Frauen die HPV Impfung, da diese "ebenfalls von einer Impfung gegen HPV profitieren können" (Epidemiologisches Bulletin, 27. Juli 2007 /Nr. 30, S.270). Im Epidemiologischen Bulletin ist ferner zu lesen, dass "die Impfung gegen HPV auch als Gelegenheit genutzt werden sollte, andere für Jugendliche von der STIKO empfohlene Impfungen zu vervollständigen. Die zeitgleiche Gabe anderer Impfstoffe wurde bisher nur für rekombinante Hepatitis-BImpfstoffe untersucht. Diese beeinflussten die Immunantwort auf die HPV-Typen nicht. Bei der zeitgleichen Gabe beider Impfstoffe wurden niedrigere Antikörperkonzentrationen gegen Hepatitis B beobachtet. Die klinische Relevanz dieser Befunde ist unklar" (Epidemiologisches Bulletin, 27. Juli 2007 /Nr. 30, S.270).

Verschiebung der HPV Erreger

Angesichts der Vielzahl möglicher Serotypen ist zu befürchten, dass es zu einer Verschiebung im HPV-Spektrum bezüglich der Krankheitsentstehung kommt, wie wir es von z. B. HiB oder Pneumokokken bereits kennen . So sind bei HPV-Geimpften Erkrankungen, die durch nicht im Impfstoff enthaltene HPV-Serotypen ausgelöst werden, häufiger, als bei Ungeimpften (EMEA: Europ. Beurteilungsbericht (EPAR) GARDASIL, Stand Okt. 2006 zu finden unter: http://www.EMEA.eu.int/htms/human/epar/a-zepar.htm)

Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass Infektionen mit Niedrigrisiko-HPV wie Typ 6 und 11 (beide im Impfstoff enthalten) einen schützenden Effekt vor Krebserkrankungen durch Hochrisiko-HPV (16 und 18) bewirken könnten – hier bleibt völlig offen, wie sich die durch die Impfung intendierte Elimination der Niedrigrisiko-HPV auf die Gesamtkrebshäufigkeit in der Bevölkerung auswirkt (GARNETT, G.P.WADDELL, H.C.: J. Clin. Virol. 2000; 19: 101-11).

346

Treten HPV Infektionen in höheren Lebensalter auf (was nach Abklingen des Impfschutzes wahrscheinlich ist), könnten sie ähnlich wie bei den Windpocken sehr viel schwerer verlaufen (Lippmann, A. et al. Can Med. Ass.J. 2007; 177: 484-7).

Vorkommen der HPV Erreger

Das Ärzteblatt berichtete am 28.2.07 ferner, dass okogene( also krebsauslösende) humane Papillomaviren sehr wenig prävalent seien. Eine Untersuchung(National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES)), welche die US-Centers for Disease Control and Prevention (CDC), Atlanta, regelmäßig durchführen, ergab im Jahre 2003/2004 bei einer repräsentativen Stichprobe nur eine Prävalenz von 1,5 % bzw. 0,8 % für die Typen 16 und 18, also diejenigen Typen, die man als krebsauslösend einstuft.

Insgesamt sind mit den vier Typen, vor denen Gardasil schützt, nur 3,4 Prozent der Frauen infiziert. (http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=27671)

Nutzen der HPV Impfung?

Das Ludwig Boltzmann Institut in Wien hat für die Österreichische Regierung eine Kosten-Nutzen Analyse der HPV Impfung aufgestellt. Die Ergebnisse sind wegen der ähnlicher Screening Bedingungen auf auf Deutschland übertragbar. Gemäss dem Bericht senkt die HPV-Impfung(Annahme:65% Durchimpfungsrate, eine Auffrischung, Wirksamkeit der Impfung gegenüber persistierenden Infektionen 90%) bei zwölfjährigen Mädchen, wenn sie zusätzlich zum Screening durchgeführt wird (bei einer die Zahl der Neuerkrankungen an Gebärmutterhalskrebs bis zum Jahr 2060 durchschnittlich um 9% und die der dadurch bedingten Todesfälle um 11%. Selbst unter maximal optimistischen Annahmen, dass die HPV Impfung eine 100% Wirksamkeit habe, 85% der Frauen teilnehmen und ein lebenslanger SChutz nach nur einer Impfung besteht, werden bis zum Jahre 2060 nur 10% weniger Neuerkrankungen und 13% weniger Todesfälle an Gebärmutterhalskrebs vorhergesagt. Diese Prognose wiederspricht deutlich der vielfach erwarteten und gepriesenen 70%igen Reduktion von Zervixkarzinomen, die jedoch auf der Annahme beruht, dass die Impfung die HPV-Typen 16 und 18 eliminiert, die in 70% der Karzinome des Gebärmutterhalses nachgewiesen wurden.( http://eprints.hta.lbg.ac.at/760/2/HTA-Projektbericht_009.pdf)

Nebenwirkungen und Impfreaktionen der HPV Impfung

Gardasil führt sehr häufig zu lokalen Nebenwirkungen an der Impfstelle: Schmerzen (84%), Schwellung und Rötung (25%) und Juckreiz (3%). 8% der Ereignisse werden als schwerwiegend beurteilt. 10% der Geimpften entwickeln Fieber, 4% Übelkeit und 3% Schwindel. Im Zusammenhang mit der Impfung wurden außerdem Untikaria, Bronchospamus und Gelenksentzündungen beobachtet. Autoimmunerkrankungen wurden zwar selten, aber in der Gardasil Gruppe dreimal so häufig 347

beobachtet, wie in der Placebogruppe. (Merck (USA): US-am. Produktinformation GARDASIL, Stand Juni 2006).

Anzumerken ist hier, dass das Placebo die gleiche Zusammensetzung(ausser den Antigenen) wie Gardasil hatte. Es enthielt also die gleichen problematischen Inhaltsstoffe(Aluminiumhydroxid) wie der Impfstoff selber. Einen Rückschluss auf gute Verträglichkeit der Impfung kann daraus also nicht gezogen werden.

Bei der Cervarix Studie kam es bei 3,5% der Teilnehmer zu schwerwiegenden Ereignissen. Neu chronische Erkrankungen traten bei 1,5%, autoimmune Erkrankungen bei 0,5% der Geimpften auf (Paahoven, J. et.al. Lancet 2007; 369: 2161-2170). D.h. bei Impfung eines Jahrganges in Deutschland (350.000 Mädchen) kommt es bei jedem 200sten Mädchen zu einer Autoimmunerkrankung, also 1750 Erkrankungen insgesamt!

Anzumerken bleibt, dass 0,1 % der Studienteilnehmer(Gardasil-Studien) die Teilnahme wegen Nebenwirkungen abbrachen. Diese Nebenwirkungen sind dementsprechend in den offiziellen Fachinformationen nicht zu finden.

Dem US-amerikanischen Meldesystem VAERS wurden zwischen Juli 2006 und Oktober 2007 3461 Nebenwirkungen nach der Verabreichung von Gardasil gemeldet, darunter 347 ernsthafte Störungen. Unter den gemeldeten Beschwerden sind Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen, Schwindel, vorübergehender Sehverlust, Sprechstörung, Kollaps, Gefühlsstörungen, Gesichtsmuskellähmung, Guillain-Barré-Syndrom und Krampfanfälle. Bei 18 Frauen, die versehentlich während der Schwangerschaft geimpft wurden, kam es zu Komplikationen (Abort, Anomalien beim Kind)(http://judicialwatch.org/6299.shtml).

Elf Mädchen und Frauen im Alter von 11 bis 19 Jahren starben mittlerweile in den USA in unmittelbarem Anschluss an die HPV-Impfung.

Im September 2007 wurde im Klinikum Bremen-Ost eine 18jährigen Frau aufgenommen, die drei Tage nach der zweiten HPV-Impfung an einer schweren Gesichtsnervenlähmung (Miller-Fischer-Syndrom) erkrankte.

Dem Paul Ehrlich Institut lagen bis März 2009 bereits 10 Fälle an Multipler Sklerose nach HPV Impfung vor:

1.

Nr. 8900, Gardasil, 18 Jahre

2.

Nr. 9153, Gardasil, 20 Jahre

3.

Nr. 9527, Gardasil, 17 Jahre

4.

Nr. 10026, Gardasil, 18 Jahre

5.

Nr. 10031, Gardasil, 17Jahre

6.

Nr. 10648, Gardasil, 20 Jahre

7.

Nr. 10834, Cervarix, keine Angabe zu Alter, wahrscheinlich Pharmameldung,

348

8.

Nr. 10901, Gardasil, 20 Jahre

9.

Nr. 10973, Gardasil, 16 Jahre

10.

Nr. 11281, Gardasil, 16 Jahre

Meldungen von Nebenwirkungen der HPV-Impfung auf www.impfschaden.info wurden bereits veröffentlicht.

Wenn Sie selber eine Impfreaktion oder Impfschaden melden möchten, klicken Sie hier .

Offene Fragen:

Wie schon das Arzneitelegramm kritisierte, fehlen zur Beurteilung der beiden HPV Impfstoffe entscheidende Daten: So ist nicht bekannt, wie hoch in der Zielgruppe (Frauen, die noch nicht mit HPV infiziert sind) die Rate der Erkrankungen bzw. Dysplasien mit anderen als die im Impfstoff erhaltenen HPV-Typen ist.

Haemophilus influenza Typ b (Hib)

Allgemeines

Die Anzahl der Erkrankungen liegt in Deutschland bei ca. 80/Jahr. Hiervon sind jedoch weniger als die Hälfte dem Kapseltyp B zuzuorden, der durch die Impfung abgedeckt wird. Die betroffenen Kinder stammen meist aus Kindertagesstätten, Kindergrippen oder Kindergärten(ESPED 1998)

Die Krankheit tritt vermehrt in den Wintermonaten auf. Kinder , die in engen Wohnverhältnissen mit vielen Familienangehörigen wohnen, dazu noch in dicht besiedelten Gebieten, erkranken häufiger an Hib. Kinder , die voll gestillt werden , haben ein sehr geringes Risiko an Hib zu erkranken.

Invasive Infektionen, zu denn auch Hib zu rechnen ist, haben in den letzten 60 Jahren enorm zugenommen. Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 6. und dem 11. Lebensmonat, dass heisst in einer Zeit, in der Kinder die 2 bis 3 Impfung erhalten haben. Dies wird zwar als normal angesehen ,aber man muss eines bedenken: nachdem in Japan das Impfalter von wenigen Monaten auf zwei Jahre heraufgesetzt wurde, die Häufigkeitskurve von invasiven Krankheiten bei den 2-3jährigen in die Höhe schnellte (Scheibner V. Impfungen, Immunschwäche und plötzlicher Kindstod, Hirthammer 2000)

Die Hib-Erkrankungen haben zwar in den letzten Jahren nach der Impfung abgenommen, insgesamt sind aber die bakteriellen Hirnhautentzündungen kaum zurückgegangen. Anscheinend kommt es hier zu einer Erregerverschiebung (MÜSCHENBORN, S. SÄUGLINGE UND KLEINKINDER MIT

349

UNKLAREM FIEBER; PÄD HAUTNAH 2000, 1: 8 - 22) Eine Gruppe von Wissenschaftler am Department of Medicine Georgia konnte feststellen, dass zwar die Hib Infektionen abnahmen, dafür aber Hif Infektionen(d.h. Haemophilus influenza serotype f)stark zunahm. 1989 waren nur 1% von Hif verursacht, 1994 waren es hingegen schon 17%. Auch waren zudem mehr Erwachsene betroffen als Kinder.(Urwin G, Krohn JA, Deaver-Robinson K, Wenger JD, Farley MM.Invasive disease due to Haemophilus influenzae serotype f: clinical and epidemiologic characteristics in the H. influenzae serotype b vaccine era. The Haemophilus influenzae Study Group.Clin Infect Dis 1996 Jun;22(6):1069-76) Nach Durchstehen einer Hämophilus Infektion(etwa nach einer Hämophilus Meningitis, sind nach der Krankheit beim Säugling keine Antikörper nachweisbar, so Prof. Dr. I. Mutz aus Leoben (A). Hier stellt sich die Frage, wie eine Impfung gegen Hib eine Immunität bei Säuglingen bewirken soll?

Eine aktuelle Untersuchung zu Auswirkungen der HiB-Impfung in Großbritannien ergab irritierende Erkenntnisse:

Nach Einführen der Impfung für Kinder Anfang der 90er Jahre nahmen die HiB-Erkrankungen bei Erwachsenen ab; man erklärte sich dies mit den durch die Impfung als Infektionsquelle ausfallenden Kindern. Seit Ende der 90er Jahre kommt es jedoch bei gleich bleibender Impfaktivität zu einem Wiederanstieg der Erkrankungszahlen bei Erwachsenen mit HiB. DIe Zahl erreichte im Jahre 2003 das Niveau wie vor Einführung der Impfung. In Reihenblutuntersuchungen konnte man zudem nachweisen, dass die Bevölkerungsimmunität gegenüber HiB – gemessen über Antikörperuntersuchungen – seit dieser Zeit kontinuierlich abnimmt. Ursache scheint das Zurückdrängen des Erregers durch die Impfung und der damit nicht mehr vorhandene Kontakt der Bevölkerung mit HiB-Bakterien zu sein. Die Immunität der Erwachsenen gegenüber HiB hat sich also seit Einführung der Massenimpfung sehr verschlechtert und die Gefahr von Infektionen im Erwachsenenalter hat sich damit erhöht (MCVERNON, J. BMJ 2004, 329: 655-58).

Hepatitis B

Allgemeines

Neben der Hepatitis B gibt es noch die Hepatitis A, C, D, und E. A und E verlaufen in der Regel komplikationslos.

Die Impfung wird heute auch bei Kleinkindern propagiert. Dies ist nicht nachzuvollziehen, da Kleinkinder oder Kinder an sich überhaupt nicht zu den Risikogruppen gehören. Denn Hepatitis B wird ausschliesslich über Geschlechtsverkehr oder verschmutzes Injektionsbesteck bzw. verschmutzte

350

Nadeln (beim Tätowieren, für Ohrstecker oder Piercing) übertragen. Nur Säuglinge, deren Mütter eine übertragbare Hepatitis B haben, gehören zur Risikogruppe. (Lesen Sie hierzu auch einen interessanten Artikel von Dr. Klein und Dr. Albonico aus der Schweiz)

Über die Anzahl der Erkrankungen gibt es widersprüchliche Aussagen. Teils werden chronische Virusträger nämlich bei den Zahlen miterfasst. In der Schweiz(mit Meldesystem) zählte man in den letzten 6 Jahren etwa 126-259(1000-1200) Neuerkrankungen (Hepatitis total mit chronischen Fällen) jährlich, davon 0-4(0-7) Säuglinge.(www.BAG.admin.ch) Diese Zahlen lassen sich sicher auf Deutschland übertragen. In Deutschland müssen seit dem 1.1.2001 alle Hep. B Fälle namentlich gemeldet werden.

Aufgrund der geringen Zahl von Erkrankungen im Säuglingsalter (bzw. Kindesalter) hält auch die amerikanische Association of American Physicians and Surgeons die Impfung nicht für empfehlenswert. Die Gefahr durch die Impfung an Nebenwirkungen zu erkranken wird von diesen 3 mal so gross eingeschätzt, wie ohne Impfung an Hepatitis B zu erkranken (Martin Hirte: Impfen: pro und Contra S 164)

Hepatitis Impfung

Die Hepatitis B Impfung birgt ein recht hohes Risiko an Nebenwirkungen. Besonders problematisch sind Autoimmunerkrankungen. Gerade Impfversager sind besonders gefährdet, da bei diesen die Abwehr nicht auf das Oberflächenantigen des Hepatitis B Virus reagiert.

Zwischen Juli 1990 und Oktober 1998 wurden in den USA 24775 Fälle von Impfreaktionen nach Hepatitis B Impfung gemeldet. Davon waren 9673 sehr ernst und 439 Kinder starben. In den USA gibt es seit 1990 das VAERS Meldesystem(www.vaers.org), dessen Aufgabe es ist, Daten von Impfzwischenfällen zu sammeln. Leider ist es jedoch so, dass nur 10% der Ärzte Impfreaktionen an VAERS melden. Die oben genanten Zahlen betragen also nur etwa 1/10 der wirklichen Zahlen.(HEPATITIS B VACCINE REACTION REPORTS OUTNUMBER REPORTED DISEASE CASES IN CHILDREN ACCORDING TO VACCINE SAFETY GROUP,NVIC January 27,1999)

Der Präsident des amerikanischen Ärzte und Chirugenverbandes sagte, dass Kinder, die jünger als 14 Jahre sind, ein dreifach höheres Risiko haben, nach einer Hepatitis-Impfung zu sterben oder an einer schweren Nebenwirkung zu erkranken, als die Krankheit selber zu bekommen.(Fosters, 1999, COX News Service)

Impfstoff

Die Herstellung des Impfstoffes erfolgt heute gentechnisch, da Hepatitis B Viren sich nur sehr schwer anzüchten lassen. Früher verwendete man Affen- und Hundenieren sowie menschliches Blutplasma von Hep. B positiven Personen. Zur Konservierung werden Aluminiumhydroxid, Thiomersal oder Formaldehyd hinzugefügt. Die 5 und 6-fach Kombinationsimpfstoffe sind frei von Thiomersal.

351

Für Frühgeborene wird die Impfung zwar propagiert, obwohl bekannt ist, dass sie nicht gut auf die Impfung reagieren.

Immunität

Kein 100% Impfschutz. Bis 10% der Erwachsenen entwickeln keinen ausreichenden Antikörpertiter. Das CDC(Center for Disease Control) spricht sogar von bis zu 32% von Impfversagern bei Erwachsenen nach der dritten Impfung.(CDC: Morbidity and Mortality weekly report 1994,42(53): 10)

Eine Studie von MCQuillian konnte keinen Rückgang von Hep. B Erkrankungen auch 6 Jahre nach Einführung der Impfung in den USA feststellen(MCQuillan:HBV Prevalence is Unchanged by Hepatitis B Vaccine:http://www.hopkins-id.edu/stories_99.html#19)

Das Arzneitelegramm berichtet im März 1997, dass "der Meinung britischer Epidemiologen zufolge sich 14 Jahre nach Einführung des Hepatitis B-Impfstoffes noch nicht über den Erfolg oder Misserfolg der gezielten Immunisierung urteilen liesse".

In der Schweiz haben der Nobelpreisträger Prof. Rolf Zinkernagel und seine Mitarbeiter bei der Untersuchung zu gentechnisch hergestellten Impfstoffen, wie es der Hepatitis B Impfstoff ist, festgestellt, dass gentechnische Impfstoffe im Vergleich zu herkömmlich hergestellten, das Gleichgewicht zwischen Immunabwehr und Virus derart ungünstig beeinflussen, dass die Krankheit nach der Impfung eher verstärkt als abgeschwächt wird(OEHNEN et al, Science, 11.1.1991, 195-198). Auch das New England Journal of Medicine veröffentlichte eine Studie, in der die Geimpften anfälliger für die Krankheit waren, als die Ungeimpften.

Ferner gibt es Virusvarianten, gegen die die Impfung nicht schützt.

Nebenwirkungen, Impfkomplikationen und Impfschäden der Hepatitis B Impfung

Die Hepatitis B Impfung birgt ein recht hohes Risiko an Nebenwirkungen. Besonders problematisch sind Autoimmunerkrankungen. Gerade Impfversager sind besonders gefährdet, da bei diesen die Abwehr nicht auf das Oberflächenantigen des Hepatitis B Virus reagiert.

Zwischen Juli 1990 und Oktober 1998 wurden in den USA 24775 Fälle von Impfreaktionen nach Hepatitis B Impfung gemeldet. Davon waren 9673 sehr ernst und 439 Kinder starben. In den USA gibt es seit 1990 das VAERS Meldesystem(www.vaers.org), dessen Aufgabe es ist, Daten von Impfzwischenfällen zu sammeln. Leider ist es jedoch so, dass nur 10% der Ärzte Impfreaktionen an VAERS melden. Die oben genanten Zahlen betragen also nur etwa 1/10 der wirklichen Zahlen.(HEPATITIS B VACCINE REACTION REPORTS OUTNUMBER REPORTED DISEASE CASES IN CHILDREN ACCORDING TO VACCINE SAFETY GROUP,NVIC January 27,1999) 352

Der Präsident des amerikanischen Ärzte und Chirugenverbandes sagte, dass Kinder, die jünger als 14 Jahre sind, ein dreifach höheres Risiko haben, nach einer Hepatitis-Impfung zu sterben oder an einer schweren Nebenwirkung zu erkranken, als die Krankheit selber zu bekommen.(Fosters, 1999, COX News Service)

Allgemeinreaktionen

Mehr als jeder zehnte Impfling entwickelt an der Impfstelle Beschwerden, wie Rötung, Schwellung und Schmerzen. Relativ häufig ist auch Fieber, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und Gelenkbeschwerden.

Rheumatische Erkrankungen

Arthritiden kommen nach der Hepatits B Impfung relativ häufig vor. Meist verlaufen sie akut, können aber auch chronifizieren(U.Quast:Impfreaktionen Hippokrates Verlag)

Neurologische Erkrankungen

Bekannt sind u.a. Reaktionen wie Nervenentzündungen, Multiple Sklerose, Guillain-Barré-Syndrom und Enzephalitis (www.vaers.org; Stratton KR, Howe CJ, Johnston RB Jr. Adverse events associated with childhood vaccines other than pertussis and rubella. Summary of a report from the Institute of Medicine. JAMA. 1994 May 25;271(20):1602-5.)

Bereits 1988 erwähnt Shaw, dass von 1: 20000 neurologischen Schäden nach Hep. B Impfung auszugehen ist. Bei einem Underreporting um den Faktor 5 liegt die Häufigkeit bereits schon bei 1: 4000 (Shaw F.et al, Am J Epi 1988, 12:337-352).

Das Institute of Medicine liess nach der Durchführung einer Studie zur Sicherheit der Hepatitis B Impfung, dessen Auftrag vom CDC(Center of disease control) und NIH(National Institute of Health) kam, verlautbaren: dass die Hepatítis B Impfung demylinisierende neurologische Schäden verursacht, vor allem MS und GBS (Guillan Barrè Syndrom).

Multiple Sklerose

Es gibt Hinweise auf Multiple Sklerose Fällen nach Hepatitis B Impfung, die in der wissentschaftlichen Literatur zu finden sind. Der Zusammenhang wird immer wieder bestritten und durch "Studien widerlegt". In Frankreich wurden wegen des Verdachts von demyelinisierenden Erkrankungen 1998 die Hepatitis-B-Impfung ausgesetzt.(Hierzu ein interessanter Artikel von Dr. Marc Girard auf englisch)

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Der Arzt Philippe Jacubowizc hatte bis 1998 mehr als 600 Fälle gesammelt, bei denen nach einer Hepatitis B-Impfung Symptome auftraten, die vielfach denen von Multiplen Sklerose glichen. Bereits 1996 hatte der französische Staat die ersten Hep. B-Impfopfer finanziell entschädigt. Vielen Opfern wollte man unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit Entschädigungszahlungen leisten. Voraussetzung war jedoch, dass diese auf einen Prozess verzichten mussten und das Problem nicht "öffentlich" machen durften.

Obwohl in Deutschland, Österreich und der Schweiz der gleiche Impfstoff wie in Frankreich verwendet wird, geschah in diesen Ländern nichts. Man bemühte sich vielmehr zu versichern, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine wissenschaftlichen Studien gäbe, die einen Zusammenhang zwischen der Impfung und Multipler Sklerose belegen würde.

In England und Kanada sind auch jeweils 100 Fälle von demyelinisierenden Erkrankungen registriert worden. (Silvia Schattenfroh: Kein Zusammenhang zwischen Hepatitis-B- Impfstoffen und Multipler Sklerose, Berlin News9. September 1999). Der Mechanismus, warum gerade nach der Hep. B Impfung MS auftreten kann, könnte dadurch erklärt werden, dass die Impfung Hep. B Polymerase Proteine enthält, die eine ähnliche Struktur haben wie körpereigenes Myelin. Diese Hepatitis B Virus-Polymerase könnte dann eine autoimmune Demyelinisierung auslösen .(Multiple sclerosis and hepatitis B vaccination: Could minute contamination of the vaccine by partial Hepatitis B virus polymerase play a role through molecular mimicry?Faure E. Med Hypotheses 2005, May 19E.R. Biodiversity and Environment, case 5, University of Provence, Place Victor Hugo, 13331 Marseilles cedex 3, France) 354

In diesem Zusammenhang sollte auch eine mögliche Optikusneuritis(ein mögliches Symptom bei MS) nach der Hepatitis B Impfung erwähnt werden. Die Forscher Hamard berichten in einer Studie mit 27 Kindern mit akuter Optikusneuritis, dass diese Erkrankung häufig mit der Hepatits B Impfung assoziert wird . Vier von den 27 untersuchten Kindern entwickelten später eine MS.(Hamard H, Hamard P, Gohier P, Roussat B, Doummar D, Iba-Zizen MT.["Idiopathic" acute optic neuropathies in children]Bull Acad Natl Med 2000;184(7):1511-9; discussion 1519-21 ). In einer Fall-Kontroll Studie von Miguel wurde festgestellt, dass Personen, die gegen Hepatitis B geimpft wurden, ein 300% erhöhtes Risiko haben an multipler Sklerose (MS) zu erkranken .(Miguel A. Hernán, MD, DrPH, Susan S. Jick, DSc, Michael J. Olek, DO and Hershel JickRecombinant hepatitis B vaccine and the risk of multiple sclerosis, A prospective studyNEUROLOGY 2004;63:838-842)

Diabetes

Wie bei MS, gibt es auch Hinweise auf einen Zusammenhang mit Diabetes mellitus. Classen spricht auf seiner Webseite(www.vaccines.net) von einer Untersuchung des CDC(Center for Disease Control in USA), in der festgestellt wurde, dass nach der Hepatits B Impfung im 2. Monat sich das Risiko, an insulinabhängigem Diabetes zu erkranken, verdoppelt.(The Center for Disease Control, CDC, Pharmacoepidemiology and Drug Safety Vol 6 Suppl. 2, S60; 1998).

Auch in Neuseeland stieg die Inzidenz-Rate von Diabetes mellitus nach Einführung der Hepatitisrate von 11,2 Fälle von 100000 auf 18,2 Fälle an.(Classen B, New Zealand Medical J Mai 1996)

Keuchhusten

Allgemeines

Der Keuchhusten ist vor allem in den ersten 6-8 Monaten gefährlich. Wie bei allen anderen Infektionskrankheiten, sind auch die Todesfälle bei Keuchhusten weit zurückgegangen. Aufgrund des starken Rückgangs ist der Keuchhusten seit 1961 nicht mehr meldepflichtig. Nur Todesfälle müssen gemeldet werden (Deutschland)

In den USA beobachtet man jedoch in letzter Zeit wieder eine Zunahme der Keuchhusten-Sterbefälle, trotz hoher Impfrate von 94%(WHO). Ursache sind vermutlich genetisch veränderte Keuchhustenerreger. Auch sieht man hier eine Verschiebung der Erkrankungen hin zum Jugendlichen und Erwachsenen. Die Anzahl der Keuchhustenfälle bei Erwachsenen stieg laut dem CDC zwischen 1990 und 2001 um 400% an.Während man 1980 nur 1730 Fälle gemeldet wurden, waren es 2002 bereits 8296 Erkrankte.(MMWR Weekly January 10, 2003 / 52(01);1-4 ) Ursache

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hierfür ist die relativ schnell abnehmende Immunität nach der Impfung im Gegensatz zu einer Immunität nach einer nach einer natürlich durchgemachten Krankheit.

Insgesamt sind 56-60 % der Keuchhusten-Erkrankten geimpft(Impfen: Routine oder Individualisation Eine Standortbestimmung aus hausärztlicher Sicht, 2. Auflage 2000, Arbeitsgruppe für differnenzierte Impfungen, S. 21)

Am häufigsten erkrankten Kinder unter 10 Jahren. In Populationen mit hoher Impfrate erkranken 50% der registrierten Fälle im ersten Lebensjahr, weiter 25% vor dem 5. Lebensjahr und 15% als Jugendliche oder Erwachsene (Lederle Praxis, 1995, Tetramune Swiss Safety Study in Supplementum XI, BAG). In Industrieländern schätzt die WHO die Mortalität auf 0.04-0.5%(Ivanof B. WHO Global Program for Vaccines and Immunisations, International Symposium on Pertussis Vaccine Trials, Rome, October 29- November 1st, 1995)

 

Keuchhusten-Impfung

Die Impfung bietet keinen 100% Schutz, da auch geimpfte Kinder an Keuchhusten erkranken können. Man empfiehlt die Keuchhustenimpfung schon im frühen Säuglingsalter,mit dem Argument, dass durch die Keuchhustenimpfung vor allem die Todesfälle im Säuglingsalter verhindert werden können. Man sollte jedoch wissen, dass die meisten Todesfälle an Keuchhusten in den ersten 6 Monaten auftreten. Und erst mit 6 Monaten ist aber nach der Applikation der verfügbaren Impfstoffe eine genügende Immunantwort zu erwarten. Jedoch kann ab der 2 Impfdosis mit einem milderen Verlauf gerechnet werden(Impfen, Routine oder Individualisation, Arbeitsgruppe für differenzierte Impfungen2 Aufl. März 2000, S. 20)

Die durch die Impfung erzeugte Immunität ist wesentlich geringer, als eine natürlich erworbene Immunität. Der Körper bildet durch die Umgehung der Schleimhaut bei der Impfung nämlich nicht genügend Antikörper auf der Schleimhaut(IgA).

Der Impfschutz hält nicht lange an. Grundimmunisierte erkranken bereits im zweiten Lebensjahr zu 52%, im dritten Lebensjahr sogar zu 76%(Impfen, Routine oder Individualisation, Arbeitsgruppe für differenzierte Impfungen2 Aufl. März 2000, S. 20) Immerhin kommt es jedoch zu milderen Verläufen und weniger Komplikationen.

Masern

Allgemeines

Die Masern waren bis vor 25 Jahren auf der ganzen Welt endemisch und fast 100% der Kinder hatten sie durchgemacht. Heute kommt es durch die die weltweit relativ hohen(nach der WHO noch nicht ausreichend) nur noch zu sporadischen kleineren Ausbrüchen.

In der Bevölkerung hält sich hartnäckig die Meinung, Kinderkrankheiten und hier insbesonders die Masern seien für die gesundheitliche Entwicklung des Kindes in erster Linie nützlich. Geimpfte Kinder erkranken weitaus häufiger an allergischen Krankheiten wie Ungeimpfte. Dies zeigte sich auch in einer Studie, die im Lancet veröffentlicht wurde: Das Durchmachen der Masern kann, so die Autoren, möglicherweise eine spätere Allergiebereitschaft verringern(Shaheen SO, Aaby P, Hall AJ, Barker DJ, Heyes CB, Shiell AW, Goudiaby A.Measles and atopy in Guinea-Bissau.Lancet 1996 Jun

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29;347(9018):1792-6). Bis in die 60iger Jahre behandelte man in der Kinderklinik in Basel Kinder mit nephrotischem Syndrom( ein schwere Nierenerkrankung), indem man sie künstlich mit Masern infizierte. Man hatte nämlich festgestellt, dass Kinder spontan gesund wurden, nachdem sie die Masern durchgemacht hatten. Kinder in der Dritten Welt sind nach einer Masernerkrankung weniger anfällig für Parasitenbefall und Malaria (Rooth IB. Supression of plasmodium falciparum infections during measles or influenza. Am J Trop Med Hyg 1992;47(5):675-81.)

Im Jahre 2001 wurden in Deutschland 5.780 Masernerkrankungen durch Meldung erfasst (vorläufige Zahl). Es ist davon auszugehen, dass die Zahl der tatsächlichen Erkrankungen wesentlich höher ist, da einerseits ein großer Teil der Erkrankten nicht vom Arzt behandelt wird und andererseits nicht jede ärztlich behandelte Erkrankung zur Meldung kommt. Bei der gegenwärtigen Immunitätslage werden in Jahren ohne ausgeprägte epidemische Situation jährlich insgesamt zwischen 20.000 und 80.000 Masernerkrankungen angenommen. (RKI)

Die WHO möchte die Masern ausrotten. Hindernisse dürften hier vor allem niedrige Durchimpfungsraten in afrikanischen Ländern sein, so dass eine Durchimpfungsrate von 95% , wie sie die WHO für die Ausrottung fordert, wohl kaum erreicht werden kann. Problematisch ist vor allem die Tatsache, dass trotz Durchimpfung der Bevölkerung das Masernvirus weiter in der Bevölkerung zirkuliert(Damien B, Huiss S, Schneider F, Muller : Estimated susceptibility to asymptomatic secondary immune response against measles in late convalescent and vaccinated persons.CP.J Med Virol 1998 Sep;56(1):85-90 )

In Afrika sterben jedes Jahr etwa 500000 Kinder an Masern. Bedingt ist die hohe Todesrate vor allem durch Unterernährung und eine hohe Tuberkuloserate . Bei unterernährten Kindern liegt die Sterblichkeit um mind. das 400fache über der von Kindern in normalen sozialen Verhältnissen (Nightingale M.1999, Epoch 81/82).

Die Massenimpfungen gegen Masern führen vermutlich bereits jetzt dazu, dass Atemwegserkrankungen durch RS Viren (einem Verwandten des Masernvirus)bei Kindern und damit verbundene Krankenhauseinweisungen in den letzten Jahren enorm zugenommen haben. In Ländern mit geringen Masern-Impfraten ist die Anfälligkeit für schwere kindliche Atemwegsinfektionen, die eine Klinikeinweisung erforderlich machen, sehr viel geringer(A. I. Weigl1,2, W. Puppe1, O. Belke1, J. Neusüß1, F. Bagci, H. J. Schmitt,The Descriptive Epidemiology of Severe Lower Respiratory Tract Infections in Children in Kiel, Germany, Klin Padiatr 2005; 217: 259-267)

Impfstoff

Masernviren für Impfstoffe werden in Kulturen embryonaler Hühnerzellen gezüchtet. Für die Impfung werden die Viren abgeschwächt und Antibiotika zugegeben. Durch Reste von Hühnereiweiss besteht durch die Impfung auch ein allergisches Risiko. Der Impfstoff wird heute meist als MMR Impfung, d.h. zusätzlich gegen Mumps und Röteln verabreicht. Bei der Impfung handelt es sich um abgeschwächte Lebendviren, die gleichzeitig

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verabreicht werden. Dies ist problematisch, da eines der Impfviren eine Immunsuppression bewirken kann, was zu einer schleichenden Infektion mit den anderen Erregern führen kann(Halsey,-N-A: Increased mortality after high Titer measles vaccines: too much of a good thing.Pediatr-Infect-Dis-J. 1993 Jun; 12(6): 462-5) Im MMR Impfstoff finden sich regelmässig zwei Viren aus Hühnerzellkulturen, die bei Vögeln Leukämie auslösen können. Die Bedeutung für den Menschen ist hierbei noch ungeklärt(Tsang et al, J Virol, July 1999, 73(7): 5843-5851)

Immunität

Der Impfstoff baut eine kurzfristig protektive Wirkung von 90-95% auf (BAG). Mitchell und Tingle konnten in einer Untersuchung nachweisen, dass 1 Jahr nach der Impfung mehr als 16 % der Geimpften keinen Impfschutz mehr aufwiesen (Mitchell LA, Tingle AJ, Decarie D, Lajeunesse C.: Serologic responses to measles, mumps, and rubella (MMR) vaccine in healthy infants: failure to respond to measles and mumps components may influence decisions on timing of the second dose of MMR.Can J Public Health. 1998 Sep-Oct;89(5):325-8.) Aus diesem Grund wird ja auch eine Verschiebung der zweiten MMR Impfung in jüngere Jahre propagiert, was von der STIKO jetzt auch offziell empfohlen wird. Ob damit jedoch dieses Dilemma gelöst wird, ist fraglich, denn es gibt eine Reihe von Untersuchungen , die zeigen, dass nach der Wiederauffrischungsimpfung die Antikörper zwar wieder ansteigen, aber auch wieder sehr schnell abfallen, so dass kein Impfschutz mehr besteht.(Bartoloni A, Cutts FT, Guglielmetti P, Brown D, Bianchi Bandinelli ML, Hurtado H, Roselli M.:Response to measles revaccination among Bolivian school-aged children Trans R Soc Trop Med Hyg. 1997 Nov-Dec;91(6):716-8.) In USA und Gambia, zwei Länder mit der höchsten Durchimpfungsrate gegen Masern traten Masern immer wieder in grossen Epidemien auf und verliefen auch sehr schwer. Zudem erkranken im Verhältnis heute mehr Erwachsene an Masern, was die Komplikationsrate erhöht(die Zahl insgesamt hat aber abgenommen).

Durch die Abnahme des Impfschutzes und selteneren Kontakt mit Wildviren können maserngeimpfte Mütter ihren Kindern nur noch einen schwachen Nestschutz übermitteln. Früher(vor Beginn der Impfung) waren Masernerkrankungen bei Säuglingen eher die Ausnahme, heute jedoch erkranken im Verhältnis mehr Säuglinge (wenn auch die absolute Zahl abgenommen hat). Nach Gold waren von den 300 gemeldeten Masernfällen in den USA 1995 die Hälfte Säuglinge und Erwachsene(Gold, E. : Current progress in measles eradication in the United states; Infect Med 1997, 14(4) 297-300)

RSV Infektionen

Seit mehrern Jahren beobachtet man in Deutschland eine Zunahme von schweren Atemwegsinfektionen durch sogenannte RS-Viren (RSV=respiratory syncitial virus), vor allem bei Kindern unter 2 Jahren. Man vermutet nun einen Zusammenhang zwischen der Einführung der Masernimpfung (in Deutschland seit 1973), der ein Großteil der heutigen Mütter damals unterzogen wurde, und der jetzt gehäuft auftretenden Anfälligkeit ihrer Kinder für das RS-Virus. Die Annahme wird gestützt durch die Tatsache, daß sowohl das Masern-Virus als auch das RS-Virus zur selben Familie der Paramyxoviren gehören. Es scheint auch so zu sein, wird in der Studie geschrieben, daß in Ländern mit geringen Masern-Impfraten die Anfälligkeit für schwere kindliche Atemwegsinfektionen,

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die eine Klinikeinweisung erforderlich machen, geringer sei. Eine ähnliche Entwicklung habe man auch in den USA, Grossbritannien und Schweden beobachtet. (Weigl A, Puppe W, Belke O, Neususs J, Bagci F, Schmitt HJ.The descriptive epidemiology of severe lower respiratory tract infections in children in Kiel, Germany, Klin Padiatr. 2005 Sep-Oct;217(5):259-67.)

Fehlende Wildboosterung

Die Masernimpfung führt zu einer starken Verminderung der zirkulierenden Wildviren, die vor der Zeit der Impfung die Immunität durch unbemerkte Kontakte aufrechterhalten hat. Dadurch werden die Personen, die an Masern erkranken, immer älter . Ältere Erwachsene weisen oft keine genügende Immunität gegen Masern mehr auf. Levy von der John Hopkins Universität kommt zum Schluss, dass wenn im Jahre 2050 eine Masernepidemie auftreten sollte, über 25000 Todesfälle auftreten könnten. Es ist also durchaus zu überlegen, ob die Impfung in Zukunft nicht auf Risikogruppen beschränkt werden sollte, was das frühere ökologische Gleichgewicht zwischen Virus und Bevölkerung wiederherstellen könnte(lit. H.U. Albonico "Gewaltige Medizin")(Tagblatt, 6.7.02 "Viele Fragen sind unbeantwortet"-Masern wegen Impfverweigerung )

Problem Massenimpfung

Wie oben schon angedeutet, weisst der Impfstoff nur eine kurze protektive Wirkung auf. Selbst wenn man 95 Prozent der Bevölkerung zweimal impft, kommen um die zehn Prozent jedes Jahrgangs ungeschützt ins Erwachsenenalter und können bei Masernkontakt erkranken. In Deutschland sind das in jedem Jahrgang 70.000 Erwachsene, in der Schweiz etwa 7000 Erwachsene, die gewissermaßen auf der „Zeitbombe Masern“ sitzen. Im Vergleich dazu hatten vor Einführung der Masernimpfung 99 Prozent der Fünfzehnjährigen die Masern durchgemacht und somit einen lebenslangen Schutz vor einer erneuten Masernerkrankung. Langfristig ist es also nicht möglich, die Bevölkerung vor Masern zu schützen.

Folge ist also, dass man die ganze Bevölerung impfen muss und durch die fehlende Wildboosterung auch eine Auffrischungsimpfung regelmässig notwendig wird, da das Risiko der Maserneinschleppung aus dem Ausland weiterhin besteht.

Nebenwirkungen, Impfkomplikationen und Impfschäden der Masern-Impfung

Neben örtlichen Reaktionen an der Einstichstelle, kann es zu Fieber, masernähnlichen Symptomen, Mittelohrentzündungen, Thrombozytopenie und bei Personen mit Hühnereiallergie zu allergischen Reaktionen kommen. Man beobachtete auch Autoimmunerkrankungen und das Auftreten von Diabetes mellitus. In den letzten Jahre wird ein Zusammenhang mit dem Auftreten von Autismus beobachtet und diskutiert(bei MMR Impfung)

Encephlitis

Encephalopathie, also die Impfencephalitis, ist als Komplikation nach der Masernimpfung bekannt und wird auch juristisch als Impfschaden anerkannt. Die Forschergruppe Weibel, Caserta, Benor und Evans berichten von mehreren Kindern in ihrer Studie, die nach Masern-Impfung eine Encephalopathie und später einen bleibenden Hirnschaden erlitten(oder sogar starben).

Eine Impfencephalitis tritt häufig ohne grosse Symptome auf und wird deshalb häufig auch nicht als Impfkomplikation gemeldet. Es dürften also weit mehr Fälle auftreten.(Martinon-Torres F, Magarinos MM, Picon M, Fernandez-Seara MJ, Rodriguez-Nunez A, Martinon-Sanchez JM. R: Self-limited acute

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encephalopathy related to measles component of viral triple vaccineRev Neurol. 1999 May 1-15;28(9):881-2.) Eine Encephalopathie kann beim Kind zu Entwicklungsstörungen führen, die aber zum Zeitpunkt der Impfung noch unbemerkt bleiben können.

Autismus und chronische Darmentzündung

Seit letzter Zeit gibt es eine kontrovers geführte Diskussion über den Zusammenhang zwischen der MMR- Impfung und dem Auftreten von Autismus und Morbus Crohn- ähnlichen Krankheit. Angefacht hatte dies das Forscherteam um um A.J. Wakefield. Wakefield nennt die Krankheit, die er nach der MMR-Impfung beobachtete, autistische Enterocolitis. In England führte dies zu einem drastischen Rückgang der Impfraten.

Autismusfälle haben seit Mitte der achziger Jahre dramatisch zugenommen, insbesonders sind Kinder im zweiten Lebensjahr betroffen. "Die wachsende Zahl von Autismusfällen ist bis zu dem Punkt gekommen, wo man sagen muss, was früher eine seltene Erkrankung war , ist heute schon beinahe eine Epidemie " , so Chairmain Burton vom amerikanischen Repräsentantenhaus(Chairman Burton: Government Reform Committee to Hold Hearing on the Rise of Autism; What: Government Reform Committee hearing: "Autism: Present Challenges, Future Needs - Why the Increased Rates?" Thursday, April 6, 1999 at 10:30 a.m.)

Wakefield und andere weisen darauf hin, dass es durch die MMR Impfung zu Wechselwirkungen zwischen den Impfviren und dem Immunsystem kommen kann, was in Folge zu Entzündungen von Nerven oder Nervenschäden führt. Man findet bei austistischen Kindern häufig hohe Antikörper gegen Myelinscheiden(fetthaltige Schutzhülle) der Nerven und gleichzeitig hohe Antikörper gegen Masernviren. Wakefield stellt zur Diskussion, dass dies mit den Impfviren zu tun haben könnte. (Wakefield et al, Inflammatory Bowel Disease Study Group at the Royal Free Hospital, London, Ileal Lymphoid Nodular Hyperplasia, Non-Specific Colitis and Pervasive Developmental Disorder in Children, Lancet, 28th February 1998 Eggers, Autistic Syndrome (Kanners) and Vaccination Against Smallpox, Klinical Paediatrics, 1st March 1976 (944354 PubMed, 76172565 Medline) Weizman, Weizman, Szekely, Livni and Wijsenbeek, published in the American Journal of Psychiatry 1982 Nov 139 (11) 1462-5 Dr. H. Fudenburg, Dialysable Lymphocyte Extract In Infantile Onset Autism: A Pilot Study, has been published (date/journal not identified), NeuroImmuno-Therapeutics Research Foundation, 1092 Boiling Springs Road, Spartanburg, South Carolina (fax 803 591 0622) Dr. Vijendra Singh, College of Pharmacy, University of Michigan, Ann Arbor, joint with the late Professor Reed Warren, Professor of Biology, Centre for Persons with Disabilities, Utah State University in Logan and Adjunct Professor of Psychiatry, University of Utah, and also Dennis Odell, published in Brain Behaviour, March 1993 Anne-Marie Plesner, Department of Epidemiology, Statens Seruminstitut, Copenhagen, Lancet, Vol 345, Feb 4th 1995 Montgomery, Morris, Pounder and Wakefield, Inflammatory Bowel Disease Study Group, Dept. Of Medicine, Royal Free Hospital, London, Paramyxovirus Infections in Childhood and Subsequent Inflammatory Bowel Disease Singh and Yang, Department of Biology and Biotechnology Center, Utah State University, University of

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Michigan College of Pharmacy, published Clinical Immunology and Immunopathology, October 1998 Bitnun et al, Measles Inclusion-Body Encephalitis Caused By the Vaccine Strain of Measles Virus, Clinical Infectious Diseases Journal, 1999; 29 855-61, (October) Paper Presented to US Congressional Oversight Committee on Autism and Immunisation, Professor John O’Leary, Dublin Womens Hospital, April 2000)

In einer Studie vom August 2002 wurden 125 autistische Kinder (und 92 gesunde Kinder als Kontrollgruppe) untersucht. Bei 60% fand man ungewöhnlich hohe Antikörpertiter gegen MMR, die spezifisch für die Impfung sind. Ausserdem hatten 90% der Antikörper-positiven Kinder auch positive MBP Autoantikörper(d.h. Antikörper, die sich gegen eigene Myelinscheiden(Schutzmantel der Nerven) richtet), was einen starken Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und dem zentralen Nervensystem nahelegt. Bei keinem der Kinder in der Kontrollgruppe fand man diese Antikörper bzw. Autoantikörper. Die Forscher folgern hieraus, dass eine inadequate Antikörperreaktion auf die MMR-Impfung, vor allem die Masern Komponente, in Zusammenhang mit der Entstehung von Autismus stehen könnte.(Singh VK, Lin SX, Newell E, Nelson C. : Abnormal measles-mumps-rubella antibodies and CNS autoimmunity in children with autism. J Biomed Sci. 2002 Jul-Aug;9(4):359-64.)

Masernantikörper ohne Hautausschlag

Personen, die Masernantikörper im Blut haben, aber niemals selber Masern mit einem Hautausschlag durchgemacht haben, erkranken im späteren Leben eher an Autoimmunerkrankungen wie MS, an degenerativen Knochen- und Knorpelerkrankungen und an Haut und Gebärmutterkrebs(Ronne T.Lancet1985, 1(8419): 1-4)

Atypische Masern

Seit Einführung der Impfung kommt es bei geimpften Kindern zu einer veränderten Form der Masernerkrankung. Diese Kinder bekommen einen petechialen Hautausschlag(mit Kapillarblutungen), der zuerst an den Extremitäten und dann am ganzen Körper aufreten kann. Der Ausschlag kommt nicht richtig zum "blühen" und schlägt häufig wieder nach innen. Bei vielen Kindern kommt es zu Lungenentzündungen. Ursache ist vermutlich, das durch die Impfung ausgelöste Ungleichgewicht zwischen humoralen und zellulärer Abwehr. (Petek-Dimmer Anita, Kritische Analyse der Impfproblematik, S. 199)

SSPE

SSPE ist eine persistierende Maserninfektion des zentralen Nervensystems; im Nervengewebe finden sich Infiltrate mit B- und T-Lymphozyten sowie Masernviren, die typische Mutationen aufweisen. Im Blut der Erkrankten lassen sich exzessiv hohe Antikörpertiter gegen Masernviren nachweisen.

SSPE (subakute sklerosierende Panenzephalitis - siehe oben) kann auch nach Impfungen auftreten. Bei Autopsien von maserngeimpften SSPE-Opfern fand man im ZNS jedoch regelmäßig nur Wildviren. Ob die Impfung trotz vorausgegangener Masern die SSPE triggert, ist unklar. Möglicherweise ist eine subklinisch verlaufende Maserninfektion im ersten Lebensjahr eine wesentlicher Trigger für die Entwicklung der SSPE. Gerade der mangelnde Nestschutz durch gegen Masern geimpfte Mütter erhöht die Gefahr von Masernerkrankungen im ersten Lebensjahr deutlich.

Hier einige Studien zum Auftreten von SSPE nach Impfungen:

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A particular case of SSPE is described in a thirteen-year-old girl who had been immunized against all childhood diseases; receiving the MMR vaccine at the age of nine months. The girl’s intellectual functioning until development of illness had been very good. After illness developed, the child verbalized little and was socially inappropriate; her memory and thinking abilities were impaired. She grew progressively worse, and added myoclonic jerks of the upper limbs, with depressed deep tendon reflexes. The authors concluded that Subacute, Sclerosing Panencephalitis was engendered as a delayed adverse effect of measles vaccine. The authors note other cases of SSPE induced by the attenuated measles vaccine.Belgamwar RB, et al (1997). Measles, mumps, rubella vaccine induced subacute sclerosing panencephalitis. J Indian Med Assoc. 1997 Nov;95(11):594. No abstract available. PMID: 9567594; UI: 98229001.

"Polymerase chain reaction detection of the hemagglutinin gene from an attenuated measles vaccine strain in the peripheral mononuclear cells of children with autoimmune hepatitis," Archives of Virology volume 141, 1996, pages 877-884: "The measles virus is known to be persistent in patients with subacute sclerosing panencephalitis (SSPE) and measles inclusion body Encephalitis (MIBE). Since the introduction of measles vaccines, vaccine-associated SSPE has increased in the USA. Therefore, we should pay attention to SSPE after inoculation with measles vaccine, despite the decrease in the incidence of [wild] measles."Halsey N.Risk of subacute sclerosing panencephalitis from measles vaccination. Pediatr Infect Dis J. 1990 Nov;9(11):857-8. No abstract available.PMID: 2263442; UI: 91088240.

The Japanese Committee for the National Registry of Subacute Sclerosing Panencephalitis (SSPE) confirmed that 215 cases of SSPE occurred in the 20 years from 1966 to 1985, as discovered in the 10-year surveillance from April 1976 through March 1986. The annual incidence in recent years has been between 10 and 23 cases. Among cases with a certain history of measles illness or measles vaccination, 184 (90.2%) had a history of measles illness without receiving measles vaccine. There were 11 probable measles vaccine-associated cases (5.4%), three (1.5%) being vaccinated with a combined use of killed and live vaccine and eight (3.9%) with further attenuated live vaccine. There were nine cases (4.4%) without a history of either measles illness or measles vaccination. Intervals between measles illness and the onset of SSPE varied from 1 to 16 years (mean, 7.0 years). The periods following measles vaccination with further attenuated live vaccine were 2 to 11 years (mean, 4.6 years). Annual incidence rates of SSPE per million cases of measles ranged between 6.1 and 40.9 (mean, 16.1) in the 10 measles epidemic years 1968-1977, and those following vaccination with further attenuated live vaccine were zero in most years and at the highest 3.08 (mean, 0.9) per million doses of distributed vaccine.Okuno Y, Nakao T, Ishida N, Konno T, Mizutani H, Fukuyama Y, Sato T, Isomura S, Ueda S, Kitamura I, et al.Incidence of subacute sclerosing panencephalitis following measles and measles vaccination in Japan. Int J Epidemiol. 1989 Sep;18(3):684-9. PMID: 2807674 [PubMed - indexed for MEDLINE]

We analyzed National Registry data from 575 patients with subacute sclerosing panencephalitis (SSPE) in the United States to assess changes in patient characteristics and SSPE epidemiology.

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Racial proportions have changed in recent years with an increasing number of Hispanic patients reported in relation to a constant black:white ratio; however, the male:female ratio of approximately 2:1 has remained. The most striking feature of the data is the rapid decline in SSPE incidence. Corresponding to this decrease is an increase in the proportion of cases following measles vaccination. There also is a shorter incubation period for SSPE following vaccination than after measles infection. (Dyken PR, Cunningham SC, Ward LC.: Changing character of subacute sclerosing panencephalitis in the United States.Pediatr Neurol. 1991 Mar-Apr;7(2):151./Dyken PR: Neuroprogressive disease of post-infectious origin: a review of a resurging subacute sclerosing panencephalitis (SSPE).,Ment Retard Dev Disabil Res Rev 2001;7(3):217-25 )

SSPE from measles vaccine

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Artikel von Dr. med. Christoph Tautz , Leitender Kinderarzt der Kinderklinik am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke zum Thema SSPE.

Allergien

In einer Studie in Guinea Bissau wurden 395 Kinder Im Alter von 6 Jahren und jünger über einen Zeitraum von 14-16 Jahren untersucht. Allergische Erkrakungen waren bei den Kindern, die Masern durchgemacht hatten, um 50% geringer, als bei den Kindern, die die Masern nicht hatten.(Shaheen SO, Aaby P, Hall AJ, Barker DJ, Heyes CD, Shell AW, et al.. Measles and atopy in Guinea-Bissau. Lancet. 1996;347: 1792-6. )

Kinder ,die Masern durchgemacht haben, sind weniger häufig von Allergien betroffen. Die Sensibilisierung gegen die Hausstaubmilbe und die Notwendigkeit bronchospasmolytischer Therapie war häufiger bei Kindern ohne Masern in der Vorgeschichte, so eine neue Studie (Kucukosmanoglu E, Cetinkaya F, Akcay F, Pekun F.Frequency of allergic diseases following measles. Allergol Immunopathol (Madr). 2006 Jul;34(4):146-149)

Meningokokken Impfung

Allgemeines

In Deutschland beträgt die Erkrankungshäufigkeit der Meningokokkenmeningitis etwa 1:100 000, das heißt, dass in Deutschland im Mittel ca. 800 Menschen jährlich daran erkranken, davon fallen etwa 75% auf den Serotypus B, der Rest verteilt sich auf C, W135, Y und A.

Der Erreger kommt bei 5-10% der Bevölkerung natürlicherweise im Nasen-Rachenraum vor, ohne Krankheitssymptome zu erzeugen. Auch erkrankt nur ein kleiner Teil der infizierten Personen. Es scheint also eine gewisse Immunschwäche vorliegen zu müssen, um an einer Meningitis durch Meningokokken zu erkranken.

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Die bakterielle Meningitis ist in erster Linie eine Erkrankung von Kleinkindern und Jugendlichen, deren Häufigkeit entscheidend von der Bevölkerungsstruktur abhängt. In armen Ländern tritt die bakterielle Meningitis wesentlich häufiger auf, als in industrialisierten Staaten.

Auch die Impfung gegen Meningokokken C war bundesweit nur eine Indikationsimpfung etwa bei Ausbrüchen oder Reisen.

Die Sächsische Impfkommission SIKO hat für das Bundesland Sachsen zum 1. Juli 2003 zusätzliche Empfehlungen für die Impfung mit konjugierten Meningokokken-C- Impfstoffen ausgesprochen. Demnach gelten für Sachsen folgende Empfehlungen: die Impfung mit konjugierten Meningokokken-C-Impfstoffen für alle Kinder ab dem 3. Lebensmonat und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr.

Ab dem Juli 2006 werden nun die allgemeinen Impfempfehlungen für ganz Deutschland um die Impfung gegen Meningokokken C erweitert. Die Standardimpfung für Zweijährige schützt jedoch lediglich gegen einen kleinen Anteil der Meningokokken-Infektionen: Die Gruppe C zeigt seit 2002 in allen Altersgruppen abnehmende Tendenz (2002: 32%; 2005: 22%, bei unter 5jährigen 16%); bei Kindern unter 6 Jahren wurde sie nachgewiesen 2003 in 67 Fällen, 2004 in 46 Fällen, 2005 in 27 Fällen. Bei 1 - 4jährigen Kindern, die von der Standardimpfung profitieren, wurde 2005 nur ein Todesfall durch Meningokokken C gesichert (NRZM (Nationales Referenzzentrum für Meningokokken): Daten des Nationalen Referenzzentrums für Meningokokken für das Jahr 2005. Version 1.1, 2006. http://www.meningococcus.de/). Ein Impfstoff gegen die in Deutschland vorherrschende Meningokokken-Gruppe B steht derzeit nicht zur Verfügung. Die allgemeine Impfempfehlung für Zweijährige betrifft nur die Gruppe C, die in diesem Alter eine nur untergeordnete und tendenziell abnehmende Rolle spielt.

Impfungen gegen Meningokokken-Meningitis werden bei Reisen in Länder des Meningitisgürtels in Afrika südlich der Sahara, besonders in der Trockenzeit (Dezember bis Mai/Juni) empfohlen, sofern die Art der Reise (längerer Aufenthalt (mehr als 1 Monat), Abenteuerreise, enger Kontakt zur Bevölkerung) oder die epidemiologische Situation eine höhere Gefährdung beinhaltet.

Für Pilger und Saisonarbeiter nach Saudi-Arabien (Hajj, Umrah) ist die Impfung vorgeschrieben. Aus epidemiologischen Gründen sollte dort gegen Serogruppe A, C und W135 (ACWY-Impfstoff) geimpft werden. Die Impfung ist gültig 10 Tage bis 3 Jahre nach Applikation.

364

Mumps

Allgemeines

Mumps gehört zu den klassischen Kinderkrankheiten. Bis vor etwa 20 Jahren war die Krankheit endemisch und wurde meist im Kindesalter durchgemacht. Als Folge der MMR Impfung ging die Erkrankung in den 80 Jahren drastisch zurück. In den Jahren1993-1995 kam es jedoch wieder zu epidemischen Ausbrüchen. Hier waren relativ viele Jugendliche und Erwachsene betroffen

Wie die Masern, so galt der Mumps als harmlose Kinderkrankheit(was sie heute auch noch sind!). Komplikationen treten sehr selten (Manson AL. :Mumps orchitis.Urology. 1990 Oct;36(4):355-8. Review) und nur bei immungeschwächten Personen auf.

Seit Einführung der Impfung ist die Zahl von Mumpserkrankungen rasch gesunken. Während jedoch Kinder weniger betroffen sind, kommt es zu einer relativen Zunahme bei Kleinkindern und Erwachsenen. (www.CDC.gov)Bei einer Mumpsepidemie in der Schweiz erkrankten in einem Dorf etwa gleich viel Geimpfte, wie Ungeimpfte. Die zweimal Geimpften erkrankten sogar alle, was den Schluss nahe legt, dass die Impfung eher zu einer Schwächung als zu einem Schutz führt. In einer weiteren Studie in der Schweiz lag die Effektivität der Impfung nur bei 47-77%, was anscheinend auf einen "schwachen" Virusstamm ("Rubini") zurückzuführen war.(Zimmermann H, Matter HC, Kiener T:Mumps epidemiology in Switzerland: results from the Sentinella surveillance system 1986-1993. Sentinella Work Group]Soz Praventivmed. 1995;40(2):80-92. )

Im Januar 2000 meldete das BAG(Bundesamt für Gesundheit, Schweiz) eine neue Mumpsepidemie. Bei ca. 70% der mit Fragebogen dokumentierten Fällen handelt es sich um geimpfte Kinder(85%) und geimpfte junge Erwachsene(15%). Auch bei einer Durchimpfungsrate von 70-80% spricht dies für eine extrem hohe Impfversagerquote.(Impfen, Routine oder Individualisation, Arbeitsgruppe für differenzierte Impfungen2 Aufl. März 2000, S. 39) 365

Mittlerweile wird in der Schweiz empfohlen, dass sich alle Personen, die mit dem Rubini-Stamm geimpft wurden, erneut mit einem wirksameren Stamm impfen lassen sollen.

Mumps-Impfung

Neben örtlichen Reaktionen an der Einstichstelle, kann es zu Fieber, masernähnlichen Symptomen, Mittelohrentzündungen kommen. Man beobachtete auch Autoimmunerkrankungen, Hodenschwellungen und das Auftreten von Diabetes mellitus. Da die Impfung in der Regel meist mit Masern- und Rötelnimpfstoff als Kombination verabreicht wird, kann nicht sicher gesagt werden, welcher Impfstoff problematisch ist.

Das Arzneitelegramm berichtete 1994, dass Mumpsimpfstoffe die häufigsten Auslöser von Ohrspeichelentzündungen sind. Sie treten bei bei 5 von 100 Impflingen auf(Arneitelegramm AT: 1994, 11: 109)

In einer Studie von Otten, Helmke, Stief und anderen wird der Zusammenhang zwischen Diabetes und der Mumpsimpfung untersucht. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass die Mumpsimpfung nicht vor Diabetes mellitus schützen kann, sondern im Gegenteil es möglicherweise auslösen kann, wenn eine Disposition vorliegt(Otten A, Helmke K, Stief T, Mueller-Eckhard G, Willems WR, Federlin K. : Mumps, mumps vaccination, islet cell antibodies and the first manifestation of Diabetes mellitus type I.Behring Inst Mitt. 1984 Jul;(75):83-8.)

Polio Kinderlähmung

Allgemeines

Die Kinderlähmung ist eine recht junge Krankheit. Zwar gibt es Bilder aus dem alten Ägypten, die angeblich Polio-Erkrankte zeigen, aber die ersten Beschreibungen finden sich erst ab etwa 1840. 1838 berichtete Jakob von Heine auf der Naturforscherversammlung zu Freiburg von akuten Lähmungen der Beine bei Kindern. Zwei Jahre darauf beschrieb er das Krankheitsbild unter dem Namen Spinale Kinderlähmung in einer Monographie und grenzte es erstmals als eigenständig ab.Die erste Beschreibung einer Epidemie stammt aus dem Jahre 1887 von Medin in Stockholm. Seit dieser Zeit treten saisonale Epidemien von zunehmender Intensität in den Industrieländern auf.(Vaccines, Pliotkin&Ohrenstein, Saunders Press, 3rd Edition) Weder Paracelsus noch Hippocrates kannten die Erkrankung. Diese Tatsache lässt manche Autoren vermuten, dass Ursache der Polioerkrankung mit der starken Produktion von Giften zusammenhängt, die zeitgleich einsetzte. So kam es 1915 zu einer ganz starken Polioepidemie im Raum New York. In dieser Zeit wurde auch zum ersten Mal in grossem Umfang Chlorbenzol(Hauptbestandteil für die DDT-Produktion) produziert. 1942 trat wieder eine Polioepidemie auf, wieder nach einer massiven Produktion von Chlorbenzol. Dieser Zusammenhang mit DDT wurde 1952 und 1953 durch eine US und Schweizer Studie auch bestätigt. Hier fand man heraus, dass die Ursache für die Lähmung bei Kälbern DDT in der Milch war, wurde diese Milch verseuchte Milch von Menschen getrunken, erkrankten sie genauso, wie die Kälber an Polio(Kritische Analyse der Impfproblematik, Anita Petek-Dimmer, S.305-309)

Einen ähnlichen Zusammenhang fand Dr. Henry Kumm, Leiter der Polioforschung in den USA seit 1953. Vor seiner Tätigkeit als Leiter der Polioforschung arbeitete er intensiv an der Krankheit Frambösie(tropische Infektionskrankheit). In verschiedenen Publikationen wurde berichtet, dass durch

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die Behandlung der Frambösie mit Arsen 1936 in Somalia eine Polioepidemie ausgelöst wurde.(Kritische Analyse der Impfproblematik, Anita Petek-Dimmer, S.305-309)

Laut WHO sind heute Europa, Amerika und der Pazifikraum poliofrei. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde durch den gestiegenen Lebensstandard und bessere hygienische Verhältnisse der Kontakt mit dem Polio-Wildvirus immer seltener und immer weniger Menschen konnten einen genügend hohen Antikörperschutz aufbauen. Dies führte Mitte des Jahrhunderts deshalb zu den grossen Polioausbrüchen, bei denen vor allem Kinder aus besser gestellten Bevölkerungsschichten erkrankten.

Pneumokokken

noch mehr zum Thema Pneumokokken: www.pneumokokken.info

Allgemeines

Pneumokokken gehören bei jedem zweiten zur normalen Bakterienflora des Mund-Rachenraumes und führen bei diesen Personen nicht zur Erkrankung. Zur Erkrankung kommt es nur bei einer Schwächung des Immunsystems. In Deutschland erkranken jedes Jahr ca. 1300 Kinder (Schätzung) an einer invasiven Pneumokokken-Erkrankung wie Lungenentzündung, Hirnhautentzündung (Meningitis), Sepsis (Blutvergiftung) – 1998 starben 18 von ihnen (8%), meist an der Pneumokokken-Meningitis, wobei bei der Mehrzahl von ihnen Risikofaktoren wie Immundefekte oder immunsuppressive Therapie vorlagen (ESPED 1998), 1999 kam es zu 9 Todesfällen (4%) (ESPED 1999) (arznei-telegramm 2001). Im Jahr 2002 wurden in Deutschland bei Kindern 114 Fälle von Meningitis und 130 Fälle anderer schwerer Erkrankungen durch Pneumokokken gemeldet (ESPED (Erhebungseinheit für seltene pädiatrische Erkrankungen in Deutschland): Invasive Infektionen durch Streptococcus Pneumoniae (Pneumokokken). http://www.esped.uni-duesseldorf.de/jabe2002_r.htm#pneumos). Sechs der betroffenen Kinder starben, bei 20 blieben durch die Meningitis neurologische Schäden zurück. Bei 3 der 6 Kinder ist ein Immundefekt durch eine fehlende Milz bekannt.

Man schätzt, dass es etwa 12.000 Todesfälle durch Pneumokokken in Deutschland gibt, wobei vor allem ältere Menschen betroffen sind: 90 Prozent der Opfer sind älter als 60 Jahre. Drei von vier Ärzten raten daher vor allem ihren älteren Patienten zur Impfung.

Bei Rauchern kommt es vier Mal so häufig wie bei Nichtrauchern zu einer Pneumokokkeninfektion(The New England Journal of Medicine, Vol. 342, 2000, Seiten 681 - 689)

Pneumokokken-Impfung

Impfstoff

Die Pneumokokkenimpfung war bis Juli 2006 eine Indikationsimpfung. Sie wurde Kindern (ab 3 Lebensmonat), Jugendlichen und Erwachsenen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge einer Grundkrankheit empfohlen (RKI: Epidemiologisches Bulletin Nr. 28):

 

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bei angeborenen und erworbenen Immundefekten(z.B. angeborene und erworbene Immundefekte, wie HIV-Infektion, A- und Hypogammaglobulinämie, Sichelzellanämie oder andere Hämoglobinopathien, oder Asplenie)

chronischen Krankheiten(Diabetes mellitus, Atemswegserkrankungen, Niereninsuffizienz, vor Organtransplantationen)

Frühgeborenen, Kindern mit niedrigem Geburtsgewicht, Säuglinge und Kinder mit Gedeihstörungen oder neurologischen Erkrankungen

Kinder bis zum dritten Lebensjahr erhalten den Pneumokokken-Konjugat-Impfstoff. Dieser Impfstoff enthält 7 Serotypen von 90 bekannten. Problematisch ist, dass hier jedoch 4 der häufigsten fehlen. Der Impfstoff wurde nämlich in den USA entwickelt und dort sind andere Serotypen für die Erkrankungen verantwortlich.

Personen ab 60 Jahren und Kindern ab dem 2 vollendetem Lebensjahr erhalten einen Polysaccharid Impfstoff mit 23 Serotypen.

Für Personen ab 60 Jahren wird die Pneumokokkenimpfung schon seit mehreren Jahren als Standardimpfung empfohlen. Für Säuglinge und Kleinkinder war die Impfung aber bisher immer noch eine Indikationsimpfung. Seit 2006 änderte sich dies. Das Bundesland Sachsen hat als erstes Bundesland die Pneumokokkenimpfung als Standard-Impfung in ihre Impfempfehlung aufgenommen.Seit August 2006 wurde diese Empfehlung auch für ganz Deutschland übernommen. Obwohl Pneumokokkenerkrankungen nur Kleinkinder mit bereits bestehender Grundkrankheit(siehe oben) gefährdet, hat will man jetzt auch gesunde Säuglinge und Kleinkinder impfen, obwohl der Nutzen der Impfung für diese Gruppe keinesfalls erbracht ist.

Auch in Österreich wurde mittlerweile die Pneumokokkenimpfung als Standard-Impfung in den Impfkalender für Säuglinge aufgenommen.

Die neue allgemeine Impfempfehlung für Kinder bringt grosse finanzielle Belastungen für das Gesundheitssystem mit sich, da der Preis für die notwendigen vier Pneumokokken-Impfdosen derzeit bei 248 € liegt. Normalerweise übernehmen die Krankenkassen die Kosten der empfohlenen Impfungen durch die STIKO. Da die Kosten für die Pneumokokkenimpfung aber die Impfkosten für Kleinkinder verdoppelt, bleibt abzuwarten, inwieweit die Krankenkassen weiterhin bereit sind, alle empfohlenen Impfungen zu decken.

Immunität

Da ein Grossteil der Erreger-Untergruppen im Impfstoff fehlt (bei Kindern bis zum dritten Lebensjahr), ist die Wirkung der Impfung fraglich. Zudem zeigte sich, dass die im Impfstoff nicht enthaltene Serotypen als ursächliche Erreger stark zunahmen (ESKOLA, J. N. English Journal of Medicine. 2001; 344: 403-9).

In dieser finnischen Studie zur Mittelohrentzündung konnte zwar das Risiko einer durch Pneumokokken hervorgerufenen Otitis um ein Drittel gesenkt werden, die Gesamthäufigkeit der Mittelohrentzündungen blieb jedoch gleich:

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In eine randomisierte, kontrollierte Doppelblindstudie wurden 1662 Kinder, bei denen die Eltern mit den empfohlenen Impfungen einverstanden waren, eingeschlossen.

Gleichzeitig mit der Diphterie/Tetanus/Pertussis Impfung wurde den Kindern nach 2, 4 und 6 Monaten sowie zusätzlich nach 12 Monaten ein heptavalenter, kapsulärer Polysacharid-Pneumokokken-Konjugat-impfstoff (Interventionsgruppe) oder eine Hepatitis B Impfung (Kontrollgruppe) injiziert.

Utersucht wurde das Auftreten von akuten Otitiden (kulturell bestätigt) und Nebenwirkungen innerhalb von 2 Jahren nach Impfung.

Resultate: Innerhalb von 2 Jahren traten insgesamt 2596 Fälle von kulturell bestätigter Otitis media auf.

Die Rate der insgesamt aufgetretenen akuten Otitiden in der Interventionsgruppe konnte gegenüber der Kontrollgruppe um 6% gesenkt werden. Die Rate der durch Pneumokokken verursachten Otitiden reduzierte sich um 34%, die der durch die im Impstoff enthaltenen Serotypen verursachten Mittelohrentzündungen sogar um 57%.

Es kam jedoch in der Interventionsgruppe zu einer Erhöhung von 33% der Otitiden, welche durch im Impfstoff nicht berücksichtigte Serotypen ausgelöst wurden.

Lokale Nebenwirkungen traten in der Interventionsgruppe häufiger auf als bei der Kontrollgruppe. Die Differenz bei den ernsthaften Nebenwirkungen war nicht signifikant.

Betrachtete man die Anzahl der Hospitalisationen aufgrund systemischer Infekte von Kindern nach Pneumokokkenimpfung fanden sich in der Interventionsgruppe 4 gegenüber 13 in der Kontrollgruppe (statistisch signifikant).

Konklusion der Autoren: Die untersuchte Impfung gegen Pneumokokken ist sicher und effektiv in der Behandlung der Otitiden, welche durch die in der Impfung enthaltenen Serotypen verursacht werden.

Kommentar

Es stellt sich die Frage, welchen Stellenwert die Konklusion der Autoren hat. Die deutliche Reduktion der durch die spezifischen Serotypen verursachten Otitiden muss durch eine Vermehrung durch andere-Serotypen verursachte Otitiden eingekauft werden.

Die Reduktion sämtlicher Fälle von Otitis media um 6% ist ein Wert, der bei den vorliegenden Daten statistisch nicht signifikant ist.

Hingegen besteht eine Signifikanz in der Reduktion der Hospitalisationen wegen systemischen Infektionen. Wenn man die absoluten Zahlen jedoch betrachtet, ergibt dies 9 verhütete Fälle auf 1662 Kinder.

In den USA sank zwar zwischen 2000 und 2002, also nach Einführung der Pneumokokken-Impfung die Hospitalisationsrate durch Pneumokokken-verursachte Erkrankungen um 50 %, ernsthafte Erkrankungen wie Meningitis oder Sepsis durch nicht im Impfstoff berücksichtige Pneumokokken stiegen jedoch um 50% an ("serotype replacement") und finden sich auch inzwischen auch gehäuft in Nasen- oder Rachenabstrichen geimpfter Kinder.

Darüber hinaus werden Ohrinfektionen durch andere Erreger als Pneumokokken häufiger (mit teilweise größerem antibiotischen

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Resistenzspektrum).(http://www.boston.com/news/globe/health_science/articles/2005/06/21/childhood_vaccine_saves_lives_but_may_lead_to_other_infections/ Bogaert D, Veenhoven RH, Sluijter M, Wannet WJ, Rijkers GT, Mitchell TJ, Clarke SC, Goessens WH, Schilder AG, Sanders EA, de Groot R, Hermans Molecular epidemiology of pneumococcal colonization in response to pneumococcal conjugate vaccination in children with recurrent acute Otitis media.PW.J Clin Microbiol. 2005 Jan;43(1):74-83.)

Durch die Pneumokkenimpfung (als auch die Hib-Impfung ) kommt es nicht nur zu einer Verschiebung der Serotypen der Pneumokokken im Nasen-Rachen-Raum, sondern es kommt generell zu einer Veränderung der Mundflora und pathogene(krankmachende) Keime können sich besser ansiedeln. So führt die Pneumokokken-Impfung zum Beispiel zu einem Anstieg von pathogenen Staphylokokkus aureus Erregern. (Regev-Yochay G, Dagan R, Raz M, Carmeli Y, Shainberg B, Derazne E, Rahav G, Rubinstein E.Association between carriage of Streptococcus pneumoniae and Staphylococcus aureus in Children.JAMA 2004 Aug 11;292(6):716-20./Elena S. Lysenko, Adam J. Ratner, Aaron L. Nelson, Jeffrey N. Weiser,The Role of Innate Immune Responses in the Outcome of Interspecies Competition for Colonization of Mucosal SurfacesPLoS Pathogens September 2005; Vol. 1 (1): e1 0009)

Die Uniklinik Barcelona untersuchte die Veränderungen der invasiven Pneumokokkenerkrankungen nach der Einführung der Pneumokokken-Impfung Prevenar und zwar zwischen 1997-2001 und 2002-2006. Nach der Einführung der Pneumokokkenimpfung ist die Rate invasiver Pneumokokkenerkrankungen signifikant angestiegen - verursacht vor allem durch verschiedene im Impfstoff nicht enthaltene Typen (1, 6A, 5, 19A).(sogenanntes Serotypen-Replacement- siehe oben). Der Anstieg betrug bei unter 2jährigen 58% und bei 2-4jährigen 135%. Bei Kindern unter 5 Jahren waren die durch Pneumokokken verursachte klinischen Pneumonien und/oder Empyeme sogar um 320% häufiger. (Carmen Munoz-Almagro, Iolanda Jordan, Amadeo Gene, Cristina Latorre, Juan J. Garcia-Garcia,and Roman Pallares: Emergence of Invasive Pneumococcal Disease Caused by Nonvaccine Serotypes in the Era of 7-Valent Conjugate Vaccine,CID 2008:46 (15 January)

Nebenwirkungen, Impfkomplikationen und Impfschäden der Pneumokokken Impfung

Die am häufigsten berichteten unerwünschten Nebenwirkungen waren Reaktionen an der Einstichstelle, Fieber (>= 38°C), Reizbarkeit, Müdigkeit, unruhiger Schlaf, Appetitlosigkeit, Erbrechen, Diarrhoe und Ausschlag oder Nesselsucht. Kinder, die zeitgleich kombinierte Vakzine gegen Diphtherie, Pertussis und Tetanus erhalten, leiden häufiger unter Fieber.

Fachinformation zu Pneumovax Fachinformation zu Prevenar

In klinischen Studien wurde am häufigsten

(Y1/10) über folgende Nebenwirkungen berichtet:

Fieber (Q38,8 tC) sowie lokale Reaktionen an der Injektionsstelle wie Schmerzen,

Erythem, Wärmegefühl, Schwellung und lokale Verhärtung.

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Folgende Nebenwirkungen wurden darüber hinaus in klinischen Studien und bei der breiten Anwendung des Impfstoffes beobachtet:

Allgemeinsymptome

Asthenie

Fieber (Y38,8 tC)

Unwohlsein

Hämatologisches/lymphatisches System

Lymphadenitis

Thrombozytopenie bei Patienten mit stabilisierter

idiopathischer thrombozytopenischer

Purpura

Hämolytische Anämie bei Patienten, die bereits

früher hämolytische Erkrankungen hatten

Überempfindlichkeitsreaktionen

anaphylaktoide Reaktionen

Serumkrankheit

Muskel- und Skelettsystem

Arthralgien

Arthritis

Myalgien

Nervensystem

Kopfschmerzen

Parästhesien

Radikuloneuropathien

Guillain-Barre-Syndrom

Haut

Ausschlag

Urtikaria Störungen des Blut- und Lymphsystems:

Sehr selten: in der Region der Injektionsstelle lokalisierte Lymphadenopathie.

Störungen des Nervensystems:

Selten: Krampfanfälle, einschließlich Fieberkrämpfen.

Gastrointestinale Störungen:

Sehr häufig: verminderter Appetit, Erbrechen,

Durchfall.

Störungen der Haut und des Unterhautgewebes:

Gelegentlich: Ausschlag/Urtikaria.

Sehr selten: Erythema multiforme.

Allgemeine Nebenwirkungen und Reaktionen an der Injektionsstelle:

Sehr häufig: Reaktionen an der Injektionsstelle

(z. B. Erythem, Verhärtung/Schwellung,

Schmerz/Druckempfindlichkeit); Fieber W38 tC, Reizbarkeit, Schläfrigkeit, unruhiger Schlaf.

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Häufig: Schwellung/Verhärtung und Erythem

Y2,4 cm an der Injektionsstelle, Druckempfindlichkeit, die die Bewegung stört, Fieber Y39 tC.

Selten: hypotonisch-hyporesponsive Episoden,Überempfindlichkeitsreaktionen an der Injektionsstelle (z. B. Dermatitis, Pruritus).

Störungen des Immunsystems:

Selten: Überempfindlichkeitsreaktionen einschließlich GesichtsÖdem, angioneurotisches

Ödem, Atemnot, Bronchospasmus, anaphylaktischer/anaphylaktoider Reaktionen einschließlich Schock.

Fazit:

Durch die breite Einführung einer Pneumokokkenimpfung kann nicht garantiert werden, dass die Zahl der Pneumokokken-Erkrankungen auch insgesamt fällt. Es besteht die Gefahr einer Verschiebung zu anderen Erregern, die im Impfstoff nicht vorhanden sind.

Der Nutzen der Impfung in Mitteleuropa ist weder bei gesunden Kindern noch bei alten Menschen gesichert.

Durch die 4 empfohlenen Impfungen werden die Säuglinge zusätzlich mit dem Problemstoff Aluminium belastet.

Röteln

Allgemeines

Ziel der Impfung ist es , die Anzahl der Rötelnembryopathien zu verringern. Die Zahl der Rötelnembryopathien ist in den letzten Jahren auch zurückgegangen. Man muss hier aber festhalten, dass die heutige Pränataldiagnostik Rötelnembryopathien schon vor der Geburt erkennt. Diese Embryos werden in aller Regel abgetrieben und erscheinen dann nicht mehr in der Statistik. Dies führt also nur zu einem scheinbaren Erfolg der Rötelnimpfprogramme.(Martin Hirte: Impfen: Pro & Contra, S. 225)

Röteln-Impfung

Impfstoff

Rötelnviren für Impfstoffe werden in Kulturen humaner diploider MRC-5-Zellen gezüchtet. Für die Impfung werden die Viren abgeschwächt und Antibiotika zugegeben. Durch Reste von Humanalbumin besteht durch die Impfung auch ein allergisches Risiko. Der Impfstoff wird heute meist als MMR Impfung, d.h. zusätzlich gegen Masern und Mumps verabreicht.

Immunität

Durch die Einführung der Rötelnimpfung hat sich insbesonders die Situation für Ungeimpfte verschlechtert. Durch die Impfung ist die Wahrscheinlichkeit gesunken, an den Röteln zu erkranken bzw. einen erworbenen Schutz durch weitere Kontakte mit dem Virus aufzufrischen. Damit haben

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junge Frauen häufig keinen ausreichenden Schutz mehr vor Röteln. Kommt es zu einer Schwangerschaft, besteht damit die grosse Gefahr einer Rötelnembryopathie.

Auch die WHO teilte mit, dass die Krankheit durch die Impfung vermehrt ins Erwachsenenalter verschoben wird und Rötelnembryopathien zunehmen, wenn nicht Impfraten von nahezu 100% erreicht werden. Dies ist jedoch unmöglich.

Vor Einführung der Impfung hatten mehr als 90% der Jugendlichen eine ausreichende Immunität gegen Röteln aufgebaut und dieser Schutz konnte auch immer wieder durch den Kontakt mit Wildviren aufgefrischt werden.

Die Immunität nach einer Impfung beträgt nach einer Untersuchung von Miller etwa 88%(Miller E, Waight P, Gay N, Ramsay M, Vurdien J, Morgan-Capner P, Hesketh L, Brown D, Tookey P, Peckham C. :The epidemiology of rubella in England and Wales before and after the 1994 measles and rubella vaccination campaign: fourth joint report from the PHLS and the National Congenital Rubella Surveillance Programme.Commun Dis Rep CDR Rev. 1997 Feb 7;7(2):R26-32.),was bedeutet, das bei jeder zehnten Frau eine Ansteckung während der Schwangerschaft möglich ist. Aufgrund der geringen Ansteckungswahrscheinlichkeit im Kindesalter und zunehmender Wahrscheinlichkeit der Ansteckung im Erwachsenenalter kommt es immer mehr zu Rötelnembryopathien bei Schwangeren.

Zum Zeitpunkt der Pupertät sollten junge Frauen auf Rötelnantikörpergetestet werden und bei zu niedrigem Titer ist eine Impfung zu empfehlen, damit es nicht zu einer Erkrankung während einer eventuellen Schwangerschaft kommt. Um die Impfung während einer vielleicht schon bestehenden Schwangerschaft auszuschliessen, sollte möglichst während der Menses geimpft werden.

In den USA kommt es immer wieder zu grösseren Röteln-Epidemien trotz hoher Durchimpfung mit MMR.(Control and prevention of rubella: evaluation and management of suspected outbreaks, rubella in pregnant women, and surveillance for congenital rubella syndrome.;MMWR Recomm Rep. 2001 Jul 13;50(RR-12):1-23.)

Nebenwirkungen, Impfkomplikationen und Impfschäden der Röteln Impfung

Neben örtlichen Reaktionen an der Einstichstelle, kann es zu Fieber und Kopfschmerzen kommen. Oft werden auch Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen sowie Gelenkentzündungen beobachtet. Bekannt sind auch Thrombopenien. Selten Encephalitis, Meningitis und das Guillan-Barré-Syndrom. Welcher Impfvirus letztlich zu den Komplikationen führt , kann nicht immer sicher gesagt werden.

Häufige Nebenwirkungen sind Arthritiden nach der Rötelnimpfung. Sie treten bei etwa 1 % der Kinder und bei mehr als 10% der Erwachsenen auf. Aus der akuten Arthritis kann sich eine chronische Arthritis entwickeln. Dieser Impfschaden wird in den USA offiziell als solcher anerkannt.

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Auch hier besteht die Gefahr, wie bei den anderen Impfungen, dass durch die Impfung die Rötelnerkrankung ins Erwachsenenalter hineinverschoben wird und damit die Gefahr von Fruchtschädigungen zunimmt.

Rotaviren

Allgemeines

Rotaviren sind weltweit verbreitet. Bis zum Ende des dritten Lebensjahres haben die meisten Kinder (>90%) bereits eine Rotavirusinfektion durchgemacht. Im Laufe der ersten Lebensjahre werden infolge von Kontakten mit Rotaviren zunehmend Antikörper gebildet. Frühere Erkrankungen können bei einer späteren Reinfektion mit demselben bzw. anderen Rotaviren-Typen vor erneuter Erkrankung schützen. Im Erwachsenenalter treten Erkrankungen vor allem als Reisedurchfall auf, wobei jedoch nur ca. 20% der Reisedurchfälle durch Rotaviren entstehen. Die schwersten Krankheitsverläufe sind in der Altersgruppe zwischen 6 Monaten und 2 Jahren zu finden. In den gemäßigten Klimazonen sind Rotavirusinfektionen hauptsächlich während der Wintermonate zu beobachten, da sich die Erreger im warmen, trockenen Klima der geheizten Wohnungen leichter verbreiten. Außer bei Kindern sind schwere Erkrankungen durch Rotavirusinfektion nur bei älteren oder immunsupprimierten zu verzeichnen. Rotaviren findet man häufig in Krankenhäusern, hier können sie bei der überwiegenden Mehrheit des Krankenhauspersonals in Handabstrichen nachgewiesen werden (Gleizes O, Desselberber U, Tatochenka V et al.: Nosocomial rotavirus infection in European countries. Pediatr. Infect Dis J 2006, 255:12-19).

In Industrieländern verläuft die Erkrankung in den seltensten Fällen tödlich oder mit schweren Komplikationen.

Zur Zeit wird die Rotaimpfung noch nicht offiziell empfohlen. Dies dürfte sich aber mit der Verfügbarkeit des Impfstoffes bald ändern. So ist damit zu rechnen, dass die Impfung demnächst in den Impfkalender mit aufgenommen wird, obwohl dazu keine medizinische Notwendigkeit bei uns besteht. So leitete STIKO-Mitglied C. Hülßle, die "REVEAL"-Studie, finanziert vom RotaTeq-Hersteller Sanofi Pasteur MSD, die zu dem Ergebnis kam, dass durch die Impfung 2-6 Krankheitstage verhindert werden und damit Fehlzeiten der Eltern am Arbeitsplatz vermieden werden können (www.dgk.de/web/dgk_file/Monatzeitschrift_Kinderheilkunde_Wiese-Posselt_2007.pdf). Frau Hülßle ist zudem Mitglied im Sachverständigenrat für Rotavirusimpfstoffe bei Sanofi Pasteur.

Rotavirus-Impfung

Impfstoff

Bereits 1998 wurde erstmals ein Rotavirusimfstoff in den USA zugelassen (Rotashield®). Die Impfung mit diesem Impfstoff führte jedoch zu Fällen von Darmeinstülpung (Invagination), worauf der Impfstoff vom Markt genommen wurde.

Ab 2006 gibt es 2 neue Rotavirusimpfstoffe auf dem Markt:

Rotarix®:

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Rotarix enthält einen attenuierten humanen Rotavirusstamm, der von einem Kind in den USA herstammt. Der Impfstamm ist ein Serogruppe A, G1P[8] Virus.

Dosierung(Beipackzettel): Die Impfserie besteht aus 2 Dosen. 1. Dosis ab einem Alter v. 6 Wo. Zw. den einzelnen Dosen Zeitabstand v. mind. 4 Wo. einhalten. Die Impfserie sollte vorzugsw. vor dem Alter v. 16 Wo. verabreicht werden, muss aber auf jeden Fall bis zum Alter v. 24 Wo. abgeschlossen sein.

Zusammensetzung von Rotarix (Glaxo-Smith-Kline): Nach der Rekonstitution enth. 1 Dosis (1ml): Humanes Rotavirus, RIX4414-Stamm, lebend attenuiert mindestens 106,0 ZKID50. Hergestellt in Vero-Zellen. Sonst. Bestandt.: Pulver: Saccharose, Dextran, Sorbitol, Aminosäuren, Dulbecco`s modifiziertes Eagle-Medium (DMEM), Lösungsmittel: Calciumcarbonat, Xanthan-Gummi, Steriles Wasser.

Rotateq®:

Der im Frühjahr 06 in den USA und seit Juni 06 in Europa zugelassene Impfstoff enthält lebendes abgeschwächtes Rotavirus, das menschlich-bovinen (vom Rind stammend) Ursprungs ist (WC3-Stamm). Der Impfstoff wird gentechnisch hergestellt(http://www.p-e-g.org/print/aktuelles/168)

Das gentechnisch veränderte Virus vermehrt sich im Darm nicht so gut wie das Konkurrenzprodukt und muss deshalb höher dosiert werden. Der Impfstoff wird auch oral verabreicht, man kann ab der 5.Lebenswoche impfen, es werden 3 Dosen im Abstand von etwa 4 Wochen verabreicht.

Immunität

Die Impfung kann nur vor Magen-Darm-Infektionen, die durch Rotaviren ausgelöst werden, schützen. Andere Durchfallerkrankungen (die durch andere Erreger als Rotaviren verursacht werden) können auch bei geimpften Kindern weiterhin vorkommen.

Die Wirkung des Rotavirus-Impfstoffes wird mit 80 bis 95% angenommen. Gegenanzeigen: Invagination in der Anamnese. Patienten mit angeborener Fehlbildung des Gastrointestinaltrakts, die zu einer Invagination prädisponiert sind. Säuglinge. mit einer bekannten od. vermuteten Immunschwäche. Bei akuten Erkrankungen wie Durchfall und Erbrechen

Nebenwirkungen, Impfkomplikationen und Impfschäden der Rotavirus Impfung

Nebenwirkungen des Impfstoffes Rotarix (www.gelbe-liste.de): Infektionen und parasitäre Erkrankungen: Selten: Infektionen der oberen Atemwege. Psychiatrische Erkrankungen: Sehr häufig: Reizbarkeit. Gelegentlich: Schreien, Schlafstörungen Erkrankungen des Nervensystems: Gelegentlich: Somnolenz. Erkrankungen der Atemwege, des Brustraums und Mediastinums: Selten: Heiserkeit, Schnupfen. Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts: Sehr häufig: Appetitverlust. Häufig: Durchfall, Erbrechen, Blähungen, Bauchschmerzen, Aufstoßen. Gelegentlich: Verstopfung. Erkrankungen der Haut und des Unterhautzellgewebes: Selten: Dermatitis, Hautausschlag. Skelettmuskulatur-, Bindegewebs- u. Knochenerkrankungen: Selten: Muskelkrämpfe. Allgemeine Erkrankungen und Beschwerden am Verabreichungsort: Häufig: Fieber, Müdigkeit 375

Seltenheitsschlüssel der Beipackzettel: Häufig = mehr als 10 % Gelegentlich = 1-10 % Selten = bis 1 % Sehr selten = 0,1 % Einzelfälle = einzelne Fallmeldungen

Bei Rotateq kam es bei 20,9% der Säuglinge zu Fieber, 17,6 % zu Durchfall und 10,1% Erbrechen.(Produktinformation für Ärzte, Österrreich)

Eine schwere Nebenwirkung, die der RotaTeq-Hersteller Merck in den USA in den Beipackzettel aufnehmen musste, ist das Kawasaki-Syndrom. Das Risiko liegt gemäß den Ergebnissen der Zulassungsstudie von RotaTeq bei 1:9000 (http://www.fda.gov/cber/label/rotateqLBinfo.htm ).

Nach den Studien, mit denen GlaxoSmithKline die Zulassung von Rotarix in den USA beantragt hat, steigt durch den Impfstoff das Risiko für Bronchitiden und Pneumonien. In der Verum-Gruppe starben 7 von 31673 Kindern an einer Pneunmonie, in der Placebogruppe 3 von 31552. Die Gesamtsterblichkeit lag nach Rotarix bei 0,184% (66:36755), nach Placebo bei 0,158% (55:34739) (http://www.fda.gov/ohrms/dockets/ac/08/briefing/2008-4348b1-03.htm).

Tetanus

Allgemeines

Tetanus ist keine ansteckende Infektionskrankheit. Heute treten weltweit zwischen 300000 und 500000 Fälle pro Jahr mit einer Sterblichkeit von ca. 45% auf(Impfen: Routine oder Individualisation Eine Standortbestimmung aus hausärztlicher Sicht, 2. Auflage 2000, Arbeitsgruppe für differnenzierte Impfungen, S. 16)

Nach den Meldedaten deutscher Krankenhäuser gab es in Deutschland in den vergangen Jahren folgende Fallzahlen (GBE:http://www.gbe-bund.de):

Gesamtfälle

Kinder < 15 Jahre

Gesamttodesfälle

2000

29

4

2

2001

31

-

1

2002

31

-

2

2003

24

3

3

Tetanus Impfung

Häufig kommt es zu örtlichen Reaktionen(Schmerzen, Rötung und Schwellung der Einstichstelle). Ursache ist hier vermutlich das im Impfstoff vorhandene Aluminiumhydroxid oder andere Adsorbentien. In einer Studie mit schwedischen Schulkindern traten bei 3/4 der Kinder lokale Beschwerden nach der Auffrischungsimpfung auf.(Blennow, Gangström, Steandell :adverse reactions after diphteria-tetanus booster in 10 -year old schoolchildren in relation to the type of vaccine given for

376

the primary vaccination. Vaccine 1994,12(4) Ebenso kommen Lokalreaktionen auf Thiomersal vor. Häufig kommt es auch zu Abzsessen, Granulomen mit Schwellungen der Lymphknoten, die jedoch nach mehreren Wochen wieder abklingen.

Impfkrankheit mit Fieber, Arthralgien, Exanthem oder Adenitis kommen bei 5-30% der Impfungen vor(Impfen: Routine oder Individualisation Eine Standortbestimmung aus hausärztlicher Sicht, 2. Auflage 2000, Arbeitsgruppe für differnenzierte Impfungen, S. 18)

Allergische Reaktionen

Es kann zu allergischen Sofortreaktionen bis zum allergischen Schock nach der Impfung, meist bei der Kombination mit Diphterie und Pertussis kommen. Dies ist jedoch eher selten. Häufiger sind jedoch verzögert auftretende Reaktionen, wie Nesselsucht, Juckreiz oder sogar Asthma. In einer Untersuchung von Hurwitz und Morgenstern konnten die Autoren zeigen, dass geimpfte(DPT oder Tetanus) Kinder (zwischen 2 Monate und 16 Jahre) doppelt so häufig an Asthma litten wie ungeimpfte. Auch die Wahrscheinlichkeit einer allergischen Erkrankungen war bei Geimpften Kindern um 63% erhöht. Vor allem bei Kindern zwischen dem 5 und 10 Lebensjahr war dieser Zusammenhang besonders deutlich. Auch wenn die Zahl der ungeimpften Kinder in der Studie recht klein war, sollten die Zahlen doch zu denken geben.(Hurwitz EL, Morgenstern H.:Effects of diphtheria-tetanus-pertussis or tetanus vaccination on allergies and allergy-related respiratory symptoms among children and adolescents in the United States.J Manipulative Physiol Ther. 2000 Feb;23(2):81-90.)

Tetanus-Impfung

Impfstoff

Die Tetanus-Impfung wird heute im Rahmen der Einfach-, Zweifach-Impfung(mit Diphterie),der Dreifach-Impfung (Diphterie-Pertussis-Tetanus) oder der 5 bzw. 6 fach Impfung verabreicht. Es handelt sich um entgiftetes Tetanustoxin, das an Aluminiumhydroxid gebunden ist. Je nach Kombination und Hersteller enthält der Impfstoff zusätzlich Thiomersal, Phenoxyäthanol, Formaldehyd, Aluminium u.a.

Bei Allergie gegen Thiomersal, Formaldehyd oder Aluminiumhydroxid ist von der Impfung abzusehen.

Immunität

377

Das Überstehen der Tetanuserkrankung hinterlässt keine Immunität. In Deutschland ist Tetanus heute eine sehr seltene Erkrankung. Diese Tatsache ist aber nicht nur auf die Impfung, sondern auch auf verbesserte Lebensbedingungen und die Mechanisierung der Landwirtschaft zurückzuführen. Siehe Graphik.

In einer amerikanischen Studie wurde festgestellt, dass die Mortalität der teilweise geimpften(1-2 Impfdosen) bei 6% lag, die der Ungeimpften bei 15%. Keine Todesfälle gab es bei Erkrankten, die einmal im Leben eine komplette Grundimmunisierung durchgemacht hatten(Impfen: Routine oder Individualisation Eine Standortbestimmung aus hausärztlicher Sicht, 2. Auflage 2000, Arbeitsgruppe für differnenzierte Impfungen, S. 16)

Es gibt immer wieder Erkrankungsfälle, in denen geimpfte Personen trotz hoher Antikörpertiter an Tetanus erkranken . Die Höhe der Antikörper sagt also nichts über den Schutz aus.(Crone NE, Reder AT. ,Severe tetanus in immunized patients with high anti-tetanus titers.Neurology. 1992 Apr;42(4):761-4. /Hahn BJ, Erogul M, Sinert R.Case report of tetanus in an immunized, healthy adult and no point of entry.J Emerg Med. 2004 Oct;27(3):257-60./ J Fam Pract. 1997 Mar;44(3):299-303.Elevated antitoxin titers in a man with generalized tetanus, Pryor T, Onarecker C, Coniglione T.)

In einer neueren Studie geht man davon aus, dass das Tetanus-Risiko Ungeimpfter nach einer Verletzung bei etwa 0,5 - 2 pro Millionen liegt. (De Melker HE, Steyerberg EW: Doelmatigheid van tetanusimmunoglobuline bij een verwonding: toediening vaak onnodig [Function of tetanus immunoglobulin in case of injury: administration often unnecessary]. Ned Tijdschr Geneeskd 2004 Feb 28;148(9):429-33.)

Nebenwirkungen, Impfkomplikationen und Impfschäden der Tetanusimpfung

Lokalreaktionen

Häufig kommt es als Nebenwirkung der Tetanus Impfung zu örtlichen Reaktionen(Schmerzen, Rötung und Schwellung der Einstichstelle). Ursache ist hier vermutlich das im Impfstoff vorhandene Aluminiumhydroxid oder andere Adsorbentien. In einer Studie mit schwedischen Schulkindern traten bei 3/4 der Kinder lokale Beschwerden nach der Auffrischungsimpfung auf.(Blennow, Gangström, Steandell :adverse reactions after diphteria-tetanus booster in 10 -year old schoolchildren in relation to the type of vaccine given for the primary vaccination. Vaccine 1994,12(4) Ebenso kommen Lokalreaktionen auf Thiomersal vor. Häufig kommt es auch zu Abzsessen, Granulomen mit Schwellungen der Lymphknoten, die jedoch nach mehreren Wochen wieder abklingen.

Impfkrankheit mit Fieber, Arthralgien, Exanthem oder Adenitis kommen bei 5-30% der Impfungen vor(Impfen: Routine oder Individualisation Eine Standortbestimmung aus hausärztlicher Sicht, 2. Auflage 2000, Arbeitsgruppe für differnenzierte Impfungen, S. 18) 378

Allergische Reaktionen

Es kann zu allergischen Sofortreaktionen bis zum allergischen Schock nach der Impfung, meist bei der Kombination mit Diphterie und Pertussis kommen. Dies ist jedoch eher selten. Häufiger sind jedoch verzögert auftretende Reaktionen, wie Nesselsucht, Juckreiz oder sogar Asthma. In einer Untersuchung von Hurwitz und Morgenstern konnten die Autoren zeigen, dass geimpfte(DPT oder Tetanus) Kinder (zwischen 2 Monate und 16 Jahre) doppelt so häufig an Asthma litten wie ungeimpfte. Auch die Wahrscheinlichkeit einer allergischen Erkrankungen war bei Geimpften Kindern um 63% erhöht. Vor allem bei Kindern zwischen dem 5 und 10 Lebensjahr war dieser Zusammenhang besonders deutlich. Auch wenn die Zahl der ungeimpften Kinder in der Studie recht klein war, sollten die Zahlen doch zu denken geben.(Hurwitz EL, Morgenstern H.:Effects of diphtheria-tetanus-pertussis or tetanus vaccination on allergies and allergy-related respiratory symptoms among children and adolescents in the United States.J Manipulative Physiol Ther. 2000 Feb;23(2):81-90.)

Eine neue Studie des Allergologen Adriano Mari(Mari A: Is there a causative role for tetanus toxoid vaccination in the development of allergy-like symptoms and in the increasing prevalence of atopic diseases? Med Hypotheses 2004,63(5):875-86) bringt die Tetanusimpfung in Zusammenhang mit allergischen Erkrankungen: In "Medical Hypotheses" geht er von der aktuellen Vorstellung aus, dass der Zunahme allergischer und autoimmuner Erkrankungen derselbe Mechanismus zu Grunde liegt, nämlich eine generelle Dysregulation des Immunsystems. Dabei kommt es zur Bildung von IgG-Autoantikörper gegen IgE-Rezeptoren (FcepsilonRIalpha) auf Mastzellen. Diese Rezeptoren haben ähnliche Antigene Eigenschaften wie Tetanus-Toxoid (Horn MP, Gerster T, Ochsenberger B, Derer T, Kricek F, Jouvin MH, Kinet JP, Tschernig T, Vogel M, Stadler BM, Miescher SM:Human anti-FcepsilonRIalpha autoantibodies isolated from healthy donors cross-react with tetanus toxoid.Eur J Immunol 1999, 29(4):1139-48). Die Injektion von Tetanus-Toxoid in der frühen Kindheit könnte demnach über die Bildung von IgG-Autoantikörpern die Ausschüttung von Mastzell-Mediatoren und TH2-Zytokinen stimulieren und damit zu einer chronisch-"allergischen" Entzündung in verschiedenen Geweben führen.

Neurologische Reaktionen

Gelegentlich treten nach einer Tetanusimpfung(oder DPT) neurologische Komplikationen auf, wie Nervenentzündungen, Guilain-Barré-Syndrom oder Enzephalitis. Auch Schäden an peripheren Nerven können gelegentlich auftreten. Beobachtet wurden auch Entzündung von Hirnnerven, Polyneuropathien. Diese sind jedoch selten.

379

Erste Hilfe bei Kindern

Kopfverletzungen und Gehirnerschütterung

Kleine Unfälle und Stürze auf den Kopf sind im Kindesalter unvermeidbar. Die Natur hat aber vorgesorgt. Der kindliche Schädel ist durch die noch nicht verknöcherten Schädelnähte elastisch und kann Stöße besser Abfangen. Bestes Beispiel ist die Fähigkeit des Schädels, sich während der Geburt sehr stark zu verformen.

Das Gehirn ist rundherum von knöchernem Schädel geschützt. Zusätzlich wird das Gehirn in der sogenannten Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit gelagert, die das gesamte Gehirn und Rückenmark umgibt.

Je nach Art der Gewalteinwirkung auf den Kopf lassen sich verschiedene Verletzungsfolgen unterscheiden. Da die Komplikationen bei Kopfverletzungen auch für den Fachmann schwierig zu erkennen sind, soll dieses Thema etwas ausführlicher behandelt werden.

Kleine Beulen

Bei der weitaus größten Anzahl aller Kopfverletzungen kommt das Kind mit einer Beule davon. Sind die Tränen getrocknet und das Kind getröstet, entsteht eine Beule, die sich vielleicht blau und grün verfärbt, aber ohne Komplikationen nach ein paar Tagen verschwindet. Kühlen Sie die Beule sofort oder geben Sie etwas Notfallcreme darauf, wird sie umso schneller wieder verschwinden.

Kopfplatzwunde

Die Kopfplatzwunde ist eine meist stark blutende Verletzung der Kopfschwarte und gehört zu den äußeren Blutungen. Die Kopfschwarte umgibt den knöchernen Schädel und ist sehr gut durchblutet. Erschrecken Sie nicht, wenn das Kind blutüberströmt ist. Das kann vorkommen, sieht aber meist schlimmer aus, als es ist.

Bevor die Platzwunde vom Arzt genäht oder per Klammerpflaster versorgt wird, steht die Blutstillung an erster Stelle. Drücken Sie ein sauberes Tuch oder Kleidungsstück (was eben verfügbar ist) gegen die

Wunde um den Blutverlust zu stoppen. Sobald Sie das Verbandmaterial für einen Druckverband (siehe)

zur Hand haben, legen Sie einen Druckverband an.

Wickeln Sie das Verbandpäckchen oder die Mullbinde so, dass der Verband nicht abrutscht. Wenn Sie den Verband einmal kreuz und einmal quer, zum Beispiel unter das Kinn, um den Kopf herum legen, kann er nicht wegrutschen.

Nicht auf die Schönheit, sondern auf die Zweckmäßigkeit eines Verbandes kommt es an. In früheren Zeiten hat man in der Ersten Hilfe viel Zeit darauf verwendet, kunstvolle Verbände anzulegen. Da aber im Krankenhaus als erstes einmal der Verband abgenommen wird, ist es selbst im Rettungsdienst die Regel, einen schnellen, zweckmäßigen Verband anzulegen.

Wunden oder Platzwunden im Gesichtsbereich sollten aus kosmetischen Gründen immer vom Arzt versorgt werden. Eine gut versorgte Wunde mit zusammengefügten Wundrändern wächst schöner zusammen.

Gehirnerschütterung

Bei der Gehirnerschütterung wird das Gehirn durch die Erschütterung des Unfalls irritiert aber nicht erkennbar

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verletzt oder verändert. Blutungen und Verletzungen des Gehirns kommen nicht vor.

Gehirnerschütterungen gibt es in verschiedenen Schweregraden. Erbrechen und Kopfschmerzen sind Zeichen einer Gehirnerschütterung, können aber auch fehlen. Bei einer Gehirnerschütterung braucht das Gehirn Ruhe um sich zu regenerieren. Außerdem können sehr unangenehme Kopfschmerzen nach einer Gehirnerschütterung auftreten. Um dies zu verhindern sollte dem Patienten nach dem Unfall viel Ruhe, sogar Bettruhe gegönnt werden.

Schädelbasisbruch

Kommt es zu einem Bruch der Schädelbasis können aus Nase, Mund und Ohr Blut und die milchig-trübe Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit austreten. Da Blutungen aus Mund und Nase meist aus der Nase stammen ist eigentlich nur die Blutung aus dem Ohr ein direkter Hinweis auf eine Verletzung der Schädelbasis.

Wissen Sie wo die Schädelbasis ist?

Die Schädelbasis ist eine relativ dünne Knochenplatte an der "Unterseite" des Gehirns. Von außen ist sie nicht sichtbar. Sie trennt das Gehirn von den Stirn und Nebenhöhlen. Die Schädelbasis besitzt zahlreiche kleine Löcher für Blutgefäße und Nerven. Zum Hinterkopf hin besitzt sie eine größere Öffnung für das verlängerte Rückenmark, das Gehirn und Rückenmark miteinander verbindet.

Gehirnblutung

Eine starke Gewalteinwirkung auf den Kopf, kann zu Komplikationen in Form von inneren Hirnblutungen führen. Das Gehirn ist ein gut durchblutetes, empfindliches Organ. Auch kleine Blutungen und Schwellungen im Bereich des Gehirns sind deshalb so gefährlich, weil das Gehirn von den Schädelknochen umgeben ist. So besteht keine Ausdehnungsmöglichkeit für eine Schwellung und das Gehirn wird zusammengedrückt. Steigt der Druck im Schädelinneren kann dies durch Druck auf das Atemzentrum zu Bewusstlosigkeit und Atemstillstand führt.

Hirnblutungen sind von außen nicht sichtbar. Selbst im Krankenhaus kann durch eine normale Röntgenaufnahme nur Knochen aber kein Gewebe sichtbar gemacht werden. Hirnblutungen treten typischerweise auch erst einige Zeit nach dem Unfall auf. Es können mehrere Stunden vergehen bis sich eine Hirnblutung zeigt. Einzige Möglichkeit bei einem Verdacht auf eine Blutung ist das konsequente Überwachen des Kindes. In der Praxis bedeutet dies, dass das Kind (oder der Erwachsene) einen Tag, oder zumindest über Nacht im Krankenhaus bleibt und beobachtet wird.

Was lässt sich durch eine Röntgenaufnahme erkennen?

Dargestellt werden nur die knöchernen Teile des Schädels, also ein Bruch des Schädels oder der Schädelbasis. Was einer normalen Röntgenaufnahme jedoch verborgen bleibt, sind Verletzungen oder Veränderungen am Gehirn selbst. Eine gefährliche Blutung kann durch die Röntgenaufnahme nicht erkannt werden, hier hilft in der Regel nur sorgfältiges Überwachen des Patienten.

Die Strahlenbelastung heutiger Röntgenapparate ist verglichen mit der Vergangenheit um ein Vielfaches gesunken und manchmal geringer als die Strahlenbelastung die durch stundenlanges Fernsehgucken

381

entsteht.

Die Überwachung

Durch eine normale Röntgenaufnahme kann eine Blutung im Gehirn nicht erkannt werden. Da Blutungen auch viele Stunden nach dem Unfall auftreten können und sich durch Zeichen eines erhöhten Hirndrucks bemerkbar machen, überwacht man im Krankenhaus verdächtige Patienten über 24 Stunden oder wenigstens über Nacht. Dabei wird regelmäßig das Bewusstsein, der Puls, Blutdruck, sowie die Pupillenreaktion gemessen.

Haben Sie aus irgendeinem Grund keine Möglichkeit Ihr Kind im Krankenhaus überwachen zu lassen, prüfen Sie ständig (alle halbe bis eine Stunde) die Wachheit des Kindes. Während des Schlafs sollten Sie überprüfen, ob das Kind reagiert, denn der Schlaf lässt sich auf den ersten Blick von einer Bewusstlosigkeit nicht unterscheiden. Wollen Sie ihr Kind nicht ständig aus dem Heilschlaf aufwecken, prüfen Sie den Muskeltonus des Kindes. Ein schlafendes Kind besitzt eine gewisse Spannung des Körpers. In der Bewusstlosigkeit fehlt diese Spannung völlig. Bemerken Sie eine fehlende Spannung müssen Sie das Kind versuchen aufzuwecken. Lässt es sich nicht erwecken, legen Sie das Kind in die Seiten, bzw. Bauchlage und rufen Sie den Rettungsdienst.

Wann muss eine Kopfverletzung abgeklärt werden?

Als Faustregel gilt, dass bei folgenden Zeichen die Kopfverletzung im Krankenhaus bzw. vom Arzt abgeklärt werden muss

Bewusstlosigkeit nach dem Unfall

Bewusstseinsstörungen,

starken Kopfschmerzen oder

schwallartigem Erbrechen

Blutung aus dem Ohr

Arzt oder Krankenhaus?

Die Möglichkeit einer Röntgenaufnahme ist nur im Krankenhaus gegeben. Fahren Sie also möglichst in ein Krankenhaus mit einer Kinderabteilung oder lassen Sie sich mit dem Rettungsdienst dorthin transportieren. Geht es nämlich Ihnen oder dem Kind nicht gut, sollten Sie auf keinen Fall selbst fahren mit dem Auto fahren.

Der Arzt oder Kinderarzt hat in der Regel keine Möglichkeit eine Röntgenaufnahme zu machen, eine Diagnose kann daher nicht sicher gestellt werden.

Arnika

Nach allen Kopfverletzungen können Sie sofort als homöopathische Unterstützung eine Gabe Arnika

C 200, oder C 1000 geben. Arnika wirkt heilend und schmerzlindernd bei allen Verletzungen,

Prellungen und Brüchen. Besonders wichtig ist die erwiesene, blutungsstillende Wirkung von Arnika, die besonders bei Kopfverletzungen zu tragen kommt. Arnika hilft dem Gehirn sich zu regenerieren. Wenn nach einer Verletzung Kopfschmerzen zurückbleiben, kann Arnika diese in den meisten Fällen beseitigen.

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Ausgeschlagener Zahn

Wird bei einer Rauferei oder bei einem Sturz auf die Lenkstange ein Zahn ausgeschlagen, besteht grundsätzlich die Möglichkeit den Zahn wieder einzupflanzen. Die Zahnwurzel darf allerdings nicht austrocknen und muss feucht gehalten werden. Der Zahn kann in etwas Milch zum Zahnarzt transportiert werden oder vom Kind oder Erwachsenen im Mund behalten werden. In der eigenen Mundflora überlebt der Zahn natürlich am besten, darf allerdings nicht verschluckt werden.

Beim Wiedereinsetzen eines Zahnes gibt es einen Unterschied zwischen den Milchzähnen und den zweiten Zähnen. Zweite Zähne, wenn Sie komplett mit der Wurzel verloren werden, lassen sich sehr wieder vom Zahnarzt einpflanzen. Ebenso lassen sich im Alter bis etwa 4 Jahre die Milchzähne mit der Zahnwurzel wieder gut einsetzen. Im Alter von etwa 6 Jahren, zur Zeit des ersten oder zweiten Schuljahres fallen bekanntlich die Milchzähne aus. Bevor Sie ausfallen, wird die Wurzel der Milchzähne abgebaut und es entstehen die so genannten Wackelzähne. Diese Milchzähne ohne Wurzel können dann nicht mehr anwachsen. Es bleibt eine Lücke.

Ersticken und Verschlucken bei Babys

Wenn ein Kind sich verschluckt ist schnelle Hilfe angesagt. Bei kompletter Verlegung der Atemwege muss schnell gehandelt werden. Das Gehirn kann lediglich 3-5 Minuten ohne Sauerstoff auskommen. Es ist also die Erste Hilfe die zählt. Der Rettungsdienst benötigt gut 10 Minuten...... Jeder Papa, jede Mama, auch der Babysitter und Oma und Opa müssen bescheid wissen was zu tun ist.

Erste Hilfe bei Kindern: Entfernung eines Fremdkörpers aus den Atemwegen:korrektes Vorgehen beim Baby (Abb. 1) sowie beim Kleinkind (Abb. 2)

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1.

Hat Ihr Kind einen Fremdkörper verschluckt, versuchen Sie, ruhig zu bleiben!

2.

Hustet oder würgt Ihr Kind oder hat es Atemnot, sieht die Erste Hilfe bei Kindern wie in Abbildung 1 und 2 gezeigt aus. Babys legen Sie auf Ihre Hand bzw. Ihren Oberschenkel. Ein Kleinkind halten Sie wie in Abbildung 2. Alternativ können Sie Ihr Kind auch an den Fußknöcheln mit dem Kopf nach unten halten. Klopfen Sie nun mit der flachen Hand in rascher Folge bis zu fünfmal kräftig zwischen die Schulterblätter.

3.

Tritt keine Besserung ein bzw. wurde der Fremdkörper nicht ausgehustet, sofort Notarzt rufen!

4.

Wiederholen Sie die unter 2. beschriebene Erste Hilfe bei Kindern mehrmals, bis der Notarzt eintrifft.

5.

Droht Ihr Säugling zu ersticken, können Sie Folgendes tun: Setzen Sie sich auf einen Stuhl und legen Sie das Baby mit dem Rücken auf Ihre Oberschenkel (Kopf zum Knie). Unterstützen Sie den Kopf Ihres Kindes mit einer Hand, halten Sie es gut fest und senken Sie die Knie, sodass der Kopf tiefer als der Körper liegt. Legen Sie nun die freie Hand auf das Brustbein (knapp unterhalb der Verbindungslinie zwischen den beiden Brustwarzen) und drücken Sie bis zu fünfmal in Folge schnell und kräftig nach unten. Gegebenenfalls wiederholen.

6.

Ist Ihr Kind (älter als ein Jahr) einen Fremdkörper verschluckt, umfassen Sie es von hinten mit beiden Armen und halten es mit seinem Rücken vor Ihren Bauch, Oberkörper des Kindes dabei nach unten hängen lassen. Legen Sie Ihre geballte Faust auf den Bauch Ihres Kindes zwischen Nabel und Brustbein. Drücken Sie mit der Faust nun kurz, aber kräftig, eventuell auch mehrmals, in Richtung Zwerchfell (Heimlich-Handgriff ). Wegen der Gefahr innerer Verletzungen nur bei drohendem Ersticken anwenden!

Der Heimlich Griff:

Der Griff wurde viele Jahre vom Roten Kreuz nicht gelehrt. Inzwischen sind so viele Kinder erstickt, dass der Heimlich Griff seit 2007 wieder offiziell in den europäischen Ausbildungsrichtlichtlinien empfohlen wird. Leider gibt es immer noch Erste Hilfe Ausbilder, die behaupten der Griff sei potentiell gefährlich und würde vor allem Schaden zufügen. Genau das Gegenteil ist richtig. Die Verletzungsgefahr ist sehr gering und die Alternative ist immer das Ersticken!!

Knochenbrüche

Beruhigen Sie Ihr Kind, lagern Sie es warm und sicher.

Achten Sie darauf, dass es die betroffene Extremität nicht bewegt und versuchen sie diese ruhig zu stellen (z.B. durch Umpolstern mit Kissen bei Beinbruch oder Dreiecktuch bei Armbruch).

Versuchen Sie nicht, Fehlstellungen auf eigene Faust zu korrigieren oder Gelenke einzurenken. Auch das Schienen mit Stöcken ist nur dem Notfall vorbehalten, wenn über längere Zeit keine ärztliche Hilfe zu erwarten ist.

Bei Nacken- und Wirbelsäulenverletzungen: Diese Verletzungen sind besonders gefährlich (Gefahr der

384

Querschnittslähmung). Das Kind darf auf keinen Fall bewegt, vor allem der Kopf darf nicht angehoben werden! Versuchen Sie das Kind mit Decken und Kissen in seiner Lage zu fixieren. Rufen Sie den Rettungsdienst.

Offene Knochenbrüche: Um eine Infektion zu verhindern, wird die Wunde mit sterilen Kompressen abgedeckt.

Geschlossene Knochenbrüchen: Betroffenen Bereich kühlen.

Rufen Sie den Rettungsdienst: Bei Knochenbrüchen im Bereich der unteren Extremität und des Beckens. Hier kann es zu starken Blutungen nach innen kommen und es besteht die Gefahr eines Schocks. Schockgefahr besteht außerdem bei Verdacht auf Nacken- und Wirbelsäulenverletzungen oder bei Mehrfachbrüchen.

Bei Arm- oder Handbrüchen stellen Sie die Extremität ruhig (Dreiecktuch aus dem Verbandskasten) und bringen Sie das Kind ohne Eile ins Krankenhaus.

Vergiftungen

Zeichen einer Vergiftung:

Plötzliche Verhaltensänderung des Kindes, z.B. Müdigkeit, Erregung, Zittern, Unsicherheit beim Gehen, Speichelfluss

krampfartige Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall

Kopfschmerzen, Schwindel

Bewusstseinstrübung, Apathie, Bewusstlosigkeit

Im schlimmsten Fall drohen eine Atemstörung bis hin zum Atemstillstand, Schock und Herz-Kreislauf Versagen.

Was tun?

Sind noch Reste des Eingenommenen im Mund des Kindes? Versuchen Sie, diese mit einem Finger aus dem Mund zu wischen.

Wenn der Giftstoff bekannt ist und das Kind keine Vergiftungserscheinungen zeigt: Giftnotruf: siehe Liste Ansonsten: Rufen Sie ärztliche Hilfe über den Notruf oder suchen Sie sofort eine Ambulanz auf. Bewahren Sie alle (vermuteten) Reste des Eingenommenen oder Erbrochenes auf und nehmen Sie alles mit zum Arzt.

Geben Sie dem Kind nichts zu essen oder zu trinken. Vor allem Milch ist gefährlich. Denn entgegen der landläufigen Meinung ist sie im Vergiftungsfall nicht nützlich, sondern bewirkt, dass das Gift schneller ins Blut aufgenommen wird.

Kind nicht gezielt erbrechen lassen.

Beobachten Sie Atmung und Kreislauf.

Achtung bei Aufnahme von stark ätzenden Stoffen! Sie sind vor allem in Spülmaschinen-, Toiletten- und Haushaltsreinigern enthalten.

Hier gilt:

Lassen Sie das Kind viel trinken, um die giftige Substanz zu verdünnen (Wasser, Tee, jedoch keine kohlensäurehaltigen Getränke, keine Milch). Das Kind darf auf keinen Fall erbrechen (Verätzungsgefahr von Speiseröhre und Mund!).

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Elektrounfälle

Vorbeugende Maßnahmen

Sind Kinder im Haushalt oder bekommt man oft Kinderbesuch, ist es wichtig, die Wohnung kindersicher zu machen.

Versehen Sie alle Steckdosen mit Kindersicherungen. Dies betrifft auch dauerhaft angeschlossene Geräte wie Fernseher, Herd, Kühlschrank oder Lampen.

Unfälle mit einem Föhn sind häufig: Er sollte deshalb nicht in der Steckdose stecken und am besten nicht frei zugänglich aufbewahrt werden.

Überprüfen Sie regelmäßig ihre Elektroleitungen und Ihre Geräte auf Schäden.

Übrigens: Im Freien geht die größte Gefahr von Hochspannungsleitungen aus. Deshalb sollte man Drachen nur in gebührendem Abstand zu diesen Leitungen steigen lassen.

Was passiert beim Elektrounfall?

Ein starker Stromschlag wird meist durch einen menschlichen Körper ausgelöst, der in einen Stromkreis gerät. Das Ausmaß der Schädigung ist davon abhängig, wie stark der Strom ist, wie lange er auf den Körper einwirkt und welchen Verlauf der Stromfluss im Körper nimmt. Besonders gefährlich ist dieser Stromfluss für Herz und Gehirn.

Ist das Herz betroffen, kann es nämlich zu Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzflimmern kommen. In einem solchen Zustand kann das Herz nicht mehr regelmäßig schlagen und das Blut nicht mehr zu den lebenswichtigen Organen transportieren. Im schlimmsten Fall droht ein Herzstillstand.

Weitere Folgen können sein:

epileptische Anfälle,

Orientierungsstörungen,

Erinnerungslücken,

Schwindel,

B

ewusstlosigkeit bis hin zum

Schock

Achtung: Herzrhythmusstörungen können auch noch Stunden nach dem Unfall auftreten. Deshalb muss auch nach einem glimpflich ausgegangenen Stromunfall ein Arzt aufgesucht werden. Das Kind wird eine Zeit zur Überwachung an einen Monitor angeschlossen und bekommt ein EKG geschrieben.

Daneben kann es zu Verbrennungen und schweren Schädigungen des Gewebes kommen. Vor allem unter den Verbrennungen der Haut an den Ein- und Austrittsstellen des Stroms, den so genannten Strommarken, können sich (auf den ersten Blick nicht sichtbare) schwere Gewebeschädigungen befinden.

Erste-Hilfe-Maßnahmen

Wichtigstes Ziel ist es den Stromkreis zu unterbrechen bzw. das Kind von der Stromquelle zu trennen ohne sich selbst zu gefährden. Hat das Kind noch Kontakt zur Stromquelle, können Sie selbst einen Stromschlag bekommen:

Stromkreis unterbrechen: Gerät ausschalten, Stecker ziehen oder Sicherung herausschrauben.

386

Ist dies nicht möglich:

Kind von der Stromquelle trennen: Hierfür einen nicht leitenden Gegenstand benutzen (z.B. einen Holzbesenstil) bzw. ein trockenes Handtuch oder einen anderen nicht leitenden Stoff um einen Körperteil schlingen und es damit wegziehen.

Kind warm halten und beruhigen

Notarzt verständigen

Bewusstseinslage, Atmung und Puls mehrfach kontrollieren

Bei Bewusstlosigkeit mit vorhandener Atmung: Kind in die stabile Seitenlage bringen. Bei Herzstillstand: sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen.

HOMÖOPATHIE BEI NOTFÄLLEN

(nach Ravi Roy)

OPERATIONEN:

Arnica C 200 – C 1000 3-4x nach der Operation

Aconit C 200 bei panischer Angst 1x bei Bedarf

Staphisagria C 30 2-3x nach der Operation

Chamomilla C 30 bei Schmerzen nach der Operation, einige Gaben

Hypericum C 30 bei Nervenverletzungen nach OP, einige Gaben

Nux vomica C 30 - 200 bei Übelkeit und Erbrechen nach der OP

VERLETZUNGEN:

Schock: 1x Aconit C 200

Blutung und jede andere Verletzung: Arnica C 30 - 200, bei schweren Verletzungen 1/2-stündl. eine Gabe

Eiterung einer Wunde: Hepar sulfuris C 200 , 2-3 Gaben

Schnittwunden: Staphisagria C 30 - 200

Bißwunden: Ledum C 200, bei Blaufärbung Lachesis C 200

Fremdkörper: Silicea C 200

Schwäche nach Blutverlust: China C 200, 2-3 Gaben

Schädelbruch: Arnica C 10 000

Stichverletzungen: Ledum C 200

Glassplitterverletzung: Silicea C 30, einige Gaben

Knochenbruch: Symphytum D 4 3x täglich bis zur Heilung

Wirbelsäulenverletzung: Hypericum C 200 , 3x tägl. einige Tage

Schlag auf das Auge: Symphytum C 30 , einige Gaben

Blaues Auge: Ledum C 200 387

Fremdkörper im Auge: Aconit C 30

Genitalverletzung, wie nach Vergewaltigung: Staphisagria C 200 mehrmals

Hodenverletzung: Argenzum metallicum C 200 , mehrmals

Muskelkater: Arnica C 200

Muskelzerrung, Muskelriß: Arnica C 200, anschließend Calendula C 200

Sehnenriß: Rhus tox C200 , mehrmals

Sehnenscheidenentzündung: Rhus tox C 200, 3x täglich

Tennisarm: Bryonia C 30, mehrmals oder Anarcadium C 30

Knochenhautverletzung: Ruta C 30, mehrmals

Verbrennungen mit Blasenbildung: Cantharis C 200

Eiterung nach Verbrennung: Causticum C 200

Blitzschlag, elektrischer Schlag: Nux vomica C 200 alle 15 Min.

Erfrierungen: Carbo veg. C 200, oder Arsenicum album C 200

Anaphylaktischer Schock: Apis C 200, bei Blaufärbung Lachesis C 200

Bienenstich: Apis C 30 - 200

Sonnenbrand: Belladonna C 200, bei Blasen Cantharis C 200

Sonnenstich: Belladonna C 200, Gelsemium C 200, bei Übelkeit Veratrum viride C 200

Insektenstiche: Ledum C 200

Zeckenbiß: Ledum C 200

 

 

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