Preußische Gruppe

 

Aufrichtig/gradlinig/bescheiden und zurückhaltend ("Mehr sein als scheinen!")

Fleiß und sparsam/Gerechtigkeitssinn/Gottesfurcht bei religiöser Toleranz/Ordnungssinn und zuverlässig

Mutig und tapfer ohne Wehleidigkeit bis zur Selbstverleugnung/Pflichtbewusstsein und Unterordnung (mit Freimut) redlich und unbestechlich/Treue

 

[Barbara Nowecki]

Der König der Preußen hatte wenige Herrenallüren (Lyc.), sondern fühlte sich als Amtmann Gottes auf Erden. Er baute einen Staat und eine militärische Ordnung auf, die

präzise und perfekt war, und mit der er Preußen zu einem mächtigen Land machte. In Preußen konnte jeder etwas werden, es herrschte das Leistungsprinzip. „Wir Preußen

fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt“. Auf dem Grabstein steht: „Er hat seine Pflicht getan. Er diente treu seinen Untertanen, freilich im Bewusstsein der besseren

Einsicht, was diesen frommt, und wenn es sein musste, mit dem Rohrstock.“ Der König führte eine neue Militärordnung und Schlachttaktik ein, die wesentlich zum

militärischen Erfolg Preußens beitrug.

Um Arsen zu erleben, gibt es eine gute Übung: Strammstehen. Was kann man beim Strammstehen erleben? Es kostet Anstrengung, man ist angespannt. Aber es beruhigt auch,

man kann Verantwortung abgeben an den Befehlenden, man gibt einen Teil des eigenen Ichs ab. Stramm ist beim Militär nicht nur das Stehen, auch das Gehen und Sprechen:

„Jawohl, Herr Hauptmann“, Hacken zusammenschlagen, Stechschritt. Die Hände an der Hosennaht. Befehle kurz und knapp, zack-zack, ruck-zuck. Ein preußischer Soldat ist

wie ein Zinnsoldat, standhaft. Da war noch Zucht und Ordnung. Man kämpfte und starb in Reih und Glied. Sogar das Sterben musste ordentlich sein. Die preußischen Soldaten wurden durch Arsen auf den Tod vorbereitet und durch den Drill.

Pünktlichkeit, Korrektheit, Sparsamkeit und Pflichterfüllung müssen gewahrt bleiben bis zum letzten Atemzug. Das ist das oberste Gesetz für den Souverän und es ist das oberste Gesetz für seine Untertanen. Arsen verlangt unbedingten Gehorsam, Aufopferung. Friedrich erwartete von seinen Beamten und Offizieren Kadavergehorsam,

Gehorsam bis zum Kadaver. Ars.

[Barbara Nowecki]

Es lebt in einer großen Angst vor der Unordentlichkeit des lebendigen Lebens. Arsen ist nicht Rhythmus des Lebens, sondern pünktlicher Takt. In diesem Zusammenhang zeigt sich das Bild des Mittels und seine Themen, die ich im Folgenden mit einigen Schlagworten kurz anreißen möchte:

• Extreme: Alles oder Nichts, Übertreibung, Perfektion, Pedanterie, Empfindlichkeit, Störbarkeit

• Ordnung: Gesetz, Pflicht, Gehorsam, Vater, Gott, Strenge, Strafe, Ernst, Lachen verboten, Pünktlichkeit, Korrektheit

• Angst: Angst vor allem Möglichen; vor der Krankheit, vor Geldverlust, vor dem Tod

• Unruhe: ständiges Getriebensein, Eile, Hektik, immer in Bewegung, Ehrgeiz „Preußens Gloria“, das Preußische Königreich ist ein gutes Beispiel für arsenische Ordnung. Früher wurde in Preußen Arsen allopathisch als Aufbaumittel verabreicht (vgl. die Arsenik-Esser der Steiermark). Zu Hahnemanns Zeiten wurde in Berlin Arsen vielfach

in großen Dosen angewendet. So ließen sich die Bewohner Preußens mit Arsen gewissermaßen imprägnieren. Geschichtlich gesehen wurden sie dadurch wirklich unsterblich, wie ausgestopfte Wildtiere.

Die Geschichte der Preußen: Es war einmal ein König, der regierte ein kleines, armes Land, das von vielen reichen, starken Feinden umgeben war (Ars. fühlt sich schutzlos,

in einer Welt von Feinden). Als er die Regierung übernahm, verkaufte er alle teuren Kleider und Edelsteine, um die Schulden seines Vaters zu bezahlen (Ars. kann Schulden  nicht ertragen). Es sollte alles seine Ordnung haben. Er war durchdrungen von einer naiven pietistischen Frömmigkeit. Sein Gott war kein lieber Gott (Puls./Calc.), sondern

der strenge Herrgott Zebaoth, den es zu fürchten gilt. Der mächtige Vater im Himmel, der straft, wenn man ihm den Gehorsam verweigert. Gott ist die höchste Autorität.

Für Ars. ist Gott ein Wesen ohne Fehl und ohne Makel, absolut vollkommen. Ihm versucht er ähnlich zu werden. Sein Bestreben ist es, ihm alles recht zu machen - das göttliche Gesetz gilt absolut. Er tut oder unterlässt Dinge nicht, weil er zutiefst davon überzeugt wäre, sondern weil er solche Angst vor Strafe hat.

Sünde ist gefährlich und jede Sünde ist eine kleine Todsünde. Hier schon zeigt sich Arsen als ein Heilmittel für die Folgen der Erziehung unter einem strengen, ungnädigen Vater. Ein Vater, der nicht mit strenger, aber liebevoller Klarheit, sondern mit Angst arbeitet. Wenn ein liebender Arsenvater sein Kind schlägt, so tut er es eigentlich ungern, aber er tut es aus Pflichtgefühl und wohl dosiert.

Arsen also im Prinzip ein Mittel für das Vaterprinzip, für das Staatsprinzip, für das Gehorsamsprinzip, für die Angst vor Strafe. Dies Prinzip ist allerdings nicht an Männer gebunden, sondern gilt auch für arsenische Mütter. Vaterprinzip, das bedeutet hier die unbedingte Unterordnung unter eine Organisation, eine Hierarchie, eine Autorität.

Das kann der Vater in der Familie sein, das kann die Firma sein, die Schulmedizin, die katholische Kirche oder auch die Bundeswehr. Ein arsenkranker Vater drillt sein Kind, er fördert es nicht. Er steckt es in den dunklen Keller, wo es die arsenische Angst des Alleinseins erleben kann.

Die Angst vor Strafe wird zur Angst vor dem Über-Ich, vor dem väterlichen Gewissen. Was der Vater früher sagte, ist so verinnerlicht, dass es als Teil des Selbst empfunden wird. Eine Möglichkeit sich autoritär durchzusetzen, ist es, dem anderen Schuldgefühle zu machen. Arsen wird zu gewissenhaft, das Spielerische fällt weg. Gewissen aus Angst vor Strafe, aus Schuldgefühl. Erlöstes Gewissen ist Gewissen aus Überzeugung, aus durchlebter und durchdachter Moral. So war nicht Jesus arsenisch dogmatisch, sondern die Kirche, die sich aus dem ursprünglichen Glauben entwickelte. Sie schuf strenge Gesetze, wie es sich mit dem Göttlichen zu verhalten habe und erklärte den Papst, den heiligen Vater, für unfehlbar.

Der König der Preußen.

Gehorsam bei Arsen kann reichen vom freiwilligen Gehorsam (dem Gelübde des Mönchs) bis zum gehorchen müssen, zum blinden Gehorsam, zum Kadavergehorsam,

zur Dressur. Aus Rumänien wissen wir heute, dass die Geheimpolizisten der Securitate (Sicherheit) teilweise frühere Waisenkinder waren, die in noch kindlichem Alter

in speziellen Lagern so gedrillt wurden, dass ihnen Gefühle, Menschlichkeit und Moral völlig ausgetrieben wurden. Nur so ist die Verbissenheit zu verstehen, mit der sie

ihre Ordnung, die Ordnung ihres Diktators, bis zuletzt und bis aufs Messer versuchten, aufrechtzuerhalten. Ähnliches weiß man von SS-Leuten und anderen Todesschwadronen. Perfekt war auch die KZ-Organisation. Massenvernichtung, Tötungsmaschinerie. Über die Leichen wurde Buch geführt, mit spitzem Bleistift.

Arsenisch ist der Sekretär des alten Bankiers Altenari in „Allein gegen die Mafia“. Immer hochgeschlossen und absolut korrekt gekleidet (selbst bei größter Hitze), nie ein Lachen, gehorsam und unterwürfig bis zum Mord - weil ihm der alte Mann einmal aus dem „Dreck“ (Sulfur) geholfen hat. Geschniegelt und gebügelt, vom Scheitel bis zur Sohle. Kadavergehorsam geht über Leichen.

Ein weiteres geschichtliches Beispiel: Leonidas, König der strengen Spartaner, hielt mit einem kleinen Heer einen für Griechenland wichtigen Pass, die Thermopylen, im

Krieg gegen die Perser. Durch Verrat oder Nachlässigkeit eines griechischen Bundesgenossen gelingt es nun Xerxes, den Griechen in den Rücken zu fallen. Daraufhin entlässt Leonidas die anderen Griechenstämme aus der Pflicht, um sich fast allein mit seinen Spartanern der Übermacht entgegenzuwerfen. Xerxes bietet ihm gnädige Kapitulation an. Doch Leonidas und seine Männer ziehen den Opfertod vor, getreu den Befehlen der Heimat. Auf eine Tafel am Ort des Todes lässt er schreiben: „Wanderer, kommst du nach Sparta, so berichte, du habest uns hier liegen sehen, wie das Gesetz es befahl.“

Auch der preußische Widerstand gegen Hitler unter Stauffenberg hatte einen arsenischen Charakter. Indem Bewusstsein, einen wichtigen Dienst für die Welt zu tun, planten und führten sie dieses mit Akribie durchdachte Attentat durch, scheiterten aber durch einen dummen Zufall und starben in arsenischer Aufrichtigkeit.

Ein sehr stark arsenisch durchsetztes Land ist Japan: der gestrenge Zen, die Rituale im täglichen Umgang miteinander, die Teezeremonien, die wie künstlich oder erstarrt wirkenden japanischen Gärten, der Gehorsam und die Kampfeskunst der Samurai. Harakiri, wenn dieser versagt hat. Man zog ihm ein besonderes Gewand an, las das Haiko (Todesgedicht) im Beisein von Freunden. Nach genauer ritueller Vorschrift stach sich der Samurai dann das Schwert in seine Brust, sitzend, auf den Eintritt des Todes warten. Die Ehre verlangte, dass er sitzen blieb, bis zum letzten Atemzug. Diese Ehre war nur dem Samurai vorbehalten! Wenn ein Samurai einen Fehler gemacht hat, durfte er um Harakiri ansuchen. Sollte das abgelehnt worden sein, war das eine große Ehrverletzung. So etwas gibt es wohl nur bei Arsen !Arsen hat geradezu ein Bedürfnis, sich einem Herrn und Meister anzuschließen, der sagt, was zu tun ist.

Auch im Jesuitenorden ist das Prinzip von Arsen zu finden. Die strengen Regeln des militärisch organisierten Ordens verlangen von den Brüdern, dass sie gehorchen, als ob

sie ein Leichnam wäre (qua si cadaver essent). Typisch arsenisch ist beim Zen und bei den Jesuiten übrigens die Farbe der Kleidung: Schwarz und Weiß, die Farben des Alles oder Nichts.

Kann die Selbstaufopferung für ein Ideal, für einen Führer oder Herrn, der Gehorsam, die Disziplin, das Streben nach Perfektion, die Genauigkeit des Rituals als nur krank bezeichnet werden? (Für junge Sulfuriker ist das schwer zu verstehen) Es liegt jedoch in diesen Charakterzügen, die in arsenischer Übertreibung zu Pervertierung und Krankheit führen können, auch die Erlösung von Arsen.

Es gibt verschiedene Zustände zwischen Krankheit und Erlösung bei Arsen, wie bei jedem anderen Mittel. Entartetes Arsen: Spießrutenlaufen, eine preußische Erfindung.

Weil die Haare nicht korrekt liegen. Erlöst: die liebevolle Mahnung mit dem Kiusaku-Stock in der Zen-Meditation.

Über die Jesuiten kam der Keim des Zen nach Europa. Was brachte der Zen, was macht ihn ganz stark aus? Die Übung, das Exerzitium. Im Zen finden wir Arsen in einer sehr erlösten Form: es gilt zwar Strenge, aber sie ist in sich voller Milde und sie strebt Gelassenheit und die Überwindung der Form an.

Das wichtigste Exerzitium ist stundenlange, härteste und ausdauerndste Meditation. Das Ziel ist die Überwindung des Ego und das Erreichen des Nirwana, der unbegreifliche Zustand außerhalb des Kreises von Wiedergeburt, in dem das Nichts ist.

Bei einer großen Meditation mit dem Meister sitzt der Schüler stundenlang, tagelang, jahrelang und versucht, gedankenleer sein Koan, das aufgetragene Rätsel, zu lösen. Wird er während der anstrengenden Meditation müde und verliert seine Haltung, so bekommt er einen liebevollen, aber brennend harten Schlag mit dem Stock auf die Schulter und ist danach wieder ganz aufmerksam.

Ein anderes bekanntes Exerzitium ist das Bogenschießen. Dabei geht es nicht um den Inhalt der Übung (man kann mit Zen auch Motorräder reparieren), sondern um die Form. Formen sollen völlig beherrscht werden, um sie dadurch zu befreien. In der Übung soll das Kleinste bewusst wahrgenommen werden. Das Ziel ist vollkommene Klarheit, Erleuchtung. Jeden Tag einmal sterben besiegt den Tod.

Wenn das Ego gestorben ist, ist die Angst vor dem Tod besiegt. Dann lacht der Buddha. Auch im Zen gibt es den Herrn, den Meister, der Gehorsam verlangt. Doch geht

es ihm nicht um das Ausüben von Macht oder Unterdrückung, sondern er ist Diener seiner Schüler. Spruch eines arsenisch erlösten Meisters: „Findest du einen Lehrer, der besser ist als ich, so verlasse mich sofort!“

Arsenkrank sein heißt, die Ordnung über alles stellen, sie sich verselbstständigen zu lassen. Das kleine Ich regiert, deutsche Ordnung über alles, aber das Lachen ist verstummt.   Alles ist toternst, totenstill, totsicher, totmüde, totlangweilig. Menschen, die Worte mit „Tod“ ständig im Munde führen, sind arsenverdächtig.

Große Angst hat Arsen, dass die Ordnung des Lebens verloren geht, wenn er sterben muss. Lachen stört die Ordnung. Lachen ist nicht erlaubt. Nirgendwo bekamen wir

als Kinder solche Lachanfälle wie in der Kirche, wo es verboten ist (Symptom: Bauchschmerzen durch Lachen). Spiel und Spaß sind schlecht. Überall lauert der Teufel,

überall lauert der Tod. So ist es die vermeintliche Aufgabe des greisen Jorge in Ecos „Der Name der Rose“, die Christenheit vor dem Lachen zu schützen. Gott lacht nicht

und Jesus hat auch nicht gelacht, da ist er sich sicher. Im Lachen steckt der Antichrist, der Verführer. So versteckt er das Buch mit dem Gesetz des Aristoteles, welches das Lachen geradezu gebietet. Er vergiftet trickreich, mit dem verbotenen Buch selbst, die Menschen, die darin die Lust, die Erlaubnis zum Lachen suchen. Einer, der nicht vergiftet wird, begeht Selbstmord, stürzt sich arsenisch aus dem Fenster, wegen des schlechten Gewissens. Die Inquisition kommt, die Befragung wird peinlich. Selbst der aufgeklärte, erlöste Arseniker William kann als Sherlock Holmes des Klosters mit seiner Akribie und Umsicht den Verfall nicht mehr aufhalten. Am Ende kommt das große Brennen.

 

 

Apis. hat ähnliche symbolische Eigenschaften

Azurit. = Berliner Blau/= Preußisch blau

Centaurea. cyanatum = Kornblume = Preußische Blume

Hydr-ac. = Blausäure/= Prussic acid/= Hydrogen cyanide in water /= Zyklon B/= HCN/= Gas/= chemische Kampfstoff

Kali-ferrocyanatum. = Preußischblau Farbstoff/= (Fe7N18C18) (wurde erfunden mit Ol-j.)

Wappentier Preußens: schwarzer Adler./Wappenspruch „Suum cuique“ = Jedem das Seine

 

Allerlei: Gedanken zur deutsch-niederländischen Nachbarschaft (1999) „Bis auf wenige Unterbrechungen sind die Niederlande vier Jahrhunderte selbständig gewesen; fast

zwei Jahrhunderte war das Land eine Großmacht und ein Vorbild für andere. Die gegenwärtig als typisch deutsch geltenden Tugenden (Fleiß, Disziplin, Sparsamkeit) sind

niederländischen Ursprungs (der erste preußische König holte sie aus den Niederlanden nach Preußen): Worin ein kleines Land groß sein kann.“

 

 

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